Team Gina-Lisa

Der Blogger-Kollege Hartmut Finkeldey schreibt über sein Unbehagen gegenüber dem #TeamGinaLisa, daß ich teile.

»Was mich am Fall Gina-Lisa verstört hat war die Reaktion der Unterstützer. Nach allen Standards rationalen Denkens, nach allen Standards von Kriminologie und Kriminalistik ist Gina-Lisa Lohfink nicht vergewaltigt worden, und das war für jeden, der den Fall kurz recherchierte, auch sonnenklar. Ein guter Anwalt mit Verantwortungsgefühl hätte das übrigens schon nach 5 Minuten überblickt und seine Mandantin entsprechend beraten. Es ist schon bedenklich, mit welcher Konsequenz die „Unterstützer“ dort Realitätsverweigerung betrieben haben.«

Hartmut Finkeldey

An der Schrottpresse ist das Thema bisher vorbeigegangen; etwas zuviel Boulevard, die üblichen politischen Schnellschüsse und Beifall von der falschen Seite. Es ist immer fragwürdig, wenn die Schlagzeilen der Yellow-Press direkt als Gesetzesvorlagen übernommen werden sollen.
Bei Annika habe ich dann doch neulich die Kommentarzeilen mit meiner Meinung verstopft – man sollte das nicht zur schlechten Gewohnheit werden lassen. Deswegen also an dieser Stelle ein paar Gedanken zum Thema.

Frau Lohfinks Prozess und ihre Unterstützer erinnern an etwas anderes. Im Herbst 2014 wurde die 62-jährige Hebamme Anna Rockel-Loenhoff wegen Totschlags zu sechs Jahren und neun Monaten Haft sowie einem lebenslangen Berufsverbot verurteilt. Anfang Juni 2016 wies der Bundesgerichtshof einen Revisionsantrag ab und die Strafe wurde rechtsgültig.

Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassung bei einer Hausgeburt, die sich durch eine Beckenlage des Kindes über 17 Stunden hinzog und mit dem Tod des Kindes endete. Die freiberufliche Geburtshelferin war eine fachbekannte und erfahrene Person, die sich nachdrücklich der außerklinische Geburtshilfe verschrieben hat. Staatsanwältin Susanne Ruland: Rockel-Loenhoff habe ihre »Ideologie pro Hausgeburt ohne Rücksicht auf Verluste umgesetzt«, die geforderte Strafe acht Jahre und drei Monate.
Das Urteil des Gerichtes war problematisch: Noch nie in der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik wurde eine Hebamme nach diesem Paragraphen (§§ 212, 13, 70 Abs. 1 StGB) verurteilt.

Mindestens ebenso problematisch ist das Urteil natürlich für Befürworter von Hausgeburten allgemein und Hebammen im besonderen. Krankenkassen tendierten in letzter Zeit dazu, Hausgeburten nicht mehr zu bezahlen und viele privat tätige Geburtshelferinnen haben wegen der enorm gestiegenen Haftpflichtbeträge ihren Beruf aufgegeben müssen. Daß dieser Berufsstand und interessierte Eltern den Prozeß mit Sorge verfolgten, verwundert nicht. Nach Angaben von Spiegel-Online gibt es zur Zeit ca. 21.000 Hebammen, wovon etwa 3300 Freiberufler sind und sich 600 auf Hausgeburten spezialisiert haben.

