Kurz und dreckig 13

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Wenn irgend etwas nicht besonders gut läuft, kommt als Erklärung dafür gerne mal die Publikumsbeschimpfung dahergeschlichen. Das hatten wir ja gerade vor nicht allzu langer Zeit: Das nun endgültige Sterben des Qualitätsjournalismus könne nur durch die Bezahlschranke, keinesfalls aber durch Qualität aufgehalten werden. Das Internet mit seiner »für Umme Denke« als Sargträger der journalistischen Meinungsfreiheit und so hat nun mittlerweile jedes Blättchen seinen Premium-Bereich. Premium heißt bezahlen für etwas, dessen Qualität bewußt im Dunklen gehalten wird. Oder kann jemand erklären, was Premium eigentlich sein soll? Außer teuer natürlich. »Mehrwert«: Auch eines dieser ominösen Begriffe.
Ist ja auch egal!
Das Crowdfundingprojekt Krautreporter jedenfalls hat auch jemanden ausgemacht. Den Trittbrettfahrer. Diejenigen nämlich, die ohne zu bezahlen die Artikel der Reportervereinigung lesen. Das geht. Man kann auch dafür bezahlen, muß es aber nicht. Das soll sich ändern.

»Nur Krautreporter-Mitglieder können in Zukunft unsere Beiträge lesen. […] Warum diese Änderung? Erstens ist es fairer. Viele Mitglieder haben uns im Lauf des vergangenen Jahres gefragt, warum sie für etwas zahlen sollen, was andere kostenlos erhalten. Dieses Trittbrettfahrerproblem lösen wir.«

Warum sie das sollen, hat Felix Schwenzel hier ausreichend und erschöpfend beantwortet.

Von Seiten der Schrottpresse nur noch der Hinweis, daß es »das Internet« und seine Trittbrettfahrer waren, dem die Krautreporter ihre Existenz verdanken. Ohne Netz keine Krautreporter, ohne Internet keine Kohle. Wenn das nun alles Trittbrettfahrer sind… auch gut.
Wo ist er nur hin, dieser Link in der Blogroll? Wech, irgendwie.

Link via fefe: Karl Popper über Toleranz.

»Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.
Damit wünsche ich nicht zu sagen, daß wir z. B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.
Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.«

Aus: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Aus der beliebten Rubrik »Was wurde eigentlich aus…?« Heute: Adolf Hitler. Die Redaktion der Schrottpresse wartet mit angehaltenen Atem auf neue Nachrichten des Goldzuges des Führers in den verlorenen Ostgebieten aus Polen. Nachdem Elvis letzte Woche einem Schlaganfall auf Mallorca erlag, Herr Karl mit dem Ruf »Mein Gehirn besteht aus hochwertigem Klärschlamm!« aus dem Fenster eines einstöckigen Gartenhauses sprang und auch die übrige Nachrichtenlage eher dünn ist… Flüchtlinge, Flüchtlinge, Merkel für den Nobelpreis, Flüchtlinge besteht, gilt die Hoffnung der Schrottpresse dem Goldzug des Führers.

Heute vor 100 Jahren:

»Englische U-Boote in der Ostsee
Karlskrona, 12. Oktober.
Heute vormittag wurde der Hamburger Kohlendampfer „Gutrune“ im Kalmarsund südlich von Öland von einem Unterseeboot, wahrscheinlich englischer Nationalität, in den Grund geschossen. Die 34 Mann starke Besatzung wurde von einem südwärts fahrenden schwedischen Dampfer gerettet.
Der deutsche Erzdampfer „Germania“ wurde, in südlicher Richtung fahrend, um 12 Uhr mittags beim äußeren Steingrund von einem Unterseeboot, wahrscheinlich von einem englischen, beschossen. Um der Versenkung zu entgehen, wurde „Germania“ an der Küste von Blekinge auf Grund gesetzt. Das Unterseeboot befindet sich dauernd in der Nähe des Dampfers, 1½ Seemeilen von der Küste. Die Besatzung des Dampfers, der Kapitän und 19 Mann, wurde gerettet. Der Kapitän berichtet, er sei Zeuge des Untergangs des Kohlendampfers „Direktor Reppenhagen“ aus Stettin gewesen.
Kalmar, 12. Oktober. (Meldung des Svenska Telegrambyran.)
Gestern nachmittag wurde der deutsche Erzdampfer „Nicomedia“ aus Hamburg an der Südspitze von Öland in Grund gebohrt. Ein Boot mit dem Kapitän und 13 Mann landete in Degerhamn aus Öland. Die übrige, 19 Kopf zählende Besatzung landete in Karlskrona.«

