Presseschredder 31.10.2016

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Erst einmal an all diejenigen, die mit einem Saisonkennzeichen an ihrer Karre rumfahren: Schade eigentlich! Schön blöd! Hier scheint gerade eine zaghafte Sonne und es ist warm. Morgen auch und übermorgen erst recht! Der Klimawandel rechtfertigt den schönsten Optimismus.

Pessimistisch dagegen gibt sich Never mind the Markets, gern gelesener Wirtschaftsblog des Tagesanzeigers: »Warum sind die Konsumenten so pessimistisch?«
Es schwingt auf wie nichts gutes – das Wachstum™ ist breit abgestützt und trotzdem kaufen die Idioten einfach nicht genug.
»Gleichzeitig aber bleibt die Konsumentenstimmung negativ. Seit bald zwei Jahren ist sie deutlich im Minus. Offenbar glauben die Leute nicht, daß der Aufschwung nachhaltig ist, wie die blaue Linie auf der Grafik zeigt.«

linie

Statt dessen blickt der Mann auf dem Titelbild des Artikels weder auf die blaue Linie noch auf das von einigen sicherlich als sexistische Werbung empfundene Plakat an der Mauer. Was kommt eigentlich nach dem angedachten gesetzlichen Verbot für Add-Blocker? Wird man dann durch Schleusen aus Polizeigittern an den Werbewänden dieser Welt vorbeigeführt? Mit Sehzwang? Oder bekommt man am Monatsende einen Brief, in dem steht, Kühl- und Kleiderschrank hätten im Internet der Dinge gemeldet, man hätte noch unverbrauchtes Geld?
Wenn der Konsument pessimistisch ist, sollte man ihn an die Hand nehmen. Das Leben doch eigentlich so schön! »Sehen Sie sich doch mal diesen Chemschirm™ an! Oder diesen veganen Nerzmantel! Sind die nicht herzallerliebst?«
Optimismusglobuli.

Gelegentlich ist es gut, wenn man sich im Netz umsieht, bevor man die Feder schwingt. Vielleicht hat schon jemand dort zugeschlagen wo man gerade seine Duftmarke setzen wollte.
Hans Hoff hat! Was passiert eigentlich nach dem Absturz von Donald Trump? Schlechte Zeiten für Journalisten, die ihr Brot durch die letzten Monate dadurch verdient haben, in dem sie Twitter nach Zitaten des Kandidaten durchforsteten? Trump als gern gesehener Gast in der Vormittags-Talkshow, der sympathische Werbeträger für ein Insolvenzberatungs-Büro? Trump-Speiseeis: Das Kilo für 5,99€.
Sehen wir, wie es ist: Der Kandidat und seine journalistischen Betreuer sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.
»Schon werden intensiv betreute Krabbelgruppen für Trump-Spezialisten angeboten. In denen treffen sie sich dann mit Humoristen, denen am 8. November das Gaglager abgebrannt ist, die plötzlich kaum noch jemanden haben, über den sie sich lustig machen können.«

Das Gegenteil kann natürlich auch passieren: Man sieht sich um und findet nichts. Zum Beispiel über den beispiellosen Vormarsch gemäßigter Rebellen zusammen mit ihren unmäßigen Alliierten auf Mossul, das Herz des IS. Entweder sind die eingebetteten Journalisten gerade alle im Urlaub oder…? Aber das kann ja eigentlich gar nicht sein – daran wollen wir besser nicht denken!
Issio Ehrich stellt bei n-tv.de bereits die Frage, ob der Iran nicht vielleicht gefährlicher ist als der IS. Man wird ja noch fragen dürfen: Nur für den unwahrscheinlichen Fall, daß der IS eines Tages doch besiegt wäre, will man nicht ganz ohne Terror™ dastehen. Massenvernichtungswaffen, sewissescho!

Auch keine Neuigkeiten aus der Türkei: Die Diktatur geht ihren Gang. Bundesdeutsche Pressemeldungen sind mittlerweile von solch entwaffnender Naivität und Dummheit geprägt, daß man davon wirklich nichts mehr verlinken darf. »Moderne Diktatur«, »…entfernt sich von Europa«, »eingeschränkte Pressefreiheit«. Man sollte es nicht für möglich halten.

»Istanbul police raided the house of Can Dündar, the former editor-in-chief of daily Cumhuriyet, on Oct. 30.
The raid came as 13 arrest warrants were issued for Cumhuriyet journalists and executives on charges that the suspects were “committing crimes on behalf of the Fethullahist Terror Organization (FETÖ) and the outlawed Kurdistan Workers’ Party (PKK) even if the newspaper was not a member in them.” 

