Was für ein Idiot!

Der Quotentürke des Dorfes, Halal-Blumenhändler und immer ein Bier in der Kühlung, hat eine klare Meinung. Leider auch ein paar Verwandte in der Nähe von Konya und obwohl da gar kein Putsch ist, könnten wir in naher Zukunft um ein paar Bewohner reicher sein. Mir soll es recht sein – wenn sie genau so eine legendäre Lahmacun zubereiten können wie seine Großmutter, wäre es eine weitere Bereicherung der Nachbarschaft.

Ganz gleich, ob dort wirklich kein Putsch ist, wie er behauptet, oder das Leben nur in so eisernen Bahnen verläuft, daß auch so ein Ereignis daran nichts rütteln kann: Es gibt offensichtlich auch Türken, die Erdoğan nicht mögen. Sein Urteil über den Präsidenten ist jedenfalls von entwaffnender Schlichtheit und läßt wenig Raum für Interpretation.

Wie anders dagegen Martin Schulz, unserem Mann in Brüssel! Mit einem diesmal wirklich sehr ernstem Gesicht verkündet er in den Tagesthemen, Erdoğan wolle »die Macht monopolisieren«. Wer hat ihm nur diese schockierende Formulierung souffliert?
Verblüffende Einsichten kurz vor der Verkündung von Notverordnungen. Oder was ist Erdoğans angekündigte Überraschung für morgen?

Nachdem nun fern jeden vernünftigen Zweifels klar ist, wer der Gewinner des Putsches in der Türkei ist, meldet sich auch die Politik erklärend zu Wort. Sicherheitshalber hatte man sich eine Bedenkzeit von 72 Stunden verordnet, um ganz sicher zu gehen, wessen spontane Meinungsäußerung auf Ankaras Straßen den Sieg davonträgt. Welchen Namen gibt man nun dem Staatsstreich, nachdem sich die Erkenntnis durchsetzt, daß nicht ein Putsch gescheitert ist, sondern eine Machtergreifung stattgefunden hat?
Das Wort Demokratie darf dabei natürlich nicht fehlen. Demokratie! Das war doch gleich…? Die Abwesenheit von Todesstrafe! Alles andere würde man ja schlucken, aber da hört der Spaß dann doch auf. Mahnungen zur Mäßigkeit von Angela Merkel bis Jens Berger: Was Victor Orbán mäßig gelang, sollte doch auch Recep Tayyip Erdoğan… Anlass zu großer Sorge!

Aber offensichtlich radikalisieren sich nicht nur verwirrte Spontan-Attentäter. Auch Präsidenten scheinen dagegen nicht gefeit und dazu braucht man nicht einmal ihren Computer zu analysieren. Wie gut, daß dieser Präsident beweisbar vom Volk mehrheitlich gewählt wurde – das rechtfertigt bis auf weiteres jede noch so eindeutige Krankenakte. Man kann ihn ja jederzeit wieder abwählen wenn einem danach ist, so der offizielle Tenor. Das Vertrauen in demokratische Prozesse feiert sein Hochamt, und wenn es noch so lächerlich ist.

»Lieberwotz Sauerkraut Heinz Wiener Schnitzel! Hauser, grauser, mauser, fauser!
Schultz!
Demokratie? Schtonk!
Liberty? Schtonk!
Free sprecken? Schtonk!«

Unter den Worten des tomanischen Diktators Adenoid Hynkel bogen sich selbst die Mikrophon-Stative.
Der geniale Chaplin spielte seine Vision der Diktatur. Jeder der wollte, konnte die Lächerlichkeit nicht nur des von Chaplin parodierten Diktators sehen – bis zum heutigen Tag. Es ist die Lächerlichkeit, die in jedem Anspruch von unumschränkter Macht steckt.

Das, was wir in der Türkei zu sehen bekommen, kann – Nein: Ist! – der Beginn von Chaplins Geschichte, seinem Film »der große Diktator«.
Leider ist weit und breit kein Charly Chaplin in Sicht – nur Martin Schulz, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Gleichnamigen aus Hynkels Rede an sein tomanisches Volk.
Und auch niemand, der die letzten Sätze aus diesem Meisterwerk Chaplins spricht:

»Es tut mir leid. Aber ich möchte nun mal kein Herrscher der Welt sein, denn das liegt mir nicht. Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt.«

Es leben in der Türkei, diesem Tomanien, 75 Millionen Menschen, die ein Recht auf diese Worte haben.

Diktatur? Schtonk!

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11 Antworten zu Was für ein Idiot!

  1. chartlaie schreibt:

    Hat dies auf chartlaie rebloggt.

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  2. DasKleineTeilchen schreibt:

    klare worte. danke.

