Wir sind das Volk

AKiP_Aufmarsch-der-Bürger-von-Northeim-1.5.1933

Aus gegebenem Anlass und mit großem Danke an alle, die in Dresden gegen pegida auf die Straße gegangen sind.

Am Wochenende hatte der Doctor meine Überlegungen zum Thema TTIP-Demo in Berlin aufgenommen und ein paar wichtige Gedanken hinzugefügt. Offenbar teilen wir die eine oder andere Wahrnehmung: Zum Beispiel Jutta Ditfurths Empöria als intellektuellen Offenbarungseid wahrzunehmen – bei aller Sympathie, die man vielleicht einmal für Ditfurth hat oder hatte.
Warum macht die das?

Das war eines der Dinge, ein anderes die Diskussion, die ich hier vor Kurzem mit meinem verehrten Leser Joachim über Gewalt und Sprache führte – und das Messerattentat auf die Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker.
Das hat nichts miteinander zu tun? (Ach ja: Die Wahlbeteiligung betrug 39,7%, 10% weniger als bei der letzten Wahl 2009. Offensichtlich sind auch Attentate kein geeignetes Mittel, die Beteiligung zu erhöhen.)

»Man wisse auch nicht, ob er einer Partei oder politischen Vereinigung angehöre.«

»Es gebe auch keine Erkenntnisse, daß der Angreifer in einer Partei oder Organisation aktiv sei, sagten die Ermittler.«

»[…] daß er vor 20 Jahren in der Nazi-Szene aktiv war. In den neunziger Jahren habe er sich in der mittlerweile verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) bewegt, zudem habe er regelmäßig an Gedenkmärschen für Rudolf Hess teilgenommen.«

»Nach seiner Festnahme soll der offenbar verwirrte Attentäter seinen Angriff auf dem Weg zur Polizei gegenüber den Beamten mit der Flüchtlingspolitik von Henriette Reker begründet haben […]«

»Laut Polizei hat der Mann, der seit 15 Jahren in Köln lebt, ausgesagt, in der rechten Szene aktiv gewesen zu sein. Diese Zeit reiche bis in die 1990er Jahre zurück.«

…Soll irgendwann auch mal zusammen mit Nazis gesehen worden sein!
Da wird tonnenweise Papier vernichtet, ohne daß auch nur einer sagt: »Das war ein faschistisch motiviertes Verbrechen, begangen von einem gewalttätigen Nazi!« Statt dessen fragt man ernsthaft, ob der Verhaftete zur Zeit konkrete Aufgaben in irgend einer dieser rechten Banden hat.
Worauf wartet man eigentlich? Daß ein NPD-Vorsitzender höchstselbst zu Waffe greift?

»Im Verlauf der 1990er Jahre soll Frank S. mehrere Bewährungsstrafen unter anderem wegen Raub und Körperverletzung gesammelt haben. Im Winter 1997 soll er sogar inhaftiert worden sein.
Frank S. [ Die „Antifaschistische NRW Zeitung“ berichtete 1994 über die Teilnahme von Frank S. an einem Nazi-Aufmarsch „wir trauern um Rudolf Hess“ ] war Anhänger einer verbotenen Nazi-Partei, er nahm an konspirativ organisierten Veranstaltungen teil und soll extrem gewalttätig gewesen sein. Dass er das Attentat auf Henriette Reker aus rassistischen Motiven begangen hat, steht außer Frage. Fraglich ist nun, ob Frank S. noch immer über Verbindungen in die Nazi-Szene verfügte.«

die Ruhrbarone

Mit dieser Botschaft ist man vermutlich dichter an der Wahrheit.

So! Und nun also Dresden. Der Hauptredner auf der Geburtstags-Veranstaltung von pegida, der Autor Akif Pirinçci, sprach davon, daß »KZs, die ja leider derzeit außer Betrieb« seien, die Grünen eine »Kinderfickerpartei« sind und die »Gauleiter [die Politiker] gegen das eigene Volk« eine »Umvolkung« betrieben.
Wer sich die Festtagesreden in voller Schönheit ( Akif Pirincci ca. 1:34:00) antun möchte, kann das auf Youtube nachholen – soll niemand sagen, er hätte nichts davon gewußt.
Diejenigen, die da klatschten und johlten, haben, wie sich das gehört, bereits einen neuen Namen. Der Euphemismus zum Geburtstag (festhalten, hinsetzen, die Reihen und die Augen fest geschlossen): Problembürger!

Lasset uns für einen Moment innehalten.

Schweigeminute beendet; »Die Demonstranten seien keine besorgten Bürger, sondern Problembürger«. »Die Leute, die da heute mitlaufen, können sich nicht mehr darauf berufen, daß ihnen das in den Tiefendimensionen nicht bekannt sei.« Der Historiker Norbert Frei produziert in den Tagesthemen Kandidaten für das »Unwort des Jahres«.

Zum Mordanschlag auf Henriette Reker

»Das Messer geführt haben auch jene „besorgten Bürger“, die Menschen, die aus größter Not und Elend nach Europa fliehen, als „Invasoren“, „illegale Siedler“ und „Asylbetrüger“ beschimpfen. Das Messer geführt haben jene, die die Aufnahme von Geflüchteten als „Asylwahnsinn“ diffamieren. Das Messer geführt haben jene, die lautstark über eine angebliche „Überfremdung“, „Umvolkung“ oder „Islamisierung des Abendlands“ klagen. Das Messer geführt haben jene, die Menschen, die sich für eine Willkommenskultur einsetzen, als „Multikultiideologen“ und „Deutschlandabschaffer“ verhöhnen.«

Pascal Beucker in der taz

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38 Antworten zu Wir sind das Volk

  1. Joachim schreibt:

    Meinte Beucker Seehofer and friends?

    pantoufle, es ist alles richtig, was Du schreibst, auch in dieser Informellen Art. Ich würde das wirklich so bezeichnen. Wir brauchen nicht über rechtsradikale Sprüche zu reden. „Menschenverachtend“ drückt das noch gar nicht aus. Mir fehlt die Sprache.

    Aber das Attentat auf Henriette Reker war nicht nur faschistisch motiviert. Das war ein Irrer. Nun, man kann sagen Faschisten sind Irre und krank im Kopf.

    Was hilft es?

    Bei Krankheiten ist es klug, nach den Ursachen zu suchen und eine Diagnose anzustellen. Möglicherweise kann man so Ansteckung verhindern. Wer war der Krankheitsüberträger?

    Was hat Politik damit zu tun? Was hat eine erbarmungslose Wirtschaft damit zu tun? Und was eine Medien- und Bildungspolitik? Oder was hat die schwarze Null oder die Agenda 2010 damit zu tun?

    Bei „Problembürgern“ könnte man mal unterstellen, man würde sie einfach nicht verstehen. Man könnte ihre Lebenswirklichkeit einmal nachvollziehen und eine „Medizin“ entwickeln.

    Irgendwie benehmen sich die Leute, als sei der menschenfressende Tiger das Böse an sich. Dabei vergessen sie nur, dass sie selbst den Tigerwald abgeholzt haben und ihn auf die leichte Beute trainiert haben.

    Wir haben ein Monster geschaffen. Und nun heulen wir rum und ziehen selbst mit Mistgabeln und Keulen durch den ehemals so mächtigen Wald.

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  2. derda schreibt:

    Interessant die Meinung von P. Beucker. Jeder, der eine andere Meinung vertritt als das öffentliche Narrativ ist ein potenzieller Mörder.

    Nein, dazu fällt mir nichts mehr ein. Sowas würde ich auch nicht verlinken.

