Gedicht am Dienstag (29)

Aus gegebenem Anlass. Und natürlich, um meine unglaublich erfolgreiche Kolumne »das wöchentlich heiß erwartete Gedicht am Dienstag!« endlich weiter fortzusetzen.
Wie üblich wieder altes Zeuch, weil man da nicht so sehr mit Copyright und… na, Ihr wißt schon. Außerdem lese ich so wenig Neues. Bis auf einen, den ich vor ein paar Tagen fand, aber den muß ich erst noch fragen, ob ich ein- oder zwei Kleinigkeiten mal hierherkopieren darf. Mal sehen – vielleicht nächste Woche.

Ja, also Gedichte über den Krieg. Naheliegender wären natürlich Gedichte über den Frieden; wie schön und begehrenswert der ist und auch ein seltener Juwel. Aber den Witz würde wieder kaum jemand verstehen.
Es ist wieder eine Zeit der Hassgesänge. Kindlich naiv wird nun die NPD verboten, aber ihre Lieder singt man bereits überall in den guten Stuben. Der Problembürger ordert seine Duftbäumchen in den Düften »Lindenblüte«, »500€-Note« und »Pogrom« fürs Weihnachtsfest. »Seht Ihr das Lichtlein dort hinter den Tannen?«
Polizei und Feuerwehr sind bereits unterwegs.

Aus alter Zeit. Afghanistan.

Das Trauerspiel von Afghanistan 1859

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
»Wer da!« – »Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.«

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

»Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.«

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: »Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!«

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

»Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.«

Theodor Fontane

Wollte jemand etwas dazu sagen? Nein? Sehr vernünftig.

Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit –!

Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr …

Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Haus die dicken Bäuche.
Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
»Krieg! Krieg!
Großer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!«
Und es starben die andern, die andern, die andern …

Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot –
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?

Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! –
Blut und zermalmte Knochen und Dreck …
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen das alles? Pro patria?

Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt –

Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren. –
Das wäre kein Friede.
Das wäre Wahn.
Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

Kurt Tucholsky

Dazu hätte ich nun wiederum etwas anzumerken. Stichwort »Frieden auf Erden« nach Lukas 2.0 ff.
Luther übersetzte das sinngemäß richtig mit »Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« Die in den 50er Jahren gefundenen Schriftrollen vom Nordwestufer des toten Meeres (Quramrollen) unterscheiden sich vom Luthertext in einer winzigen Kleinigkeit: »… auf Erden bei den Menschen des Wohlgefallens«.
Die von Bruns 1962 revidierte Fassung ist dann schon genauer mit »Herrlichkeit ist bei Gott in den Höhen der Himmel, und Friede auf Erden unter den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat«

Na, grinst schon jemand? Da geht es mitnichten um den Weltfrieden! Das ist sozusagen der kleine Frieden, die Reihenhausvariante. Straße des stillen Friedens 9 – 126a bis zur Badeanstalt oder dem Türkenviertel. Dieser Friede prasselt nur auf diejenigen, denen die jeweiligen Stellvertreter ihren Segen zum Frieden gaben.
Lausig! Ein einziger Buchstabe.

Europa

Schachtelhalme stechen aus den schwarzen Gewässern der Vorzeit,
Pioniere wickeln Stacheldraht darum,
Eine Frau fällt in Krämpfe und schreit furchtbar,
Dann ist es wieder still.
In einem tropfenden Stollen denkt einer an bunte Jahrmarktswagen,
An die Messingspiegel in Waffelbuden
Und an einen Sommertag, da er sich heimlich für zehn Pfennige Bonbons kaufte.
Er wird wieder ganz Kind und schämt sich sehr.
In der Nacht brüllt ein Geschoss auf.
Der im Stollen denkt: Ob drüben auch einer solches im Kopf trägt
Und sich so tief verkriechen muß vor Scham?
Er erinnert sich, daß er seinen Bruder schlug.
Da dehnt er sich weit aus. Fließt durch alle Gräben, Raschelt an allen Verhauen, schüttelt alle Vorwände ab.
An allen Stellen schießt man durch seinen riesigen Leib,
Er muß aus seinem Versteck hervortreten,
Wird sehr herzlich zu seiner Stollentreppe
Und berührt das spärliche Gras mit seinen Händen.
Wie er den ersten Stern sieht, wird er Umarmung
Und will seine Brust zum Reden öffnen –
Das Land ist schwarz und furchtbar stumm.
Man sieht, es will schreien. Vergeblich, Hände schnüren sich darum
Und ersticken. Es bäumt sich und beult
Ganz schwarz und stumm – Echo? –: Europa …
Aus einem Trichter wächst ein Kinderarm. Weiß, ungeheuer.
Irgendwo erschlagen Menschen einen Menschen
– Aus seinem Blut steigt grenzenlos das letzte Signal.

Curt Saemann 1893-1918

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2 Antworten zu Gedicht am Dienstag (29)

  1. Vogel schreibt:

    Etwas Neues, Kurzes für Dich und die Leser hier:

    gute frisur:
    kamm in der rechten
    brecheisen im kopf

    ziehn wir der erde einen scheitel
    (Manfred Enzensperger, Semiopolis, 2002)

    Gefällt mir

  2. waswegmuss schreibt:

    Kümmernisspiele
    Ein dramatischer Entwurf

    a. Mein Herr:
    b. Bitte?
    a. Sie sind verhaftet.
    b. Nein.
    a. Mein Herr, Sie sind verhaftet.
    b. Nein.
    a. Mein Herr, Sie sind verhaftet.
    b. Nein.
    a. Mein Herr, ich werde schießen.
    b. Nein.
    a. Mein Herr, ich werde schießen.
    b. Nein.
    a. Mein Herr, ich werde schießen.
    b. Nein.
    a. Ich hasse Sie.
    b. Nein.
    a. Ich werde Sie kreuzigen.
    b. Nicht.
    a. Ich werde Sie vergiften.
    b. Nicht.
    a. Ich werde Sie Lustmorden.
    b. Nicht.
    a. Denken Sie an den Winter.
    b. Niemals.
    a. Ich hasse Sie.
    b. Niemals.
    a. Ich töte Sie.
    b. Wie gesagt, niemals.
    a. Ich werde schießen.
    b. Das haben Sie schon einmal gesagt.
    a. Also bitte kommen Sie.
    b. Sie können mich nicht verhaften.
    a. Warum nicht?
    b. Sie können midi höchstenfalls festnehmen.
    a. Dann werde ich Sie also festnehmen.
    b. Dann bitte.

    b läßt sich festnehmen und abführen. Die Bühne verdunkelt sich. Das Publikum fühlt sich fälschlich veräppelt und johlt und pfeift. Der Chor schreit: „Dof.“ „Dichter rraus!“ „Son Blödsinn!“

    Kurt Schwitters

    Gefällt 1 Person

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