Buch des Jahres

mkampf

Simplicissimus, 17.8.1925

Unter den Weihnachtsbaum schafft er es nicht mehr, der Bestseller. Verglichen zu diesem Buch war selbst Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« Blei in den Regalen. Am 1. Januar 2016 läuft das Copyright für Hitlers »Mein Kampf« ab und die Druckerpressen an.

Erscheinen wird des Führers Machwerk mit circa 3700 Anmerkungen, damit der Leser nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Institut für Zeitgeschichte, daß für die Kommentierung zuständig ist, stand vor einer schwierigen Aufgabe:

»Wir drucken das dann praktisch im originalen Seiten-Umbruch. Das entspricht Hitlers erster Auflage. Und hier sehen Sie unsere Fußnoten, die wir um diesen Text herumgruppieren. So daß Hitlers Behauptungen ohne unsere Gegendarstellung nicht zu haben sind. […] Also nichts wäre falscher, als uns da immer in eine Gegenposition zu begeben. Im Grunde ist das ja das klassische demagogische Muster: daß ein Richtiges mit Falschem oder Halbwahrem vermischt wird. Und das macht sozusagen die Überzeugungskraft dieses Gebräus aus.«

Christian Hartmann, IFZ

Das Institut für Zeitgeschichte wird ihre kommentierte Edition auf eigene Kosten in einer Auflage von vermutlich 5000 Exemplaren veröffentlichen. Nicht allein Historiker sind daran beteiligt, sondern ebenso Germanisten, Humangenetiker und Wissenschaftler anderer Fakultäten. Allein das macht dieses Projekt interessant.
Die Wiederauflage des Schinkens ist das, was man allgemein als umstritten bezeichnet und es spricht soviel dagegen wie dafür. Sieht man es aber realistisch, ist diese jetzt erarbeitete Weise der Neuerscheinung sicherlich die angemessenste. Wer das Buch bis jetzt unbedingt lesen wollte, konnte das ohne große Mühe mit ein paar Klicks im Internet oder etwas symbolträchtiger in gebundener Form unter dem Tisch gehandelt. Nicht ganz so einfach zu erwerben wie »Deutschland schafft sich ab«, aber alles andere als unmöglich.

Und der Inhalt des Buches ist ja nicht langweilig. Geschrieben ist es nicht vom »Führer Adolf Hitler«, sondern einer ziemlich trostlosen Figur, die wegen eines äußerst dilettantischen Putschversuches 1924 in einer Gefängniszelle einsaß. Gedacht als Gegenentwurf zum Marxismus (allein darin auf niedrigstem Niveau gescheitert), aber eben auch eine repräsentative Auswahl dessen, was an völkischem und imperialen Gedankengut, sozialdarwinistischen und rassistischen Gedanken zwischen den Trümmern des Kaiserreiches herumlag. Der einzigartige Zufall, daß sich ein heruntergekommener V-Mann zum Jahrhundert-Verbrecher aufschwingt und all das, was er an Verbrechen plant, ungeschönt im Vorfeld offenlegt. Eine Liste an Monstrositäten, die er nur wenig später akribisch abgearbeitet wird. Schon tot, als seinen Handlangern in Nürnberg der Prozeß gemacht wird, steht Hitlers Rolle dabei niemals zur Diskussion: Mastermind, Anstifter in Theorie und Praxis. »Wenn das der Führer wüßte« schwebt nur als Ausdruck der Fassungslosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeiten im Raum, als das Ausmaß der Verbrechen jede Fassbarkeit übersteigt. Hatte dieses Buch wirklich niemand gelesen?

Kann die Demagogie dieses Buches heute noch oder wieder verfangen? Das ist wohl nicht die Frage: Braucht es dazu das Buch zum Nazi oder eine Bibel in jeder Nachttisch-Schublade eines Hotels, um das Christentum am Leben zu erhalten?
Wäre »mein Kampf« ein Youtube-Video, läge der Fall vielleicht anders – vielleicht findet sich ja jemand, der das Machwerk auf 140 Zeichen eindampft.

