Soldat Frédéric Überall

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Der Soldat Frédéric Überall konnte sich gut an den Tag erinnern, an dem er beschloß zu fliehen. An die Gründe zu Beginn weniger; das kam erst später. Und ganz zu Ende gebracht hat er diese Überlegungen nie – aber wir wollen nicht vorgreifen.
Es war jedenfalls der Freitag, an dem es meistens Post gab. Wenigstens für diejenigen, die jemanden hatten, der ihnen schrieb. Frédéric Überall hatte eine Frau und eine kleine Tochter, die ihm schrieben so oft es ging. Und so war der Soldat Frédéric Überall einer derjenigen, die sich, so es der Dienst oder der Feind zuließ, erwartungsvoll entweder am Anbau des Offizierskasinos herumtrieben oder auf den Läufer warteten, der ihnen die Post in ihre Stellungen brachte. Seit der letzten Nachricht von daheim waren schon gut zwei Wochen vergangen. Die Frau hatte ihm einen kleinen Kuchen gebacken, die Kleine ein Bild dazu gemalt und mit krakeliger Hand ihren Namen darunter gesetzt. Kuchen und das Briefchen hatten den rauen Transport nicht unbeschadet überstanden und so hatte der Soldat Frédéric Überall gut einen halben Tag damit verbracht, beides zu trennen und den Zettel so gut es eben ging, zu glätten und an seine Brust zu drücken.
Vielleicht hatte der Feind eben an diesem Tag auch Post bekommen und war mit ähnlichem beschäftigt. Jedenfalls konnte sich der Soldat Frédéric Überall auch später nicht daran erinnern, daß auch nur ein einziger Schuß gefallen war. Nicht von der eigenen Seite und auch keiner von der Anhöhe, wo der Feind sich verschanzt hatte, gegen den sie kämpfen sollten.

Der Kamerad, der mit der Verteilung der Post beauftragt war, kam an diesem Tag weder mit einem Brief oder einem zerdrückten Päckchen für ihn in die Stellungen. Statt dessen überbrachte er den Befehl des Hauptmannes, daß der Soldat Frédéric Überall sich umgehend bei jenem Hauptmann zu melden hätte. Die beiden Soldaten sahen sich an, der Bote zuckte wortlos mit den Schultern und Frédéric Überall durchforstete eindringlich sein Gewissen, was er sich vielleicht hätte zuschulden kommen lassen hatte, während er sich auf den Weg machte.
Der Hauptmann schien auf ihn gewartet zu haben. Er hatte einen Brief in der Hand; er zuckte, als wolle er ihm das Schreiben überreichen, entschied sich dann aber anders. »Soldat Überall: Ich habe Ihnen eine traurige Nachricht zu überbringen.« Was der Hauptmann anschließend noch sagte, war nicht mehr so wichtig gewesen. Jedenfalls waren beide tot. Sie, die liebe und das Töchterchen auch. Eine von den Todesarten, mit denen der Soldat Frédéric Überall vertraut war, war es nicht gewesen. Irgend etwas mit einem Automobil. Und nun hätte er Heimaturlaub, um Abschied zu nehmen, wie es der Hauptmann ausdrückte.
Das war der Tag, an dem der Soldat Frédéric Überall beschloß zu fliehen.