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    • pantoufle schreibt:

      »Jeder, der eine andere Meinung vertritt als das öffentliche Narrativ ist ein potenzieller Mörder.«

      Nein,das steht da nicht! Da steht etwas von Zusammenhängen. Man hat sich nun lang und letztlich erfolglos dagegen gewehrt, daß es Zusammenhänge gibt – wenn jetzt Blut fließt,sollte man langsam damit beginnen,Namen zu nennen.

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      • derda schreibt:

        Den Zusammenhang zwischen FAP und Nazi muß man nicht konstruieren. Stattdessen gibts einen Rundumschlag gegen alle die polemische Kritik üben. Das ist schlechter Stil.

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      • pantoufle schreibt:

        […] gibts einen Rundumschlag gegen alle die polemische Kritik üben.«

        Nö.
        Es gibt aber einen Hinweis, daß diejenigen, die »polemisch Kritik« üben, Gefahr laufen, für das, was sie sagen irgendwann verantwortlich gemacht werden zu können.
        Schlechter Stil ist es übrigens, wenn polemische Kritik zu Morden und Brandstiftungen führt.

        P.S. Der Postillion

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  3. waswegmuss schreibt:

    Nicht nur die Rechten sind das Übel sondern die Rechtsverblindung von Politik und Polizei. Denn nur die Untätigkeit des sächsischen Innenministeriums konnte die rechte Szene dort in diesem Maße wachsen.

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  4. Matthias Eberling schreibt:

    Gedankenspiel: Stellen wir uns vor, der Attentäter von Köln wäre ein Salafist gewesen. Wir hätten unseren Reichstagsbrand gehabt …

    Frage: Warum wird in den Medien so ausführlich über die 15.000 in Dresden geredet – aber niemand redet über die 250.000 in Berlin?

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  5. daMax schreibt:

    Der Kölner Stadtanzeiger hat ziemlich sofort von einem „rechtsextremen Täter“ gesprochen und das auch so beibehalten. Aber der kommt auch aus Köln und da positioniert man sich gerne mal deutlich gegen rechts. Eines der Dinge, die hier echt gut funktionieren.

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    • pantoufle schreibt:

      Stimmt! Man muß auch betonen, daß es durchaus Medien gibt, die das Kind klar beim Namen nennen. Meine Kritik bezog sich auf die offizielle Linie und deren Wortwahl ist bisher eher verhalten.
      Problembürger.
      Ich fasse es nicht. Es klingt nach Auftragswortwahl.

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  6. Joachim schreibt:

    Kleiner Hinweis auf http://www.internet-law.de/2015/10/wer-ist-eigentlich-das-volk.html
    und auch auf die darin verlinkten Artikel.

    Vieles da ist korrekt. Doch langsam nervt der Begriff „Volk“. Der ist nicht einmal mehr zur Distanzierung von Populisten, der „neuen Rechten“ und anderen Quacksalbern zu gebrauchen.

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  7. R@iner schreibt:

    Ich empfinde keinen Dank an die, die in Dresden oder anderswo auf die Straße gehen – Im Gegenteil: Aus meiner Sicht sollte man den Mob, also die bürgerliche Mitte, sich so lange aufschaukeln lassen, bis die Polizei, die üblicherweise kein Problem damit hat auf alles auch nur links scheinende einzudreschen, tatsächlich angegriffen wird.
    Es ist doch das letzte, dass ein De Maizière am Ende des Tages seine Freude über die äußern kann, die gegen den Mob auf die Straßen gehen. Als Kriegslist würde ich der Antifa wenigstens ein paar intelligente Leute wünschen, die den strategischen Rückzug anmahnten. Beim Kapitalismus ist der Rassismus immanent im Spiel eingepreist und ich würde mir wünschen, dass das offensichtlich wird.
    Das mag euch hart oder blöd vorkommen. Ich sehe es halt so.

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  8. Thelonious schreibt:

    r@iner, meinst du wirklich, dass deine Nachbarn die Pegidioten mit dem Kapitalismus in Verbindung bringen. „Die demonstrieren doch auch gegen Banken. Das ist doch wirklich antikapitalistisch.“ Das höre ich, wenn ich durch die Straßen laufe und den Leuten zuhöre oder mit ihnen rede. Man könnte glatt meinen, es handle sich bei den Pegidioten um eine sozialistische Vereinigung. Nur eben ein bisschen national.

    Noch brannte hier in der Region „nur“ ein noch nicht fertig gestelltes Flüchtlingsheim. Noch empört das die Leute tatsächlich. Noch sind die Prioritäten hier andere. Was bedeuten die VW-Betrügereien für Daimler oder Porsche. Das interessiert im Moment meine Nachbarn. Sie arbeiten überwiegend in der Autoindustrie und sie wissen, dass ihre Arbeitgeber keinen Deut besser sind. Jeder hier hat in seiner Abteilung einen polnischen, kroatischen, türkischen oder russischen Leiharbeiter. Kein Problem, solange es Bosch und Konsorten gut geht, ist es den Leuten in meiner Straße egal, ob neben ihnen auch noch ein Syrer oder Schwarzafrikaner steht.

    Hier im Ort gibt es ein Flüchtlingsheim. So etwa 50 Leute. Überwiegend junge Männer aus Afrika. Als es im Sommer warm war, standen sie in kleinen Gruppen über das ganze Dorf verteilt immer wieder auf der Straße und klönten und lachten. Noch können sie das. Noch sagen auch die Alteingesessenen: „Des isch doch schee, wenn die so lacha kennet.“ Ein paar Leute haben eine Fahrradwerkstatt gegründet, um den Flüchtlingen mit ihrer Hilfe alte Fahrräder herzurichten, damit sie ein wenig mobiler sind.

    Noch trauen sich die Rassisten, die es hier natürlich auch gibt, nicht aus ihren Löchern. Nur am Stammtisch, da wettern sie. Noch sind nur die Bullen hier überwiegend rassistisch.

    Intermezzo:

    Ich wohne am Rande der sogenannten Umweltzone. Hier darf man nur mit einer grünen Plakette auf der Scheibe herumfahren. Mein damaliges Auto hatte jedoch keine, nicht mal eine rote. Unter der Motorhaube werkelte ein ehemaliger DTM-Motor, dessen Schadstoffausstoß jedem TÜV-Menschen und jedem Steuereintreiber Tränen der Freude über die Wangenlaufen ließ. Das Auto war jedem im Dorf bekannt. Auch dem Bullen, der ein paar Straßen weiter wohnt. Meist stand die Kiste in der Einfahrt, weil der Durst der Krawallschachtel obszön war. Hin und wieder benutzte sie mein Sohn, um ordentlich anzugeben, oder ich, um einzukaufen, wenn die Familienkutsche nicht verfügbar war. Insgeheim waren meine Nachbarn mit ihren E-Klassen, 5er BMWs oder den SUVs neidisch auf mich, wenn sie auch immer fragten, wann ich die alte Kiste endlich verschrotten würde. Kurz, im Ort war es ungefährlich, sich damit zu bewegen. Keiner hätte mich wegen der fehlenden Plakette angezeigt.

    Und so begab es sich, dass ich im Sommer vor einem Jahr Durst bekam und das Bier alle war. Meine Frau war mit dem anderen Auto unterwegs und so fuhr ich mit dem Granada zum Supermarkt. Dieser liegt direkt gegenüber des Flüchtlingsheimes und natürlich gehen die Leute dort einkaufen. Als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich den Dorfbüttel und einen Kollegen, die gerade drei junge Männer aus Afrika am Eingang des Supermarktes kontrollierten. Nicht einfach so, sondern mit Händen auf dem Dach und gespreizten Beinen. Also fragte ich, was die Jungs angestellt hätten und erhielt als Antwort: „Normale Personenkontrolle.“ Auf meine weiteren Fragen, ob sie spinnen würden und nichts anderes, sinnvolleres, zu tun hätten, erhielt ich dann keine Antwort.