Stoff für Heldensagen! In feuchten Stahlgewittern, Gutrune und der Torpedo, Dampf und Erz… gleich mal notieren: Kernige Soldaten- und Seemansgeschichten für die Schrottpresse. Danach Damenmoden. Für Stony.

War sonst noch was? Ach ja, ein… ja, was war das eigentlich? So etwas wie ein Musical für Menschen, denen man statt des Gehirns einen Fußball implantiert hat. Nein, ich werde nicht verraten, wer und wo – es waren alles sehr liebe Menschen, die sich sehr viel Mühe gegeben hatten und ein paar ausgesprochen attraktive Frauen beim Personal gab es auch zu sehen. Warum man ein klassisches Orchester in einem Fußballstadion poltern lassen mußte und auch den Chor? Vermutlich wegen der Akustik. Für die Nachhallzeiten brauchte man keine Stoppuhr – ein billiger Wecker hätte es auch getan; auch einer mit kaputtem Minutenzeiger.
Und dann das Theaterpersonal auf Konfrontationskurs mit den Rock’n’Roll Schergen:
Drei Damen betreten heiligen Boden und die älteste (und unmöglich gekleidete – man wird nicht jünger in hohen Jahren) poltert los.
»Sind Sie vom Ton? Bei uns am Theater bringen sie uns diese Senderdingens in die Garderobe! Und wir brauchen die schon seit einer Stunde!«
»Guten Morgen erst einmal. Mein Name ist Klaus Mustermann und das hier ist Pantoufle, mein Systems-Engineer. Sie befinden sich in FOH in einem Stadion, das eine extrem schlechte Akustik hat und wir sind eigentlich ziemlich beschäftigt. Können wir ihnen helfen?«
Mutter Courage hat den Aufschlag der Münze noch nicht gehört im Gegensatz zu den beiden Mädelz, die sie als Verstärkung mitgebracht hat. Denen schwant, daß die Kerle sich kaum von einer hyperventilierenden Garderobiere einschüchtern lassen werden und damit liegen sie goldrichtig.
Erneuter Vorstoß: »Ohne die Sender wird die Aufführung wohl kaum stattfinden!«
»Och…gestern ging das ganz gut: Die Hupfdohlen haben die sich von unseren Kollegen hinter der Bühne abgeholt. Da sind die Sender immer. (nur eben nicht am Theater! Aber wir sind kein Theater, du Vettel!!!)«
Aber das haben wir nur ganz, ganz leise gedacht. Die Mädelz haben die Botschaft verstanden und zupfen die Vorgesetzte leicht am Ärmel. »Wir sind hier falsch!« Schon wieder richtig. Aus denen wird noch mal was.
»Klaus Mustermann: Darf ich Dir noch eine Tasse Zumutung anbieten?«
»Danke! Sehr gern! Drei Zucker und drei Milch bitte!«
Mutter Courage kocht. Zumutung mit Zucker (3). »Und wo sind jetzt die Sender?«
»Guten Tag! Mein Name ist Hiob und ich habe eine Botschaft: Hinter der Bühne!«
Abgang Garderobe. Mutter Courage will sich beschweren gehen. Un-Ver-Schämt-Heit. Zumutung! Beschweren. Fragt sich nur bei wem? Das Catering wäre die geeignete Adresse gewesen. Den Kaffee dort nannten wir bohnenlose Frechheit oder Zumutung, den Fraß Phantomspeisung oder Nährschlamm. Und das waren noch die freundlichen Ausdrücke.

Ja, es war ganz nett. Nur der Abbau zog sich etwas in die Länge. Bis morgens um vier. Aber wir hatten ja immer noch den leisen Nachhall süßer Melodien und schmissiger Liedlein, die aus den Ecken und Wänden des Stadions tröpfelten.
Fußball ist unser Leben.