Der Soldat Frédéric Überall hatte fürs Erste sein Gewehr in der Kaserne abgegeben, in der er sich nahe seiner Heimatstadt melden mußte. Er wußte, daß er es ohnehin nicht mehr brauchen würde. Der einzige Grund, warum er es jemals in die Hand genommen hatte, lag nahe einer Birke vergraben und das armselige Holzkreuz mit den beiden Namen verpflichtete zu nichts mehr.
Seine Einheit sei aufgerieben, hatte man ihm gesagt. Das bedeutete, daß auch dort alle tot waren, erschossen, von Granaten zerrissen oder anders ums Leben gekommen. Kein Automobil. Der Hauptmann, der Soldat, der die Post verteilte und all die anderen auch. Er hatte keine Freundschaften geschlossen und so hörte er es ohne Bewegung. Man wäre auf der Suche nach einer anderen Verwendung für ihn. Einer Verwendung dort, wo auch aufgerieben worden war, eine Front begradigt oder man einen taktischen Rückzug ausführte. Das Vaterland verlange von jederman, freudig aufgerieben zu werden. Auch von ihm.
Ein paar Tage später saß er mit vielen anderen in einem Zug, der sie zu ihrem Feind bringen sollte. Das Gewehr hatte er auch wieder bekommen, wenngleich ohne eine einzige Patrone. Patronen gäbe es nicht in der Kaserne, aber sie würden rechtzeitig ihre Munition bekommen, so war ihnen versichert worden. Ein Gewehr ohne Patronen ist genau genommen keine Waffe, sondern ein stählerner Krückstock oder ein häßlicher Flaggenmast, tröstete er sich. Wichtiger war der Tornister auf dem Rücken, der einen Anzug barg und ein paar Schuhe, wie er sie früher getragen hatte. Ohne Eisennägel.

Der Soldat Frédéric Überall war einigermaßen erstaunt, daß es so einfach gewesen war, sich des Ruderbootes zu bemächtigen. Es war wohl zu klein, trug überdies keinerlei Kanonen oder andere wichtige Dinge mit sich und bot bestenfalls für drei Personen Platz. Ihm kam es groß vor, als er gemächlich in die Dämmerung hinausruderte. Für ihn war es genügend Raum und seine Gedanken. »Beeile Dich: Da kommt eine Bö« Der Mann auf dem Wachboot dachte nicht daran, ihn aufzuhalten. Offenbar vermutete er, Frédéric Überall wolle zu einem der Kriegsschiffe, die auf Reede vor Anker lagen.
Der Regen war angenehm warm und in ihm verschwand er, wurde eins mit der stillen Wasserfläche, ein grauer Nebel. Er öffnete den Mund, beugte den Kopf zurück und trank das Wasser, das ihn verbarg. Sein Friedenstrunk, nach all der langen Zeit.
Den Marschkompass seiner Soldatenausrüstung auf der Bank vor ihm ruderte er nach dem Westen. Solange, bis auch der letzte Rest des Tageslichts vom Regen verschluckt wurde. Ein Wind kam auf und Frédéric Überall vertraute darauf, daß ihn dieser schon in die gewünschte Richtung treiben würde. Mehr als zu vertrauen war für den Moment nicht zu tun und so beschloß Frédéric Überall ein wenig zu schlafen.

Der nächste Morgen sah ihn alleine mit seinem Boot inmitten des Meeres. Diese Einsamkeit gefiel ihm: Kein Vorgesetzter, dem es zu erklären galt, warum er, der Soldat Frédéric Überall nicht mehr auf den Feind schießen wollte und auch jener Feind nicht, der vielleicht auch an dieser Erklärung interessiert sein mochte. Gegen Abend sah er durch den Dunst die Wellen an einem Strand, versuchte ihn zu erreichen, gab aber nach einer Weile auf.

Der Soldat Frédéric Überall wechselte seinen Soldatenanzug gegen das, was er bis dahin sorgsam in seinem Tornister gehütet hatte. Die Stiefel und all das, was ihn als Soldaten des Feindes ausgewiesen hätte, vergrub er am Strand. Das kleine Boot, das ihn an den Strand geworfen hatte, überließ er dem Meer. Er hatte es zuerst gar nicht bemerkt und dann eigentlich nur daran, daß das Schaukeln der letzten Tage aufgehört hatte.
Ein kleiner Pfad führte den Deich hinauf, dem er folgte. Bis zu einer Wiese, auf der ein ein paar Schafe weideten. Ob das wohl feindliche Schafe waren? Er sprach zu den Tieren ein paar Worte in der Sprache des Feindes – ja, die beherrschte er! – aber keines der Tiere zeigte eine Reaktion. Das ist vielleicht ein gutes Zeichen dachte er, während er nach dem kleinen Dorf zuging, das in der Ferne sichtbar geworden war. Sehr vorsichtig bewegte er sich, fast wie im Krieg, um von niemandem gesehen zu werden, während er sich dem Schild am Dorfeingang näherte.

