Apfelopa

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»…der in tiefem Glauben Gottes Natur so sehr geliebt hat.«
Das hätte ihm nicht gefallen. Das hätte ihm überhaupt nicht gefallen!
Eigentlich wäre das der Moment gewesen, wo Apfelopa an die Wände seines Sargdeckels klopft, energisch und unüberhörbar. Von wegen Gott und tiefer Glauben! Aber es klopft nicht und das scheint zu bedeuten, daß er nun wirklich tot ist. Die hiesige Pastorsche ist heute auf Montage und statt dessen predigt eine Fremde, die nicht von hier ist. Helles Sonnenlicht fällt aus den beiden Fensterreihen der Kirche auf den Sarg in der Mitte und etwas links davon hibbelt eine nervöse Pröbstin vor der Trauergemeinde. Ob sie so zappelig ist, weil sie eigentlich spüren müßte, daß niemand ihren zusammengestoppelten Lebenslauf von Apfelopa glauben wird? Wie der gelangweilte Aufsatz eines Primaners. »…und sein Haus und die Gartenarbeit…«. Ja, und sein Mercedes – nicht so ein Kernschrott von VW!

»Dörfliches Urgestein« hat sie sich sagen lassen. Auf diese Formulierung muß man erst einmal kommen! Letzter strammer Vertreter der Stahlhelmfraktion. Das könnte man, wenn man unbedingt will, auch als Urgestein bezeichnen.
Aber davon wollen die trauernden Angehörigen, die jetzt in der ersten Reihe sitzen dürfen, nichts wissen. Oder aber sie wissen es tatsächlich nicht. Keiner kennt die da, die sich jetzt dort verteilt haben, ein Teil auf der linken, die anderen auf der rechten Seite und viel Platz dazwischen. Trost aneinander in Trauer sucht man auf getrennten Bänken. Wer wohl sein Haus erbt? Das Dorf hat einen Fußballplatz mit Sportheim. Da können sie sich unter dem Johlen der Junggesellenvereinigung (gegründet 1964) gerne darum prügeln. Hoffentlich gewinnt das blonde Töchterchen; sie ist wenigstens von hier.

Die Fahne irgend einer Landsmanschaft steht zusammengerollt in einer Ecke, die verblichenen weiß-blauen Schärpen eines Häufleins Landsmänner und Frauen werden aber erst wieder vor der Kirche angelegt. Sieh an! Auch davon hat Apfelopa nie Aufhebens gemacht. Streng genommen war er ja auch nicht von hier, sondern ist im Zuge des letzten Kaiser-Napoleon-Gedächtnisrennens im Dorf gestrandet. Zwanzig Jahre alt wird er damals gewesen sein, Flakhelfer, Soldat im Osten, SS oder im Panzer – was wissen wir schon? Und die Pröbstin wird auch dieses Kapitel überspringen.
Obwohl sich da bestimmt der eine oder andere Schlüssel verbirgt, der Türen zu Apfelopas Seele öffnen könnte. Das ist so bedauerlich wie diese ganze Veranstaltung. Ein interessiertes Publikum wäre jedenfalls da, die Feier ist erstaunlich gut besucht.

Apfelopa bedarf natürlich einer Erklärung, die des Gartenzaunes, die einen Nachbarn nicht trennt, sondern einfügt. Man kann sich auf ihn lehnen, den Fuß dagegenstellen oder etwas von der anderen Seite holen. Einen Ball, der im Spiel darüberflog oder ein Tuch. Von beiden Seiten aus. Das wird gerne übersehen. Ob wir über Politik gesprochen haben? Aber sicher! Alles ist Politik. Dazwischen tobten die Kinder um uns herum, die eigenen und die anderen. Damit die aufhörten zu quengeln, gab’s früher oder später einen Apfel. Ungespritzt aus eigenem Garten, biologisch (wie könnte ein Apfel etwas anderes sein?) Apfelopa.
Rüdiger hieß er. Ach… ja stimmt, nur daß man sich eigentlich nie mit dem Vornamen ansprach. Doch, mein Weib tat es; zwischen uns war es »Moin!« und Handschlag.