(Das Bild im Header hat überhaupt keinen Zusammenhang mit irgend etwas außer einem Zusammenhang. Aber das wird die betreffende Person schon wissen.)

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6 Antworten zu Kurz und dreckig 13

  1. waswegmuss schreibt:

    Als Ungemeinter fiel mir bei dem Bild mit dem Schlüssel die Ebenda-Szene aus dem Opernfilm „The Death of Klinghoffer“ ein. (http://www.beckmesser.de/dvd/adams-klinghoffer.html)

    CHORUS OF EXILED PALESTINIANS
    My father’s house was razed
    In nineteen forty-eight
    When the Israelis passed
    Over our street.
    The house was built of stone
    With a courtyard inside
    Where, on a hot day, one
    Could sit in shade
    Under a tree, and have
    A glass of something cool.
    Coolness rose like a wave
    From our pure well.
    No one was turned away.
    The doorstep had worn down:
    I see in my mind’s eye
    A crescent moon.
    Of that house, not a wall
    In which a bird might nest
    Was left to stand. Israel
    Laid all to waste.
    Though we have paid to drink
    Our water, and our wood
    Is sold to us, we thank
    The only God.
    Let the supplanter look
    Upon his work. Our faith
    Will take the stones he broke
    And break his teeth

    Diese Szene wurde auf Youtube gelöscht.
    Ebenso der Gegenpart:

    CHORUS OF EXILED JEWS
    When I paid off the taxi, I had no money left,
    and, of course, no luggage. My empty hands shall
    signify this passion, which itself remembers.
    O Daughter of Zion, when you lay upon my breast
    I was like a soldier who lies beneath the earth
    of his homeland, resolved.
    You said. „I am an old woman. I thought you were dead.
    I have forgotten how often we betrayed one another.
    My hide is worn thin, covered with scars and wrinkles.
    Now only doctors gather at my bedside, to tell what
    the Almighty has prepared for me.
    “A woman comes in to keep the place looking occupied.”
    Let us, when our lust is exhausted for the day,
    recount to each other all we endured since we
    parted. There is so much to get through, it will
    take until night. Then we shall rise, miraculously,
    virgin, boy and bride.
    To me you are a land of Jerusalem stone;
    your scars are holy places. There, under
    my hands, the last wall of the Temple. There
    the Dome of the Rock. And there the apartments,
    the forest planted in memory, the
    movie houses picketed by Hasidim, the military
    barracks, the orchard where a goat climbs
    among branches.
    Your neighbor, the one who let me in,
    she was brought up on stories of our love.

    Es bleibt der Präzisionschor(als Heftpflaster)

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    • pantoufle schreibt:

      Der Chor ist allerdings großes Hallentennis und erinnert mich nebenbei daran, den Palästinenserfeudel mal wieder aus der Schublade zu holen. Von wegen kalter Jahreszeit und Zugluft unterm Helm.

      Im übrigen aber vielen Dank für das Stück Kultur: Von wegen »ist ja noch keine Klassik« hatte ich bisher einen Bogen um den Trümmer gemacht. Zu Unrecht, wie es scheint.

      Die Person, für die es bestimmt war, hat es schon gesehen. Es war in einem anderen Zusammenhang, aber es ist auch lustig, was es bei anderen für Assoziationen weckt.

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      • DasKleineTeilchen schreibt:

        klassisch ebenfalls der spruch auf YT, warum der komplette film gelöscht wurde:

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      • waswegmuss schreibt:

        Ganz spannend – so im Nachhinein betrachtet – ist die Tatsache, dass dieses Teil letztes Jahr in der MET wieder aufgenommen wurde. Interessierte Kreise versuchten es mit der Antisemitismus-Keule zu verhindern.
        Nun es sind alle Teile auf YT gelöscht bis auf die Arien von Marylin Klinghoffer.
        Seltsam – auch ohne Alukappe.

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  2. DasKleineTeilchen schreibt:

    mir fehelen mal wieder die worte. du gemme einer für-umme-internetkultur.

    (und immer wieder diese toningenieurs-interna-witze…)

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