Mediterrane Diät

Irgend etwas mit unserem Gesundheitssystem ist überhaupt nicht in Ordnung.
»Warten Sie bitte noch einen Augenblick im Wartezimmer« Ich bin für 8:30 Uhr bestellt, jetzt ist es 9:30 Uhr und es müssen noch ein paar Kunden versorgt werden, die nach mir kamen.

Weitere Behandlung erforderlich. Eilt, dringend! Es sind diese großen, weißen Röhren, vor denen man auf eine Bahre geschnallt und dann reingeschoben wird wie das Brathuhn in den Ofen. Zweimal war ich da drin und nun soll ich noch ein drittes Mal…?
»Wir wollen doch ausschließen, daß eventuelle Diagnoselücken vorliegen!«
Nein, das wollen wir nicht. Ich erwarte von hochbezahlten Spezialisten saubere Arbeit. Weiß jemand, was die Betriebsstunde eines solchen Apparates kostet? Nein? Ich auch nicht – ich ahne aber, daß es sehr viel Geld ist.
Außerdem meint er nicht Diagnoselücken. Er meint seine sogenannten Kollegen an der Uni-Klinik. Idioten, Kurpfuscher, Heilspastiker. Jetzt ist er der diensttuende Schamane, sein Wort ist Gesetz und die Röhre gehört einem guten Freund mit eigenem Golfplatz. Seine Praxis wurde von der Hausärztin mit den Worten » normalerweise fünf Monate Wartezeit« angepriesen. Ich beginne zu ahnen, wie es zu diesen Verzögerungen kommen konnte.
»Und hier haben wir noch eine Maschine mit einem roten Blinkelicht. Sehen sie auf die Lampe und glauben Sie fest an ihre Heilung. Wir nehmen auch EC-Karten!«

Früher war alles besser. Da hatte der Herr Doktor einen bunten, bestickten Rock an, Schmucknarben an Gesicht und Oberkörper und konnte stundenlang tanzen. Das moderne Kassensystem läßt Tänze – auch sehr kurze – aus finanziellen Gründen nicht mehr zu und verlagert.
Ärztliche Kunst äußert sich nun vorrangig darin, einen permanenten Eindruck von »Ich habe durchaus noch etwas anderes zu tun und beschäftige mich mit Ihnen aus reiner Gefälligkeit« zu vermitteln. Keine Zeit mehr für Tänze. Statt des geschnitzten Fetisches gammelt nun ein Beutel mit Golfschlägern in der Ecke und Knochen an den Wänden gibt es auch nicht mehr. Dafür Gemaltes aus dem Kaufhaus. Herr Doktor interessieren sich für die schönen Künste.

Der Medizinmann ist in feines Tuch gekleidet, nimmt meine Hände und sagt beschwörend: »Herr Pantoufle: Sie haben Hornhaut an den Fingern! Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«
Er darf. Es ist genau die Frage, die ich seit drei Wochen am häufigsten beantworten muß und es existieren mittlerweile verschiedene Varianten darüber, sie zu beantworten. Die entsprechende Version richtet sich danach, wer fragt. Welche nehmen wir denn heute?

»Nehmen Sie meine Hände und drücken Sie so fest zu, wie Sie können!« Sein Wunsch ist mir Befehl und er entschließt sich ganz schnell, wieder etwas mit irgend einer Maschine zu machen. Dieses Mal mit Saugnäpfen auf dem Kopf und einer Krankenschwester mit sehr schönen Brüsten. Man kann sie beim besten Willen nicht übersehen – wirklich nicht! Es geht nicht! Normalerweise trage Frauen genau dort Stoff, wo hier nur Brust ist. »Sie müssen jetzt ganz, ganz ruhig sitzen bleiben und dürfen sich nicht bewegen!« Man kann über diese medizinisch ausgeklügelten Methoden nicht genug staunen. Es muß eine Art Lügendetektor sein. Gehirnströme messen, während man dem Probanden nackte Titten vors Gesicht hält. Welche organischen Schädigungen versuchen die hier eigentlich zu diagnostizieren? Immer wieder die Frage nach der Bezahlung einer solchen Behandlung. Und warum denke ich die ganze Zeit an Table-Dance? Können sie das aus den Strömen ablesen?