Mein Weib war es auch, die mich bezüglich der zu erwartenden Musik beruhigt hatte. Der Organist für diese Veranstaltung wäre angeblich ein junger Könner, einer, der das schon einmal gemacht hätte, ein Talent besonderer Güte. Hinter mir auf der Empore aber bemüht sich etwas ältliches an den schwarzen und weißen Tasten um ein gutgemeintes Timing. Gelegentlich erwischen die gichtigen Finger einen der falschen Hebel oder fangen von selbst an zu spielen, wo gar keine Musike bestellt war. Die Pröbstin auf ihrem Stehpult möchte dann doch noch etwas sagen. Gewedel mit der Hand; der an der Orgel sieht aber nicht in den Rückspiegel, weil er versucht, die richtigen Tasten zu treffen. »Würden Sie bitte mal…?« als stumme, hektische Geste in meine Richtung. Sehe ich aus wie der Zeremonienmeister? Und wenn dieser Heimwerker jetzt weiterorgelt, kann sie nicht reden. Pest oder Cholera. Cholera hat in diesem Moment mehr Charme.

Nein, sie redet dann doch noch weiter. »Jetzt, wo er zurück zu seinem Schöpfer…« Der sollte sich aber warm anziehen, dieser Schöpfer! Wenn Apfelopa nicht wollte, dann wollte er nicht. Sonst hatte er für alles Verständnis. Für mich, vor allem für die Kinder und ganz besonders für mein Weib. Irgendwann begann das sanfte insistieren von Verwandten und anderen gutmeinenden: »Willst Du nicht lieber ins Heim, dann brauchst Du nicht mehr…«.
»Ich geh nicht zu den Doofen! Ich hab hier alles was ich brauche! Und Basta!«
Ob er mit Absicht stürzte, Oberschenkelhals, um nicht zu den Doofen zu müssen? Zuzutrauen wäre es ihm. Und nun bei seinem Schöpfer. »Sei willkommen in meinem Reich als Gleicher unter Gleichen!« »Na, das wollen wir uns ja wohl verbitten!«
Über die Gleichheit der Menschen hatte Apfelopa seine ganz eigene Meinung und die deckte sich mit dem, was da unerträglich salbungsvoll auf die Gemeinde plätschert, in elementaren Punkten nicht.
Menschen waren für ihn nicht gleich. Es gab schwarze, dumme, aufrichtige, verlogene, Politiker, muslimische, eingeborene und fremde Menschen. Und die waren alles andere als gleich! Meist waren sie sowieso Fremde und fielen von daher aus dem Raster möglicher Anerkennung.
Er war der erste, der einem Menschen in Not geholfen hat, mochte der einen Schleier tragen, schwarz wie die Nacht sein oder ihm noch eben mit einem Stein das Fenster eingeworfen haben – war es ein Kind, begann er zu rennen. Klapperig, wie er war. Nein, nicht gleich, aber gleichermaßen wertvoll und würdig der Hilfe.

Daß das junge Talent an der Orgel verhindert ist, kann nicht genug bedauert werden. Wieder ein Ton, der in mein musikalisches Gefühl wie der brennende Fahnenmast einer Landsmannschaft sticht. Schließlich kostet die Show ja auch noch Geld und ein wenig Professionalität könnte man da schon erwarten.
Frau Pröbstin kann es ja: Dieses Umschwenken innerhalb von Sekundenbruchteilen vom geradezu geschäftsmäßigen in einen triefend salbungsvollen Tonfall. Vollkommen unerträglich und hätte man Apfelopa und mich jemals zusammen in der Kirche gesehen, wäre das ein ergiebiges Thema über dem Gartenzaun geworden. Zwei Flaschen Bier und Äpfel für die Gören.

