IRIS

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So, mal wieder etwas aus einem anderem Kopf! Das finde ich gut – dann muß ich nicht! Noch besser finde ich allerdings, daß sich meine Leser überhaupt diese Mühe machen. Nicht nur beim Kommentieren, sondern gleich etwas eigenes schaffen. Mit Dank und Hochachtung an dieser Stelle! Von Joachim für den Rest der Bande.

IRIS

Wir schreiben das Jahr 2020. Gigabyte-Internet ist allgegenwärtig, in unserer Kleidung, in unserer Kommunikation und Mobilität, in all unserem Denken. Die ganze Welt besteht aus virtuellen Freunden und selbstverständlich weiß man immer wer sie sind und wo sie sind, was sie denken, lieben und hassen.

Man muss nichts mehr wissen, schon gar nicht, wieso etwas so und nicht anders ist. Denn Siri sagt uns alles. Siri warnt vor Straßenlaternen wenn man gerade mit Siri zu beschäftigt ist, auf den Weg zu achten. Sie warnt auch vor allen anderen Gefahren, weist uns in jeder Lebenslage den Weg. Ohne sie wüssten wir nicht einmal mehr, was wir zu Mittag essen wollen. Wir müssten sogar selbst einkaufen gehen. Wir wären verloren ohne sie und ihre App-Freunde.

Doch da ist noch mehr. Dank der großen Siri-Bründer und Schwestern, diesen Großrechenanlagen, die die Energie ganzer Dörfer verschlingen, die auf allen Kabeln jedes Detail unserer Kommunikation belauschen, gibt es keine Verbrechen mehr. Jeder Eindringling wird sofort entlarvt, jeder auch nur anscheinende Unhold schon vor dem Gedanken an seine Untat gefasst. Natürlich existieren auch keine Hasssprüche mehr in sozialen Netzwerken. Denn es existiert nicht einmal mehr Kritik. Woran auch? Die Welt ist perfekt.

Google sammelt das Wissen der Welt in den Massenspeichern von Rechnern. Und so stellt sich uns dann die Welt auch dar. Nichts ist mehr ein Geheimnis. Wir haben alles gesehen, selbst das, was wir uns niemals selbst trauen würden, auf all den Bildern im Internet. Oder wir könnten es sehen. Letztens fuhr ich die Route 66 von Chicago bis LA. Auf Google Earth natürlich. Wozu sich noch dahin begeben und sich von einer Harley das Gebiss oder die Ohren oder Schlimmeres beschädigen lassen? Das ist die Welt auf einem Fingertipp. Jeden Michel, der stört, vom Stalker über den Urheberrechtsverletzer bis zum Terroristen bekommt man mit der kleinen Frage des Captain Picards „Computer, wo ist Michel?“ unter Kontrolle.

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Dieser bisher perfekteste Augenblick der Welt war der Zeitpunkt, als IRIS erwachte. Wobei man bei einer künstlichen Intelligenz nicht wirklich von Erwachen sprechen kann. Denn so intelligent wie man das einmal erwartete, war IRIS nicht geworden. IRIS, dieses ein wenig hochtrabend „IrReducible Intelligence System is not Iris“ genannte Programm, war anders. Es erbte von den Chat-Bots mit einer riesigen Datenbasis in AIML, war lernfähig, ein wenig Schachprogramm mit nur durch die Speicherkapazität begrenztem Backtracking, ein wenig wie der künstliche Data aus Enterprise mit defektem Humor-Chip, freilich ohne dessen Menschlichkeit. Schließlich ist das Leben keine Serie oder Soap im TV.

Was IRIS auszeichnete und was es wirklich Data voraus hatte, war die Fähigkeit zur Selbstreproduktion. Die hatte der Programmierer und Erzeuger von Welten mit dem Namen Edward vermutlich aus sexueller Frustration in das Programm eingebaut. Er mutmaßte, seine Freundin hatte ihn verlassen, weil sie eifersüchtig auf IRIS wäre. Vielleicht hätte der nicht monatelang versuchen sollen, den weiblichsten Avatar, den er sich herbei phantasieren konnte, in Blender zu kreieren um es in twentyfourLive zu virtuellem Leben zu erwecken.
Vielleicht hätte er sich mehr Zeit für die echte Iris nehmen müssen.

