Kurz und dreckig 31

Alle Ausländer ohne Thailändischen Pass sollen zukünftig zur Benutzung einer speziellen Sim-Karte gezwungen werden, anhand derer sie jederzeit geortet werden können. Abschalten verboten. »Keine Sorge: Ihre Privatsphäre ist natürlich jederzeit gesichert!» versichern führende Vertreter der neuen Militärdiktatur, die seit letztem Sonntag im Amt ist.
Irgend etwas in mir sagt, daß dieses Beispiel Schule machen wird.

Kommentarlos schmeißt die Stadt Essen ihre Empfehlung für eine homöopathische Reiseapotheke aus dem Angebot ihrer Webseite (die Schrottpresse berichtete). Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im NRW-Landtag, Susanne Schneider, reichte eine kleine Anfrage dazu an die Landesregierung ein, die als PDF hier nachzulesen ist.

»Die gesundheitliche Versorgung hat sich an den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten zu orientieren und den Menschen vorbehaltlos in den Mittelpunkt der medizinischen Versorgung zu rücken.«

Das ist aller Ehren wert!
Aber was ist das?

»Es obliegt nicht der Landesregierung, die im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung veröffentlichte Pressemeldung der Stadt Essen im Hinblick auf die tatsächliche Wirksamkeit und Vollständigkeit der Liste der Homöopathika fachlich zu bewerten.«

Irgendwer rückt – aber nicht die Landesregierung. Da steht der Mensch nicht ganz so im Mittelpunkt. Aber zum Glück gibt es da ja immer noch das Arzneimittelgesetz:

»Im Arzneimittelgesetz ist keine Zulassung für homöopathische Arzneimittel vorgesehen.«

Aha! Das beruhigt! Nun sind die Zuckerkügelchen aber trotzdem im Handel und werden landläufig als Medikamente angesehen.

»Homöopathische Arzneimittel werden nach dem Arzneimittelgesetz nur dann registriert, wenn sie bei bestimmungsgemäßem Gebrauch keine schädlichen Wirkungen haben, die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß hinausgehen.«

Und was ist mit den unschädlichen Wirkungen? Also vergleichbar mit Bananen und Himbeeren, nur daß diese einen nachweisbar positiven Einfluß auf den menschlichen Organismus haben.
Die Redaktion der Schrottpresse ist mit dem Ergebnis der kleinen Anfrage durchaus zufrieden, vermisst allerdings den abschließenden Satz:

»Wir müssen leider eingestehen, daß diese idiotische Idee ein Schuß in den Ofen war«

Leute: Knabbert mehr Himbeeren!

Als Chinese in Deutschland! Die Geschichte ging ja bereits durch die Medien: Als Ausländer sollte man sich nicht die Brieftasche stehlen lassen, beziehungsweise das besser als Schicksalsschlag verbuchen. Sonst verbringt man eventuell zwei Wochen in einem Flüchtlingsheim. In der Erstaufnahme in Dortmund, in die sich irrtümlich ein chinesischer Tourist deswegen verirrt hatte, wurde ihm Visum und Reisepass abgenommen und die Fingerabdrücke erfasst. Danach wies man ihm eine Matratze zu.
Auf Spiegel Online kann man die interessante Formulierung »Da war wohl auch viel Obrigkeitsdenken dabei. Er hat einfach gemacht, was man ihm gesagt hat« lesen. »Zur Wehr gesetzt habe er sich nicht« und »Er hatte eine Maschinerie in Gang gesetzt, aus der er erst mal gar nicht wieder rauskam«.

Obrigkeitsdenken. Ein interessantes Wort in diesem Zusammenhang. Da sitzt irgend ein unterbelichteter Beamter am Schreibtisch und ist zu dämlich (den Reisepass wird er ja wohl lesen können!), beim nächsten China-Bringdienst anzurufen, ob dort jemand den Mann versteht. Statt dessen reicht er ihm ein Stück Papier, das er ausfüllen soll. Weder hat er eine Ahnung, was der von ihm will noch was auf dem Antrag steht. Zu allem Überfluß »wehrt sich der Chinese nicht«. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte der Mann Krach geschlagen! Das wären aber mehr als zwei Wochen geworden – da wäre »die Maschinerie« erst recht angelaufen!

Zwei Wochen! Die Medien haben an keiner Stelle etwas von einer Entschuldigung, geschweige einer Entschädigung erwähnt. Aber das braucht die Obrigkeit auch nicht. Alle Menschen können irren, nur nicht ein deutscher Beamter.
Obrigkeitsdenken.

P.S. Ebensowenig steht dort, daß man sich als Deutscher gegen Gehirn- und Gedankenlosigkeit beim Ausfüllen irgendwelcher Zettel, deren Inhalt man nicht versteht, wehren soll.