Die Vorhänge vor den Fenstern, so wie er das Haus verlassen hat, bevor sie ihn ins Krankenhaus brachten. Ob er das noch selber getan hat, eine Ahnung oder ein Entschluß? Einen schönen Tag hat er sich für seine Beerdigung ausgesucht. Noch einmal Sonne und ein leichter, warmer Wind. Genau das richtige Wetter für einen ausgiebigen Klönschnack über den Gartenzaun, dort, wo jetzt die Gardinen zugezogen sind. Ich springe über den Zaun und pflücke mir einen Apfel, zurück und eine entschuldigende Geste zur Nachbarin, die das Ganze beobachtet hat. Mit einem nachdenklichem Gesicht und traurig. Doch, ganz kurz hat sie ein wenig gelächelt.

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6 Antworten zu Apfelopa

  1. Stefan R. schreibt:

    Uh, das erinnert irgendwie verdächtig an den Frontalzusammenstoß, den ich letztes Jahr bei einem ähnlich traurigen Anlass mit dem praktizierten Protestantismus hatte…

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Stefan
      Hast Du darüber geschrieben oder war es zu persönlich?
      Das mit der Religion ist ein arges Ding, aber hier kommt man nicht drum herum und manchmal finde ich es sogar ganz nützlich. Es gibt verschiedene Arten von Kleister innerhalb eines sozialen Verbandes und gerade unter den Alten nimmt es verschiedentlich den Raum einer Kneipe ein, ein Treffpunkt, gemeinsame Erinnerung. Das darf man nicht verdammen sondern muß es zur Kenntnis nehmen.
      Für mich als Atheisten ist es ein schwieriges Thema, aber letzten Endes laufen wir alle auf der selben Erde. Und deswegen war ich dort, in dieser Kirche. Zum Abschiednehmen von dem alten Herren, mit dem mich so viel verband und so vieles trennte. Denn das habe ich gelernt: Man muß nicht an einen Gott glauben, um sich in einer Kirche zu treffen zum Nachdenken und Erinnern. Ein Platz der Rituale, die so viel älter sind als wir.

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      • Stefan R. schreibt:

        Hey pantoufle,
        schön formuliert, so ähnlich sehe ich das auch. Und geschrieben habe ich auch darüber. Würde auch gern einen Link posten, nur wird der von deinen Antispam-Skripten immer in den Orkus getreten. Also auf die altmodische Tour: Das Stück heißt ‚Neues vom Protestantismus (2)‚ und ist bei mir im Mai 2015 zu finden.

        [oder so! Der Säzzer]

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  2. pantoufle schreibt:

    Moin Stefan

    Gelesen – das scheinen wir in der Tat recht ähnlich zu sehen. Im Grunde ist diesem Thema auch nichts mehr hinzuzufügen, was nicht schon oft genug gesagt wurde. Trotzdem wollte ich etwas darüber schreiben; man schreibt sich ja auch seinen Widerwillen von der Seele. Eine einzige Frage lag während der Show sowieso in der Luft: »Sehr geehrte Frau Pröbstin – glauben Sie persönlich eigentlich an Gott?«
    Ich habe die Frage nicht gestellt. Die Manieren siegten über die Neugier, was (nicht nur) in diesem Fall wirklich bedauerlich war.
    So ist das eben!

    Was die Linkerei betrifft, so haben wir es wohl wieder mit der Erzfeindschaft zwischen Blogspot und WordPress zu tun. Hier sind jedenfalls keine expliziten Scripte gegen HTML-eingebundene Links oder C&P am arbeiten. Umgekehrt kann ich auf einigen Seiten von Blogspot auch nur dann kommentieren, wenn ich nicht bei WordPress angemeldet bin. Was dort genau an- oder abgestellt sein muß, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
    Im übrigen aber kann ich Kommentare editieren und die Links nötigenfalls nachtragen, was hiermit geschehen ist 🙂

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  3. Annika schreibt:

    Ein sehr schöner Text, in jeder Hinsicht.

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  4. lattjamilln schreibt:

    Deine Texte über Begräbnisse summieren sich langsam. Sehr melancholisch. Wenn Du die Musik beschreibst, spüre ich den Schmerz, der da beschrieben steht.

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