Kurz nach Einbruch der Nacht machte er sich ein kleines Feuerchen, ein verstecktes, das fast keinen Rauch erzeugte. Nicht alles, was man als Soldat lernt, ist nutzlos. Er warf eine Handvoll Kartoffeln, die er über den Tag von einem Acker geklaubt hatte, in die Glut und aß den letzten Rest des Brotes seines Reiseproviantes. Das Dorfschild am Morgen hatte ihn davon überzeugt, daß er wirklich in der Fremde war.
Am nächste Morgen wanderte er inmitten endloser Felder, in ihrer Eintönigkeit nur hin- und wieder unterbrochen durch Dörfer oder Häuseransammlungen, die er weit umging. Selbst wenn er sich gewiß gewesen wäre, nicht als Feind erkannt zu werden oder als Flüchtling, so war ihm wenig nach Gesellschaft. Trotz seiner Achtsamkeit seinen Anzug zu schonen war dieser nach ein paar Tagen in einem bedauernswerten Zustand. Er wusch ihn an einem Weiher und verbrachte den Tag damit, nachzudenken ohne zu laufen, während er darauf wartete, das die Sonne Hose und Jackett trocknete. Beim Gedanken an seine tote Frau und das Kind weinte er ein wenig, aber nur kurz. Es war mehr die Anspannung der Nerven als Trauer. Eher ein Gefühl der Unabwendbarkeit und eine stolze Freude über den Entschluß, der ihn hierher geführt hatte. Wie es mit ihm weitergehen sollte, wäre auch eines Gedanken wert gewesen, aber wozu? Es geht immer irgendwie weiter – so oder so.   Es gibt ja kein Ende, wenn man nicht gerade einer Granate in die Arme läuft oder von einem Automobil überrollt wird. Gemessen an der Menge der Menschen auf dieser Welt ist das eigentlich die Ausnahme. Nun Ja: Vielleicht abgesehen von den Granaten und Gewehrkugeln, wenn ein Krieg so lange dauert wie dieser hier. Aber das war ja nun vorbei. Was der Feind wohl mit einem machen würde, fänge man ihn ein und verhöre ihn? Der Feind, der von dem Freund flüchtet, ist ja streng genommen kein Feind mehr, wenngleich auch nicht unbedingt Freund. Irgend etwas dazwischen. Man würde ihn vielleicht für sich arbeiten lassen, damit man ihn, den Soldaten Frédéric Überall unter Kontrolle hätte und einem Nutzen von ihm. Im Zivilberuf, also vor seiner  Soldatenlaufbahn, war er Buchbinder gewesen. Sicherlich hätte der Feind auch Bücher, die gebunden werden mußten und einem Buchbinder ist Sprache und Inhalt der Bücher gleichgültig. Die sorgfältige Ausrichtung der Seiten, der ordentliche Einband, die haltbare Verklebung ist Ziel der Tätigkeit. Ganz gleich, ob die Lektüre von einem Revolutionär oder einem Herrscher stammt.

