Brüderlichkeit

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Über manche Dinge sollte man nicht nachdenken. Zum Beispiel darüber, wie es sich gestalten würde, läsen einige Menschen ihre Texte einem Publikum vor. Woran ich natürlich denke, sind in diesem Falle Blogger und speziell diejenigen, deren Botschaft eher die der Keule und weniger die Poesie ist. Das ist gar nicht bösartig gemeint: der Gedanke folgt nur der Überlegung, daß es ja auch eine Körpersprache gibt. Der Appell an Humanität, das Bessere ganz allgemein verbunden mit dem herausbrechenden Schmerz, der den Zuhörer am Jackettkragen packt und durchschüttelt. In der einen Hand das Manuskript, die andere auf die Herzgegend gepresst (wo war die doch gleich?); der Ausfallschritt! Der eine oder andere mag sich an liebevoll colorierte Zeichnungen des 19. Jahrhunderts erinnern.
Jedenfalls gehen genau die mir dabei durch den Kopf. Die Wirklichkeit wird wohl prosaischer sein. Das Laptop, die Wischware und eine mit verkniffenem Gesicht über die Quelle gebeugte Person. Den Blick gesenkt und im Hintergrund die Erkenntnis, daß dies nicht zum öffentlichen Vortrag geeignet sei. Liest aber trotzdem. Aus Trotz, weniger aus Überzeugung.
Ausnahmen bestätigen die Regel (oder in diesem Falle die Vermutung): Wenn es mal wieder öffentlich-rechtlich gendert, kann man das sehen. So eine Desdemona, die ihren Mohren nicht bekommen hat… aua!

Was wollte ich sagen?

Im Chinesenland kracht die Börse und ich hatte auch Hunger. Es gab nämlich nichts zu essen auf der Festivität am Wochenende. Das heißt: Es gab schon etwas! Das war aber einen gute Kilometer entfernt. Diesen Fußmarsch wiederum ließ die Masse an Arbeit nicht zu – und selbst wenn man eine Fahrgelegenheit gehabt hätte, war 14:00 Uhr für das Mittagessen als Zeit geschickt gewählt. Da hat man nicht einmal Zeit, wenn einem Flügel wüchsen.
Was für eine Freude, als der Chef der Bühnenbauer um 18:00 mit einer Currybrat-Pommes in FOH auftauchte. Eine für den Systems-Ing., die andere für den Lichtmann über mir. »Ohne Worte!« brüllte er gegen die Lautstärke des Soundchecks an. Wobei unklar blieb, ob er die Essenssituation oder die akustische meinte.
Brüderlichkeit.
Selten hat eine Currywurst besser geschmeckt.

Gibt es Zeichen?

Alle meine Motorräder haben Namen. Wobei »Namen« nicht ganz den Sachverhalt trifft. Die XJ900 zum Beispiel trägt die Inschrift auf dem Tank:

Und die Räder erhoben sich neben ihnen: Denn der Geist des lebendigen Wesens war in den Rädern.

Ezechiel 1.12.

Nun hatte die FJ noch keinen Namen. Ist ja auch ein wenig früh nach knapp 25.000km. Da hat man sich gerade mühsam aneinander gewöhnt und jede Schraube kennt man auch noch nicht.
Nun geschah zu Dortmund aber eigenartiges. Pantoufle saß nach der Arbeit sinnend und rauchend mit einem Fiegel Bernstein (einem sehr empfehlenswerten Bügelbier!) auf dem Parkplatz neben seiner Dicken; Jacke, Helm und Zubehör auf dem parkenden Krad vor dem Hotel. Ein Taxi entließ einen Fahrgast und rollte anschließend gemächlich in Richtung Ausfahrt. Rollte, stoppte, fuhr rückwärts zurück und der Fahrer betrachtete die parkende FJ. Fuhr wieder los um abermals zurückzukommen.
»Motorrad-Tourist?«
»So etwas ähnliches, wenn Sie mein Pferd meinen!«
»Genau das meine ich.«
Durch das geöffnete Fenster hörte man das Geräusch von zerreißendem Papier. Er stieg aus und gab mir die herausgerissene Seite einer Zeitung. »Das sollten Sie unbedingt lesen!« Sprach’s, stieg wieder in sein Auto und fuhr nun endgültig davon.