    Ich kaufte ein und die Polizei war verschwunden. Bier in den Kofferraum und ab nach Hause. Ein paar hundert Meter weiter wurde ich von den beiden Bütteln kurz vor meiner Einfahrt aus dem Verkehr gezogen. Umweltzone, Plakette und so weiter. Zumindest der eine Sack wusste genau, dass ich noch nie eine gehabt hatte. Bislang hatte es ihn nie gestört. Und nun wollte er mir die Staatsmacht beweisen. So wurde ich zum ersten Opfer des Rassismus im Dorf.

    Intermezzo Ende

    Aber selbst hier, in diesem vermeintlich weltoffenen und friedlichen Ort beginnt es zu grummeln. Die Bewohner fühlen ihre Idylle gefährdet. Was, wenn es nicht mehr nur 50 Flüchtlinge sind, sondern 500 oder 1000? Die bekommen nicht alle einen Job bei Daimler und Co. Dieses Märchen glaubt hier keiner. Die werden auch keine Wohnungen finden, dazu sind hier die Mieten zu teuer. Sie werden eingepfercht in die Flüchtlingsunterkunft, in die örtliche Sporthalle und eventuell noch in die ein oder zwei leer stehenden Häuser im Ort. Das wird Probleme geben. Keine Arbeit, keine Privatsphäre, keine Perspektive. Da muss man schon sehr gefestigt sein, um nicht durchzudrehen. Das sehen die Leute auf sich zukommen. Das hat erst einmal gar nichts mit Rassismus zu tun. Kann aber sehr schnell umschlagen.

    Es ist die Planlosigkeit, die ihnen Angst einjagt und die Gewissheit, dass sie diejenigen sind, die letztlich die Rechnung bezahlen werden. Auf die Idee, dass das alles zu meistern wäre, wenn zum Beispiel Vermögen oder Aktiengeschäfte ordentlich versteuert werden müssten, kommen sie jedoch nicht. Und so werden sie anfällig für die „Lösungen“ von Pegida. Keine Flüchtlinge, kein Problem. So einfach ist das.

    Und genau hier wird pantoufles Kritik auch wichtig. Wir stehen nämlich nicht kurz davor, dass der Kapitalismus zusammenbricht. Wir stehen vor der faschistischen Phase, in der er sich wieder zu konsolidieren gedenkt. Und daher hat deine Idee zwar einen gewissen Charme, ist aber der falsche Ansatz.

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    • Joachim schreibt:

      „Es ist die Planlosigkeit“

      genau das ist es. Es ist die Planlosigkeit der Entscheider. Und es ist deren Einstellung, ihr kurzfristiges scheinbar „ökonomisches“ Denken (beinahe hätte ich gesagt, „als .Ersatz dafür, nichts tun zu wollen).

      Man könnte sagen, rechtsradikales oder faschistisches Denken (im weitesten Sinn) ist eine Art obszöne Faulheit, theoretisch (im Denken, das nur delegiert wird) und praktisch (im „Tun“…)..
      .
      Ich mag falsch liegen. Doch dieser Text gab mir zu denken. Thx.

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    • pantoufle schreibt:

      »Wir stehen nämlich nicht kurz davor, dass der Kapitalismus zusammenbricht.«

      Wir waren selten weiter von diesem Szenario entfernt.
      Worum es bei diesen Spaziergängen der pegida und ihren Kameradschaften eben nicht geht, ist eine Kritik an den wirtschaftlichen Verhältnissen und Machtstrukturen. Wenn sich der Protest gegen die politische Klasse wendet, dann in dem Sinne, daß man die Demokratie als Lebensprinzip grundsätzlich infrage stellt.
      Die Aussage »Das Volk sind wir« steht in diesem Zusammenhang durch die darin enthaltene Exklusion für ein faschistisches Elitedenken und ist Anschluß an rechtskonservatives oder rechtsextremes Gedankengut. Der Sozialdarvinismus, der hier den kleinsten gemeinsamen Nenner ausmacht, hinterfragt nicht einmal im Ansatz die ökonomischen Bedingungen. Den Ruf nach »geregelten Verhältnissen« kann man getrost mit dem Wunsch einer starken Hand, einer autoritären Herrschaft gleichsetzen.

      Eine Trennlinie von pegida, »pro«-Gruppierungen oder ähnlichen Vereinigungen und den klassischen rechtsradikalen Vereinigungen ist nicht mehr auszumachen. Pegida erweitert das Feinbild nur um eine Menschengruppe und es bleibt offen, wogegen man als nächstes auf die Straße geht: Einwanderer, Juden, Muslime, Obdachlose oder Arbeitslose/Hartz4 Empfänger (wobei schon jetzt unklar ist, weswegen man eigentlich demonstriert. Eine islamisierung, die es offensichtlich nicht gibt?) . Damit wäre dann der bruchlose Anschluß zum herkömmlichen Rechtsradikalismus vollzogen.
      Einzig die diffusen und uneinheitlichen Forderungen dieser Vereinigung verhindert im Moment noch eine eindeutige Zuordnung ins rechtsradikale Lager. Verantwortlich dafür ist auch die Fixierung auf Begriffe, die man historisch als klassisch »rechtsradikal« einordnet.

      Granada? Womit kann man den denn menschenwürdig motorisieren?

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  9. Thelonious schreibt:

    Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich teile die von mir zitierten Aussagen nicht. Für mich sind die Pegidioten keine Antikapitalisten, sondern nur gewöhnliche Rassisten und Faschisten. Ich denke, du hast recht, die Verdammten dieser Erde neigen nicht zu emanzipatorischen Projekten, sondern zur dumpfen Selbstentmündigung. Das höhere Wesen, der gute König oder der Diktator, der „etwas für sein Volk tut“, sie sollen es richten. Das wünschen sie sich. Deswegen finden sie Putin toll. Denn sie sind schließlich das Volk. Die einzige Gruppe, der sie sich noch zugehörig fühlen. Nimm ihnen Pass und Staatsangehörigkeit und du zerstörst sie psychisch endgültig.

    Im Stadion sitzt manchmal einer neben mir, der Angst hat, dass ihm der IS den Kopf abschneidet. „Macht nichts“, sage ich zu ihm, „du wirst ihn nicht vermissen. Und der Vorteil ist, du kannst dir das Bier direkt in den Hals schütten.“ Er hält es für einen Spaß. Sonst hätte er mir schon längst eine gezimmert.

    Wir haben immer gewusst, dass es einen gewissen Prozentsatz an Arschlöchern gibt. Bisher war das nicht so schlimm, weil sie sich nicht sichtbar organisiert haben. Sie bekommen Zulauf, weil die traditionellen Institutionen versagen. Manchmal sogar bewusst. Meist jedoch aus Dummheit. Und sie bekommen Zulauf, weil Leute, wie ein de Maizière oder Seehofer ungestraft hetzen und Angst verbreiten dürfen. Schlimmer noch, sie dürfen ihr Desinteresse an gesellschaftlichen Problemen als Beruf ausüben.

    Wissenschaft und Medien haben sich in den vergangenen Jahren zu oft diskreditiert, als dass sie den gesellschaftlichen Diskurs leiten könnten. Diejenigen, die aufgeklärt sind oder sich zumindest dafür halten, sind damit beschäftigt, sich gegenseitig zu dissen. Und so gewinnt die Antiaufklärung an Boden.

