Eine Frage der Wahrnehmung

Pax

Jahreswechsel: Zeit der guten Vorsätze, des Katers und der schlechten Laune. Oder auch der »besinnlichen Rückschau«, wenn einem nach gepflegter Wortwahl ist.
Hört man sich um, so muß das Jahr 2015 eines der schlechtesten unter der Sonne gewesen sein. »…während ich mit irrem Blick und großen, wunden Augen in den furchtbaren Spiegel des drohenden Abgrundes glotze.« Nun ja: Man kann es auch übertreiben – auch und vor allem als Akademiker. Nein, ich wars nicht.
»Das Model S P85D ist mit 539 PS der stärkste Elektrowagen der Welt. Die brachiale Beschleunigung erstaunt immer wieder. Leise, schnell und sehr futuristisch, scheint er wie geschaffen für die neue Welt des Autofahrens.« Das auch nicht – das war die FAZ. Brachiale 500km Reichweite soll er haben; da sag noch mal jemand, es gäbe ihn nicht, diesen Fortschritt.

Irgendwo dazwischen wird sie wohl liegen, die Wahrheit. Und selbst wenn die Wahrheit an dieser Stelle, der Schrottpresse, gefunden werden sollte? Was finge man damit an – auf einem Blog? Ein Blog ist ja nicht einmal ein Atom im Wirbel der Meinungsbildung. In Polen machen sie Nägel mit Köpfen: Öffentlich-rechtliche Anstalten werden zu »nationalen Kulturinstituten« umgewandelt, die ihrem »nationalen Auftrag« der kulturellen und historischen Bildung im Sinne der Partei gerecht werden sollen. Diese Partei heißt »Recht und Gerechtigkeit« und kann allein mit diesem Namen kaum etwas falsch machen. Zwar sieht man die Abschaffung der Pressefreiheit auf Seiten der EU-Kommissare als »problematisch« an, weiß aber außer einen Öttinger vorzuschicken (was kann da schon passieren?) nichts.

Was tun? Als erstes sollte man sich die Anführungszeichen abgewöhnen. Wie Victor Klemperer sagte:

»Dagegen bedient sich die Lingua Tertii Imperii (des dritten Reiches) bis zum Überfluß dessen, was ich die ironischen Anführungszeichen nennen möchte.
Das einfache und primäre Anführungszeichen bedeutet nichts anderes als die wörtliche Wiedergabe dessen, was ein anderer gesagt oder geschrieben hat. Das ironische Anführungszeichen beschränkt sich nicht auf solch neutrales Zitieren, sondern setzt Zweifel in die Wahrheit des Zitierten, erklärt von sich aus den mitgeteilten Ausspruch für Lüge. Indem das im Reden durch einen bloßen Zusatz von Hohn in der Stimme des Sprechers zum Ausdruck kommt, ist das ironische Anführungszeichen aufs engste mit dem rhetorischen Charakter der Lingua Tertii Imperii verbunden.«

Anführungszeichen, diese Methode der Mutlosen und Feigen.

Wo ist der #Aufschrei über das Mediengesetz in Polen? Nichts? Das ist es nämlich, was des Volkes Wunsch ist wenn von der Lügenpresse die Rede ist. Mit dieser Presse ist eben Schluß, wenn die Bachmanns, Petrys, Gaulands, Höckes und Golddukatenscheißer Klaus Fohrmann ans Ruder kommen. Lügenpresse ganz ohne Ironie, ganz ohne Zeichen in einer ohnehin ironielosen Zeit.
Schluß mit den Anführungszeichen. Man muß sie beim Wort nehmen. Sie ist problematisch, die Abschaffung der Pressefreiheit – problematisch: Nicht indiskutabel. Genau wie die Knebelung des polnischen Verfassungsgerichtes (höchst problematisch). Das sehen viele in der CDU/CSU genau so! Es sitzen erheblich zu wenig Bayern in Karlsruhe.

