Die Reaktion tobt

honk

Die Demonstration gegen TTIP und CETA in Berlin ist Geschichte. In Berlin und Brüssel kommt man vor lauter ignorieren kaum noch zum atmen. Wenigstens in Berlin nutzt man die Gunst der Stunde, um beinahe unbemerkt mit gesenkten Köpfen einen weiteren Anlauf gegen die Wände des Grundgesetzes zu unternehmen: Es ist mal wieder Vorratsdatenspeicherung. Der Moment ist günstig, die Schlagzeilen anderslautend – das merken die nie! Gemeint ist das Wahlvolk, das doofe und man ist geneigt, ihnen recht zu geben.

250.000 Menschen gingen Berlin auf die Straße. Lassen wir es ein paar Tausend mehr oder weniger gewesen sein – es ändert nichts am Erfolg der Veranstaltung. Und einen grandiosen Erfolg können sich die Initiatoren dieser Demonstration ins Stammbuch schreiben. Wie es scheint, ein wenig zu erfolgreich. Die ersten ach so kritischen Gegenstimmen erschallten bereits, als die letzten Nachzügler noch die Zielflagge suchten.
Es waren natürlich auch die falschen mitgelaufen. Nazis und Völkische! Und natürlich hatte man sich angeblich von Seiten der Organisatoren nicht genügen distanziert, was nach Lesart von Facebook und seinen scharfsinnigen Beobachter – lies: Watchern – all diejenigen diskreditierte, die auch nur in der Nähe des Umzuges zu sehen waren.
So weit, so dämlich.

»Viel schlimmer jedoch: Nazis, völkische Nationalist*innen, Endgame, Pegida, NPD, AfD, Rassist*innen, Antisemit*innen, rechte Künstler*innen durften zur Demo-Teilnahme aufrufen. Niemand verwahrte sich dagegen. Nicht nur das: sie durften teilnehmen. Sie wurden nicht ausdrücklich ausgeladen.«

Und etwas später:

»2.) Man hätte von Veranstalter*innen-Seite (wie wir es bei unseren Demos tun) darauf vorbereitet sein können (aufgrund der genannten Aufrufe), dass Nationalist*innen, Identitäre, Wahnwichtel, Völkische, Nazis usw. kommen. Und sie sind gekommen und konnten weitgehend mitschwimmen wie die Fische im Wasser, was sie auf ihren Seiten jetzt feiern.
3.) Wenn man weiß, Rechte rufen auf, bereitet man sich darauf vor und lässt erfahrene Leute die Sache beobachten um solche Transparente, Schilder, Parolen und ihre Träger*innen aus der Demo zu werfen. Veranstalter*innen haben Hausrecht und sie können dies, wenn sie nur wirklich wollen, durchsetzen.
4.) Erst während der Demo zu reagieren, wenn die Teilnahme von Rechten öffentlich und damit peinlich wird (für’s „Image“), ist eindeutig zu spät.«

Jutta Ditfurth auf ihrer Facebook-Präsenz. Wer suchet, der findet.

Zähneknirschend übergeht die Redaktion der Schrottpresse den Hinweis »wie wir es bei unseren Demos tun«, obwohl der angesichts der Zahlen von Teilnehmern durchaus Stoff für Polemik bietet. Ebensowenig wie Redaktionskampfhund Oskar und der Chefredakteur auf die Eigenwerbung für Ditfurths neues Buch – verkaufstechnisch günstig mitten in die Diskussion platziert – eingehen. [Warum eigentlich nicht? Der Säzzer]

Was aber doch anzumerken wäre, ist folgendes: Es waren auch CDU-Wähler unter den Demonstrierenden. Und solche von der SPD. SPD! – ganz zu schweigen von sogenannten Grünen. Allein das sollte doch schon für einen Boykott reichen! Mal ganz abgesehen von den SUV-Fahrern dort. Die Veganer; erkennbar an ihrer fahlen Gesichtsfarbe neben den farblosen von der FDP. Anarchisten, Schwule und Lesben zusammen mit Hausfrauen und Bankangestellten. Der Herr dort mit der blauen Krawatte schlägt – wenn auch in gegenseitigem Einverständnis – regelmäßig seine Frau und jener da ist ein ehemaliger Häftling.
Je nach Standpunkt und Weltbild also genügen Stoff, um sich über irgend etwas aufzuregen.