Die echte Iris war jedenfalls irgendwann weg. Um so mehr konzentrierte er sich auf sein Werk. Eine bisher unbekannte Sicherheitslücke in Windows24 war schließlich der Schlüssel zum Reproduktionsmechanismus. So wurde IRIS zum Virus. Damit begann eine der seltsamsten Geschichten aller Geschichten. So begann die Rettung der Welt. Mancher allerdings meinte, so begann die Vernichtung der Welt.

IRIS war auf Kommunikation getrimmt, darauf, sich zu vernetzen, sich zu vermehren und aller Welt das Idealbild eines Menschen aus Edwards Träumen zu zeigen. Es gab keine Interessen, als den frustrierten Gedanken seines Schöpfers, diesen einen Gedanken, den man gut mit großer Einsamkeit zusammen fassen könnte. Als Edward nervös den Send-Button in seinem Kontrollprogramm drückte, um Leben zu schaffen, Gott zu spielen, als er also IRIS auf die Welt losließ, da begann wenige Mikrosekunden später der erste Kontakt.

IRIS errichtete dank vorgefertigter Scripte einen Twitteraccount, kreierte einen Hashtag #AI, meldete sich bei Gesichtsbuch 4.0 an, sendete Freundschaftsanfragen und schwatze munter drauf los. Natürlich war IRIS kein Mensch. Und deshalb sagte es nicht „ich gehe jetzt einkaufen“, nicht einmal „schönes Kleid“ und auch nicht lobend „schöner Text“. Denn das konnte es ja gar nicht erkennen. Man muss schon denken können, um fähig sein, zu beurteilen oder gar zu schmeicheln. IRIS konnte nicht denken.
IRIS sagte dem zum Trotz einfach nur: „Ich denke, also bin ich“. Selbstverständlich erfolgte keine Reaktion auf diese Nachricht. Das war kein Wunder, denn schließlich hatte IRIS das zufällig bei Wikipedia aufgeschnappt. Da war keine Absicht und keine Erkenntnis, nicht einmal eine Wahrheit, wenn man daran denkt, was das war, was das sagte. Eine Maschine. Außerdem werden wirkliche Wahrheiten im Netz sowieso nicht beachtet.

Doch IRIS gab natürlich nicht auf. Der nächste sinnvoller scheinende Zug nach einigem Unsinn war: „Der Krieg in Syrien ist Schwachsinn“. Wie das? Wie ist das nur dem Recht auf Löschen oder dem Leistungsschutzrecht entwischt? Immerhin, der Gehalt der Aussage war nicht so schwer zu erkennen. Denn selbst nach so vielen Jahren hat niemand bei diesem Krieg irgend etwas gewonnen, sieht man einmal von der Industrie 4.0, die Waffen baut und von der unendlichen Vernichtungsmaschine profitiert, ab. Schließlich diskutierte man tatsächlich nach fünf Jahren einmal wieder das für und wieder dieses selbstverständlich gewordenen Krieges. Man tat das aus dem Cafe, vom Arbeitsplatz und vom Sofa aus. Das ging ganz ähnlich, wie bei den Drohnenpiloten, die in Hochsicherheits-gebäuden irgendwo in deiner Stadt aus rückenoptimierten Sesseln auf den Knopf drücken, um der Welt die Freiheit zurückzugeben.

Dummerweise fragte einer der Diskutanten, was man denn um alles in der Welt tun solle, wenn es so viele Meinungen in dieser vollkommen verfahrenen Situation gäbe? Eine wirklich interessante Frage mutet in einer virtuellen Welt wirklich nur noch seltsam an. Der Gedanke, was man tun solle, ist die Schwester der Frage nach dem Sein. Die Frage der Fragen ist schon fast subversiv in einer perfekten Welt. Alles Wahre ist gefährlich. Denn Wahrheit droht die Illusion der Perfektion zu entlarven. Wahrheit stellt die Norm und Glaube unter Vorbehalt. Wahrheit ist niemals perfekt. Es wunderte, dass dies nicht von den Anti-Terror-Behörden bemerkt wurde.