»Der für Medienpolitik zuständige Kommissar Oettinger plädiert dafür, den Rechtsstaatsmechanismus zu aktivieren.«

FAZ

Wer bis jetzt nicht wußte, was der Rechtsstaatsmechanismus ist, dem kann die Schrottpresse an dieser Stelle leider auch nicht weiterhelfen. Es ist vermutlich ein Mechanismus, der es erlaubt, deutsche Panzer an Saudi-Arabien zu verhökern. Aber sowas macht man eben, wenn der EU-Mediengeneral Öttinger glaubt, Till Schweiger verkörpere bei Tatort den Alltag eines Kriminalbeamten. Dann wird der Rechsstaat aktiviert. Was macht der eigentlich den Rest der Zeit?

Der Mangel an Ideen: Einfach die Flüchtlinge in den unbesetzten Sitzen der ersten Klasse bei der Lufthansa transportieren. Die Bild-Zeitung erledigt dann den Rest. Statt dessen eine Begrenzung auf 200.000 Nasen per anno fordern ist irgendwie einfallslos. Keine Anführungszeichen beim Begriff sichere Drittstaaten. Sichere Drittstaaten Ungarn, Türkei und Polen als selbst organisierender Maschendrahtzaun an Europas Grenzen. War da nicht was mit der Presselandschaft in der Türkei und Ungarn? Wo bleibt die Diskussion, ob syrische Migranten, die vor den Russen flüchten, den gleichen Status wie Vertriebene nach dem zweiten Weltkrieg haben? Schlesien und Kurdistan bleiben unser!

Die gute Nachricht: Barack Obama startet sein letztes Amtsjahr. Die schlechte: Man kennt den nächsten Präsidenten.

Die gute Nachricht: Die USA haben die Ziele Ihrer Atombomben aus dem Jahr 1956 freigegeben. Die schlechte: Nicht die von 2016.

Die gute Nachricht: Belgiens Atomreaktor Doel 1 hat sich abgeschaltet. Die schlechte: Er wird wieder hochgefahren. Die Gute: Er fährt sich wieder runter. Die schlechte: Er wird…

Die gute Nachricht: Recep Tayyip Erdogan hat konkrete Vorstellungen, wie seine Verfassungsreform enden soll. Die schlechte: Die konkrete Vorstellung.

Gar nicht so einfach, ein Blog zu unterhalten und Optimismus zu verbreiten.

Von Deutschland lernen heißt siegen lernen. Gisela Mota (Linke demokratische Revolutionspartei) hatte als neues Stadtoberhaupt von Temixco der lokalen organisierten Kriminalität den Kampf angesagt. Nach weniger als 24 Stunden im Amt wurde die Bürgermeisterin erschossen. Soviel zu Griechenland und Spanien.

Es ist verdammt schwer, ein Blog zu unterhalten und Optimismus zu verbreiten.

Solange wir aber das Elend der Flüchtlinge brauchen beim Versuch zu begreifen was Elend ist, sprechen wir von Jammern auf sehr hohem Niveau.

unfair

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18 Antworten zu Eine Frage der Wahrnehmung

  1. waswegmuss schreibt:

    Ein hysterisches Lachen hat sich in meinem Hinterkopf festgesetzt.

    Endlosschleife: Öttinger sagt Rechtsstaatsmechanismus auf Englisch.
    Lolek oder war es Bolek; also der das Hirn für beide abbekommen hat; beim Flugzeugabsturz dahingerafft und der überlebende verwechselt Pollenfilter mit Polenfilter.
    Die brachiale Beschleunigung meines C5 I 2.0 Hdi überrauscht mich auch immer wieder.

    Wo wir wieder Lemmy, Hemmingway & Co. wären. Nüchtern? Nie!

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    • pantoufle schreibt:

      Hysterisches Lachen? Das habe ich auch gerade. Der Herr Karl und noch ein Spinner trollen auf Twitter gegen Tilo Jung. Bizarrer ist ein Dialog nicht denkbar (ist ein Dialog mit 140 Zeichen überhaupt denkbar?) »Wenn es von Tilo Jung eine öffentl. Distanzierung von der Propagandaschau gäbe, wäre ich zufrieden.« Tilo hat nämlich Jehova gesagt! Das heißt: Nicht Tilo, sondern jemand anderes. Eine größenwahnsinnige Bazille darf eine »Distanzierung von irgendetwas« fordern und keiner kommt vorbei und haut dem ein paar aufs Maul.
      Twitter muß etwas wunderbares sein:

