Kurz und dreckig 29

attentat

Über jeden vernünftigen Zweifel erhaben. Eine hübsche Redensart, um sich von Ungläubigen, Verschwörungstheoretikern und ähnlichem abzusetzen. Natürlich auch dann, wenn einem die Argumente ausgehen, wobei dann gerne zum gesunden Menschenverstand gegriffen wird.

Was wir wissen – und was nicht:
Wir wissen, daß »der Terrorismus eine Herausforderung für die gesamte Menschheit und alle friedliebenden Staaten« ist (Volker Kauder). Das Auswärtige Amt weiß bislang nicht, ob unter den Opfern in Nizza auch Deutsche sind. Bei dem Lkw-Fahrer, der den Anschlag verübte, handelt es sich nach Angaben aus Polizeikreisen um einen Tunesien geborenen Franko-Tunesier (Quelle Polizeikreis). »Man muß leider sagen, daß es ein optimaler Anschlag war« (Quelle Experte). »Gott ist groß, Gott ist groß« (Quelle Twitter). Präsident François Hollande ordnete sogleich die Verlängerung des Ausnahmezustands an.

Und das alles, ohne daß irgend jemand auch nur einen vernünftigen Zweifel geäußert hat, denn Zweifel am Terrorismus sind unvernünftig.

Zweifellos ist die Ernennung Boris Johnsons zum Außenminister eine interessante Personalie. Die Fassungslosigkeit über diese Entscheidung führt zwangsläufig zu wilden Spekulationen: Die neue Premierministerin Theresa May wolle den Ex-Bürgermeister mit der Ernennung innenpolitisch ruhigstellen. In dieser Hinsicht wäre es verständlich, jemanden auf dieses Amt loszulassen, der Erdogan als »Wichser« bezeichnet und Hillary Clinton als »sadistische Krankenschwester in einer Nervenklinik«.
Boris Johnsons intellektueller Offenbarungseid nach der Entscheidung für den Brexit hätte ein Zeichen für Änderungen im Strafrecht sein müssen, um solche Figuren aus dem Verkehr zu ziehen: Statt Einweisung in die Geschlossene Außenminister.
Die politische Kaste scheint ein massives Personal-Problem zu haben. Sie nehmen jeden – ganz gleich wie unfähig er ist. Hauptsache er gehört ihren Kreisen an. Einzeltäter oder Gruppe? Wenigstens hier ist diese Frage über jeden vernünftigen Zweifel hinaus entschieden.

Vernünftige Zweifel hat die Redaktion der Schrottpresse gelegentlich darüber, warum man das alles immer wieder versucht zu kommentieren. Das liege daran, daß meine Themengebiete »Technik, Politik, Medienkritik« seien, so ein Wohlmeinender in einem privaten Briefwechsel.
Ich gestehe, daß ich an dieser Aufstellung ziemlich geschluckt habe. Technik könnte ich ja noch nachvollziehen, aber Politik und Medienkritik? Geschluckt deswegen, weil sich die Themen nicht zwingend mit Interesse decken müssen. Oder nachlassendem Engagement?

»Italienische Feuerwehrleute und Marineangehörige haben ihren Einsatz zur Bergung Hunderter Toter eines gesunkenen Flüchtlingsboot abgeschlossen. Nach Angaben der Marine wurden auf Sizilien 675 Leichen geborgen.«

Und Boris Johnson ist Außenminister. Um ihn ruhigzustellen.
Ja, da gibt es einen Zusammenhang, aber ich mag ihn nicht herausarbeiten. Sollen das doch andere machen – mir wird übel!
Ich möchte lieber bei Tikerscherk schmökern, bei palpitationen oder Mitzi Irsaj. Es muß doch noch ein Leben außerhalb von diesem Brechreiz an Filterblase geben.

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6 Antworten zu Kurz und dreckig 29

  1. Matthias Eberling schreibt:

    A: Je mehr Terror es gibt, desto mehr werden wir abstumpfen. Gegenüber der Gewalt und gegenüber dem Überwachungsstaat. Die Terroristen werden also ihr Ziel nicht erreichen, der Staat schon.

    B: Wer die Beziehungen zu den anderen europäischen Staaten abkühlen lassen möchte, braucht einen Boris Johnson als Außenminister. Er wird sie alle zur Weißglut bringen.

    Der Wohlmeinende

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  2. Matthias Eberling schreibt:

    TV-Tipp:

    Die für ihre Feinfühligkeit bekannte Sendergruppe RTL zeigt heute um 20:15 Uhr auf ihrem Kanal NITRO passend zum Thema: „Der Gendarm von St. Tropez“ mit Louis de Funès.

    Viel Vergnügen!

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  3. altautonomer schreibt:

    In den Nachrichten (Brennpunkt!) dreht sich alles nur um den Anschlag in Nizza und die 80 Toten. Von dem strukturellen Terror, der zu den 675 auf Sizilien geborgenen ertrunkenen Flüchtlinge führte, kein einziges Wort. Geheuchelte Empörung, Betroffenheitsgesülze von Merkel bis zu den Grünen und die übliche Terrorbekämpfungsrhetorik („trifft uns alle“) .

    Mag das daran liegen, dass in Nizza erholungsuchende Leistungsträger aus „unserer“ Mitte starben, während auf Sizilien die Leichen von anonymen, namenlosen Leistungserschleichern geborgen wurden? Ich hab da so eine Vermutung.

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    • waswegmuss schreibt:

      Auch der LKW-Fahrer war ein, nach deinen Worten, Leistungserschleicher.
      Es geht doch letztendlich darum, dass ein Gutteil Menschen heutzutage vom Leben abgehängt werden. Egal ob das Palästina, Griechenland, Marzahn oder in den Banlieus geschieht. Da werden Terroristen gemacht – linke wie rechte.
      Und somit wären wir auch wieder beim Brexit.

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