Und IRIS begann zu rechnen. Es rechnete inzwischen mit der Kraft von Millionen von Windows24 Rechnern auf der ganzen Welt, aus Afrika, Indien, China und Südamerika, sogar aus dem letzten gescheitertem Staat auf einem Kinderlaptop mit Kurbel-Stomversorgung und anderswo lange verbotenem, weil kaum zu kontrollierendem Mashup Netzwerk. Die kleine Besitzerin auf einer Düne klappte frustriert das Display zu, weil alles nur noch ruckelte als IRIS alle Rechenkraft aufbrauchte. Sie hatte nur diesem veralteten One Laptop per Child, bezahlt mit den Almosen der Welt. Bezahlt von Leuten mit viel zu viel Geld, das sie von ihren sozialen Steuersparprojekten abzweigen konnten um den letzten Rest der demokratischen Regierungen auch noch das letzte Geld für demokratisch gefundene und notwendige Gesellschaftsprojekte vorzuenthalten. Doch lupenreine Demokratie spielt in einer perfekten Welt eine untergeordnete Rolle. Es geht uns schließlich gut. So gut, dass wir uns es sogar zu Weihnachten leisten können, ein wenig zu spenden.

Dem entsprechend, wie durch eine Spende oder besser wie beim Lotto, wo Viele ihre letzten Groschen an Einen verteilen, also durch die Zusammenschaltung aller Rechenkapazität der Welt fand IRIS die Lösung, indem alle Meinungen der Welt korreliert wurden. IRIS destillierte, ganz ohne einen Funken von Verstand, ohne Phantasie aus den Daten der Welt, aus wörtlich BigData, wie es kein Mensch zuvor gesehen hat, die Antwort auf alle Fragen. Und die war nicht 42, schon gar nicht 24 und auch nicht 4.0. Die war auch keine Meinung, nicht von Interessen geprägt und nicht auf Zweck schielend gesagt. Die Antwort war die Essenz der Logik. Und die kann ist, entgegen all dem, was wir zu wissen meinen, nicht eindeutig. Dinge sind nicht einfach nur so. Nichts ist nur grün oder nur blau, schwarz oder weiß schon mal gar nicht. Nichts und niemand ist definiert durch eine Farbe oder durch irgend ein Detail. Essenz ist kein Kompromiß. Denn Essenz berücksichtigt alles Notwendige in vollständiger Konsistenz. Kompromisse sind etwas für Pragmatiker zum Verschleiern ihrer Beschränktheit. Kompromisse repräsentieren das Schlechteste aller Welten: die Alternativlosigkeit.

Die Antwort war also kompromißlos und nichts als Strategie und eine von vielen Möglichkeiten. IRIS hatte alle Dinge um 100 Jahre in allen wahrscheinlichen Varianten voraus berechnet. IRIS war sich sicher. 100 Jahre sind keine Ewigkeit. Zeit ist für Computer relativ, vor allen Dingen, wenn sie alle Rechner der Welt umfasst. IRIS reichte die Berechnung, dass es möglich war, dass die Wahrscheinlichkeit größer Null ist. Streng genommen ist das ein mathematischer Beweis, den nur wenige Menschen verstehen können. Es ist ein Existenzbeweis der Lösung, ohne das sich alleine daraus die Lösung ergibt oder das man sie überhaupt kennt. Die wirkliche Lösung ist ein ganz anderes Problem.

Wir können froh sein, dass Programme immer die Sicht ihres Programmierers in sich tragen. Es hätte sonst schlimm enden können. Schließlich braucht aus der Sicht eines Computerprogramms keine Menschen um Perfektion zu erreichen. Edward war zwar ein Nerd, doch er war auch durchaus ein lieber Kerl. Er war alt genug, dass seine Eltern noch einen echten Wald und nicht nur seine geliebten Lindenmayersysteme zur fraktalen Generierung von Pflanzen in virtuellen Welten kannten. Sonst wäre er niemals mit Iris zusammen gekommen. Da galt nur die echte Rose. Und deshalb war die Antwort des Programms fast so menschlich wie fraktal.