Es war die Geschichte einer jungen Pakistani, die allein und gegen alle Regeln auf ihrer Honda CD-70 von Lahore nach Kaschmir gefahren ist. In Karatschi, einer Stadt von 15 Millionen Einwohner und mindestens 2,7 Millionen Motorrädern ist es Frauen wie in ganz Pakistan verboten, Motorrad zu fahren. Theoretisch dürfen sie es zwar, aber erstens nicht alleine und zum anderen nur im korangemäß züchtigen Damenreitsitz – was an praxisferne einem Fahrverbot gleichzusetzen ist. Die junge Studentin tat es aber trotzdem. Und saß dabei so auf ihrer Honda, daß sie die Gebirgspisten unversehrt meisterte. In diesem Artikel des Stern stand etwas über ihre Angst, die Unsicherheit und die Strapazen, die ich gut nachvollziehen kann. Nicht die Angst, als Frau in einem solchen Land diesen Tabubruch zu begehen – das kann nur diejenige, die es macht. Aber das andere, dieses Gefühl, wenn man feststellt, ein zweites Paar Beine geschenkt zu bekommen, wenn sich der Körper erst dagegen wehrt, um sich dann langsam an dieses Exoskelett zu gewöhnen; Panikattacken. Die Reaktionen des Fleisches und Geistes, wenn einem Flügel wachsen. Und das Glück darüber, wenn »wir« es schaffen.

Beim Lesen dieses Artikels auf dem Parkplatz spürte ich dieses wilde Gefühl des Triumphes, das diese Frau gehabt hatte. Ich fuhr im Geist mit, schräg hinter ihr und dieser Honda, die kaum mehr Leistung hat als der Anlasser meiner FJ. Wenn Motorradfahren mehr ist als ein Wochenendvergnügen mittelstandssatter Europäer ist. Wenn es noch etwas ausdrückt an Leben und sogar Zeichen setzen kann wie das dieser jungen Frau namens Zenith Irfan.
Und so hat die FJ nun ihren Namen bekommen. Auf der Verkleidung steht der Name dieser mutigen Frau. Als Ansporn, sich zu widersetzen und als tiefe Verbeugung. Und damit man täglich daran erinnert wird.

Es gibt Zeichen.

 

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9 Antworten zu Brüderlichkeit

  1. GrooveX schreibt:

    öhm, 15 mio einwohner? da fehlt mindestens ne null. und wüste ist dort auch eher in die andere richtung. aber wer kennt sich schon aus mit pakistan…
    wiki kann helfen.

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  2. Joachim schreibt:

    Meine Mopeds haben nie Namen. Nur Moped eben. Oder Mistbock, wenn der mal rumzickt. Meine Beine benenne ich ja schließlich auch nicht.

    Aber, wie die FJ nun an ihren Namen gekommen ist, das gefällt mir. Das gefällt mir sogar sehr.

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  3. Thelonious schreibt:

    Ein guter Name und zwei gute Geschichten. Was will man während der mittäglichen Raucherpause mehr.

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  4. Stony schreibt:

    Mit einem Lächeln im Herzen auf Arbeit gefahren – Danke dafür!

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  5. Tilla schreibt:

    Hach! 🙂

    (Ja Mann! Kurz, knapp, ausdrucksstark gehacht! Kennst mich doch. Den Rest live und in Farbe. Bitte. Danke.)

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  6. epikur schreibt:

    „Der Appell an Humanität, das Bessere ganz allgemein verbunden mit dem herausbrechenden Schmerz, der den Zuhörer am Jackettkragen packt und durchschüttelt.“

    Da ist was dran. Empathie mit der Brechstange erzwingen. Da wird wohl zu oft Umerziehung für Aufklärung gehalten.

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