Der Versuch, sich ein Winkelgetriebe für eine Gasturbine vorzustellen, ist nur teilweise von Erfolg gekrönt. Ackerschlepper? Wenigstens den Kittel hätte sie schließen können.
»Ich lasse Sie jetzt für etwa eine Viertelstunde allein«.
Gott sei Dank

»Herr Pantoufle. Ich schreibe Ihnen eine Überweisung an jemanden, der im Besitz einer Röhre ist in die man Sie hineinschieben wird. Sie dürfen sich dort nicht bewegen und es wird Ihnen gut tun. Dann müssen Sie wieder zu mir kommen.«
Vermutlich um eventuelle Diagnoselücken auszuschließen.
»Sie müssen natürlich Ihr Leben ändern! Das Rauchen aufgeben! (ich hatte diesen Satz schon irgendwann einmal gehört) und natürlich auf Ihre Ernährung achten. Olivenöl!«
Eben noch eine weiße Röhre, Saugnäpfe auf dem Schädel und jetzt… Olivenöl. »Zur äußerlichen Anwendung?« frage ich vorsichtig nach.
Nachsichtiges Lächeln. Hornhaut. Der Aborigine hat Hornhaut.
»Nein, statt Sonnenblumenöl. Oder Margarine. Wenig Fleisch, viel Gemüse. Auch gerne roh. Wir nennen es mediterrane Diät. Und natürlich Ausgleichssport… ganz wichtig!«
Pantoufle ist 1,83 Meter lang, wiegt knapp 80kg, klettert und macht Rock’n’Roll. »An welchen Sport hatten Sie denn so gedacht?« Und sag jetzt bitte nicht Fahrradfahren, denke ich leise im Nachsatz hinterher.
Er nennt eine Fortbewegungsart mit zwei Rädern ohne Motor.

Im Wartezimmer lagen die üblichen Zeitungen aus. Autobild, Spiegel-Offline, Locus. Nehmen wir uns doch einmal etwas fürs Herz, dachte ich noch, als mir »Frau im Spiegel« in die Hände fiel. Die haben immer so schöne Diättips, die liest das Pantoufle doch so gerne. »Olivenöl statt Margarine, wenig Fleisch, viel Gemüse – auch gerne roh – und natürlich Ausgleichssport gegen den Stress im Büro. Fahrradfahren zum Beispiel. Natürlich nur mit Helm und den passenden Strampelanzügen!«

Irgend etwas mit unserem Gesundheitssystem ist überhaupt nicht in Ordnung.

Epilog

An Pantoufles Abendtisch sitzen der Kinder Sohn 1 & 2 sowie Tochter 1 & 2 nebst Weib und Katzen. Thema des heutigen Abends: Schamanen, Medizinmänner und ihre Heilerfolge unter besonderer Berücksichtigung von Akupunktur und Placebos. (Pantoufle hatte nicht damit angefangen!)
Nach einiger Zeit kann man sich durchaus darauf einigen, daß auch der historische Medizinmann mit Heilerfolgen aufwarten konnte – mehr noch: In Anbetracht der Schnelldurchgangsversorgung im Zeitalter des Kassenpatienten bieten sich ganz neue, aussichtsreiche Berufsfelder. Zum Beispiel eine Person, die mit Pathos und Überzeugung Diättips aus der »Frau im Spiegel« vorlesen kann. Eventuell unterstützt durch kleine rot blinkende Lampen.

Alle weiteren Arztbesuche sind bis auf weiteres ersatzlos gestrichen. Zum Ausgleich dafür lieber etwas weniger Fleisch, viel Gemüse – gerne auch roh – und viel Bewegung an der frischen Luft. Etwas Lamm wäre noch da und ein guter Rotwein auch. Salat (mit dem guten Olivenöl), danach eine Pfeife und einen Portwein oder Grappa.

Mediterrane Diät eben.

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5 Antworten zu Mediterrane Diät

  1. tikerscherk schreibt:

    Ach Pantoufle, Du hast es gut. Soviel Aufmerksamkeit und dann noch dufte Diättipps, echt mal. Und das Ganze wegen einer kleinen Unpässlichkeit am Morgen.

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  2. pantoufle schreibt:

    Ich will ja nicht sagen, daß alles an dem Besuch mies war. Die kranke Schwester war schon sehr anschaulich, nett und hat nicht im Ansatz kapiert, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Und ja: Ich habe geguckt. Und ja: Ich fand es reizend!
    Nur diese Diättips! Unter Hi-Tec-Medizin stelle ich mir einfach mehr vor.
    Zwei rote Lichter. Das eine links, das andere auf der anderen Seite. Was im übrigen für eine Grippe genau so gilt wie für die finale Krebsdiagnose.

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  3. tikerscherk schreibt:

    Hatte die kranke Schwester auch ein schönes Gesicht, oder erinnerst Du Dich nicht mehr so genau?

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    • pantoufle schreibt:

      Ein zärtliches, nicht mehr so furchbar jung. Lachfältchen, feine Löckchen an den Schläfen, graue Augen, etwas breitere Wangenknochen. Ich hab einen solchen Typus in der Normandie gesehen… hatte was französisches. Den Busen überlasse ich Deiner Phantasie, an die Schuhe kann ich mich jetzt nicht erinnern.

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  4. waswegmuss schreibt:

    Das ist (k)ein Problem für Männer: Auf Augenhöhe.

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