Der übliche Hashtag ließ nicht lange auf sich warten. Ein Hexenprozess sei das, die Gutachter parteiisch und der Richter befangen. Das Thema an sich ließ wenigstens die Möglichkeit zu, daß dem so wäre. Das war aber auch dem Gericht klar und so war die abschließende Urteilsbegründung äußerst penibel und umfangreich (282 Seiten, hier nachzulesen).
Liest man dieses Schriftstück, so bleibt mit Sicherheit nicht der Eindruck von Hexenprozess. Die tragische Geburt und der Tot des Kindes muß eine gruselige, blutige Angelegenheit gewesen sein. Wer sich unter Hausgeburt etwas von Geborgenheit, der Abwesenheit von Sterilität und Apparaten oder ähnlichem vorstellt: Es war ein Hotelzimmer (die Eltern waren aus Lettland nach Unna/NRW angereist) und der viel zu spät gerufene Notarzt fand die Mutter in einer Blutlache auf dem Fußboden vor. Wie gesagt… ein Horrorszenario.
Ohne auch nur im geringsten den Sinn von Hausgeburten infrage stellen zu müssen, hätte jeder, der sich mit den Details des Urteils beschäftigte, zu der Überzeugung kommen müssen, daß dort etwas schief gelaufen war. Daß gelegentlich Kinder bei der Geburt sterben (zu Hause oder in Kliniken), gehört zum Leben; das ist zu 100% nicht zu verhindern. Aber nicht so, nicht so vermeidbar – darüber waren sich die Gutachter einig. Da ist ein Fehler passiert der benannt wurde und es gab eine Verantwortliche.

Dieser Einschätzung schloß sich die Journalistin und Bloggerin Nora Imlau an, schrieb darüber und bekam erwartungsgemäß Gegenwind:

»Guten Tag Frau Imlau,
Ich sehe es hat erneut geklappt. Die Gehirnwäsche seitens des „Rechtstaates“ der im Namen des Volkes urteilt. Ich bin Mutter, Frau und auch Hausgeburtenhebamme und ich war zu 4/5 während der Verhandlung bei Gericht anwesend.
Ich war erschüttert zu erkennen, daß es nicht um das aufklären des tragischen Todes dieses Kindes ging, sondern um die klare (beim ersten Termin schon angesagt!!) Verurteilung der Hebamme wegen Totschlags. Die Begründung würde der Richter schon noch ausfindig machen. Und nachdem Anna KEIN Fehler in ihrer Arbeit nachzuweisen war! Das ist belegt! wurde in ihrer Menschlichkeit gesucht. Ich kenne Anna seit über dreißig Jahren, hab niemals eine andere Kollegin so klar und verantwortungsbewußt arbeiten erlebt wie Anna.
[…]
Ich bin erschüttert und empört über Ihr parteiisches Statement,das sie hier abgeben – unter dem Deckmäntelchen „selber Hausgeburt“ das ja nun auch Frauen lesen, die noch weniger Ahnung haben als Sie. Sie erscheinen mir als wenig verantwortungsbewußt was ihre eigene Hausgeburt anbelangt, sonst hätten sie ganz dem ermessen des Richters so etwas niemals gewagt. […] Eins ist sicher: wir haben das intuitive Wissen, daß Geburt richtig und wichtig ist, das wird uns kein Richter absprechen – egal wieviele von uns er verurteilt. Dies sage ich als Hebamme und vor allem als Frau und Mutter und als kritische Therapeutin, die vor allem mit Frauen arbeitet, die ganz entsetzliche Geburten im Krankenhaus erleben mussten. […]«

Ob die Kommentatorin wohl die Urteilsbegründung zur Gänze gelesen hat? Vielleicht ja, aber diese Brille der Wahrnehmung qualifiziert sie nicht unbedingt als Hebamme. Zu der Einsicht, daß kein Arzt der Welt vor Kunstfehlern gefeit ist, reichte es jedenfalls nicht. Zudem hatte Frau Rockel-Loenhoff nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mindestens zwei weitere Todesfälle, an denen sie beteiligt war, versucht zu vertuschen. Da darf man schon mal nachfragen – ganz ohne den Geruch eines Hexenjägers. Nur als Gedankenanstoß: Gesetzt den Fall, es hätte sich in diesem Fall um den Chefarzt eines Klinikums gehandelt. Wäre das auch Gehirnwäsche seitens eines »Rechtsstaates« und Hexenjagd gewesen?
Es gibt wohl einen grundsätzlichen Interessenunterschied bei einigen Sympathisanten und den Zielscheiben ihrer Sympathie. Bei denen von Frau Gina-Lisa Lohfink ist die Sachlage einigermaßen klar: Es ist eine Solidarität des Geschlechts, nicht einer Fachrichtung. Da mag Gina-Lisa aussehen und sich benehmen wie sie will (was im übrigen vor Gericht ebenfalls keine Rolle spielen sollte). Bei Frau Rockel-Loenhoff liegt der Fall anders, wobei die Geisteshaltung der Sympathisanten sich doch ähnelt.