    Was den Granada betrifft: 3,4 Liter Cosworth Essex gedrosselt wegen Tüv. Die Kiste war ziemlich umgebaut, deswegen war ein H-Kennzeichen nicht drin. Kein erhaltenswertes Kulturgut nur ein ganz schön heißes Stück Alteisen. 🙂

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    • R@iner schreibt:

      Moin @Thelonius. Von der Generalisierung zu „Faschisten“ würde ich nicht einmal reden wollen. Weitaus differenzierter ist diese Studie der Friedrich Ebert-Stiftung: Vom Rand zur Mitte (pdf, 185 S.)

      Es ist der vielfach besprochene Geist des „autoritären Charakters“, der dazu führt, dass man bei einem Drittel der Bevölkerung davon ausgehen muss, dass Wörter wie „Emanzipation“ und „Selbstbestimmung“ eher Angst auslösen als Gefühle von Freiheit aufkommen zu lassen.
      Alles wie gehabt und vorhersehbar für die, die sich die letzten Jahrzehnte damit beschäftigt haben.

      Gute Zeit!

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      • GrooveX schreibt:

        das problem mit dem autoritären charakter ist halt, dass er bei uns ziemlich üble auswirkungen zeitigt.

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      • Thelonious schreibt:

        Da ich heute meinen Kant-Tag habe: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

        DAs Problem wurde also schon lange erkannt.

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        • pantoufle schreibt:

          Dem ist nichts hinzuzufügen 😀

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          • R@iner schreibt:

            Doch, @pantoufle, das kann man sehr wohl. Damals wurde ja gerade der ganze Schlamassel, in dem wir uns bewegen, weiter im Denken gerechtfertigt und verfestigt.
            Robert Kurz nahm dies z.B. in seinem »Schwarzbuch Kapitalismus« auseinander. (Ich verlinke jetzt nicht auf die leicht auffindbare pdf-Version im Web, weil die gedruckte Ausgabe beinahe doppelt so umfangreich ist und Bücher mit schwarzem Einband einfach irre sexy sind.)

            [..] Auch Kant argumentiert also ganz im Sinne von Hobbes; er bekennt sich hinter der aufklärerischen Fassade zu demselben Ideal des »kläffenden Hundsmenschen«, und ein zeitgenössischer Liberaler wie Ralf Dahrendorf kann diese Passage immer noch mit Behagen zustimmend zitieren (Dahrendorf 1992, 48). Wie alle Ideologen der Modernisierungsgeschichte nimmt auch Kant die vorgefundenen Formen des Kapitalismus, soweit sie sich als negative »Errungenschaften« der Modernität bereits durchgesetzt haben, für das Entwicklungsgesetz der Menschheit schlechthin. Auch er vertritt die eingefleischte Herrenvermutung von der »angeborenen Faulheit« der Massen, die durch den heilsamen Konkurrenzdruck überwunden werden müsse. Gilt Kant bis heute im bürgerlichen Denken als verehrungswürdiger Begründer ethischer Prinzipien der Demokratie, so verrät er selber deren wahren Charakter, wenn er das »moralische Ganze« des kapitalistischen Ensembles aus einer »pathologisch-abgedrungenen Zusammenstimmung« hervorgehen sieht.
            Auch die Vermutung Kants, eine kooperative, im nicht-warenförmigen Sinne genossenschaftliche Produktionsweise würde ihre Mitglieder »zu einem arkadischen Schafsleben einschläfern«, setzt wie bei seinen liberalen Vorgängern jedes »höhere Streben« und jede menschliche Initiativkraft mit der Selbstbehauptung in der Trivialität von Marktbeziehungen gleich. Mut und Tatkraft werden so der marktwirtschaftlichen Banalität ausgeliefert und können nur noch durch die niedrigsten Instinkte mobilisiert werden. Im übrigen sollte der Liberalismus mit der Schafsmetapher vorsichtig sein, denn für die Weltmehrheit hat Marktwirtschaft nie etwas anderes bedeutet, als zur Schafsherde eines irrationalen ökonomischen Ehrgeizes degradiert und regelmäßig geschoren oder abgeschlachtet zu werden.
            Bemerkenswert an Kants Hymne auf die Konkurrenz ist aber vor allem, daß er über die vagen Andeutungen bei Mandeville hinaus nicht mehr bloß ein moralisches Zusammenstimmen von »privaten Lastern und gesellschaftlichen Vorteilen«, sondern so etwas wie ein abstraktes System der Vernunft am Werk sieht, das für sich steht und gar nichts mehr mit Lastern oder Vorteilen zu tun hat. Kants Vernunft ist die monströse Vernunft des Kapitals. Er erhebt sich damit über den bloßen sozialen Paternalismus der Herrenklassen, um als kapitalistische Zwangsgewalt, die »weiß, was für die Gattung gut ist«, die Natur selbst und endlich »die Anordnung eines weisen Schöpfers« geltend zu machen. Hier findet in der Naturalisierung des Sozialen seit Hobbes gewissermaßen eine Umkehrung statt: nicht mehr bloß der kapitalistische Raubaffe des abstrakten Egoismus ist der »natürliche Mensch« und der Markt eine quasi-physikalische Tatsache der menschlichen Existenz, sondern die innere Gesetzmäßigkeit dieses großen Ganzen erscheint als ein einziger großer Plan der »zweiten Natur« jenseits der bloß subjektiven Natur der Menschen, der gewaltige Mechanismus des weltumspannenden Kapitals als ein Werk der »Hand Gottes«, das seinerseits den subjektiven Faktor des »natürlichen« Einzelegoismus lenkt und leitet. Mit anderen Worten: der »gesellschaftliche Vorteil« ist nicht mehr bloß eine zufällig positive Gesamtresultante der vielen kapitalistischen Einzelwillen, sondern gerade umgekehrt sind die vielen egoistischen Willenshandlungen der »vereinzelten Einzelnen« das Resultat eines von göttlicher Vorsehung bestimmten Gesamtzusammenhangs, einer »höheren Natur« des Systems.
            Diese theoretische (und gewissermaßen kapital-theologische) Erweiterung, in der sich die liberale Ideologie systemisch schließt und die doch recht prekäre, bloß (anti-)moralische Rechtfertigung eines Mandeville oder de Sade überwindet, reflektiert den realgesellschaftlichen Fortgang der kapitalistischen Marktbeziehungen von einem Fokus neuartiger Zumutungen zu einem in sich geschlossenen, objektivierten Wahnsystem, das bereits axiomatische Bedingungen gesetzt hat. Die »Anordnung eines weisen Schöpfers« bei Kant erinnert nur zu sehr an die berühmte, sprichwörtlich gewordene »unsichtbare Hand« in der Theorie von Adam Smith. [..]

            Weiter heißt es dann:

            [..] Nun wäre es aber viel zu aufwendig, hinter jeden Menschen einen Polizisten und einen Erzieher zu stellen. Außerdem, wer sollte die Erzieher erziehen? In seiner Doppeleigenschaft als Glücks- und Nützlichkeitsphilosoph entwickelte Bentham einen nachhaltigen Beitrag zur pädagogischen Kostensenkung bei gleichzeitiger Optimierung der Gehirnwäsche. Die Bewachung mußte pflegeleicht und einfach sein; langfristig sollte der Patient Mensch sogar möglichst zu seinem eigenen Bewacher werden. Der selbstregulative Mechanismus des Marktes mußte durch eine selbstregulative Gesellschaft mit selbstregulativen Individuen komplettiert werden. Das ist auch der geheime Sinn des Kantschen aufklärerischen Imperativs, der Mensch solle aus der »selbstverschuldeten Unmündigkeit« herausgehen und »sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen bedienen« (Kant 1985/1783, 55). Damit war nie etwas anderes gemeint, als sich dem kapitalistischen »System der Vernunft« nicht nur äußerlich zu unterwerfen, sondern es zu verinnerlichen, kapitalistisch selbstregulativ zu werden: jeder sein eigener Polizist, Erzieher, Gefängniswärter und Antreiber!
            Auch der auf Kant folgende große Modernisierungsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), der die kapitalistische Weltvernunft zum totalen Weltgeist stilisierte, kann mit einem seiner berühmtesten Sätze auf diesen Nenner gebracht werden: »Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit«; eine wahrhaft liberal züngelnde Aussage. [..]