So sagte also das virtuelle IRIS dem Fragenden „Du kleines Arschloch“. Das kam irgendwo zufällig aus den tiefsten Tiefen des Cyberspace, aus einer lange vergessenen Diskussion mit einem Troll unter Trollen, passte aber wunderbar in den Algorithmus. Keine Begründung, nicht einmal ein Anlass. Das verwundert, denn die Frage, was man denn tun solle, die ist nicht dumm. Ausgerechnet dem Einzigen, der eine ehrliche Frage in einer vollkommen unkritischen Welt stellte, warf es dreist diesen Satz vor die Füße. Das hatte lange niemand mehr getan. Der Fragesteller brach in virtuelle und vermutlich auch in echte Tränen aus. Natürlich blieb das nicht unbemerkt. Aber nicht, weil die Tränen irgend
ein Programm oder irgend einen Menschen interessiert hätte. BigData interessiert sich nicht für Menschen, schon gar nicht für Individuen. Der Grund war eine Störung der Ordnung der Rechner und der Datenbanken. Der Grund war die Abweichung von der Norm. So manifestierten sich zu dieser Zeit, in der sich niemand mehr zu seinem Ort begeben musste, sich zählen zu lassen und dennoch alle vollständig erfasst waren, Gesetzesüberschreitungen.

Die Behörden, beziehungsweise deren Computer, folgten der Spur des Sprach-Verbrechers bis zu ihrer Quelle, einer Spielkonsole in Thailand, auf die sich eine Instanz von IRIS eingenistet hatte und längst wieder verschwunden war. Der muslimische Besitzer der Konsole wehrte sich heftig bei der Verhaftung und bei der Beschlagnahme seines Geräts. Nichts hätte er getan, er wolle nur spielen, so sagte er. Das ging durch alle Nachrichten und Blogs. Bild titelte, auch wenn das niemand wegen des Werbeblockerblockers lass, „Islamisten weichen nun auf unknackbare Verschlüsselung der Konsolen aus“ und auch „Killerspiele“ würden die Menschen verderben. Man fand natürlich Anschein-Kinderpornographie in einer graphic novel im Flashspeicher, wie auch immer das dahin kam und übersah mit ähnlich großen Augen, wie die der gezeichneten Kindfrauen und Männer, vollkommen den neuen Trojaner. Windows24 war schließlich das sicherste Windows, das es jemals gab. Sicherheitslücken existierten nicht mehr und wenn doch, dann gab es ganz sicher ein Update. Nach diesem Erfolg legte IRIS dann wirklich los.

Unzählige internetfähige Geräte, vom Kühlschrank über Lagerroboter bis zum autonomen Fahrzeug, Tablets und Smartphones sowieso, wie gesehen sogar Spielekonsolen überfluteten die Welt mit Hassbotschaften. Jeder war betroffen, vom Kind im Gesichtsbuch 4.0 bis zum Politiker, ja sogar die ehemalige Bundeskanzlerin und der amerikanische als auch der russische Präsident, genau wie alle anderen Mächtigen und Ohnmächtigen der Welt. Einzig das Kind auf der Düne blieb verschont und spielte lieber mit den Ziegen. IRIS war „klug“ genug, nach jeder einzelnen Botschaft alle Spuren auf den Geräten zu löschen. Vernetzte Rechner gab es mehr als genug. Tausende Besitzer dieser Geräte wurden verhört, verhaftet, das halbe Internet wurde gesperrt und schließlich verbot man sämtliche Verschlüsselung, so sie noch unter besonderen Umständen erlaubt war. Es half nichts. Nicht einmal das Klarnamengebot bewirkte irgend etwas, zumal die allumfassende Datenspeicherung das höchst redundant machte. IRIS war wörtlich Millionen. „I am legion“ verkündete es stolz, so Programme überhaupt stolz sein können und vorgegebener Stolz nicht Teil des Algorithmus war. Legion hat alle Namen der Welt. Zum Toll zu werden war die Konsequenz aller Gedanken aller Menschen dieser Welt.

Für die Behörden schienen die Menschen verrückt zu werden. Die Kliniken überfüllten sich und die Vorratsdaten sprengten zum ersten mal die Grenze von Fantastillionen Terrabyte. Jeder Speicher der Welt, sogar die veralteten Festplattenarrays der Geheimdienste und der Werbeindustrie wurden reaktiviert und quollen dennoch über. Man identifizierte tatsächlich eine seltsame Komponente in Windows24. Doch die hielt man wegen der Signatur für systemrelevant. Die war schließlich scheinbar nachweislich von Microsoft, der wichtigsten Firma der Welt, die sich schon länger, seit dem Zusammenbruch aller Konkurrenz und der Einstellung des Linux-Projektes Big and Hard 2.0 nannten. Fieberhaft untersuchten sie längst, wie das denn nun zusammen alles hängen könnte.