Der Soldat Frédéric Überall erwachte mit einem großen Schrecken, als er von einer rauhen Frauenstimme angesprochen wurde. Die abgelegene Scheune, in der er diese Nacht verbracht hatte, war nicht so verlassen gewesen wie erdacht. Wenigstens so geistesgegenwärtig sich der Sprache des Feindes zu bedienen war er gewesen. Nach einer Weile und einer gestammelten Erklärung seiner Anwesenheit, der die Lüge in jeder Sprache anzumerken gewesen wäre, gab man ihm etwas zu essen. Es waren wohl Mutter und Tochter oder eine Magd; sie nannten sich beim Vornamen und schienen vertraut miteinander. Nach zwei Tagen freundlicher Distanz gaben sie ihm einen Ranzen mit rauen Kleidern, etwas Brot und ein paar Münzen und er wanderte weiter. Viel mehr als ihre Namen hatte er nicht erfahren, nur die Richtung der nächsten größeren Stadt gaben sie ihm auf den Weg.
Es ist doch praktisch, daß es keine bewachten Stadttore mehr gibt, dachte er, als er sich vor einem Café an einen der Tische setzte. »Ein Glas Wein bitte« und die Sprache des Feindes ging ihm so selbstverständlich, daß der Kellner in seinen Bewegungen keine Sekunde stockte oder ihn misstrauisch zögernd ansah. Ein Uniformierter spazierte an dem Café vorbei, grüßte freundlich die Gäste und ging weiter. Am Nebentisch saßen zwei ältere Männer und sprachen über den Krieg. In seiner Heimat sprach man in den Cafés auch über den Krieg; was man alles erobern wollte und wie groß die Heimat nach dem unvermeidlichen Sieg wohl sein möge. Hier sprach man darüber, wie man ihn am einfachsten beenden könne, diesen Krieg. Danach wäre Frieden. Das klingt vernünftig, dachte der Soldat Frédéric Überall.
Ob es in dieser Stadt wohl ein Amt für geflohene feindliche Soldaten gibt? Zu Hause wäre er auf eine Gendarmerie-Station gegangen, hätte sich nach Namen und seinen Papieren fragen lassen und warum er nicht in Uniform gekleidet wäre. Aber dort wollte man ja einen Krieg gewinnen und nicht beenden.
Der Gast vor ihm hatte seine Zeitung auf dem Tisch liegengelassen und Frédéric Überall beschloß, diesen Krieg einseitig zu beenden, in dem er mit einem Glas Wein und dieser Gazette mit übereinandergeschlagenen Beinen die Mittagssonne genoß.

Der Soldat Frédéric Überall war mit Widerwillen, aber entschlossen zu einem Büro der Gendarmerie gegangen und hatte in knappen Worten versucht, seine Anwesenheit zu erklären. Der erste der Polizisten hatte ihn ungläubig unterbrochen und zu seinem Vorgesetzten geführt. Auch jener nahm ihn am Arm und führte ihn in ein Nebenzimmer, wo er seine Geschichte zum dritten Male, diesmal aber bis zum Ende erzählen konnte. Frédéric Überall konnte sich nicht genau daran erinnern, wie oft er sie im Laufe des Tages vorgebracht hatte, bevor man ihn in diese Zelle gebracht hatte. Wenigstens etwas zu Essen und einen Krug Wein hatte man ihm mit mitleidig ungläubigen Blicken auf den kleinen Tisch gestellt, an dem er nun saß und die weiß gekalkte Wand anstarrte. Aber es war trocken und warm und Frédéric Überall war nicht unglücklich. Seine wenigen Habseligkeiten hatte man ihm gelassen und auch die Zeitung, in der er nun lesen konnte. Eine Decke, die ihn wärmen würde, wenn er müde geworden wäre. Das war mehr, als er die letzten Jahr besessen oder an Annehmlichkeiten genossen hatte. Es geht immer weiter – so oder so, dachte er.

Nach ein paar Tagen wurde er erneut vor einen der Gendarmerieoffiziere geführt. Der massige Mann saß hinter seinem Schreibtisch und blätterte in den Papieren, die vor ihm lagen. »Sie werden vorläufig hier bleiben müssen, bevor man Sie mit anderen Gefangenen des Krieges zusammenbringt. Bis dieser Krieg beendet ist und man Sie wieder nach Hause schickt«. Frédéric Überall wandte leise ein, daß er dorthin gar nicht zurück wollte. Er sei Buchbinder und könne überall arbeiten, wo Menschen Bücher läsen. Wieder wurde in Papieren gewühlt, Vorschriften vorgelesen, bei denen allerdings Buchbinder und ihr Unwille, zurück in die Heimat geschickt zu werden, nicht vorkamen.