P.P.S. Freiheitsberaubung: Mit § 239 Abs. 3 Nr. 1 StGB ist eine Qualifikation eingeführt, die bei einer Freiheitsberaubung, die länger als eine Woche dauert, ein erhöhtes Strafmaß von einem Jahr bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe vorsieht. Diese Qualifikation ist ein Verbrechen. Im Fall Mollath erstattete dessen Anwalt 2013 Anzeige wegen Verdachts der schweren Freiheitsberaubung gegen einen Amtsrichter (der vor dem Hauptverfahren zwei Zwangseinweisungen – darunter eine fünfwöchige – angeordnet hatte) und den Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth.
Da geht doch noch was!

Nachtrag:
Wie jetzt die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet, hat sich die Geschichte wohl nicht ganz so wie die DPA-Meldung abgespielt (was an den zitierten Kommentaren wenig ändert). Ein Dolmetscher soll beim Ausfüllen des Asyl-Fragebogens anwesend gewesen sein. Was immer da genau stattgefunden hat: Auch aus dem Update wird man nicht wirklich schlau.

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11 Antworten zu Kurz und dreckig 31

  1. dergl schreibt:

    So weit ich weiß wäre der Beamte/Bearbeiter da Amtssprache Deutsch ist verpflichtet gewesen einen Dolmetscher zu besorgen, also einen registrierten, nicht den nächsten China-Imbiss-Mitarbeiter (der es natürlich in der Not auch getan hätte). Außerdem wage ich zu behaupten, dass man schon viel gewonnen gehabt hätte, hätte man sich den Menschen mal angeguckt. Chinesen sehen doch üblicherweise anders aus als die meisten Menschen in den Ländern aus denen geflohen wird.

    Das P.S. ist klasse. (Wenn auch überflüssig in so weit als das man vorhersehen kann was passiert wenn man sich „wehrt“. Aber natürlich kann man es zugleich nicht oft genug sagen…)

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Dergl

      China-Imbiss geht auf jeden Fall erst mal und wäre naheliegend. Im Grunde lag das bis zu dem Zeitpunkt auf dem Niveau, als würde Dich jemand nach dem Weg fragen (in diesem Fall dem zur Polizei).

      Was das Aussehen betrifft, so braucht man sich in dem Moment nicht mehr auf seine Instinkte verlassen, wenn im Reisepass »China« steht – und ein Visum hat der Mensch ebenfalls gehabt. Statt dessen nimmt man ihm beides an der Rezeption ab. Das sind genau die Papiere, die man beim 08/15-Flüchtling eher selten findet.

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      • dergl schreibt:

        Moin!

        Ja, eben. Und das kann man auch nicht auf Überlastung etc. schieben, es ist grob fahrlässig von den Beamten/Bearbeitern. Ich würde auch vermuten (aber das bin ja nur ich…), dass man das spätestens auch bei nicht Hinsehen und ohne Papiere merkt wenn der Mensch beginnt zu reden. Chinesisch klingt doch arg anders als irgendeine Art von Arabisch.

        (Memo an mich: Auf überhaupt gar keinen Fall irgendwas verlieren und den Verlust melden. Sonst lande ich auch in einer Unterkunft, weil ich so unverständlich rede.)

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        • flurdub schreibt:

          Ich glaube ihr macht euch überhaupt keine Vorstellung wie groß Syrien wirklich ist.
          Das sich Syrien nun auch über Pakistan, Bangladesch, Myanmar, Indien nach China erweitert, ist für die Bearbeiter nur logisch. Die lernen jeden Tag dazu.

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    • flurdub schreibt:

      Was nützt ein Dolmetscher, der sich auf „arabische“ Sprachen spezialisiert hat bei einem Chinesen?
      Das verrückte ist wohl eher, dass der Mann aus China weder Deutsch noch Englisch oder eine andere „kultivierte“ Sprache beherrschte. Wieder mal jemand der meint eine App reicht.

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      • pantoufle schreibt:

        Ich sach ja: So richtig erklären tut das Update auch nichts. Sollten die rein zufällig jemanden vor Ort gehabt haben, der Mandarin spricht? Ja wohl eher nicht. Und alle Beteiligten sagen der Rhein-Neckar-Zeitung hauptsächlich, daß sie rein gar nichts damit zu tun haben.

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  2. derda schreibt:

    Müßte ich mir für nen ‚Thailandurlaub ekstra n Mobiltelefon besorgen? Wozu?

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  3. Pingback: Thailand als Urlaubsland ist dann wohl auch erstmal passé | -=daMax=-

  4. da]v[ax schreibt:

    Die Thailand-Geschichte ist ein bisschen übertrieben dargestellt: http://blog.todamax.net/2016/thailand-als-urlaubsland-ist-dann-wohl-auch-erstmal-passe/#comment-462274

    Gruß von nebenan.

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