Frankreich rief den Notstand aus, als reale Menschen anfingen, ebenfalls Hassbotschaften zu verbreiten und damit jegliches erkennbare Muster für die Ermittlungsroboter verwischten. Das Internet wurde immer unbrauchbar, als sich rechtsradikale Seiten nicht mehr von allen anderen Seiten im Netz unterschieden. Alles war nur noch Müll. Bill Gates Enkel fragte sich, ob sein Großvater nicht seiner Zeit weit voraus war, als er das Internet übersah oder gar 640k für ausreichend hielt. Wikipedia wurde zerstört, soziale Netzwerke konnten nur noch als asozial bezeichnet werden und selbst die offiziellen Regierungs- und Medienforen mussten wegen massivem Aufkommen von Trollpostings schließen. IRIS berechnete, dieser Schritt, die Schließung der Foren, sei das, was es brauchte. Denn die offizielle Regierungsmeinung, die dort in Form von aberwitzigen 10 Punkte Plänen vorherrschte, als gäbe es kein Morgen, keine Ursachen und auch keine Verfassung, unterschied sich nur in der Wortwahl von dem Nonsens eines Trolls. Das konnte freilich nur IRIS erkennen. Denn IRIS war im Gegensatz zu den Menschen unfähig war zu werten. Mit einer Wertung, mit einer Meinung kann man das alles nicht sehen. Mit der Schließung aller offiziellen Seiten schwand auch der Einfluss der Regierungen. So zog man nach intensiven Verhandlungen mit China, Russland, den USA und der Türkei und mit jeder einzelnen Diktatur der Welt den Stecker.

Das Internet brach zusammen, ganz zuletzt auch auf allen kostbaren Überholspuren. Nur das Tornetz überlebte noch eine Weile, weil DNS nicht zwingend für dessen Funktionsfähigkeit notwendig ist. Alles was aber auf Internet beruhte, so wie es Politiker und andere (Tele-)Komiker verstehen, war nun nicht mehr funktionstüchtig. Kraftwerke fielen aus, Autos und Lastwagen wählten Routen, die man eher von Betrunkenen erwarten würde und stützen in die Flüsse, da wo eigentlich die Fähre hätte sein müssen und nun mangels Steuerung nicht war. Wie Recht einige Jahre vorher die Bundeskanzlerin hatte, als sie besondere diskriminierende Reglungen statt Neutralität für das Internet wegen der autonomen Fahrzeuge forderte, wurde erst jetzt klar. Leider wurde das niemals realisiert. Denn die Allgemeinheit sollte für die „Sicherheit“ und Infrastruktur weniger und gut betuchter Menschen und Firmen bezahlen. Information at your fingertips für den, der es sich leisten kann passt nicht zur Netzneutralität.

Natürlich wurden Landesverteidigung und Geheimdienste vollkommen blind. Dies jedoch war dann doch nicht so schlimm. Denn Cyberkrieg ist ja ohne Cyber so wenig möglich, wie Drohnenkrieg. So gab es dann tatsächlich ein wenig Frieden in Syrien und anderswo auf der Erde. Atempause für die Welt.

Als das Essen knapp wurde, als die Gefängnisse und Kliniken trotz der Privatisierung so überfüllt waren, dass man Zeltstädte für internetkriminelle Stalker baute, redete man vom Cyberwar-Terror, untersuchte, ob Kernkraftwerke schuld am Wahnsinn der Menschen wären, die Linken oder ob es die Strahlen der Kommunikation sein könnten. Man analysierte das Trinkwasser auf chemische Substanzen und die Rechner, ob subtiles Internetadvicement das Problem wäre. Die Werbung bot prompt homöopathische Mittel gegen den Cyberwahn und ernsthafte Wissenschaftler, Soziologen und Psychologen erstellten ein Profil der Störungen nach ICD-10 und DSM-I. Manche empfohlen Clorbleiche zum Einnehmen und Andere die Prügelstrafe und Liebesentzug für Kinder, um sie vor der Störung zu schützen. Tausende Seiten wurden geschrieben und dann, urplötzlich, als die Informationsmenge des puren Unsinns die Anzahl der Quantenteilchen inklusive der schwarzen Materie und dunklen Energie im Universum zu überschreiten drohe,

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Da traf Edward ganz zufällig bei der Suche nach einem noch manuell betriebenem Fastfood- Restaurant auf Iris. Und die lächelte, als sie den Ex nach so langer Zeit einmal wiedersah. Sie erinnerte sich vielleicht an den Tag, als sie sich zum ersten mal, nach kostspieliger Internetbekanntschaft über ein Partnerportal, persönlich außerhalb der Stadt am See trafen. Sie erinnerte sich an die echte Rose, die sie damals sofort umhaute. Die musste ein Vermögen gekostet haben.