Der Soldat Frédéric Überall hatte sich wieder in das Café begeben, in dem er vor geraumer Zeit den Krieg beendet hatte. Man grüßte ihn freundlich, war über seine Geschichte und Herkunft wohl auch durch Gerede in der kleinen Stadt bereits informiert und ließ ihn im Übrigen in Ruhe. Seine Mittagsmahlzeiten über den Tag nahm er im Garten bei der unglaublich dicken Frau eines der Polizeibeamten ein. Sie kochte, als gälte es, einem knapp dem Hungertode entkommenen wieder zum Leben zu bringen. Danach ein Glas Wein und einen kurzen Schwatz. Gelegentlich half er ihr im Garten oder im Haus, bis ihr Mann vom Dienst kam. Dann saß man noch etwas zusammen, bevor Frédéric Überall zum Abend wieder zur Gendarmerie-Station ging, wo er in seiner Zelle die Nacht verbrachte.
Hätte es noch Bücher zu binden gegeben, wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, jemals Soldat gewesen oder vor einem Krieg geflohen zu sein. Von dem gelegentlichen Lohn für seine Hilfe reichte es fast immer für einen Kaffee oder ein Gläschen oder ein frischen Stück Brot. In der Zeitung war immer mehr vom baldigen Ende des Krieges die Rede und daß seine beinahe vergessene Heimat nicht größer und mächtiger als je zuvor daraus hervorgehen würde. Für diesen Fall hatte ein Bekannter des Café-Besitzers versprochen, Frédéric Überall in seinem alten Beruf zu beschäftigen; was, solange der Krieg dauerte, nicht möglich war. »Die Vorschriften… Sie verstehen wohl!«

Der Soldat Frédéric Überall hatte sich den Mantel angezogen, den ihm eine freundliche Seele geschenkt hatte, als das Wetter langsam grauer und kühler geworden war. Er hätte gerne die beiden Frauen besucht, die ihm als erstes so freundlich halfen, wie alle hier. Aber die Vorschriften ließen das nicht zu – das verstand er. Sein Mittagessen bei der Polizistenfrau nahm er nun in der Küche ein und sie nannten sich beim Vornamen wie auch ihren Mann. Gelegentlich entschuldigte er sich am Morgen und erklärte, nicht zum Mittagessen zu kommen. Die dicke Frau warf dann in gespielter Entrüstung die Arme über den Kopf und behauptete, er wäre noch lange nicht von den Strapazen der Flucht gesundet und bedürfe ihres guten Essens, um langsam wieder zu genesen. Aber natürlich wußte sie von der Blumenhändlerin ein paar Straßen weiter, wo man Frédéric Überall hin und wieder gesehen hatte, wie er die Auslagen herrichtete oder beim Abladen neuer Ware half.
Heute Abend aber trafen er und die Blumenverkäuferin sich nach der Arbeit, auf ein Glas oder zwei und fröhlichen Gesprächen, die immer mehr von einer unaussprechbaren Spannung begleitet wurden. Die Wichtigkeit der Frage nach den Kriegszielen seiner beinahe vergessenen Heimat trat weit hinter jene zurück, wann man zusammen ein gemeinsames Frühstück genießen konnte und keine Nächte mehr in einer weiß gekalkten Zelle. »Die Vorschriften… Sie verstehen wohl!«, aber niemand in dem Café verstand es noch und warum dieser Krieg immer noch andauerte, obwohl der Feind doch bereits am Boden lag, vertraute man den Ausführungen in den Zeitungen.

Der Soldat Frédéric Überall konnte sich gut an den Tag erinnern, an dem der Frieden ausbrach. Der Sieg mußte wohl ein vollkommener gewesen sein und die Erleichterung über den nun herrschenden Frieden nahm den Menschen das Lächeln. Eine eigenartige Wut herrschte, als man gewahr wurde, wie lange es zu diesem Frieden gedauert und all der Opfer gedachte die es gekostet hatte. In dem kleinen Café wurde Frédéric Überall nicht bedient und auch die anderen Gäste ignorierten ihn im besten Falle, wenn man nicht unanständige Dinge in seine Richtung tuschelte. Er zog es vor, wieder in die relative Ruhe seiner Zelle zu flüchten, bis man sich dort draußen an den Frieden gewöhnt hatte. Ein paar Tage vergingen so, bis ihn das Sehnen nach der Blumenverkäuferin zurück auf die Straße trieb.
Vor dem kleinen Lädchen, vor den Auslagen, die er selber so oft liebevoll geordnet hatte, blieb er stehen und sah durch das Schaufenster. Sie stand dort, bewegungslos und sah ihn an. Sie schien Angst zu haben, rührte sich nicht, sah ihn und trotzdem kam sie ihm nicht entgegen wie sonst. Nahm ihn auch nicht freundlich in den Arm, stand da, schwieg und Frédéric Überall schauderte. So bemerkte er auch nicht die kleine Gruppe von Menschen, die hinter seinem Rücken stand. Einer der Männer hatte ein Stück Holz in der Hand, das er dem Soldaten Frédéric Überall auf den Kopf schlug. Der Mann der Polizistenfrau, der auch dort war, zog seine Dienstpistole und schoß dem am Boden liegenden erst in die Brust und eine weitere Kugel in die Stirn. Aber davon spürte Frédéric Überall bereits nichts mehr. Und auch nicht davon, wie man die Blumenverkäuferin aus dem Laden zerrte, ihr die langen, schwarzen Haare abschnitt und die vor Verzweiflung rasende auf dem Marktplatz zur Schau stellte.