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  10. Thelonious schreibt:

    Jetzt geht es aber los r@iner. Wir stehen kurz davor hier kantsche Thesen im gepflegten Rotweinumfeld zu zerlegen. Das würde pantoufle so passen. 🙂

    Zunächst einmal mag ich Kant. Wegen seiner Sprache. Im Gegensatz zu Hegel, Marx oder anderen kann ich Kants Sätze oft schon nach einmaligem Durchlesen begreifen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

    Deshalb macht mich dein Zitat auch nicht besonders glücklich. Sicher, die Aufklärung legte den philosophischen Grundstein zum bisherigen Siegeszug des Kapitalismus. Gleichzeitig gab sie uns aber auch das denkerische Werkzeug zu seiner Überwindung an die Hand. Das lässt Kurz etwas unter den Tisch fallen.

    Und daher erinnert er mich ein wenig an John Cleese in dieser Szene (ab etwa 0:40):

    Kurz kritisiert Kant aus marxistischer Sicht. Damit wird er Kant meines Erachtens nicht gerecht und bekommt dadurch einiges in den falschen Hals.

    Wir beide brauchen keine Religion und denken darüber nach, wie die Welt verändert werden kann, damit es den Menschen im Hier und Jetzt besser gehen kann. Das ist nicht Kants Denkansatz. Kant ist ein überaus christlicher Philosoph. Das Jenseits ist für ihn wichtig.

    Kants Denkwelt wird von Transzendenz und Metaphysik bestimmt. Der Schlüsselbegriff ist dabei Erlösung. „Die Erlösung aus der Unwissenheit …“. Damit ist nicht nur die weltliche gemeint, sondern vor allem die geistliche. Da ist er noch ganz ein Kind seiner Zeit. Wenn er von der „göttlichen Hand“ schreibt, so ist dies tatsächlich wörtlich zu nehmen. Das ist seine christliche Tradition und etwas anderes als „die unsichtbare Hand des Marktes“ eines Adam Smith.

    Das Primat in Kants Denken ist die Erforschung des „göttlichen Willens“. Nicht die Ökonomie. Sein Vernunfbegriff ist ein anderer als unserer. Gott gab dem Menschen Vernunft, um eine gottgefällige Welt zu schaffen und dem Menschen den Weg ins Paradies zu zeigen. Das ist jedoch im Jenseits. Deswegen fängt er mit dem „arkadischen Schafsleben“ nichts an.

    Der Mensch flog aus dem Paradies, um künftig im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu verdienen. So ungefähr steht es in der Bibel. Das zieht Kant nicht in Zweifel. Im Gegenteil Der Mensch darf kein Paradies auf Erden schaffen, denn das widerspricht dem göttlichen Plan und damit der Erlösung.

    Faulheit führt direkt in die ewige Hölle. Der Mensch muss schwitzen, um zu leben und dann Erlösung zu finden. Das ist die protestantische Arbeitsethik. Der Kapitalismus hat sich diese angeeignet. Allerdings den Schluss weggelassen, den um Erlösung geht es ihm nicht.

    Natürlich ist das reaktionär. Religion ist im Kern immer reaktionär. Aber es geht Kant nie um die Schaffung materieller Werte um des Wertes willen. Kant ist kein Kapitalismusprediger, denn sein Denken kreist nicht wirklich um die reale Welt. Für den späteren Missbrauch seiner Schriften kann man den Immanuel wirklich nicht verantwortlich machen.

    Noch kurz zum kategorischen Imperativ. Die Darstellung von Kurz ist da sehr treffend. Nur sieht er den Zweck falsch.

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    • R@iner schreibt:

      @Thelonius: Die Hoffnung, die Ratio möge als ordnende Instanz universellen Charakters den Platz einer glaubensgebundenen Moral einnehmen und so den Weg zum Frieden ebnen, hat sich nicht erfüllt. Die Forderung, den Subjekten einer Gesellschaft ein bestimmtes Denken abzuverlangen, kann als totalitär interpretiert werden. Ob sie – die Forderung – außerdem überhaupt zur Emanzipation des Subjekts führen kann, das ja dem Aufruf folgen soll, selbreflektierend das Objekt in sich zu stärken und so die niederen Triebe zu kontrollieren, kann bezweifelt werden.
      Ich glaube, dass Kurz hier nicht ganz falsch liegt und behaupte, ohne es nachgeprüft zu haben, dass er sich z.B. auch an den Auslassungen der „Dialektik der Aufklärung“ orientierte.

      Adorno/Horkheimer meinen ja auch, dass

      [..] Die Morallehren der Aufklärung zeugen von dem hoffnungslosen Streben, an Stelle der geschwächten Religion einen intellektuellen Grund dafür zu finden, in der Gesellschaft auszuhalten, wenn das Interesse versagt. Die Philosophen paktieren als echte Bürger in der Praxis mit den Mächten, die nach ihrer Theorie verurteilt sind. Die Theorien sind konsequent und hart, die Morallehren propagandistisch und sentimental, auch wo sie rigoristisch klingen, oder sie sind Gewaltstreiche aus dem Bewußtsein der Unableitbarkeit eben der Moral wie Kants Rekurs auf die sittlichen Kräfte als Tatsache. Sein Unterfangen, die Pflicht der gegenseitigen Achtung, wenn auch noch vorsichtiger als die ganze westliche Philosophie, aus einem Gesetz der Vernunft abzuleiten, findet keine Stütze in der Kritik.
      Es ist der übliche Versuch des bürgerlichen Denkens, die Rücksicht, ohne welche Zivilisation nicht existieren kann, anders zu begründen als durch materielles Interesse und Gewalt, sublim und paradox wie keiner vorher, und ephemer wie sie alle.
      Der Bürger, der aus dem kantischen Motiv der Achtung vor der bloßen Form des Gesetzes allein einen Gewinn sich entgehen ließe, wäre nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch – ein Narr.
      Die Wurzel des kantischen Optimismus, nach dem moralisches Handeln auch dort vernünftig sei, wo das niederträchtige gute Aussicht habe, ist das Entsetzen vor dem Rückfall in die Barbarei. Sollte, schreibt Kant im Anschluß an Haller[108], eine dieser großen sittlichen Kräfte, Wechselliebe und Achtung, sinken, »so würde dann das Nichts (der Immoralität) mit aufgesperrtem Schlund der (moralischen) Wesen ganzes Reich wie einen Tropfen Wasser trinken«. Aber die sittlichen Kräfte sind ja Kant zufolge vor der wissenschaftlichen Vernunft nicht weniger neutrale Triebe und Verhaltensweisen als die unsittlichen, in die sie auch sogleich umschlagen, wenn sie anstatt auf jene verborgene Möglichkeit auf die Versöhnung mit der Macht gerichtet sind. [..]

      Ich muss an der Stelle dringend hinzufügen, dass ich kein Geisteswissenschaftler bin. Erst seit ein paar Jahren beschäftige ich mich etwas tiefer mit der Gedankenwelt der (modernen) Philosophen. Auf keinen Fall möchte ich den Eindruck hinterlassen, einem Flatter von Feynsinn, Klaus Baum (Notizen aus der Unterwelt) oder ein paar exzellenten Kommentatoren in den Blogs dort, das Wasser reichen zu können.
      Mit der Zeit hoffe ich nur, meinem früheren „gefährlichen Halbwissen“ ein paar Elemente hinzufügen zu können, die mich besser verstehen lassen, warum die Welt so ist, wie nun einmal ist.