Natürlich will sich jemand, der sich im linken Spektrum einordnet, nicht hinter einem »Deutschland den Deutschen« wiederfinden. Das ist selbstverständlich und braucht nicht diskutiert zu werden. Man kann die Anwesenheit solcher Mitläufer aber auch nicht in jedem Falle verhindern. So wenig wie den dummen (wenn auch ausdrücklich als Polemik bezeichneten) Spiegelartikel zu diesem Ereignis oder andere unqualifizierte Kommentare. Es ist eben die andere Meinung und solange die nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen, darf sie geäußert werden. Auch wenn die Übelkeit dabei aufsteigt.

»Die Veranstalter haben gefälligst dafür zu sorgen…«. Nichts habe die Veranstalter! Man sehe es doch einmal realistisch: Sollte sich die überwiegende Zahl der Demonstranten von der Anwesenheit irgend einer ungebetenen Gruppe gestört fühlen, sollen sie doch selber für Ordnung sorgen. Das passiert ja gelegentlich auch zwischen dem schwarzen Block und der Polizei. [Suuuper Beispiel! Gaaanz toll! Der Säzzer]
Oder in anderen Worten: Entweder die Masse der Demonstranten weiß, weswegen man auf die Straße geht und besitzt genügend Gehirn, um sich von mitlaufendem Beifang zu distanzieren. Oder aber sie sind so tumb, daß ihnen nicht im Ansatz klar ist, warum sie sich eigentlich getroffen haben. Dann braucht man nicht zu demonstrieren oder wenn einem schon nach frischer Luft zumute ist, tun es auch 500 Goldhamster als Begleitung.

Was Ditfurth in ihrem kaum verhohlenen Aufmerksamkeitsneid und ihr nicht weniger unanständiges Fußvolk da fordert: Das ist tatsächlich sehr, sehr deutsch. Auf der einen Seite die Unterstellung, ein zivilisierter, gebildeter Mitteleuropäer wüßte nicht, was sich hinter der NPD und derlei Rabauken verbirgt – zum anderen die Forderung, eine Führung zu installieren, die sinngebende Plattitüden auf irgend ein Plakat malt und mit dem Wisch diesem Zug voranschreitet. Und dem hat man dann kommentarlos zu folgen. Es ist in schlichten Worten die Unterstellung, daß Volk bräuchte nur eine geeigneten Kopf mit einer geeigneten Meinung (natürlich dem eigenen) um endlich politisch korrekt (wenn auch in kleiner Stückzahl) zu marschieren.

Die Veranstalter distanzierten sich auf offener Bühne von denen, die man nicht so gerne dabei gehabt hätte. Das sollte reichen und viel mehr ist in solchen Momenten kaum zu machen.
Das »Nazis, völkische Nationalisten, Endgame, Pegida, NPD, AfD, Rassisten, Antisemiten, rechte Künstler« zeigt auf eine weitere Unsicherheit. Die Zahl und Prägung derjenigen, die gefälligst zu Hause bleiben soll, ist groß und unübersichtlich geworden.
Was bitte ist »Endgame« und wer »rechter Künstler«? Und wer entscheidet darüber? Ohne in den Sumpf von Facebook zu steigen und sich den wirren »Watchblogs« und Freizeithetzern zu widmen, bleibt man mit solchen Fragen meist allein. Und selbst wer es macht, wird aus dem selbstreferentiellen Geschwafel nicht klüger. Eine Art Online-Spiel wie »War of Empires« , verbunden mit der Möglichkeit, irgend jemanden, dessen Nase einem nicht passt wie im Dschungel-Camp abzuwählen.
In Berlin wurden 3.263.922 Unterschriften gegen TTIP und CETA übergeben. Eine Handvoll Gralshüter dagegen glaubt entscheiden zu können, wer unterschreiben darf und wer nicht. Immerhin hat man ja schon 634 »Likes«.
Peinlich.

Folgt man diesen Kritikern, so ist es mittlerweile wichtiger geworden, wer ebenfalls mitdemonstriert als gegen was es eigentlich geht; Beispiel »Montagsmahnwachen«. Mit dem Ergebnis, daß diejenigen, die man »nicht so gerne« in vorderster Front gesehen hätte, die Meinungshoheit übernahmen.Es braucht nicht viel Phantasie, um die Nutznießer von diesem Gezänk auszumachen. Während die politisch Verantwortlichen die Ereignisse in Berlin heftig ignorieren, zerfleischt sich die Opposition und degradiert sich selber.
Natürlich nur, wenn man das Gejaule zur Kenntnis nimmt. Oder in Zukunft wert darauf legt, nur noch zu rein veganen Demonstrationen zu gehen.