Als es Nacht wurde, hatten sich alle wieder etwas beruhigt. Der Gendarmerieoffizier ließ den leblosen Körper des Soldaten Frédéric Überall durchsuchen, ohne dabei mehr zu finden als ein blutiges Stück Papier mit einer unbeholfenen Zeichnung und der krakeligen Unterschrift eines Kindes.
Man begrub den Soldaten Frédéric Überall am Stadtrand; nicht auf dem Friedhof und mit einem der erbeuteten feindlichen Helme auf einem einfachen Kreuz. Der Helm, der eine Erklärung sein sollte, wie das Leben des Soldaten Frédéric Überall zum Ende gekommen war und warum man in dem kleinen Städtchen nun keine Blumen mehr kaufen konnte.

Das sollte eigentlich ein kleiner Beitrag für Vera Bunses Aufruf, die Initiative Thomas Stadlers und anderen »Blogger für Flüchtlinge« zu unterstützen, sein. Es ist aber wohl etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich weiß auch nicht – Geschichten enden irgendwie nie so, wie man sich das gedacht hat.
Aber unterstützen möchte ich natürlich schon, was hiermit zum Ausdruck gebracht werden sollte.

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10 Antworten zu Soldat Frédéric Überall

  1. Frau Lehmann schreibt:

    Nur ganz kurz.
    1. Reaktion: Wow!
    2. Reaktion: Schluck
    3. Welch ein genialer Satz: „Der Sieg mußte wohl ein vollkommener gewesen sein und die Erleichterung über den nun herrschenden Frieden nahm den Menschen das Lächeln.“
    4. Die Tragödie Mensch. Wie unsagbar traurig.

    Danke für den Text!

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  2. Fluchtwagenfahrer schreibt:

    Lieber Pantoufle,
    das hast Du fantastisch geschrieben!!
    Respekt und Anerkennung!!!!!

    Ein schönes WE
    p. s. (bin noch völlig verdattert, lese es gleich nochmal)
    Gruß
    Ein Soldat

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  3. Joachim schreibt:

    Oh je, ist es so? Ich fürchte, es ist so.

    Für einen Kommentar fehlen mir momentan die Worte. Ich schließe mich den Vorpostern an.

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  4. pantoufle schreibt:

    @all

    Das ist schön, daß Euch die Geschichte gefallen hat, die sich doch als arg sperriger Klotz liest. Was soll ich sagen? Danke, das Ihr es gelesen habt. Ja, und mehr fällt auch mir nicht dazu ein.

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  5. lattjamilln schreibt:

    Kein sperriger Klotz, die Geschichte ist wunderbar zu lesen. Warscheinlich auch ziemlich nah dran. Leider!

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    • Joachim schreibt:

      Korrekt, wunderbar zu lesen.

      pantoufle, wenn Du dennoch Kritik brauchst… nun ja: Sprachlich gut wie immer. Es gäbe … nee, ich mag das einfach… Bitte, gibt das niemals auf, weil … es jemand werten könnte.

