Pantoufle ärgert sich

Man kann sich über viele Dinge ärgern. Bei einigen lohnt es sich, bei anderen nicht – manchmal ist es einfach nur lustvoll. Das ist dann sozusagen höheres Ärgern. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Also ärgern! Messmers Susanne schreibt in der taz einen Artikel, den sie »Linkspartei vergreift sich« nennt. Ein Zitat, nur damit in etwa klar ist, worum es geht beim Ärgern:

»Hier auf dem Bebelplatz veranstaltet die Bundestagsfraktion der Linken ihr „Lesen gegen das Vergessen“. […] Bereits direkt nach der Wende hatte die PDS im Berliner Abgeordnetenhaus unter anderem Namen diese Lesung am 10. Mai zum ersten Mal initiiert, und zwar in Fortführung des Tags des freien Buches, der 1947 eingeführt und in der DDR begangen wurde. Seit 1999 veranstalten die Linken die Lesung unter dem heutigen Namen.«

Da sollen also Leute aus verbrannten Büchern vorlesen und die anderen auf Bänken bei lauwarmen Bier sitzen und zuhören. So weit, so schön. Man liest also noch. Grobes Ziel der Übung ist Literatur, die vor 80 Jahren von den Nazis – wenn möglich zusammen mit den Autoren – verbrannt werden sollte.

»Beim „Lesen gegen das Vergessen“ auf dem Bebelplatz nimmt es die Linkspartei mit der Geschichte nicht so genau: Wahllos werden da Bücher aus dem Regal geholt.«

Susanne Messmer

Darüber ärgert sich Frau Messmer: Die sind gar nicht alle verbrannt, die dort vorgelesen wurden. Die eine las einen zeitgenössischen Text, der sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, mit einem deutschen Pass in Belgien aufzuwachsen, der andere gar Heinrich Heine. »Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen«. Der Heinrich Heine, vorgelesen von Klaus Lederer.

»Am konsequentesten aber hält es der Liedermacher Reinhold Andert. Mit der Bücherverbrennung hat er heute nichts am Hut, sondern er weist ganz explizit darauf hin, dass es „keine Scheiterhaufen braucht“, um Bücher zu zerstören. Seine Erzählung: dass 1990 zehn Millionen Bücher des DDR-Großhandels auf einer Müllkippe entsorgt wurden. „Man muss den Zorn der Leute darüber verstehen“, sagt er und erntet lauten Applaus.«

Das mit Heine hätte sich mit mit einer kurzen Recherche schnell erledigt: Die Liste des »schädlichen und unerwünschten Schrifttums« der Nazis enthielt auch seinen Namen. Heine stand definitiv nicht auf dem allgemeingültigen Lehrplan von Schulen höherer Töchter und Söhne.
Aber das ist wohl auch nicht das, was die Autorin des taz-Artikels wirklich meinte. Es ging ihr wohl eher um um Artenreinheit. Wie hätte sie sich erst aufgeregt, wenn jemand auf die Idee gekommen wäre, Texte der inhaftierten Journalisten Can Dündar und Erdem Gül vorzulesen? Oder von Ali Anzoutla, Charlie Hebdo, Oles Busina? Das passt zwar nicht in die reine Lehre der taz-Autorin, dafür aber in die historische Hinterlassenschaft, die das Mahnmal der Bücherverbrennung hinterläßt.

Die Autoren, deren Werke 1933 verbrannt wurden, haben nicht deswegen geschrieben, damit 80 Jahre später eine satt gefressene Autorin die Linientreue irgend einer Partei daran mißt. Sie traten für ein Menschen- und Demokratieverständnis ein, das bis zum heutigen Tage nicht Realität wurde, für das weiter gekämpft werden muß. Für irgend ein verschwurbelte Geschichtsverständnis im Zusammenhang mit Literatur ist dort kein Platz.

»Geschichte scheint der Linkspartei offenbar nicht so wichtig zu sein. Es sei denn, es handelt sich um DDR-Geschichte.«

Quatsch! Sechs, setzen – Arbeit muß wiederholt werden!

Ja, so ärgert man sich vor sich hin. Hoffentlich nicht auch die Zuhörer, die bei dieser schönen Veranstaltung anwesend waren. Bei der es um viel Bemerkenswertes ging – nur nicht um das genaue Datum der Verbrennung.

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8 Antworten zu Pantoufle ärgert sich

  1. derda schreibt:

    Fachkräftemangel wohin man sieht. Selbst beim Parteiblatt der Grünen 😉

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    • pantoufle schreibt:

      Ein Trauerspiel. Ein wirkliches Trauerspiel!

