Presseschredder 13.3.2016

Manchmal ist es besser, das Maul zu halten und vielleicht als Esel zu gelten statt den Mund zu öffnen und jegliche Zweifel hinwegzufegen. Aber auf Blogs darf man ja. Narrenfreiheit. Und dann gibt es als gutes Vorbild ja immer noch den bezahlten Journalismus. Eisklar recherchiert und mit zwingenden Formulierungen ins Hirn geprügelt:

»Ein Schleppfahrzeug sollte den Jumbojet zum Auftanken bringen. Dabei riss die Verbindung zwischen Flieger und dem Fahrzeug, das Flugzeug verlor sein Gleichgewicht und krachte auf den Boden.«

Dieses Bild verfolgt mich nun in meine Träume. Eine 747 in Spitzenschuhen kommt ins Straucheln, als die Verbindung zum Tanzpartner abreißt. Kann passieren. Zum Glück war niemand an Bord des Flugzeuges außer den üblich Verdächtigen und die werden dafür bezahlt. Abenteuer Fliegen.

Nachdenken kann sich also lohnen. Aber bitte nicht Sonntags! Und so widersteht die Redaktion der Schrottpresse auch der Versuchung herauszuarbeiten, worin nun genau die Unterschiede zwischen Assad und Erdoğan bestehen. Um sein momentan etwas angeknackstes Image aufzupolieren, wäre es Assad angeraten, sich zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit zu erklären. Man könnte es wenigstens mal in die Runde werfen. Erdoğan seinerseits hat mit seiner Forderung nach Visafreiheit die Messlatte für einen unbürokratischen Flüchtlingsstrom ausreisewilliger Türken nach Resteuropa tiefer gehängt. Damit könnte man die ziemlich unterbesetzten Touristenflugzeuge wenigstens auf dem Rückflug halbwegs auslasten, man kolportiert Angst vor Terrorismus als Grund für das flaue Reiseinteresse. Andere – weitaus triftigere Gründe – werden aus Gründen der politischer Korrektheit zur Zeit seltener genannt. Na ja, gut: Staatsterrorismus ist auch eine Art…
Was wieder zur Frage nach den genauen Unterschieden zwischen Assad und Erdoğan führen würde, welche aber wegen Sonntag abgewählt wurde.

Norbert »die Rente ist sicher!« Blüm campiert zur Zeit solidarisch im griechischen Flüchtlingslager Idomeni. Eine schöne, deutsche Sitte, wenn auch die Jahreszeit eher für einen Hardcorecamper spricht. »Diese Art von Brutalität ist unwürdig der europäischen Kultur.[…] Es ist eine Kulturschande.« Das ist fein beobachtet. Deswegen gab es auch begeisterte Zwischenrufe einiger Flüchtlinge »Thank you, Germany!«
Für den achtzigjährigen Blüm spricht, daß er die Rufer nicht mit »Reden Sie doch gefälligst Deutsch!« abwürgte. Obwohl dies als Warnung angebracht wäre. Schon ein paar Tage her, aber als Sinnbild deutscher Befindlichkeit schwer zu überbieten: Am ersten März kam es zu einem Tumult mit Konzertabbruch in der Kölner Philharmonie, als der iranisch-britische Cembalist Mahan Esfahani es wagte, Piano Phase von Steve Reich zu spielen. Ein intellektuell überfordertes Abonnement – Publikum erzwang das Ende der Veranstaltung, in dem deutsches Liedgut offenbar zu kurz kam. »Ein Pandämonium eines Ausmaßes, das ich in einem Konzertsaal für klassische Musik noch nie erlebt habe«, so der Kommentar des Künstlers. Ein Pandämonium ist, um hektischem googeln zuvorzukommen, ein Hort von bösen Dämonen. Genau das – und nicht nur in Konzertsälen – hat in Deutschland durchaus Tradition. Mit den Rufen aus dem Publikum »Reden Sie doch gefälligst Deutsch!« wurde Esfahani daran erinnert.
Das Management versprach, das ausgefallene Konzert im März nächsten Jahres nachzuholen. Das spricht entweder für ungeheuerlichen Optimismus oder die Einsicht, daß zum anvisierten Zeitpunkt solche Aufführungen vollkommen unmöglich sein werden.

Die Mehrheit schweigt nicht mehr und wählt heute. Wie bereits Eingangs gesagt: Manchmal ist es besser, das Maul zu halten und vielleicht als Esel zu gelten statt den Mund zu öffnen und jegliche Zweifel hinwegzufegen.

Und jetzt wieder zurück in die kalte Werkstatt.

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7 Antworten zu Presseschredder 13.3.2016

  1. Fluchtwagenfahrer schreibt:

    Moin Pantoufle, Satanica Pandämonium …nur für Dich.

    Da wird einem wieder warm ums Herz.

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    • pantoufle schreibt:

      Och, da danke ich aber vielmals für! Gute Idee: Beim Warten auf die Wahlergebnisse heute Abend vertreibe ich mir die Zeit mit Desperado. Lange nicht mehr gesehen und passend für die vorhersehbaren Ergebnisse.

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  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Manchmal ist es besser, das Maul zu halten und vielleicht als Esel zu gelten statt den Mund zu öffnen und jegliche Zweifel hinwegzufegen.
    Irgendwann, in irgendeiner Unterhaltung werde ich mir diesen Satz klauen. Ihn laut aussprechen, mich umdrehen und gehen.
    Beste Grüße

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  3. noemix schreibt:

    Beim SPIEGEL haben sie den »Flugzeug verliert Gleichgewicht«-Blödsinn mittlerweile kommentarlos redigiert, anderwärts steht er freilich weiterhin so zu lesen.

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Nömix

      Nun wird sich der Praktikant aber ärgern! Sein erster Artikel und dann gleich online umgeschrieben. Da hätte er auch gleich bei seinem Blog »der kleine Aquarist« bleiben können.
      Und dann fragt sich der Kuh-Journalismus auch noch, warum niemand für seine Online-Ergüsse bezahlen will, wenn doch nur einer vom anderen (jeden Unsinn) abschreibt.

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