      OMG! Diese Schmerzen! Lebendiger Nährschlamm. Wie man sieht: Man kann nur verlieren!
      An dieser Stelle sollte man abschweifen. Ich gehe wohl besser wieder in die Dunkelkammer. Nichts hören, sehen oder sprechen. 2016 fängt skuril an. Außerdem ist es so glatt, daß ich nicht mal die Karre vor die Tür bekomme; geschweige denn auf die Straße 😦

      Mit echter Atomkraft! Spannend und todsicher! Ich geh dann mal spielen…

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  2. pantoufle schreibt:

    Hysterisches Lachen? Es hört gar nicht wieder auf.

    »Ich bezweifle allerdings, dass die Apologeten des „neuen Widerstands“ (*lol*), der nicht von ungefähr an Hitlers Schergen erinnert, jemals auch nur eine bewusste Minute mit Goethe oder Thomas Mann verbracht haben. Dasselbe gilt freilich für all die anderen Figuren aus der Politik, den Medien und nicht zuletzt dem Bloggerdorf, das sich gerne das linke Abzeichen anheftet. […]
    Derweil wird, wie Thomas Ebermann das ganz richtig feststellt, die linke Gegenwehr konsequent und gezielt durch Spaltung ausgeschaltet […]«

    Charlie

    Oh, its lonely at the top! Und durchaus gespalten.

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  3. pantoufle schreibt:

    Hysterisches Lachen? … geht in die Verlängerung.

    »Til Schweiger sieht das ganz anders: Er hält die neueste Tatort-Folge für bahnbrechend – und die Kritiker für ahnungslos. Der Filmemacher und Kommissar-Darsteller veröffentlichte auf Facebook eine Art Verehrerbrief an den Regisseur des TV-Krimis, Christian Alvart. Darin attestiert Schweiger ihm, mit der am Sonntag ausgestrahlten Folge „ein Stück deutsche Fernsehgeschichte“ geschaffen zu haben.«
    Zeit.de

    Winter der Größenwahnsinnigen.

    Keinhirnhase: Herr Karl auf Koks, Propagandaschau auf Expressotasse eingedampft, der mit den Satzzeichen tanzt – ich will auch was von dieser Droge!

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  4. waswegmuss schreibt:

    Da hülft nur noch Hysterie.

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  5. pantoufle schreibt:

    Ich liebe sie, die Wissenschaft!

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  6. pantoufle schreibt:

    Wir basteln uns eine nützliche, wenn auch dreiste Lüge

    Der Sicherheit halber mit nochmaliger Wiederholung des Vorgangs und farblich sinnvoller Unterstreichung – was bei den Lesern dieser Behinderten-Blogs sicher richtig ist (am besten vorlesen). Nur stimmen tut es deswegen noch lange nicht:

    Pass nur auf, Bübchen 😉

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  7. pantoufle schreibt:

    All times classic… da war doch was?

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  8. waswegmuss schreibt:

    Ich sag’s ja immer: Januar ist der Sch**ßmonat und nicht der November.
    Daher:

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  9. Stony schreibt:

    Moin Pantoufle,

    Zwecks Entlastung von Zwerchfell und so: Das Magazin für politische (Un)Kultur – aka Cicero (Das hat er wirklich nicht verdient!) – haut was zu Köln/Hamburg raus.

    Triggerwarnung: Eimer (Plural) bereit halten!

    (Das Ding kam mir im Nachgang zum Schrupp-Versuch unter, über den was zu kommentieren ich mir verkniff – im Nachhinein ’ne weise Entscheidung, weil… ach lies einfach das Verlinkte, dann verstehste sicher.)

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    • pantoufle schreibt:

      Nabend Stony
      Ich schreibsel gerade darüber und hatte diese Ungeheuerlichkeit bereits überflogen. Wäre da nicht die leicht gemäßigtere Wortwahl gewesen, hätte man PI oder irgend eine Xgida vermuten können. Aber machen wir uns nichts vor: Das wird Schule machen – das ist nur einer der vielen Startschüsse.

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