Kurz und dreckig 14

«Warum höre ich als → trans_x_te Person so selten ‚Liebe Trans_x_te‘, warum als Inter*Person so selten „Liebe Inter*Personen“? Wo können sich bspw. Trans*- und_oder Inter*Personen wiederfinden in einer Anrede wie ‚Liebe Damen und Herren‘?«

Ich sage jetzt nichts mehr ohne meinen Anwalt.

Also guten Morgen, meine Damen und Herren. »Damen« zuerst, weil es sich so gehört. Der Kiezneurotiker serviert zum Morgenkaffee einen Link, der… Nein, Kiezneurotiker: Das ist wohl keine Satire. Es stammt vermutlich von der Gender-Küken-Aufzuchtstation der HU zu Berlin. Und das klingt dann so:

»R.s Reaktion darauf war in mehrfacher Hinsicht anmaßend und diskriminierend. Als weiße Trans*-Person verlangte R. von der WoC spezifische Auskünfte über die race- und gender-Positionierungen innerhalb der Interventions-Gruppe. Denn schließlich sei der weiße Raum, in dem interveniert wurde, ein Schutzraum für Trans*-Personen. Somit müsse, als Legitimation, ein_e Trans*Inter*GnC (Gender non Conforming) PoC oder Schwarze_r in die Intervention involviert sein.
Wenn ein_e solche_r nicht gefragt werden könne, müsse letztlich eine weiße Trans*Inter*GnC Person die Erlaubnis erteilen, in einem „weißen Trans*Schutzraum“ zu intervenieren, zum Beispiel R. Selbst.«


Dazu gäbe es einiges anzumerken und das wird mittlerweile auf breiter Front getan. »Genderwahnsinn«, »Geschlechterfaschismus« und was der Kampfbegriffe mehr sind. »Verschwendung von Steuergeldern« klingt in diesem Zusammenhang geradezu noch freundlich. Dem kann man sich, muß sich aber nicht anschließen.
Geldverschwendung? Mit diesem Argument könnte man auch gegen die Fächer Philosophie oder Ethnologie wettern. Da gibt es treffendere Beispiele und darunter auch welche, die potentiell einen erheblich größeren Schaden an Menschen und Gesellschaft anrichten können. Die Verbindung von Forschung und Rüstung oder einigen Bereichen der Gentechnologie sind Themen, die es mehr lohnt zu hinterfragen.
Der universitäre Betrieb sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, Studiengänge zu unterhalten, dessen unmittelbaren Nutzen nicht jedem sofort klar ist. Das kann also kein Argument sein.

Auch der Hinweis darauf, daß Schriftstücke wie das verlinkte Dokument für Außenstehende faktisch nicht lesbar ist, trifft nicht den Kern. Das ist ein Schicksal, das es mit Veröffentlichungen aus dem Bereich der Teilchenphysik oder anderen hochspezialisierten Forschungsgebieten teilt.
Kritik ist allerdings angebracht, wenn angestrebt wird, daß ein solcher Dialekt diese Fachsprache Teil der gängigen Umgangssprache werden soll. Ebenso, wenn die Bewertung von Arbeiten anderer Fakultäten davon abhängig gemacht werden, daß auch diese genderkonform geschrieben werden. Das widerspräche wenigstens den Leitfäden zum Verfassen prüfungsrelevanter schriftlicher Arbeiten, wenn dort steht:

»Verständlichkeit: Das Abstract soll ohne spezifische Kenntnisse, z. B. auch für Angehörige einer Nachbarwissenschaft, verständlich sein. Insbesondere sollten keine spezifischen Kenntnisse der deutschen, österreichischen oder schweizerischen Verhältnisse (etwa des Schulsystems) und der deutschsprachigen diagnostischen Verfahren vorausgesetzt werden.«

In der Verfassung der HU zu Berlin heißt es dazu:

Ȥ 38 Geschlechtergerechte Sprache
Im allgemeinen Schriftverkehr sowie in Rechts- und Verwaltungsvorschriften einschließlich Studien-, Prüfungs-, Promotions- und Habilitationsordnungen sind entweder geschlechtsneutrale Bezeichnungen oder die weibliche und die männliche Sprachform zu verwenden.«

Diese Verfassung ist übrigens ganz im herkömmlichen Stil verfasst; auch dort hat die genderkonforme Rechtschreibung noch keinen Einzug gehalten. Was bereits der nächste Paragraph zeigt:

Ȥ 39 Rechtsstellung der Mitglieder von Gremien, Informationsrechte (1)
Kein Mitglied darf wegen seiner Tätigkeit in der Selbstverwaltung benachteiligt oder bevorzugt werden.«

Upps. Nun ja: Kann ja mal passieren!

Was allerdings bei dem selbstgewählten Anspruch dieser Fraktion von Gendergerechtigkeit und Antirassismus auffällt, ist die auffällig unpolitische Erscheinungsform. Die Armseligkeit, z.B. Rassismus auf eine sprachliche Erscheinungsform zu beschränken, scheint niemandem aufzufallen. Bei dem hohen Wissenschaftsanspruch, dem man hinterherläuft, scheint da etwas wesentliches zu fehlen; muß konsequenterweise fehlen, um mit dem staatlich geförderten Lehrbetrieb kompatibel zu bleiben. Kritik am Kapitalismus, an bestehenden Machtverhältnissen (soweit sie nicht Männlein und Weiblein betreffen): Fehlanzeige. Das Thema, welchen existierenden Beruf man/frau mit dem abgeschlossenen Studium ergreifen kann, scheint erheblich wichtiger zu sein. Und damit disqualifiziert sich in meinen Augen die gesamte Debatte als Feigenblatt »staatskonformes Aufbegehren für höhere Lehranstalten«. Der Gang durch die Institutionen als Grundvoraussetzung bürgerlichen Widerstandes in den wohlgeordneten Bahnen der Besoldungsgruppen.
Nuff said

Ja, mein lieber daMax: Und jetzt zu Dir!
»Hat Uhl heute schon die Vorratsdatenspeicherung gefordert?« So oder so ähnlich lauten bei Dir häufiger die Schlagzeilen. Das ist auch brav und rechtens, wären da nicht…

…Deine ewigen Lobpreisungen für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge!