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  3. Matthias Eberling schreibt:

    „Wenn man jedoch nur die Wahl zwischen einer „beschädigten“ Demokratie und gar keiner Demokratie hat, sollte man als Demokrat die beschädigte Demokratie vorziehen.“ (der unsägliche Jens Berger auf den NDS, 18.7.16)

    Und so schauen alle schulterzuckend auf die „Säuberungswellen“ (aus dem Wörterbuch der Hirntoten) in der Türkei. Jeder Lehrer, jeder Journalist, jeder Staatsanwalt, jeder Abgeordnete, der nicht der AKP treu ergeben ist, wird ihr zum Opfer fallen. Wem’s bei Onkel Recep nicht passt, kann ja gehen. Mit den – aus Überzeugung oder Angst – regimetreuen Leuten wird dann ein bisschen Demokratie gespielt.

    Hoffentlich haben Länder wie die BRD wenigstens den Arsch in der Hose, den Menschen, die ins Exil gehen müssen, Asyl zu gewähren. Viel Hoffnung habe ich allerdings nicht.

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  4. pantoufle schreibt:

    Moin Matthias
    Ich denke, daß Jens Berger einen furchtbar unsinnigen Artikel geschrieben hat und glaube andererseits, daß ich verstehe, was er eigentlich meinte. Im Grunde spricht Jens von Feindbildern und daß einige sie gerne als Bestätigung für irgend einen zusammengebastelten Standpunkt mißbrauchen. Damit hat er vollkommen recht. Mit ein paar anderen Dingen hat er meiner Meinung nach entsetzlich unrecht. Ich wiederhole das jetzt hier nicht: Ich hab auf seinen Artikel geantwortet und auch hier genügend darüber geschrieben, womit klar sein sollte, daß wir auf unterschiedlichen Positionen stehen. Positionen, nicht Seiten!
    »Es gibt Tage, da erschaudert man, wenn die ungefilterten politischen Statements unserer Mitbürger auf einen einprallen«. Ja, das sehe ich auch so. Allerdings ist die Wahrnehmung unterschiedlich. Ein Troll bastelt sich daraus eine »gespaltene Linke«, ich sehe Jens Artikel als unterschiedlichen (aber diskussionswürdigen) Standpunkt. Um es ganz klar zu sagen: Ich bin nicht im Ansatz seiner Meinung! Aber bereit, darüber zu diskutieren – der eigentliche Gegner ist bei beiden Denk-Ansätzen doch klar. Laß uns doch nicht den Kardinal-Fehler wiederholen, daß nur das Traktat der Volksfront von Galiläa gilt und nicht das der judäischen Volksfront allein seligmachend ist.
    Nun wird der Jens nicht hierherkommen, um das in kleinem Kreis auszudiskutieren. Was ich aber auf keinen Fall möchte, ist ein Kleinkrieg im Schatten wie so oft üblich. Wer seinen Standpunkt nicht teilt, kann ihm das auf seinem Blog mitteilen… die Kommentarfunktion funktioniert meines Wissens.

    »Wenn man jedoch nur die Wahl zwischen einer „beschädigten“ Demokratie und gar keiner Demokratie hat, sollte man als Demokrat die beschädigte Demokratie vorziehen.«

    Das ist einfach nur dumm! (Tschuldige, Jens). Das übergeht schon mal den Gedanken, daß es keine menschenwürdige Regierungsform außerhalb der »Demokratie« nach ’45 gibt. Oder »ein klein wenig Menschenrechte«. Es gibt keine »beschädigte« Demokratie! Das unterstellt, daß Demokratie ein fertiger Endzustand ist, ein lackiertes, verkaufsfertiges Produkt im Schaufenster. Das kann es aber niemals sein: Es ist ein Weg, eine Verfahrensweise und wenn die »beschädigt« ist, gibt es sie nicht mehr. Luftballon, Nadel, Luft raus. »Etwas Demokratie« ist genau so wenig möglich wie National „Sozialistische“ Deutsche Arbeiterpartei.

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  5. flurdab schreibt:

    „Schulz: Erdoğan wolle »die Macht monopolisieren«. Wer hat ihm nur diese schockierende Formulierung souffliert?“
    Das stammt aus dem „Poesiealbum zur marktkonformen Demokratie Teil II“ einer Pfarrerstochter mit Migrationshintergrund.
    Woran erkennt man eigentlich eine beschädigte Demokratie?
    Vielleicht daran wenn das Parlament freiwillig auf seine Rechte und Pflichten verzichtet?
    Ich fürchte unser Putsch ist komplett geräuschlos verlaufen, da musste noch nicht einmal „gesäubert“ werden.

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    • Fluchtwagenfahrer schreibt:

      Sehe ich anders,
      bei uns läuft die Säuberung nur Neoliberalhuman ab, beispielsweise Hartz IV.
      Einen Menschen sozial, bildungsmäßig, kulturell usw. abzuhängen, gehört hier in Deutschland zu einer unseren, eher leisen, Kernkompetenzen.

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  6. waswegmuss schreibt:

    Die Mely hat mal wieder ihr Breitschwert gezückt: http://www.zeit.de/kultur/2016-07/tuerkei-putsch-erdogan-saeuberungen-kiyak-deutschstunde

    Diese Diskussion muss ja wohl mal gesäubert werden.

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