      Inhaltlich: Wenn Du die Geschichte eines Mädchens, etwa 12, nur 14? so genau weiß das niemand, dessen Eltern erschossen wurde, dessen Bruder Kindersoldat war (und nun gar nichts mehr ist), wenn Du Mädchen bist, das in diesem Alter mehrfach vergewaltigt wurde, wenn Du siehst, dass dieses Mädchen heute manchmal dennoch lächeln kann, sich alle Mühe gibt, deutsch zu lernen, Schule nachzuholen, nicht zusammenzubrechen, nur weint, wenn es dunkel ist, wenn das Mädchen einfach ein echtes Wunder ist, …

      dieses Mädchen ist ein Wunder, wird niemals studieren, niemals Geld verdienen, niemals einer „Mittelschicht“ angehören… denn sie ist wunderschön schwarz, klug, so menschlich und so verdammt, hier in Deutschland, wo es uns so gut geht …

      dann weiß ich nicht, wie das alles möglich ist. Weiß nicht, in welcher Welt wir leben. Wenn Du sagst, „er weinte, aber nur kurz“, dann ist dieses Bild nur schwer zu verstehen. In die Fremde gehen zu müssen ist für uns weder auszudrücken noch zu verstehen. Du redest von einem Tod. Das Mädchen ist tausend Tode gestorben. Mit ihm sterben täglich tausende tausend qualvolle Tode.

      Und wir diskutieren hier, ob es böse und gute Deutsche gibt, ob man Gesinnungsfaschisten Nazi nennen darf. Okay, wie soll ich euch rechtsradikale Idioten nennen, die meinen, „Deutschland“ könne nicht die Welt durchfüttern? Sucht es Euch aus. Und wenn ihr Ministerpräsident von Bayern seit, ihr bleibt etwas, das für mich nicht mehr auszudrücken ist.
      Ihr bleibt widerwärtig. Vollkommen widerwärtige hirnlose Idioten. Ihr seit sowas von egal.

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      • pantoufle schreibt:

        Moin Joachim

        Vielen Dank für den Dennoch-Versuch-einer-Kritik.

        Das Dilemma, das Du da ansprichst, ist mir beim Schreiben natürlich bewußt gewesen. Ich bin nicht geflüchtet – jedenfalls nicht in ein anderes Land-, habe auch keinen Krieg erlebt oder war Zeuge von Morden.
        Das ist aber erst einmal kein Grund, nicht so eine Geschichte schreiben zu dürfen. Es war allerdings der Grund, warum ich den Soldat Frédéric Überall und all die anderen so fern von einem 7½ Tonner auf einer österreichischen Autobahn ansiedelte. Dieser Grund und das Gedröhne derjenigen, die im Moment die Deutungshoheit des Dramas für ihr eigenes Weltbild beanspruchen – ich will mich da nicht einmischen.

        »Er weinte, aber nur kurz«
        Siehst Du: Und deswegen habe ich davon Abstand genommen, über das kleine Mädchen zu schreiben. Das stünde mir nicht zu. Aber über einen erwachsenen Mann schon. Und Überall ist Soldat und hat schon viele Menschen sterben gesehen – vielleicht sogar selbst getötet.
        Nein, Überall ist kein kleines Mädchen und die Geschichte folgt auch nicht dem Reflex, das Wunder einer geglückten Flucht zu erklären. Ich will überhaupt nichts erklären. Außer vielleicht dem Versuch einer Darstellung, wie ich die Menschen sehe:
        »Einer der Männer hatte ein Stück Holz in der Hand, das er dem Soldaten Frédéric Überall auf den Kopf schlug.«

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        • Joachim schreibt:

          Sehr schön, dass Du das so auffasst. Ich hatte das ja nur schwach angedeutet. Zudem, Deine Geschichte ist konsistent, beleuchtet das Thema von einer ganz anderen und sehr komplexen Seite.