»PPS: deutsche Autobahnen sind übrigens der Raum, wo ich [der daMax] uneingeschränkt für eine volle Rundumüberwachung bin. In meiner Traumwelt fährt dein Auto automatisch rechts ran und ruft die Polizei, sobald es 2 krasse Regelverstöße (Drängeln, irrwitzige Manöver etc.) feststellt. Ein Fahrscheinentzug ist in dieser Utopie natürlich obligatorisch.«

In meinem Alptraum stellt sich die Situation allerdings etwas anders dar:

Wolltest Du zu einer Demo fahren? Vergiss es: Das Auto gibt Gas, überholt, drängelt, fährt rechts ran, holt die Polizei und das war’s dann mit der Demo. Ach? Das machen die nicht? Und die haben natürlich auch keine Remote, um »Verbrecher« in ihren Autos stoppen zu können. Immerhin leben wir in einer freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung!

Du hast eine kleine, sehr sehr süße Geliebte und Deine Frau die App für das iPhone »Wo war der Kerl die letzten 10 Stunden«

Du hast die Faxen dicke und beschließt einen Tag freizunehmen. Scheiß auf Arbeit – heute hast Du Migräne. Daß Du mit den Kumpels am Rhein ein paar Flaschen Wein geköpft hast, weiß außer Deinem Auto und Deinem Chef niemand.

Aber davor hast Du natürlich keine Angst! Dein Verhalten ist nicht nur bei der Vorratsdatenspeicherung schon so erfüllt von vorauseilendem Gehorsam, daß Du sowieso nie schneller als 60km/h fährst und mit Deiner Kreditkarte nur politisch korrekte Bücher kaufst.

Die Summe der Überwachung ist mehr als die Addition ihrer Bestandteile! Aber das muß ich Dir doch nicht sagen, oder?

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16 Antworten zu Kurz und dreckig 14

  1. da]v[ax schreibt:

    Ha! Hahaha! Wusste ich doch, dass ich den Pantoufle damit auf die Palme kriege. Ich sage nix ohne meinen Anwalt, meine raubmordkopierten E-Bücher haben keine Kreditkarte zu Gesicht bekommen, meine Geliebte besuche ich mit dem Flugzeug und auf Demos fahre ich nur mit dem Rad. Ätsch.

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  2. da]v[ax schreibt:

    PS: und besoffen Autofahren als Grund fürs Dagegensein von autonomen Autos anzuführen, bedarf keines Kommentars, ne? Das ist selbst für dich zu untendurch 😛

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  3. pantoufle schreibt:

    Ein gaaanz dünnes Brett, Max – ganz dünn. Baumarktware sozusagen 😀

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  4. waswegmuss schreibt:

    Musste das jetzt sein?
    Niemals hätte ich auf den Genderlink geklickt. Nie!

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  5. derda schreibt:

    Warum die Genderey noch als linke Bewegung begriffen wird ist mir ein Rätsel. Ebenso wie die Forderung der Frauenquote auf gutdotierten Pöstchen. Ein schöner Bypass auf die Sinekuren dieser kapitalistischen Erwerbswelt, schön an den Kerlen vorbei. Wo ist denn die Forderung nach Quote in der Müllabfuhr?

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  6. tikerscherk schreibt:

    Genderwahn ist vielleicht der falsche Ausdruck. Terror der Tugend, bis hin zum verbalen Guillotinieren jede_r Zweifler_in trifft es besser.
    Freiheit und Gleichheit sind nun mal nicht miteienander vereinbar.

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  7. Joachim schreibt:

    Hör‘ mal, diesen Genderspeak kann ich einfach nicht lesen. Es geht nicht. Was wollen die da sagen?

    Aber das Problem ist durchaus real. Sprache kann massiv diskriminieren. Könnte sie das nicht, dann wäre Sprache mangelhaft. Fragt sich nur, ob das Zitat und der Link nicht selbst eine Form von Diskriminierung wenn nicht darstellen, dann wenigstens berühren. Diskriminierung ist hier die „rein kategorische Benachteiligung von Personen aufgrund einer (meist negativen) Beurteilung“.

    Diese Frage stellt sich mir, wenn ich nach Karl Popper annehme, dass die Welt gesetzhaft strukturiert ist und dass es Naturgesetze gibt. Popper sagte zudem etwas zur leichten Versteh- und Kritisierbarkeit von Texten. Und meinte damit durchaus wissenschaftliche Texte.

    Daran kann man auch solche Texte messen. Mein (sicher unzureichender und subjektiver) Versuch kommt (wegen der Definition der Diskriminierung oben) zu dem Ergebnis, dass man sich damit (mit dem Link, trotz seiner versuchten positiven Absicht) nicht mehr beschäftigen muss. Note: inhaltlich, logisch, „moralisch“ (was immer das sein soll, das führt zu weit) und auch sprachlich mangelhaft.

    Mit der Genderproblematik, auch die der Sprache, muss man sich allerdings beschäftigen. Doch bitte so, dass man für Menschen, insbesondere für diskriminierte Menschen spricht, sie versteht usw. Hier geht es nicht um den Solidarisierenden (Menschen). Alles andere ist der Wunsch nach Deutungshoheit und damit Dominanzgebaren. Ob nun weiß, schwarz oder blau, das ist Kindergarten.

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