Kleine Perlen

Auf den Familientreffen fielen Onkel Walter und Tante Hilde in erster Linie dadurch auf, daß sie morgens jedesmal wie aus aus dem Ei gepellt dastanden. Was gar nicht so einfach war, da sie im Gegensatz zum Rest der Mischpoke nicht irgend ein Zimmer mit Bad okkupiert hatten, sondern in ihrem Wohnmobil in Form eines VW-Bullis nächtigten. Der Samba-Bulli wäre heute auch im Zustand 3- ein Vermögen wert, damals war er wie die Besitzer mindestens 1+. Mindestens.

Nun wären Tante und Onkel kaum der Erwähnung wert, wäre da nicht der Bulli und ein paar skurrile Hobbys der beiden, mit denen sie sich ins Gedächtnis der Familie gebrannt hätten. Hilde und Walter waren nämlich Nazis. Nicht Neos oder irgend so ein Abziehbild aus der Schmuddelecke des politischen Betriebs, sondern richtige Nationalsozialisten. Sie pflegten auch über den Tod des Führers hinaus einen seltsam schwerelosen Kult eines »wir sind wieder wer«-Deutschlands, das nie Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, aber dennoch bemerkenswert ist.
Um das zu erklären, muß ich ein wenig ausholen (waswegmuss würde sagen:  abschweifen).

Das endgültige Ende der deutschen Kolonialzeit in Afrika wird gemeinhin mit Waffenstillstand Paul von Lettow-Vorbecks gegenüber den englischen Truppen am 25. November 1918 in Verbindung gebracht. Für das ehemalige Deutsch-Südwestafrika bedeutete das in erster Linie einen Regierungswechsel, nicht aber das Ende der dort lebenden Kolonisten. Mit dem Londoner Abkommen von 1923 begann sogar wieder eine erneute Zuwanderung aus Deutschland.
Tante Hilde und Onkel Walter gehörten zu denen, die sich in Südwestafrika eine neue Existenz aufbauen wollten. Er arbeitete als Verwalter auf einer Farm, sie als Krankenschwester auf der Säuglingsstation eines Krankenhauses. So weit, so schön!
Afrika war sonnig und gemütlich. Die Nachrichten aus Deutschland dagegen klangen gar nicht gut: Die Weltwirtschaftskrise, die KPD und der Versailler Vertrag. Es gab diverse Gründe, die dafür sprachen, in Afrika zu bleiben.

Ab 1933 wurden die Schlagzeilen langsam freundlicher. Nichts mehr mit Knebelvertrag, eine Armee gab’s auch wieder; von den Autobahnen und der Vollbeschäftigung ganz zu schweigen. Beinahe wie zu Kaisers Zeiten, von dem zeitlebens immer ein Bild im Wohnzimmer hing. Wozu so ein Führer alles gut ist? Voll beschäftigt waren die Beiden in Afrika allerdings auch und so blieben sie dort, bis…
… die englischen Truppen sie und die anderen Deutschen bis zum Kriegsende internierten. Unter Internierung darf man sich in diesem Fall einen besseren Hausarrest vorstellen, irgend ein Lager sahen die Beiden niemals von innen. Auch im Krieg werden Kinder geboren und die Ernte muß eingebracht werden.

Nach Kriegsende – es mag Ende der 40er Jahre gewesen sein, die größten Trümmer waren gerade  eben weggeräumt – zogen Tante und Onkel zurück in die alte Heimat. Nach mehr als 20 Jahren und allem Gedöns: Schildern, Schrumpfköpfen, Tthron vom Negerhäuptling, Speeren und einer wundervollen Sammlung alter Schellackplatten mit Gesängen der Eingeborenen. Ich hab sie als Bengel noch selber gehört! Leider hat sie sich irgend einer der buckeligen Verwandtschaft nach dem Tod der beiden unter den Nagel gerissen. Für meine Geschwister und mich war das Häuschen bei jedem Besuch ein Abenteuerparadies.
Nun war der Führer tot und alle Büros der NSDAP wegen Wechsel in der Geschäftsführung geschlossen. Das war aus Sicht der beiden bedauerlich, aber nicht zu ändern. Massenmord an Juden, Zigeunern oder Kommunisten? Unmöglich! Ein Deutscher tut so etwas nicht! Ein Krieg verlieren – ja, mein Gott!… es wäre nicht der Erste. Aber so was? Nie im Leben. Und die Autobahnen standen ja noch – welch herrliche Zeiten hatte man verpasst.

Geht das? Geht so viel Blindheit und Verdrängung? Ich habe gelernt, daß es geht. Im krassen Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Familie waren sie ein Ausbund an Toleranz und Güte, Christen auf eine unbeschwerte Art.