      Danke vorerst für das nette Gespräch und ein angenehmes oder – je nach Gusto – revolutionäres Wochenende.

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      • Thelonious schreibt:

        r@iner: Das Schöne an Interpretationen ist – dass es eben nur Interpretationen sind. Keine Wahrheiten. Wir fahren unsere Argumente auf, wägen ab und kommen zu Schlüssen. Jeder für sich.

        Kant lässt sich nicht verifizieren, nur interpretieren. Und wenn ich ihn hier ein bisschen in Schutz nehme, dann nicht, weil ich die Kritik an ihm für gänzlich falsch halte, sondern weil sie mir in diesem Fall nicht weit genug geht. Das Gewissen ist Kants Gottesbeweis. Und der Mensch soll seinem Gewissen gemäs handeln. Der Kapitalismus ist jedoch gewissenlos, und zwingt den Menschen gerade entgegen seines Gewissens zu handeln. Hier klafft also ein Widerspruch.

        Natürlich kann ich sagen, das Gewissen entsteht aus gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Ist also mehr oder minder ein kulturelles Konstrukt. Deshalb wandelt es sich auch. Kant hätte dem aber widersprochen, denn für ihn war das Gewissen eine feststehende Eigenschaft des Menschen. Es macht ihn gerade erst dazu. Der kategorische Imperativ entsteht erst aus diesem unverrückbaren Gewissen.

        Den modernen Kapitalismus hätte er also aus dieser Sichtweise heraus nur ablehnen können.

        Kants Menschenbild war vormodern, das ist vollkommen richtig. Wie sollte es auch anders sein, schließlich hat er fast sein ganzes Leben in Ostpreußen zugebracht. Ein Voltaire oder ein Rousseau waren viel weiter. Und selbstverständlich scheiterte Kant an der Erklärung der Zustände. Für mich ist er deshalb spannend, weil er auf der einen Seite nocht tief im vormodernen Denken verhaftet war und andererseits neue revolutionäre Denkansätze hervorbrachte.

        Und das mit dem Wochenende. Ich sollte mir mal wirklich Gedanken über meinen Lebensstil machen.

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        • Joachim schreibt:

          Ich finde schon, dass man Kant verifizieren kann. Abgesehen davon, dass Kant widersprüchlich sein könnte (ha, eine Formulierung, die mir den Nachweis erspart), ist es wie immer:

          Es kommt auf die Axiome und Definition von Begriffen an.

          Ein Beispiel: Dein Axiom scheint mir: „Kapitalismus ist jedoch gewissenlos“.

          Man könnte genau so argumentieren, dass Kants kategorischer Imperativ, immer das objektiv Richtige zu tun, genau diese Gewissenlosigkeit verhindert. Wenn Du natürlich gewissenlosen Kapitalismus voraus setzt, dann hast Du nicht Kant widerlegt. Dann hast Du nur widersprochen, ohne den Beleg zu liefern. Du hast eine schwache Begriffsdefinition mit einer schwachen oder gar „unfairen“ Argumentation ausgenutzt.

          Zu billig also. Ansonsten, ich bin vollkommen bei Dir – so weit meine „Fähigkeiten“ das überhaupt zulassen.

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          • Thelonious schreibt:

            Joachim: Nichts liegt mir ferner, als Kant zu widerlegen. r@iners und mein Disput drehte sich um die Frage, ob man Kant als einen geistigen Wegbereiter des Kapitalismus bezeichnen kann. Die Antwort darauf lautet: „Das geht.“ Und jetzt kommt mein „aber“.

            Kant ging es nicht um die Rechtfertigung des Kapitalismus, der war ihm herzlich egal. Seine ideale Gesellschaft wurde durch die Vernunft und das Gewissen regiert, nicht durch die Ökonomie. Natürlich war diese Vernunft eine bürgerliche, doch sie war im Gegensatz zum Gewissen nicht unabänderlich. Vernunft veränderte sich für Kant mit jeder neuen Erkenntnis.

            Deswegen ist für ihn auch Gesetzesverstoß legitim, wenn er von der Warte einer erweiterten Erkenntnis aus erfolgt. Ein Verstoß gegen die Moral, oder eher das Gewissen jedoch nicht.

            Dem Kapitalismus hingegen sind Vernunft und Gewissen egal. Dafür kann man sich nichts kaufen. Dem Kapitalismus geht es ausschließlich um die Generierung von Kapital. Alles andere ist Beifang. Das heißt nicht, dass der Kapitaleigner nicht auch vernünftig oder moralisch handeln kann. Er muss es aber nicht und wenn seine vernünftige und moralische Handlungsweise dem Gewinn im Wege steht ist sie in dieser Logik falsch. Das hätte der gute Kant nicht mitgemacht.

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          • Joachim schreibt:

            Dann könnte man auch die Aufklärung als Wegbereiter zum Kapitalismus sehen. So funktioniert das nicht. Kant formulierte die Kritik an der reinen Vernunft. Was Du Gewissen nennst, falls Du eine Entscheidungsinstanz meinst, entspringt mehreren Quellen (Anschauung, Verstand und Vernunft).

            (… hier „verwende“ ich die Gauss Methode, die den Weg zu einer Erkenntnis versteckt und nur die Ergebnisse übrig lässt . Es fehlt viel Text hier. Ich hätte gerne Sartre hier diskutiert…)

            Ist Kapitalismus nach Kant gut oder schlecht? Kant sagt „MU“ und gibt eine Art Nicht-Antwort.

            Gut ist, was letztlich vernünftig, ich würde sagen „logisch“ ist. Es ist nicht logisch Menschen zu versklaven und Produktionsmittel als Machtinstrument zu missbrauchen. Denn das entspricht keinem allgemeinem Gesetz. Wer ausgebeutet wird, der akzeptiert das nicht.

            Es ist aber vernünftig, Dinge zu produzieren, Mehrwert zu schaffen, etwas zu erreichen und die Welt besser zu machen. Denn Kants Sicht würde komplett zusammen fallen, wenn es keinen Sinn machen würde, weiter zu kommen. Man nennt das Fortschritt. Ein besseres Leben könnte durchaus allgemeines Gesetz sein.

            Die Frage ist also, was Kapitalismus denn überhaupt ist, bevor man fragt, ob Kant Wegbereiter des Kapitalismus sein könnte. Kant meint (so ungefähr), dass wir die Ordnung der Dinge selbst in sie hinein legen und damit überhaupt erschaffen würden. Wenn das so ist, dann könnte es mehrere Ordnungen geben. Etwa die der Produktionsmittelbesitzer und die der Arbeiter. Hier kommt Deine Aussage ins Spiel, Vernunft veränderte … mit jeder neuen Erkenntnis. So wie ich das verstehe, akzeptierte Kant hier letztlich kein sowohl als auch (?). Eine Entscheidung sei immer möglich (mein Hinweis auf Sartre). Aus meiner Sicht ist das der Punkt, wo Kant an eine Grenze stößt.

            Fakt ist nach Kant, dass ein Turbokapitalismus nicht allgemeines Gesetz werden kann. Das spiegelt sich in unseren Gesetzen wieder. Kartelle und Monopole sind verboten. Doch Kant kümmerte sich nicht um abstrakte und schwammige Begriffe. Im Gegenteil, er definierte Vernunft und Erkenntnis, richtig und falsch. So gesehen war Kant der Kapitalismus egal. Ganz zurecht.

            Kurz, die Antwort auf die Diskussion ist „MU“. Das meinte ich mit „so funktioniert das nicht“. Das war keine Wertung. Das war Kritik im Sinn Kants.