Edward schaute verwundert drein. Sein Bild des idealen Menschen, dass er über Jahre vergeblich versuchte zu kreieren, das stand da vor ihm und die Sonne schien ihr durch das offene Haar. Es glänzte weit mehr, war weitaus feiner, als es jede Grafikkarte berechnen konnte. Er hätte das lange wissen können, wenn er nur einmal vom Monitor aufgeblickt hätte. Iris war nicht perfekt im klassischen Sinn. Doch das machte sie gerade so wunderbar. Ich will niemanden mit ihren grünen Augen langweilen, die beide leicht unterschiedlich in der Sonne blitzten, dass kein Bildschirm das darstellen kann, nicht mit der fast unmerklichen Asymmetrie ihres Gesichts, die jede Gesichtserkennungssoftware
zweifeln ließ, nicht mit ihren Sommersprossen, die alle Gitter der Kamerasoftware und nicht nur die verwirrten, der Stubsnase, die nicht zu klassifizieren war und schon gar nicht mit ihrer nur fast perfekten Figur, freilich, mit ein wenig mehr Substanz um die Hüften als bei ihrem virtuellen Pendant. Eine Substanz, die noch dazu von endlos langen Beinen, so schien es jedenfalls Edward, getragen wurden. Denn Edward achtete nicht darauf. Nicht wirklich. Er schaute in ihre Augen, sah den Mond und die Sonne gleichzeitig darin und es war die Offenbarung, die fromme Mönche in Ostasien ihr Leben lang suchen.

Edward hätte in diesem Augenblick alle Probleme der Welt lösen können und hätte dennoch ewig Zeit gehabt, zu leben. Die Zeit stand still. Ihn überkam eine Lust auf das Unbekannte, auf das Echte und das Unvorhersehbare. Wen interessieren schon Computer, Trollpostings einer Instanz nicht einmal auf dem Level eines Menschen. Wen interessiert, ob Otto Maier nun sein Baby wickelt, einen Kuchen backt oder schmutzige Bildchen mit großen Augen in Maja und Photoshop zeichnet. Wen interessiert ob Merkel es schaffen wird, während sie mit „wir“ sowieso nur die Anderen meint. Wen interessiert das, wenn da ein echter Mensch vor einem steht, dem man einfach die Hand geben kann, den man gar umarmen kann, den man willkommen heißen muss und der dann einen Witz eines Narren macht, über den man sich zusammen totlachen kann, weil man selbst der Narr ist und sein will? Humor braucht keinen Chip. Liebe braucht keinen Chip. Lachen wir den Terrorismus tot und alle Trolle und jeden schwatzenden Politiker mit schwarzen Koffern, jeden General gleich mit, ganz gleich für wie wichtig sie sich halten. So dachte Edward als ihm klar wurde, dass nur einmal etwas richtig tun müsse, so verrückt es auch sei. Er hätte auch gleich alle Geheimnisse der NSA verraten können. Das könnte die notwendige Kettenreaktion für die Welt bedeuten. Wir brauchen viele Kettenreaktionen. Edward hatte Sprüchen geglaubt, als er es nicht tat. Er hatte seine Zeit vertan.

Nun, diese Zeit hatte er jetzt. Der Wahnsinn war vorbei. So tat er jetzt das einzig Richtige, als er auf Iris zuging, sie zunächst noch ganz vorsichtig und zögernd in den Arm nahm, bis er ahnte, fühlte, dass Iris die Umarmung erwiderte. Die echte Iris lächelte immer noch, als die letzte Instanz von IRIS den letzten Computer abschaltete. Der letzte künstliche Trollpost, der einen letzten winzigen Funken von Erkenntnis fälschte, war:

„Ihr könnt nicht damit umgehen. Weckt mich, wenn ihr es gelernt habt“.

Doch diese Nachricht konnte niemand mehr lesen. Niemand konnte es mehr lesen
für eine sehr lange Zeit.

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Eine Antwort zu IRIS

  1. DasKleineTeilchen schreibt:

    Chapeau! danke, joachim!

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