Bestellt man unter dem Einfluß von KO-Tropfen noch eine Pizza (Lohfink)? Der Fachmann sagt ganz klar nein! Auf Facebook ist man darüber vielleicht unterschiedlicher Meinung. Sei es wie es sei: Facebook hat auf jeden Fall schneller eine Meinung parat. Medienkompetenz ist bis auf weiteres Sache eines jeden einzelnen und kein Prüfungsfach. Es hat abgefärbt: Wer will bei bestimmten Themen überhaupt noch rational diskutieren? Die Lautstärke bestimmt die Wahrnehmung, nicht die unterschiedliche Qualität von Quellen. Das könnte sich ändern, wenn die Gutachten der Spezialisten Platz in einer Twitter-Meldung haben. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, bleibt ja immer noch »die Gehirnwäsche seitens des „Rechtstaates“, der im Namen des Volkes urteilt.«
Es muß in erster Linie schnell gehen, sonst verpasst man die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Da kann man in einem Fall noch so spektakulär danebenliegen – eine weitere Chance bietet sich kommende Woche. Es hängt ja nichts davon ab, man riskiert ja nichts. Es geht um Meinungen, nicht um Überzeugung.

Medienschelte? Ja, auch! Wo treffen sich die Sympathisanten und welcher Ton wird dort gepflegt? Reichsflugscheiben, Watch-Spinner und »ideologisch zuzementierte Hirne« (HF) liegen dort so dicht beieinander, daß sie langsam beginnen, auch auf die Realität abzufärben. Wo beginnt Pegida auf Facebook und wieviel Facebook marschiert am Montag? Oder Hebammen.
Frau Lohfink wird, wie auch Frau Rockel-Loenhoff, instrumentalisiert (ich kann das Wort langsam nicht mehr hören!) Im Falle Gina-Lisas z.B. von Feministinnen, Politikern, Atze Schröder und dem Geflügelverwerter Wiesenhof. Allein die Zusammenstellung sollte einen stutzig machen. Das tut sie nicht?

Egal! Nächste Woche, neues Glück. Dann sitzt die Dame im Dschungelcamp und gewinnt endlich ihren Prozeß vor laufenden Kameras und der Fernsehgemeinde.

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12 Antworten zu Team Gina-Lisa

  1. DasKleineTeilchen schreibt:

    zu Rockel-Loenhoff gibts im blog von psiram eine sehr gute zusammenfassung der urteilsbegründung und den ablauf der ereignisse (nicht im üblichen psiramBlog-stil, sondern äusserst nüchtern und sachlich, ohne „kalt“ zu sein; starke nerven sollte man allerdings haben, mir gings ziemlich an die nieren):

    https://blog.psiram.com/2016/07/der-fall-rockel-loenhoff-eine-hebamme-und-die-toedliche-brauchtumspflege-teil-2-taeterin-und-tat/

    die selbstgerechtigkeit dieser in den letzen jahrzehnten zur ikone erhobenen frau, wird offensichtlich durch ein ego genährt, daß möglicherweise ob der tatsache, eben zur unfehlbaren ikone erhoben worden zu sein, mittlerweile jeglichen abstand verloren hat. vielleicht war sie aber auch schon immer so…

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    • pantoufle schreibt:

      Moin, kleines Teilchen

      Ja, hatte ich gelesen und es ging mir nicht anders. Ich finde die ganze Geschichte entsetzlich – nur ist die hier nicht das Thema. Es ging in erster Linie um den Fan-Club, der sich bei solchen Gelegenheiten scheinbar grundsätzlich bildet.

      [Dann hättest Du dir das ellenlange Geschreibsel auch schenken können. Fasse dich kurz! Der Säzzer]

      Abgesehen davon interessiert mich das Thema über diese Hebamme natürlich auch. Man sollte sich nur davor hüten, es als bedauerliche Ausnahmeerscheinung zu werten. Ich möchte nicht wissen, wieviele Chirurgen, Chefärzte, … Straßenbahnfahrer mit so einem Ego-Kostüm unterwegs sind.

