Brexit

Battle of Britain Memorial

Battle of Britain Memorial

»Bitte verlassen Sie das Festivalgelände ruhig und ohne Panik (Wir werden alle sterben!). Das ist keine Absage der Veranstaltung, sondern eine kurzfristige Unterbrechung. Polizei und Hilfskräfte werden sich so gut es geht um die Evakuierung bemühen«.
Ja, und während sich die Hilfskräfte plündernd über das vom Unwetter zerstörte Zeltlager hermachten, waren Pantoufle und seine Kollegen damit beschäftigt die Trümmer der Technik zu bergen. Das feuchte Ende einer fröhlichen Veranstaltung. »Komm zum Rock’n’Roll, reise um die Welt und sei mit den Stars auf Du und Du.«
Jetzt sind die Stiefel wieder trocken, nach 48 Stunden endlich wieder eine warme Dusche und England ist raus aus der EU.

Die Kommentatoren und Experten haben sich warmgelaufen, die ersten Fallrückzieher der gestern noch überzeugten Brexit-Anhänger sind aktenkundig: »Wir wollten doch nur Unruhe stiften und Cameron stürzen! Konnten wir denn ahnen, daß die mit wirklich „nein“ stimmen?« Ja, das hätte man ahnen können und die Redaktion der Schrottpresse war sich ziemlich sicher, daß sie das auch tun würden. Nun haben wir den Salat (Pickels mit Rotkraut).

Unzählige Male fuhr die Fähre aus dem Hafen von Calais, die englischen Kollegen und ich atmeten erleichtert auf und machten uns nach Öffnung der Bordkantine über die gewohnten Sandwiches her. Spezialitäten des Landes mit Zutaten, wie sie nur ein Engländer erfinden kann – Gewürze aus aller Welt mit einem Belag von dem, was gerade da ist. Pantoufle fiel dabei nie unangenehm auf: Chicken Tikka oder bröseliger Käse mit einer abenteuerlichen Soße, deren Basis meist Essig war. Danach ein Ale, während sich das Schiff Dover näherte. Bezahlt wurde mit richtigem Geld, diesen Münzen, deren Wert man zweifelsfrei ohne hinzusehen erfühlen kann. Als letzter Gruß die halbversunkenen Bunker an Frankreichs Küste, unzerstörbare Zeugen des letzten Versuches einer Invasion der Insel. Den von Brüssel aus hat man ja  nun gerade noch in der Planungsphase abgewehrt.
»Endlich raus aus Europa – willkommen in den vereinigten Königreichen«.

Die Autos kommen einem auf der richtigen Seite beim Überqueren der Straße entgegen und die Studenten laufen in der Mittagspause geschlossen in die Pubs um sich zu betrinken. Jede noch so marode viktorianische Fassade wird vom Historic Buildings and Monuments Commission for England (English Heritage) aggressiver verteidigt als die Menschenrechte – jede unaufgeräumte Lagerhalle des Militärs mutiert zum Museum.
Gibt es jemanden in Deutschland, der glaubt man hätte ein Einwanderungsproblem? London hat nun endlich mit 25 Jahren Verspätung einen muslimischen Bürgermeister. London! Nicht Gelsenkirchen.

Europa? Wer Dover auf der A20 verläßt, biegt nach 6 Meilen ab und findet in Capel-le-Ferne das Battle of Britain Memorial, Englands sehr persönliche Einstellung zum Blick über den Ärmelkanal: »Von da kamen sie und versuchten uns zu erobern.« Europa? Das liegt da drüben. Das Denkmal ist der steingewordene Satz Admirals Jervis aus der Zeit napoleonischer Invasionsgelüste: »I do not say they the French cannot come – I only say they cannot come by sea.«. Zum Glück ist da immer noch ein Stück Wasser zwischen ihnen und uns. Kürzer kann man ein britische Nationalgefühl kaum beschreiben und dieses Gefühl verkauft nicht nur die wirtschaftlich bedeutende Touristikbranche. Erinnerungen und Lebensgefühl aus einer Zeit, in der Britannien noch groß war – irgendwo zwischen nachrömischer Zeit und Versailler Vertrag. Geschichte als letzte Leim einer seit Margaret Thatcher endgültig zerstörte nationale Einheit.