          Um dennoch (m)einen Punkt aufzugreifen: Frédéric Überall ist als Identifikationsfigur ein Deutscher, ein Holländer, ein Franzose. Er ist der universal soldier, der auf Zuruf tötet und auf Zuruf stirbt, seine Befehle (wie in dem Song) von uns bekommt. Der sagt nun „nein“, folgt der einzigen logischen Möglichkeit in einem subjektiven Impuls und stirbt dennoch. Wenn ich, der „Deutsche“ der Identifikationsmöglichkeit nachgebe, wer sind dann die Anderen? Wer sind die mit dem Holz in der Hand? Wer zu dem Schluss kommt, dass wir das sind, für was, außer der großen Kunst, braucht der dann diese Geschichte? Das Dorf könnte in Frankreich sein. Nein, Franzosen sind keine Mörder. Die Mörder sind überall. Die Mörder sind wir.

          Wir, schon dann, wenn wir wegsehen, uns über einen Laster mit 70 Leichen aufregen, weil das so nahe war, aber bei tausenden, die jämmerlich Ertrinken, darüber nachdenken, ob da nicht vielleicht ein paar Arme, neudeutsch Wirtschaftsflüchtlinge, dabei sind. Und dann noch die aus dem Osten, diese Zigeuner, diese Auto-Klauer, Teppichweber, Betrüger und Diebe, die uns überrennen werden. Leute, es wäre barmherziger, sie direkt zu erschlagen, als sie unserem Rassismus und Faschismus auszuliefern.

          Wem gehört eigentlich diese Welt? Sag es mir? Wem?

          Versteht man das, wenn man nicht Europäer ist? Versteht man das, wenn man nicht in der Welt zuhause ist? Versteht man dass, wenn man rein deutsche Interessen vertritt?

          Das war mein „Oh je, ist es so? Ich fürchte, es ist so, dass wir Mörder sind“

          Zurück zum Thema: Das war nun wirklich keine Kritik. Das war nicht einmal eine zulässige „Interpretation“. Und von der Sprache habe ich noch überhaupt nicht geredet. Ja, das ist eine sträfliche Unterlassung. Ich sehe die Tradition, in der Du da stehst, durchaus…

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        • pantoufle schreibt:

          Moin Joachim

          … Du gibst da aber auch keine Ruhe… sind wir eigentlich die einzigen, die gerade nicht im Urlaub sind?

          Das ist allerdings eine interessante Frage: »Versteht man das, wenn man nicht Europäer ist?«
          Der Umkehrschluß würde allerdings bedeuten, daß eine Flüchtlingsgeschichte auch dann nicht an Authentizität gewinnen würde, wenn sie von einem Syrer oder Polynesier geschrieben würde. Die Unwissenheit über den kulturellen Hintergrund ist ja beidseitig. Jeder liest mit der Brille in den Landesfarben.

          Das geht allerdings nach meiner Einschätzung etwas am Thema vorbei. Stefan Zweig schrieb seine Schachnovelle auch ohne tiefere Kenntnis dieses Spiels – er war, soweit bekannt, ein lausiger Spieler. Aber darum geht es in seiner Novelle auch gar nicht oder eben nur vordergründig.
          Wollte man über die Gründe von Flucht und Vertreibung schreiben, so muß man nicht unbedingt selber auf der Flucht sein. Die aktuellen Gründe von Flucht und Vertreibung haben ganz »westlich-europäische« Gründe. Es sind die Auswirkungen eines Neo-Kolonialismus, deren Ursachen gerade in unserem Kulturkreis ausgezeichnet zu verstehen sind. Die »Geschichte des kleinen Mädchens« mag das Herz rühren, ist aber für die Ursachenforschung belanglos. Sie wäre bestenfalls ein Grund, damit zu beginnen.

          Die Geschichte eines solchen Elends verstehen wir in unserer Sprache und Gedankenwelt sicher am besten und es ist meiner Meinung nach legitim, das in dieser Form zu (be)schreiben. Wenigstens solange man nicht den Anspruch von Wahrhaftigkeit erhebt.

          Aber ein Teil von Wahrhaftigkeit besteht für mich darin, daß sich die Menschen gar nicht so großartig voneinander unterscheiden. Das kann man begrüßen oder verdammen – es ist vermutlich so. Die Mörder sind nicht wir, sie sind überall.

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  6. tikerscherk schreibt:

    Das tat weh

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