Die Boulevardisierung der Meinungen hat ein Maß angenommen, daß ausgerechnet von einem Buch die geringste Gefahr ausgeht – selbst von einem Adolf Hitler. Um diesen Namen im Gespräch zu halten, haben Stern, Spiegel und ähnliche Presseerzeugnisse mehr als ausgereicht. Der Mainstream-Nazi des 21. Jahrhunderts hat genügend Auswahl: Wenn man sich nicht auf Facebook ereifert, gibt es genügen Blogs und Interessengruppen um im Netz um Gleichgesinnte zu finden. Zwischen PI und Honigmann, germanischer Medizin und Kosmologelei, Kopp-Verlag und Reichsdeutschen findet jeder irgend eine braune Decke, unter die er schlüpfen kann – eine exklusiv-krude Weltanschauung eingeschlossen.

Und dann wäre da noch die amüsante Frage, ob Hitlers Machwerk überhaupt noch die Bedingungen der reinen Lehre erfüllen würde. Wer wäre da eigentlich das Zielpublikum? Eine Welt 70 Jahre später zwischen Pegida, NPD, autonomen Nationalisten und triebgesteuerten Hooligans – es gibt eben nicht die Nazis, sondern einen weltweiten Faschismus, ein Phänomen, daß in Hitlers Gedankenwelt in dieser Form überhaupt nicht vorkam.
Mit einer Antwort auf diese Frage käme man dem tatsächlichen Problem vielleicht ein wenig näher. Man kann guten Gewissens davon ausgehen, daß diese Wiederauflage wissenschaftlich sauber begleitet wurde – wenigstens bis zum Beweis des Gegenteils. Einen guten Teil dieser Akribie und Arbeit würde man sich allerdings dort wünschen, wo die neuen rechten Theorien und Kampagnen bereits in die Praxis umgesetzt werden: Im Netz und auf der Straße, den Parlamenten. Im einfachsten Fall braucht man dazu nicht einmal Historiker oder Linguisten, sondern schlicht einen Staatsanwalt.

Flatter zum Thema

Titanic

Nein, es gibt heute kein Gedicht am Dienstag. Mir ist heute Prosa.

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27 Antworten zu Buch des Jahres

  1. flatter schreibt:

    Blei in den Regalen“ – köstlich!

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  2. Matthias Eberling schreibt:

    Im Februar habe ich schon ein Best of Mein Kampf gebloggt, das reicht für den eiligen Leser:

    http://kiezschreiber.blogspot.de/2015/02/mein-gott-mein-kampf.html

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    • pantoufle schreibt:

      suum cuique

      Mit etwas Phantasie (normalerweise geht es aber auch ohne) kann man alles verwursten.
      In Deinem Text heißt es:

      »Viele dieser Zitate lassen sich auch heute noch mühelos in eine beliebige Parteitagsrede einbauen, oder? Links wie rechts. Es ist in Hitlers „Mein Kampf“ für jeden etwas dabei, vom Idealismus bis zum Völkermord, von Kindeswohl bis Rassenschande („Verpestung durch Negerblut am Rhein”). Das macht dieses Gift so gefährlich, darum hatten wir es im Giftschrank der Universität verborgen.«

      Das war sicherlich gut gemeint, aber vollkommen wirkungslos wie zu beweisen war. Es ist für Victor Orban vollkommen gleichgültig, ob »mein Kampf« hierzulande legal über den Tresen geht – genau wie für Frauke Petry.
      Der »Giftschrank« ist etwas passives, wo aktives Handeln gefordert ist. Es gibt da auch dieses putzige Gesetz, was bei kleinen Plastikflugzeugen verbietet, ein Hakenkreuz aufs Leitwerk zu kleben. Genau so habe ich mir immer antifaschistische Aktionen vorgestellt! Genau so!
      Und wohin das geführt hat, ist ja bereits anschaulich zu sehen. Eine kleine, zum Teil urkomische, elitäre Clique, die in der Scheinwelt lebt, mittels Verboten und Giftschränken etwas im Zaum zu halten, was längst auf den Straßen tobt.

      Trotzdem aber Dank für den Link. Ich wollte selber aufs »Gesamtwerk« verlinken, habe aber aus verschiedenen Gründen davon Abstand genommen. Einer davon war, daß ich von wenigstens drei Dauerlesern hier weiß, deren Mangel an Intelligenz das verbietet. Und dann muß man das ja verbieten. Weil das hilft ja!