P.S. Die Veganer mögen mir die Polemik verzeihen – es dient dem Bild und soll keinesfalls die Ernährungsgewohnheit kritisieren!

Joerg Wellbrock zum Thema im Spiegelfechter

Und auch die taz gibt ihren Senf dazu

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7 Antworten zu Die Reaktion tobt

  1. derda schreibt:

    Lieber Pantouffle,
    rechts und Nazi ist alles was nicht meiner Meinung ist. Oder so ähnlich.
    liebe grüsse

    Gefällt 1 Person

    • pantoufle schreibt:

      Wenn es denn nur Nazi wäre! Aber man glaubt ja gar nicht, was es alles so jibbet! Kreuz- und Querfront, Aluhüte und Verpackungen, Wichtel-, Weight- und Spiegelfechterwatcher und natürlich die gewatchten selber.
      Das und noch vieles mehr, was an meinem Aussichtsfenster zur Welt so vorbeiflattert.

      Heute ist das aber alles nicht so wichtig! Die neue Lieferung englischen Tees ist eingetroffen und wird probiert. Genau das richtige Wetter dazu und auf der Werkbank liegen die Teile für das neue Projekt. Elektronik mit Holz, Ketten, Mahagoni und viel Messing.
      Demnächst auf der Schrottpresse. Jedenfalls wenn ich jetzt erst mal weiterarbeite.

      Allen anderen noch eine angenehme Regenbeschäftigung… vögelt mal wieder oder nehmt Euch ein gute Buch vor die Nase 🙂

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      • Stony schreibt:

        Isses schon so weit mit der Klimaerwärmung – Tee aus England? Muß ich gleich mal den Weinhandel nach Eis(ländischem) durchforsten… 😀

        Frohes Basteln wünsch ich! Auf die Vorstellung freu ich mich schon, wie immer; irgendwie haste ja so ’nen Talent mir ein Leuchten in die Augen zu zaubern.

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      • lattjamilln schreibt:

        Tja, wo Du recht hast…. es waren eben alle auf der Strasse, um noch einmal auf die Demo zurückzukommen und das ist eine Bestätigung, die die paar Leute, denen ich da nicht begegnen möchte, aufwiegt. Überhaupt, geht es doch nicht nur darum Masse zu zeigen, sondern zu sehen, dass das Thema TTIP und CETA angekommen ist und die meisten beschäftigt.:-) distanzieren kann man sich immer.

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      • pantoufle schreibt:

        »Tja, wo Du recht hast….« bezog sich jetzt genau worauf? Vögelt mal wieder?
        Ist ja auch egal!

        Es geht auch darum, Masse zu zeigen. So wie das schnellste Auto oder die 100 Meter unter 10 Sekunden – das Mensch braucht die Superlative, um an irgend etwas zu glauben. Moses hätte seine Wassernummer auch gemütlich im Gartenteich vor ein paar Freunden vorführen können mit anschließendem Sektfrühstück. Aber nein: Es mußte ein Meer sein und eine Horde Verfolgter gleich hinter ihm.
        Das physikalisch bis heute unbekannte Prinzip mit der Wasserteilung ist beim Teich das selbe wie Meer, wäre aufgrund der matten Dramaturgie im Garten aber schon lange vergessen.
        Also 250.000!

        Wenn ich mir gerade überlege, wer da alles mitmarschiert ist. CDU, CSU, Grüne, FDP: Alles Banausen, die aktiv die Demokratie abschaffen wollen zugunsten irgend eines Überwachungsstaates, wie sich ja heute wieder gezeigt hat. Worin unterscheiden die sich im Ergebnis eigentlich von einem Haufen Faschisten, die ganz genau das Selbe wollen? Durch die guten Vorsätze? Oder das Gehalt?
        Meine Vermutung geht ja dahin, daß bei dieser Viertelmillion Menschen bestenfalls 100 dabei gewesen wären, mit denen man genüßlich ein Glas Wein hätte trinken können. 100! 0,0004%! Wie entsetzlich ist das denn? Allein die Vorstellung!

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  2. DasKleineTeilchen schreibt:

    immer wieder schön, auch meine *hhhrrrrm* gedankengänge so angenehm geerdet ausformuliert zu sehen…deswegen kommentarspalte, ich würd eh nur ausrasten. du bist so gut, alter. escht.

    Elektronik mit Holz, Ketten, Mahagoni und viel Messing. wirst zum steampunk? oder frönste grade einfach der dekadenz? ich mein, mahagoni, äh, wat?

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