      Es ist meiner Meinung nach ein Fehler, die Diskussion auf die schiefe Ebene »Hausgeburt contra Apparatemedizin« zu schieben; diese eher weltanschauliche Auseinandersetzung führt eben genau zu diesen Fan-Clubs (bei Frau Lohbrink wie bei Frau Rockel-Loenhoff). Bei der einen wird übersehen, daß es nicht um Hausgeburt, sondern um einen einen Kunstfehler ging. Bei der anderen rief man »Nein heißt nein« vor einem Gerichtsgebäude, bei dem es um eine Verleumdungsklage ging.
      Das ist der Moment, wo die Realität ein langes Wochenende macht.

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  2. Publicviewer schreibt:

    Erinnert mich stark an die Schlampe, die mit der Matratze über den Campus lief.
    Das war alle ja auch nur ein Fake, nur da hat der zu unrecht Beschuldigte keinerlei Rehabilitation bekommen.

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  3. derda schreibt:

    Es scheint als habe Frau Lohfink sehr schlechte Berater. Obwohl, der Publicityfaktor der Gerichtsschow hat sie bekannt gemacht. Ich hätte diese Entität vorher nicht gekannt.

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    • pantoufle schreibt:

      »Schlechte Berater« ist immer relativ. Dem britischen Zeitungsmagnaten Alfred Charles William Harmsworth, 1. Viscount Northcliffe wird der Satz zugesprochen, eine gute Nachricht bestehe immer aus „Blut, Vagina, Vaterland“.
      In diesem Sinne…

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    • DasKleineTeilchen schreibt:

      ihr anwalt benecken ist wohl derjenige, der geil auf die publicity ist; es ist auch ziemlich offensichtlich, daß ihm -wenn man seiner „karriere“ bischen hinterherrechechiert- seine mandanten scheissegal sind und nur reines mittel zum zweck für seinen bekanntheitsgrad sind. hat wohl zuviel betterCallSaul gesehen.

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    • pantoufle schreibt:

      Moin kleines Teilchen
      So unsympathisch ich diesen Anwalt finde (was nebenbei vollkommen gleichgültig ist: Was zählt, ist seine Leistung vor Gericht), so gehören zu publicity-geilheit immer mehr als einer. Nimmt man das Management mit dazu, sind es mindestens schon drei.
      Es war Frau Lohfink, die mehr mit der Presse als dem Richter sprach und es war das Management, daß sie unter dem Künstlernamen Barbie auf Mallorca als Sängerin ausstellte – nutze die Schlagzeilen!

      Ich vermute, keiner von uns kann sich vorstellen, wie diese Leute in ihrer Parallelwelt tatsächlich ticken. Dazu gehört eben auch die Wahl eines Anwaltes, der nicht unbedingt für Diskretion berühmt ist (irgend jemand muß ihn ja beauftragt haben). Der Anwalt als Teil eines Vermarktungskonzeptes: Der spielt genau so seine Rolle wie alle anderen auch.

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  4. Pingback: Vernunft und Weltbezug | Kritik und Kunst

  5. Fluchtwagenfahrer schreibt:

    Hallo Pantoufle,
    wieder mal ein Volltreffer, den du da gelandet hast.
    Um dem Zitat kurz die Ehre zu geben:
    „[…] Eins ist sicher: wir haben das intuitive Wissen, daß Geburt richtig und wichtig ist, das wird uns kein Richter absprechen – egal wieviele von uns er verurteilt.“
    Aha, und meine Intuition sagt mir das diese Kommentatorin eine Nachbarin von deiner Nachbarin ist. Du weist welche ich meine.
    p.s. Ansonsten, die Säue warten schon

    LG

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  6. hanna schreibt:

    Nur zur Info: Sie heißt LOHFINK, nicht Lohbrink oder Lohbrinck. Soviel Sorgfalt muss sein.

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