»Nun nehmt den Beiden doch mal diese Zettel weg! Hartmut! Mach doch mal was!«
Er in feinem Zwirn, sie in einem dem Alter angemessenem Fummel und in der Hand ein paar Flugblätter, auf denen erbauliche Gedanken darüber standen, daß Deutschland mit einem neuen Führer noch ein klein wenig besser als mit Willy Brandt wäre.
Aber bitte nicht zum Frühstück im Kreise der von weit angereisten Familie!
»Ja, wir legen die jetzt da hin und wer will, kann ja nachher…«
Weit davon entfernt, irgend jemanden über Gebühr mit weltanschaulichen Ideen das Frühstücksei zu versalzen, begaben sich Tante und Onkel zu Tische und damit hatte es sich dann auch. Meist durfte ich neben Tante sitzen; sie war mir von Herzen zugetan und ich ihr auch. Sie lachte über meine langen Haare und streichelte sie gerne, ich lachte (ganz leise) über ihre tüddelige Frisur und die – falsche – Perlenkette. Und am Abend zusammen ein Glas Moselweines.
Wir unterhielten uns im Laufe der Jahre über Gott und die Welt, aber niemals über …das…

Irgendwann rief der Führer seine letzten, echten Getreuen zu sich und beide folgten dem Ruf zeitgleich. Friede ihren Seelen. Sie sind für mich immer ein Wunder geblieben. Wie kann man nur? Aber man kann eben doch und die anderen stehen davor und staunen. Es war zu Zeiten vor dem Internet und es gab noch kein »Tante Hilde und Onkel Walter«-Watch, keine Gender, Rassismus oder Neonazidoktrin, die die beiden von hinten erdolcht hätten. Gnade des rechtzeitigen Ablebens.

Onkel Hartmut, unter den Geschwistern »der Korumpel« genannt (ein Kunstwort aus korrupt und Kumpel, der er immer sein wollte), starb auch irgendwann, wenn auch erst viel später. Er war SPD und hat Hilde und Walter nicht nur immer die Zettelchen weggenommen, sondern auch hinter ihrem Rücken gegen sie gehetzt. Es gab beliebtere Familienmitglieder als ihn. Seinen vorzeitigen Ruhestand trat er an, nachdem Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung seines Hauses ruchbar geworden waren. Grundlos, versteht sich!
Seine Todesart war recht bemerkenswert. Er ging in den Garten vor das Küchenfenster und rief seine Frau. Als jene das Fenster öffnete, um nach ihm zu sehen, schoß er sich mit einer Schrotflinte den Kopf weg.
Er starb, wie er gelebt hatte.

Geschichten sollen ja immer eine Moral haben, sagt man. Diese hier hat wenig Moral, oder jedenfalls keine, die heute auch nur in einem 1€-Shop verkäuflich wäre. Vermutlich hat sie überhaupt keine.
Streng genommen nicht mal ein Ende. Vielleicht waren es auch nur abseitige Gedanken darüber, daß mal wieder jemand den Oberbefehl über Armee und Geheimdienst erlangen möchte. Alte Geschichten, alte Geschichten.

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4 Antworten zu Kleine Perlen

  1. Jules van der Ley schreibt:

    Leider bin ich mitten in deiner Familiengeschichte über “ als Göre“ gestolpert, hab zuerst nachgesehen, ob hier vielleicht eine Gastautorin schreibt, dann im Deutschen Wörterbuch gefunden: „göre wird gewöhnlich zu gurre, gorre, f. ’stute‘ gestellt, das übertragen als schimpfwort für frauen und mädchen gebraucht wird.“ Du kennst das Wort vermutlich in seiner Nebenbedeutung für „Kind“, die mir bis heute fremd war. „Alte Geschichten“ bringen sowas zu Tage. Das hat was.

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  2. pantoufle schreibt:

    Ach! Das wußte ich nicht! Ich hatte es natürlich in der naturalisierten Form gemeint. Pansen wollte ich nicht unbedingt verwenden und mir war tatsächlich nur die Bedeutung bekannt, die hier auf dem Dorfe alltäglich ist.
    Vielen Dank – wieder mal was, womit man hervorragend klugscheißen kann… erzähl ich gleich mal meiner lieben Frau 🙂

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  3. DasKleineTeilchen schreibt:

    „Streng genommen nicht mal ein Ende. Vielleicht waren es auch nur abseitige Gedanken darüber, daß mal wieder jemand den Oberbefehl über Armee und Geheimdienst erlangen möchte. Alte Geschichten, alte Geschichten.“

    hey, aus ganz europa (nur nicht aus der türkei, vom sportminister mal abgesehen, soweit mir bekannt) sindse angereist, denn; „er ist der geborene führer“, wies ein jungspund laut SPEICHEL ausdrückte…

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