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  11. der Doctor schreibt:

    Moin
    die letzten tage krank das Bett gehütet, aber jetzt wieder auf dem Damm.Viel gibt es ja nicht hinzu zu fügen.Da gibt es ja die Leute ,die sagen,nicht alle ,die bei PEDIDA-Demos mitlaufen wären rechts.Nun ,dann sind sie aber zumindest strunzblöd, denn schon die Bedeutung des Kürzels PEGIDA muss einem die rechte Intention dieses Vereins klar machen, und ein paar Klicks im Internet ,ein bisschen Recherchieren zeigen den sehr rechten Hintergrund der Organisatoren auf.Ähnlich wie das Lesen von Blogs,ersetzt auch die Teilnahme an solchen Demos nicht den Einsatz des eigenen Verstandes und das selbstständige Denken.
    Was Pirinci angeht, der wäre besser bei seinen Katzen geblieben, als sich mit Politik zu beschäftigen.Er ist ja seit längerem auf einem ziemlich wirren Trip.Habe einmal Teile eines Interviews im Fernsehen von ihm gesehen.Ich finde es nur merkwürdig, das man solchen Leuten und ihrem wirren Hass-erfülltem Gefasel ein öffentliches Forum bietet.Es ist allerdings auch auffällig, das die PEGIDA-Demos in unseren Medien ausgewalzt werden, während die Anti-TTIP-Demo weitgehend tot geschwiegen wird.Wobei sich einige dieser Journalisten doch fragen müssen, ob ihnen beim Vergleich mit dem,was da in Dresden war, ihre Rechts-Vorwürfe gegen die Anti-TTIP-Demo nicht selber lächerlich vorkommen.
    Schönes Wochenende noch

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Doctor

      Ja Mönsch! Hoffentlich alles wieder gut, wünsche ich!

      Stimmt schon: Nur weil bei den pegida-Trollen der »normale Bürger« mitläuft, muß man mit dem noch lange nicht diskutieren. Die soziale Herkunft der Vertreter adelt den Zweck dieser Übung in keinster Weise. Ach, schon wieder ein Asylantenheim abgefackelt? Er oder sie oder es war es nicht? Na macht ja nichts. Es können nicht alle gewalttätige Terroristen sein! Aber mitgeloffen sind sie dann schon, die braven Bürger.
      Da gibt es nichts mehr zu diskutieren. Besorgt, aber dumm wie Weißbrot.

      »Wobei sich einige dieser Journalisten doch fragen müssen, ob ihnen beim Vergleich mit dem,was da in Dresden war, ihre Rechts-Vorwürfe gegen die Anti-TTIP-Demo nicht selber lächerlich vorkommen.«

      Das sind ja nicht nur die Journalisten. Bei denen wäre das ja noch aus einer berufsbedingten Blindheit und dem Hinterherlaufen der allerletzten Schlagzeile zu erklären, wenn auch nicht unbedingt zu entschuldigen. Daß aber eine mehr und mehr vertrollte Netzgemeinde nichts besseres zu tun hat, als jeden Schritt und jede Äußerung auf die Einhaltung der reinen, einzig wahren Lehre zu überprüfen (wobei sie naturgegeben immer durchfallen muß) nervt langsam wirklich. Auffallend finde ich dabei, daß man dem vorgeblichen politischen Gegner des rechten Lagers weniger energisch widerspricht als einem wenigstens grundsätzlich auf der selben Seite stehenden.

      Du hast Dich auf Deinem Blog ja eingehend zu Akif Pirincci geäußert (ich kannte den gar nicht, außer ein paar politisch indiskutablen Äußerungen. Katzenbücher? Nicht so mein Ding)
      Natürlich darf man »Blödsinn reden« nicht mit totalem Berufsverbot ahnden. Ob das jetzt undemokratisch wäre… darüber müßte man diskutieren. Man kann es aber auch anders sehen: Ein Komiker, der nicht komisch ist, bekommt keine Auftritte. Das ist kein Berufsverbot, sondern die Wechselwirkung zwischen Angebot und Nachfrage. Auch ist es einem Verlag oder einer Buchhandlung gestattet, ihrer Meinung nach indiskutable Bücher aus dem Programm zu nehmen. Auch das ist kein Berufsverbot, sondern ebenfalls eine freie Meinungsäußerung.
      Dein Beispiel, daß dieses Schicksal an Sarrazin vorbeiging, ist natürlich vollkommen richtig. Den hätte man erst recht… Und darin liegt eine Ungerechtigkeit.

      Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut! Eines, daß man auch missbrauchen kann. Wenn man sie missbraucht – und Pirincci hat das meiner Meinung nach getan -, muß man mit Reaktionen rechnen. Nicht alles, was um Mitternacht am Stammtisch gerade eben so durchgeht, gehört auf eine Rednertribüne. Und wenn ein Autor diese Regel missachtet, darf er sich über abnehmendes Interesse an seinen Katzenbüchern nicht wundern.

      »Es geht um den völligen Boykott seiner Bücher, selbst der inhaltlich unbedenklichen Felidae-Romane,das seine Verlage nichts mehr von ihm drucken wollen.«

      Das ist eigentlich ganz witzig: Ich habe das Beispiel mit dem von mir eigentlich hochverehrten Knut Hamsun, dessen Werk ich sehr schätze. Aber jedesmal habe ich bei der Lektüre im Hinterkopf, als was für ein rabiater Faschist er sich während der Zeit des Nationalsozialismus herausstellte. Ich hätte Verständnis für jeden Verlag, der seine (inhaltlich unbedenklichen ) Bücher nicht verlegen mag.
      [die nächste Ungerechtigkeit: Natürlich liegen literarisch Lichtjahre zwischen Knut Hansun und Sarrazin und Pirincci]

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      • Joachim schreibt:

        „jeden Schritt und jede Äußerung auf die Einhaltung der reinen, einzig wahren Lehre zu überprüfen“ ist ein Stichwort, auch wenn Du das nicht magst.

        pantoufle, was ist wenn sich ein Mensch einmal irrt? Was ist, wenn intellektuelle Fähigkeiten einmal nicht ausreichen sollten? Reicht Distanzierung? Vielleicht sogar präventiv? Bedenke die Konsequenzen.


        Zu Pirincci: es ist mir herzlich egal, ob seine Bücher verlegt werden oder nicht. Viele Bücher werden nicht verlegt. Was aber ein Hammer ist, Dinge von sich zu geben, die deutlich an Bücherverbrennungen erinnern.

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        • pantoufle schreibt:

          Moin Joachim

          »Was ist wenn sich ein Mensch einmal irrt?«

          Dann lese ich weiter Hamsun, auch wenn er schrecklich geirrt hat und auch nach dem Ende des Krieges fröhlich weiterirrte. Da gibt es viele Beispiele. Zu Beginn des ersten Weltkrieges entpuppten sich einige der kritischen Geister als böse Hurra-Patrioten.

          Wenn Du aber die pegida-Horden meinst, die bald sengend und federnd durch die Straßen marschieren: Nach denen wird niemand mehr fragen. Ich nicht, Du nicht und schon gar nicht die Geschichte. Endpegidasiiert oder wie das am Ende heißen wird. Mitläufer dritten Grades.

          Mit der großen Horde kann man nicht diskutieren. Da pfeift ein Leithammel und dann laufen sie alle dorthin. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und wir stehen am Beginn der großen Invasion durch das, was einmal die dritte Welt war. Dann haben die recht, es wird natürlich weiter zu »Übergriffen« kommen – ja, und natürlich wird auch etwas Blut fließen – , aber auch dann habe ich nur die Wahl zwischen einer selbst erfüllenden Prophezeiung und der Nutzlosigkeit, mich dagegen zu stemmen.

          Da gehe ich lieber das Risiko ein, mich zu irren.