A similar notice was previously issued for Dündar in a case related to the alleged transfer of weapons by Turkey’s intelligence services to rebels in Syria.«

Letzte Meldungen der hurriyetdailynews.com. Eine der letzten Tapferen, verlassen von der zivilisierten Welt und ohne Zukunft. Eingeschränkte Pressefreiheit.
Eine ganz altmodische Diktatur.

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11 Antworten zu Presseschredder 31.10.2016

  1. Fluchtwagenfahrer schreibt:

    Moin Pantoufle,
    „Was kommt eigentlich nach dem angedachten gesetzlichen Verbot für Add-Blocker? Wird man dann durch Schleusen aus Polizeigittern an den Werbewänden dieser Welt vorbeigeführt? Mit Sehzwang? “
    Es kommt ganz genau so!! Entliehen aus clockwork orange

    p.s. alternativ, steht natürlich auch noch das Waterboarding im Raume.
    LG
    Ganzjahreskennzeichenfahrer

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  2. ruthtonline schreibt:

    Tiefer Seufzer!!! Aber eins muss ich doch fragen: woher die Gewissheit, dass Trump abstuerzen wird? Oder besser: …in der nahen Zukunft abstuerzen wird? Ich habe das mulmige Gefuehl, dass er erst noch ganz hoch steigen wird, was dann seinen Absturz fuer die Presse umso profitabler machen wird.
    Gruesse aus Tel Aviv,
    Ruth

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  3. pantoufle schreibt:

    Moin Ruth

    Tja, wenn er dann doch gewählt wird, werden wenigstens besagte Journalisten erleichtert aufatmen.

    Eine Gewißheit gibt es natürlich nicht. Der gesamte Wahlkampf leidet ja hauptsächlich darunter, daß es nur die Wahl zwischen Pest und Cholera gibt – selten wurde das bei einer Wahl deutlicher als hier. Gründe, Frau Clinton nicht zu wählen finden sich mindestens genau so viele wie gegen Trump.

    Bei den ganzen öffentlich diskutierten Gründen und Befähigungen über die beiden Kandidaten kommt meiner Einschätzung nach eine Frage viel zu kurz: In wie weit will man diese Soap-Opera überhaupt noch als demokratische Wahl betrachten? Wo hört persönliche Darstellung auf und wo beginnt Massensuggestion? Die Verhinderung einer vorherrschenden Meinungsmacht sollte eines der Ziele demokratischer Gesellschaften sein, auch Pluralismus genannt. Missbraucht (oder überstrapaziert) man die dafür gebräuchlichen Instrumente zur Manipulation, ist dieser Pluralismus nicht mehr gewährleistet.
    Mit genügend Zynismus könnte man nun behaupten, die Wahl Trumps wäre nötig, um die praktischen Grenzen dieser Manipulation aufzuzeigen.
    Es gibt aber Anzeichen dafür, daß man das auch in den USA begriffen hat. Nicht die dahinterstehenden ethischen Dimension – die spielen dabei keine Rolle. Sehr wohl aber die Tatsache, daß die Wahl eines Schwachsinnigen in das höchste Amt einer Weltmacht den eigenen Interessen widerspricht. Die vielen Konservativen, die mittlerweile von Trump Abstand genommen haben, könnten ein Zeichen dafür sein. Auch darf man ein gewisses Entsetzen unterstellen, als ihnen klar wurde, daß Trump auch dann nicht mehr austauschbar war als seine völlige Unfähigkeit offensichtlich wurde. Gefangene im eigenen System.
    Wenn ich Hoffnung auf einen Sieg Hillary Clintons habe, stützt er sich auf diese pragmatische Sicht.

    Grüße aus einem kleinen Nest in Niedersachsen 🙂

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    • ruthtonline schreibt:

      Ja, kollektive Verblödung statt Pluralismus. Ich hätte erwartet, dass irgendwo in den Staaten jemand nach einem Boykott dieser Wahlen schreien würde. Das waere zum Beispiel eine Aufgabe fuer die Medien gewesen. Aber die Verblödung ist schon zu weit fortgeschritten. Merkt dort drüben wirklich keiner, dass dieser Wahlkampf eher einer WWE Wrestling Veranstaltung ähnelt?
      Aber Du hast schon Recht, was hilft es, wenn sie es merken? Sie sind ‚Gefangene im eigenen System‘. Ein System, das auf dem Weg ist sich selbst zu zersören, da es seinen eigenen Schwächen zum Opfer fällt.

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  4. R@iner schreibt:

    Seit heute twittert Ismail Küpeli wieder über die Türkei.

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  5. pantoufle schreibt:

    Mein persönlicher Tweed des Tages: Deniz Yücel!

    Link

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