Hat Europa eine Statue auf dem Parliament Square? So wie die von Winston S. Churchill oder Benjamin Disraeli, 1. Earl of Beaconsfield? Nein, eben nicht! Selbst Nelson Mandela hat eine.
Europa – genauer die EU? Die meisten Briten werden nicht einmal wissen, was das genau ist. Irgend etwas von der anderen Seite des Kanals, das versucht, sich ins Tagesgeschäft einzumischen und das Geld kostet.

Der Ausstieg aus der Union Europas, die nie in England ankam, ist der Sieg der Geschichte über die Gegenwart. Ein erfolgreicher Versuch Haarwuchsmittel gegen den Verfall globaler Bedeutung zu verkaufen. Die EU: Eine Erklärung für den Mangel an Ellenbogenfreiheit. Die Quacksalber, die es initiierten, spekulierten mit Erfolg auf ein Lebensgefühl der Älteren, in deren Vorstellung der Begriff EU niemals Platz fand. Man war nie Teil Europas – warum sollte man das nicht auch laut sagen?
Das ist ein fundamentaler Unterschied in der Wahrnehmung verglichen zu Frankreich, Spanien, Deutschland oder Italien (die Beute im Osten ist dabei noch ein gesondertes Kapitel). Von Beginn an beanspruchte England eine Sonderrolle in dieser Union und sei es nur aus dem Grund, weil man sich spätestens seit 1917 stärker den USA verbunden fühlte als an irgend eine andere Nation der Welt.
»Wir sind mittlerweile amerikanischer als die Amerikaner!« Dieser Satz fällt auf der Insel häufig zwischen Bar und Bahre. Man teilt mit den USA mehr als ein im Rest Europas ungebräuchliches Rechtssystem. Gemeinsame Geschichte und Gegenwart mit der ehemaligen Kolonie. Auf dem Parliament Square steht keine Europastatue, sehr wohl aber eine Abraham Lincolns.

Darin erschöpfen sich aber auch die Unterschiede. Diejenigen, die aus machtpolitischen Gründen den Ausstieg herbeiredeten, unterscheiden sich in nichts von jeder anderen rechtsnationalen Gruppierung von der anderen Seite des Kanals. Der Brexit als »… das Symbol einer größeren Katastrophe – wie die Finanzkrise den Alltag der normalen Leute zerstört hat, und wie unser politischer Diskurs sich gegen jede Überprüfung der Wahrheit immunisiert hat.« (Adam Thirlwell)

350 Millionen Pfund Sterling schickte England angeblich jede Woche nach Europa. Nigel Farage von der rechtsradikalen Ukip konnte in einem Interview nach dem Referendum weder die Zahl bestätigen noch das Versprechen, diesen Betrag statt nach Brüssel künftig ins englische Gesundheitswesen zu investieren. Nicht nur diese Lüge überlebte kaum 48 Stunden. Die Erkenntnis, daß man nicht allein auf der Welt lebt, wird folgen. Genau wie die, daß nicht jeder Ausländer ein Flüchtling ist. Es sind auch ein paar Geschäftsleute darunter.
»Nie zuvor in der Geschichte menschlicher Konflikte hatten so viele so wenigen so viel zu verdanken.« Das Zitat W.S. Churchills kann man auch im ironischen Sinne verwenden.
Das passiert, wenn man den hohlen Parolen rechter Überzeugungstäter auf den Leim geht: Ihre platten Behauptungen scheitern bereits im Augenblick der Frage »und was jetzt?« Der Brexit als Beweis für die Substanzlosigkeit weltweiter rechter Phrasendrescherei.

Und das ist wohl auch die einzig positive Erkenntnis, die einem diese Wahl bietet: Wenn man erst beim Kreuze malen darüber nachdenkt, worüber man eigentlich abstimmt, sollte man besser keine Zettel in irgend einen Schlitz stecken.

Ich bin hier nicht ganz seiner Meinung, aber immer wieder lesenswert: Yanis Varoufakis zum Brexit

 

 

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8 Antworten zu Brexit

  1. Matthias Eberling schreibt:

    Deix und Schimanski sind tot – und du wärmst hier die ollen Kamellen von letzter Woche auf.

    Gefällt mir

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