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      • Matthias Eberling schreibt:

        Schön, der Herr Marcel Zech, NPD-Kreistagsabgeordneter in Brandenburg. Aber mit diesen speckigen Hüften hätten sie ihn bei der Waffen-SS nicht genommen ;o)

        Im Internet-Zeitalter kann sich doch sowieso jeder diesen öden Text reinziehen, aber wie du schon richtig bemerkt hast: Das bildungsferne Politprekariat liest keine Bücher.

        Ich hatte im Sommer das Angebot, für eine geplante Neuauflage eines ambitionierten Kleinverlegers als Politikwissenschaftler ein Vorwort zu schreiben. Habe dankend abgelehnt …

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        • DasKleineTeilchen schreibt:

          „Das bildungsferne Politprekariat liest keine Bücher“

          aber natürlich tut es das; das audiobook „meinKrampf“ als morgenlektüre auf der A9 richtung berlin. das wird ein spass.

          mal abgesehen; sarrazin wurde tatsächlich gelesen und nicht einfach als statement sichtbar auf dem kacheltisch in der stube abgelegt.

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  3. waswegmuss schreibt:

    Obiges bitte löschen.

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  4. flatter schreibt:

    Ach komm, dann trage ich auch noch was beiträgiges bei und wage meinen alten Vergleich ‚Original und Update‘. SPDNA wählen!

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  5. pantoufle schreibt:

    Post scriptum: Ich erwäge, das Schweinchen »Schnitzel« als festes Redaktionsmitglied aufzunehmen. Es ist rosa mit kleidsamen blauen Punkten und wenn man draufdrückt, sagt es Oink.
    Das ist immerhin schon mal was! Genau genommen ist es stark druckabhängig: Zwischen weinerlichem Quieken und hysterischen Gegrunze ist eigentlich alles dabei. Man könnte es für die Stimme des Volkes sprechen lassen.
    Oder so etwas in der Art.

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  6. flatter schreibt:

    Wieso fällt mir dazu „Arschloch“ ein? *oinkgoaze*

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  7. pantoufle schreibt:

    OT, aber weil ich bei allen interessanten Themen ja immer zu spät komme: Diese ZDF-Doku über Putin hätten sie wohl gleich in CGI abdrehen sollen. Dann hätte man nicht so viel erklären müssen. Mich als staatlich geprüften Putinisten freuts ja (stalinistisch hämisches Lachen). Aber das sollte doch so klar sein, daß die einem bei so einer Propagandaschmonzette genau auf die Finger sehen… wie kann man nur so blöd sein?

    Viel, viel zu spät 😦

    Bei der Vorgängersendung »Mensch Putin« gabs wohl ähnliche Pannen:
    »Es gab Zweifel an der Authentizität eines Zeitzeugens, der sowohl als Anti-Stasi Demonstrant als auch als Nachbar Putins im Stasi- und KGB-Wohnkomplex in Dresden vorgestellt wurde.«
    Na, das ist doch mal eine Querfront!

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  8. Stony schreibt:

    Semi-OT, kleiner Lacher der mir die Tage unterkam: Glatzenpeer

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    • pantoufle schreibt:

      »Bei 35.000 Gegendemonstranten saßen übrigens in jedem der 45 Busse 777 Passagiere. War ja ganz schön eng …
      In den Bussen gibt es natürlich auch Freibier und man kann direkt dort Sturmhauben kaufen, um sich richtig schön zu vermummen. Kostet nur 4 Euro. Man kann die Hauben aber auch mieten, dann kostet die Haube 2 Euro. Ach, diese Linken, mit Betriebswirtschaft kannten die sich noch nie aus!«


      Bei Odin! Jetzt wird es aber eng für die Gilde der Berufskomiker. Unter diesen Bedingungen ist das Betteln der Rechten nach einer Querfront allerdings verständlich. Dieser Gen-Pool bedarf gründlicher Auffrischung.

      P.S. Ich fand ja den hier auch sehr reizend. Spielt intellektuell in der selben Liga und hat herrliche Kommentare.

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      • Stony schreibt:

        Hör mich uff, wegen der G’schicht hätte ich mir fast ’ne neue Tastatur kaufen müssen! Schier übermenschliche Körperbeherrschung die mich den Kaffee doch schlucken ließ. 🙂

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  9. Hans schreibt:

    „Wäre »mein Kampf« ein Youtube-Video“…

    Ist es doch:

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