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          • Joachim schreibt:

            Du verstehst (mich) nicht. Es geht nicht darum, dass Du Dich irrst. Du irrst nicht.

            Es geht darum, dass Andere sich irren. Es ist vollkommen klar, dass man rechtem Gedankengut etwas entgegen stellen muss. Auch einem Seehofer muss man was entgegen stellen. Zum Beispiel, dass zwischen seinen Aussagen und dem was Bayern tut ein erheblicher Widerspruch besteht.

            Nur, angenommen Seehofer meinte es „ehrlich“, kein Kalkül und keine Angst die absolute Mehrheit zu verlieren, was dann? Nur mal angenommen, ich redete mit dem, so bei einem Bier. Wenn ich sagte, „He Du Arsch“ und der wirklich ein Bayer wäre, na dann würden wir das Mann zu Mann austragen. Oder?

            Und wenn meine Annahme nicht stimmen würde, er sei ein „Netter“, Du glaubst doch nicht, dass ich so platt wäre? Wilder Westen?

            Wie stellst Du Dir das vor? Ich habe Ärsche gesehen, „Rocker“ (sogenannte böse und in dem Fall Kriminelle, eh nix gegen echte ™ Rocker und Kutte) und Dinge, die ich lieber nicht erzähle. Eines ist mir klar geworden. Die Menschen, die wir aufgeben, die sind verloren. Die sind an Nazis, Populisten und an Verbrecher verloren. Diese verlorenen Menschen sind die, die dumpf mit marschieren.

            Dein Risiko, Dich zu irren, das schafft Tatsachen. Mein lieber Freund, wir sind es, die es verkackt haben. Weil wir wider besserem Wissen – WEIL WIR UNS NICHT IRRTEN UND WEIL WIR RECHT HABEN – handeln.

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  12. pantoufle schreibt:

    @Joachim

    Ich denke, ich verstehe Dich sehr gut. Aber es gibt für alles einen richtigen Moment sowie einen falschen. Wenn sie da alle entlangtrampeln und ihre hohlen Parolen skandieren, ist kein Reden. Das muß kritisiert werden, das muß als das betrachtet werden, was es ist: Warmlaufen zum Faschismus. Und jeder, der da mitläuft, trägt seinen Teil der Verantwortung an dem, was passiert und was passieren kann.
    Es gibt in dieser Herde keinen Individualismus, kein Exemplar, dem ein Verständnis gelten könnte. Es gibt die wenigen an der Spitze, deren Gesichter sich einprägen und die, die strauchelnd am Straßenrand liegenbleiben. Man kann Ernst Röhm bedauern, wenn man das unbedingt will.

    Es ist etwas anderes im Kaffee, der Kneipe oder am Zaun zum Nachbarn. Dort findet sich vielleicht auch ein richtiger Moment, jemanden nicht zu verlieren. Wenn sie noch nicht marschieren. Die, die da marschieren, tun das nicht, weil ich ihnen nicht zugehört habe oder nicht genügend wohlwollende Aufmerksamkeit widmete. Man sollte sich nicht überschätzen: Die Welt ist unter anderem so wie sie ist, weil man nicht zuhört; nicht, weil zuwenig (unter anderem auch durchaus richtiges) gesagt wird.

    Menschen, die wir aufgeben, sind verloren. Das ist richtig. Man darf aber nicht übersehen, daß das genau das ist, was sie wollen. Sie wollen weder gerettet werden noch eines Besseren belehrt. Letzteres schon gar nicht – es gibt diese Klientel, denen eine Erklärung gar nicht simpel und primitiv genug sein kann. Angefangen beim Troll Herrn Karl bis zu Jürgen Elsässer. Eine Pampe, ein Abwasch und ich bin kein suizidgefährdeter Pfarrer, dem es am Wissen über Ökonomie fehlt, wo noch was zu retten ist und wo man besser beiseite treten sollte.

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  13. Joachim schreibt:

    Vielleicht denke ich etwas extrem, sozusagen zu konsequent. Es ist klar, Du bist nicht das Problem. Es ist klar, dass Du auf der „guten“ Seite stehst, den Backgrund weit mehr als ich hast und dass Leute die im Nationalsozialismus „meine Thesen“ vertraten, zur Toleranz aufriefen, sich dem Vorwurf aussetzen müssen, verharmlost zu haben.

    Doch ich empfinde das nicht als Widerspruch. Aus meiner Sicht verharmlose ich nicht. Ich stelle mich dem Problem und suche Lösungen. Es gibt auch einen Empfänger meiner Aussagen, der verantwortlich ist. Es ist auch der, der die Verharmlosung erkennt, die eben interpretiert hat. Keine Toleranz in bestimmten Punkten gilt auch für mich. Irgendwann bricht es mir noch das Genick, wenn ich mich zwischen den Schläger und das Opfer stelle. Und? Es gibt schlechtere Arten… Ob das Opfer ein „schlechter Mensch“ war, das interessiert mich in der Situation aber sowas von gar nicht. Wer sagt das übrigens? Wer entscheidet das?

    Ich sehe das so: Es war einfach nur frustrierend, als Brasilien ein Tor nach dem Anderem kassierte. Ich konnte darüber nicht lachen, währen um mich herum der Bär tobte.

    Vielleicht denkst Du mal ruhig und kritisch darüber nach, was Memi sagt:

    „rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschließend allgemeine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen.“

    aus Wikipedia, der Schnelle wegen. Der Artikel (zu Rassismus) spiegelt Memi relativ gut wieder.

    Die „da alle entlangtrampeln und ihre hohlen Parolen skandieren“ wirfst Du ziemlich und noch dazu mit einem kleinen dummen Karlchen in einen Topf. Wer ist das? China? Sack Reis? Natürlich ist da was dran. Ganz ohne Zweifel. Und natürlich bist Du kein Rassist.

    Irgendwie machst Du es dann doch wie die Vorratsdatenbefürworter. Da ist einer auf der falschen Demo oder mit dem Smartphone in der Funkzelle des Bankraubs und schon ist er potentieller Täter. Natürlich könnte das sein. Ganz ohne Zweifel. Statistisch ist das wahr.

    Die da auf die Demos in Dresden gehen haben unterschiedliche Gründe, einen unterschiedlichen Level und eine Historie. Fremdenfeindlichkeit gab es schon zu DDR-Zeiten im Arbeiter und Bauernstaat. Möglicherweise könnte man vorher nachdenken statt rechte Stimmen zu fischen? Hier habe ich Zweifel. Zweifel an der Politik und ihrer Verantwortung. Zweifel, ob sie Ursache und Wirkung unterscheiden können. Zweifel an uns selbst.

    Wirft man jemandem etwas vor, so muss man a) zunächst selbst vollständig über den Vorwurf erhaben sein. Und b) wäre es sinnvoll, die wahren Ursachen zu suchen. Die sind aber nicht ein zwei einfache Punkte. Echte Probleme haben immer viele Ursachen. Damit kenne ich mich aus…

    Zuhören ist in der Tat ein Problem. Manchmal muss man sehen, dass Leute eine andere Sprache sprechen. Das rechtfertigt natürlich eine Pegida-Parolen.

    Aber he, was tust Du mit einem Kind, das ein Hakenkreuz an die Wand malt? 18xx hätte man es verdroschen (so es das Kreuz in dieser Bedeutung gegeben hätte). 19xx waren die Kinder groß und wurden selbst zu Schlägern, als die Synagogen brannten.

    Die Eskalation muss endlich aufhören. Die Propaganda muss aufhören. Ich habe endlich genug von diesem miesen unmenschlichem und diskriminierendem Gedankengut. Ob es nun von Seehofer kommt oder von dem Opa auf einer Demo, aus den Medien oder sonst wo her.

    Ich kann das leider nicht zulassen.

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