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      • GrooveX schreibt:

        moin pantoufle,
        yavaş, yavaş – ich bin (arbeitsbedingt) immer wieder auf solchen veranstaltungen. und überall erlebe ich, dass es schwieriger wird, die klammer zwischen historischem ereignis und gegenwart der öffentlichkeit verständlich zu machen. und die presse, wenn sie denn mal kommt und nen platz auf dem blatt freigeschaufelt kriegt, ist selten und sehr teilweise hilfreich. aus sicht der betroffenen hilft da nur ein dickes fell.

        recht haste natürlich trotzdem.

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  2. Matthias Eberling schreibt:

    Warum liest du denn so eine gequirlte Scheiße überhaupt noch? Geht glücklicherweise ja ohnehin alles gepflegt den Bach hinunter. Laut IVW hat die WELT im letzten Quartal nur noch 12.500 Exemplare pro Tag am Kiosk verkauft!

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  3. pantoufle schreibt:

    Moin GrooveX & Matthias Eberling

    Der entscheidende Punkt ist wohl »wenn sie denn mal kommt«. Frau Messmer bezeichnete ihren Besuch auf der Veranstaltung als »Boxenstop«, bei dem ich als alter Formel1-Fan ein recht enges Zeitfenster vor Augen habe.

    Das ist auf den Veranstaltungen, mit denen ich beruflich zu tun habe, auch nicht anders: Da kommt einer dieser Hansel kurz vorbei, fragt nach der Setlist und rauscht noch vor Beginn des Konzertes wieder ab – das einzige, worauf der noch wartet, sind die Bilder der Photographenmeute. Die liegen systembedingt erst kurz nach Show-Beginn vor. Der Rest ist Wikipedia und dpa.

    Man kann wohl getrost davon ausgehen, daß das mittlerweile Usus ist. Und genau das ist (@Matthias) auch der Punkt, warum ich das lese und mich darüber ärgere: Es wird nicht dadurch besser indem man es ignoriert. Ich habe eine grundsätzliche Hochachtung vor dem Journalismus und halte ihn für wichtig. Deswegen leide ich unter schlampigen Artikeln, schlecht redigierten Beiträgen oder mangelndem Interesse.

    Ich habe mich mal durch ein paar Artikel von Frau Messmer geklickt: Das ist nicht so schlecht was sie schreibt. Nicht großartig – eher solide Brötchenarbeit. Nicht mehr und nicht weniger (auch wenn ich mir in meiner bodenlosen Arroganz einbilde, es besser zu können.) Aber ihr Text von der Lesung war einfach schlampig und uninspiriert. Und das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

    P.S. Ein Artikel aus dem gleichen Hause, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe, fand sich hier.

    Dann fängt man vielleicht an, darüber nachzudenken.

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    • Matthias Eberling schreibt:

      Allein die Bezahlung bei der taz ist eine Frechheit. Ein Wunder, dass überhaupt an jedem Werktag eine Zeitung entsteht. Bei mir im Haus in Berlin lebte mal eine Ressortleiterin der taz und wir waren gelegentlich bei gemeinsamen Freunden zum Abendessen eingeladen. Sie hat weniger verdient als die Lagerarbeiter, die ich kenne. Die konnte sich den Bio-Markt gar nicht leisten, in den sie gerne gegangen wäre. Die jetzige Generation in den Redaktionen tut mir leid.

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      • pantoufle schreibt:

        Das glaube ich unbesehen. Es gab auch mal eine Zeit, in der man von der Schriftstellerei leben konnte ohne Fantasy oder Krimis zu schreiben, Zeiten, in denen man nur einen Beruf brauchte um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und in denen Arbeitslosigkeit nicht lebenslänglich bedeutete.
        Ich sage ja auch gar nicht, daß ich mich wundere, sondern daß man sich nicht wundern braucht.

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        • Matthias Eberling schreibt:

          Wie so vieles geht auch der Journalismus den Weg ins graue Mittelmaß. Früher konnte man einzelne Autoren noch an ihrer Stimme, an ihrer Sprache erkennen. Das erlebe ich heute nur noch bei unbezahlten Bloggern.

          Du hast geschrieben, du wärst F1-Fan. Bin ich seit 1974. Dasselbe in grün, 1997 (Monza) war mein letztes Live-Erlebnis. Und wenn nächsten Monat die Formel E durch Berlin säuselt – da war mein erster 9-Nadel-Drucker ja lauter ;o)

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