Was für ein notgeiler, seniler Sack!

Manchmal muß man Menschen einfach rausschmeißen. Vor die Türe setzten, die Gastfreundschaft Gastfreundschaft sein lassen.
Wer kennt das nicht? Man will eine Party geben, läd sich im Irrsinn alle möglichen Leute ein mit dem Zusatz »… und bringt ruhig jemanden mit. Die Freundin oder so«. Der Beginn des Kontrollverlustes der Privatsphäre. Man rennt, begrüßt die neuen Gäste (natürlich jeden einzelnen mit Handschlag, wahlweise Umarmung) und kann nicht verhindern, daß die ersten Rabauken anfangen, einzelne Bücher aus dem Regal zu nehmen. »So, so – lesen tut der feine Herr also auch!« Wer sind die? Das sind doch garantiert die Mitgebrachten. »Kommunist, was?« sagt der, der mit der einen Hand das Buch wedelt und der anderen die Salzkörner von den Stangen pult.

Bei der eigentlich fälligen Reaktion bin ich gehandicapt durch die Anwesenheit meiner Nachbarin. Sie wohnt Wand an Wand neben mir und macht immer so entzückende Geräusche beim Masturbieren. Auf ihren Besuch hatte ich mich besonders gefreut und will von daher als souveräner Gastgeber dastehen. Während ich um Fassung und einen passenden Kommentar ringe, der sowohl geistige Überlegenheit wie Humor verrät, schaltet ein anderer dieses Strandgutes den Fernseher ein. Mit meinem Steiff-Schaf im Arm und auf das Sofa geflegelt!
Die Nachbarin hat sich unter meinen Arm gehakt, die Augen geschlossen und ist ganz tranquilizer. »Nicht das Schaf!« stöhne ich und sie sieht mich ganz, ganz lieb an.

Um sie und mich abzulenken, verweise ich auf die Besonderheit unserer gemeinsamen Wasserleitung hin, auch an extrem heißen Tagen erstaunlich kühles Wasser zu spenden. Einen besonderen Himbeersirup könnte ich ihr anbieten, bei dem der Vorzug einer solchen Leitung auch ohne Zuhilfenahme von Eiswürfeln vorzüglich zum Tragen käme.
Gesegnet, wer eine solche Nachbarin hat! Sie zieht mich in Richtung Küche, während noch weitere Bücher aus dem Regal geräumt werden. Das Buffet steht im Wohnzimmer wie auch die Reservegetränke in großen eisgefüllten Wannen. Niemand verirrt sich in die Küche, während durch die geöffnete Tür das Geräusch einer Talk-Show mit vielen prominenten Gästen dringt. »Hätten Sie gedacht, daß dieser beliebte Innenminister Bestechungsgelder angenommen und nicht versteuert hat?« Meine Gäste sind empört und werfen mit leeren Bierflaschen nach dem Fernseher. Das wäre ihnen im Traume nicht eingefallen und jetzt lassen sie ihrem Unmut freien Lauf.
Ein teigiges Gesicht erscheint in der Tür und fragt nach Cognac. »Ach, da sind ja die Turteltäubchen!« brüllt er in Richtung Wohnzimmer. Entweder ist er auf dem Weg zu mir in einen Hundehaufen getreten oder sein Deo versagt gerade.

Wo der Cognac steht, verrate ich ihm natürlich nicht. Da die Nachbarin und ich ihn bewegungslos anstarren, dreht er sich um und beteiligt sich daran, die Teppiche im Nebenraum zusammenzurollen und in den Garten zu schaffen. »Wir bauen Hängematten… geil, was?« Hoffentlich hat er eine Glutenunverträglichkeit oder Nüsse oder was man heutzutage sonst noch so hat. Vegan scheint auch niemand zu sein, denn man hat draußen bereits einen Grill improvisiert. Nicht für den Innenminister, sondern das Grillgut, was irgend jemand von der Tankstelle geholt hat. »Hat jemand an Anzünder gedacht?« Um Schlimmeres zu verhüten, renne ich mit dem benötigten Brandbeschleuniger in den Garten. Gerade noch rechtzeitig, um ein Autodafé zu verhindern. »Schade«, murren die Gäste, aber ich kann mich durchsetzen.

Die Nachbarin ist mir gefolgt und steht nun mit dem geretteten Schaf in der Gartentür, während ich die Bücher zurück ins Regal schleppe. Wie eine Madonna sieht sie aus in ihrem fast durchsichtigen Sommerkleidchen und dem Schlafeschaf. Nur daß Madonnen meist kleine Blagen, die sich in die Windeln scheißen, umklammern oder die Hände zum Gebet verkrampft halten. Das Schaf gibt ihr eine besondere Madonnen-Note, die mir sehr gut gefällt. Vor allem, als sie die ersten Rauchschwaden vom Grill umwogen. Wie Abendnebel. »Das kann man auswaschen« meint sie zu den Ketchupstreifen auf dem weichen Fell.
Manchmal glaube ich, ich habe einfach immer Pech mit bestimmten Dingen und nicht immer kann man es auswaschen. Wie neulich, als ich eine ehemalige Freundin im Krankenhaus besuchte. Sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen, einen Jungen und nach Aussage der Hebamme »stattlich«, was wohl auf Übergewicht schließen läßt. »Und am selben Datum wie Adolf Hitler ist er auch geboren!« Die Mutter weinte aus irgend einem Grund und bat mich zu gehen. Erst später fiel mir die Taktlosigkeit auf. Stattlich heißt bei Kleinkindern eben nicht automatisch übergewichtig.
Das sagt man einfach so.

Draußen geht ein Hagelschauer nieder und meine Nachbarin schließt geistesgegenwärtig die Gartentür, während ich das einzig offen Fenster verriegele. »Fast wie Tennisbälle«. »Spielst Du Tennis?«, frage ich sie. »Nein, ich hätte Angst von einem dieser Bälle getroffen zu werden. Das tut sicherlich scheußlich weh«. Die Grillgemeinde sucht in der Zwischenzeit Schutz unter dem Vordach des Geräteschuppens. Es ist ein kleiner Schuppen und deswegen flüchtet der Großteil der schon recht betrunkenen Horde über die Hecke zur Bushaltestelle.
»Warum hast Du eigentlich so selten jemanden der Dich besucht?« Soviel darf ich fragen – immerhin sind wir Nachbarn. »Ach, es war nie der richtige. Sie wollten alle Kinder, Familie und so etwas, während ich lieber exotische Länder bereisen möchte«

Der Hagel hat für einen Moment nachgelassen, was einen der Gäste bewog, im Schweinsgalopp vom Schuppen zur Tür zu rennen. »Kinder mag ich eigentlich auch nicht besonders«. Meine Nachbarin hat große, graue Augen. Sehr große graue Augen, denke ich, während der Hagel, diesmal verbunden mit einem Sturm, von Neuem beginnt. Der Mann vor der Tür hämmert gegen die Dreifachverglasung. Nach Aussage des Energieberaters nicht nur gegen Wärmeverluste eine ausgezeichnete Wahl. Auch vom normalen Straßenlärm des Alltages ist so gut wie nichts zu hören.
»Komm, ich helfe Dir das Sofa wieder aufzurichten und die Stühle«. Das Schaf hat sie vorsichtig auf das Buffet gelegt, während der Mann vor der Tür aus einer großen Stirnwunde blutet. »Magst Du Cognac?« Wie sich herausstellt liebt sie ihn. Nicht nur deswegen hatte ich ihn gut versteckt. Nichts für Gäste und schon gar nicht für solche. Ich schenke ihr ein Glas ein und auch mir vom Frapin Grand Cru, während im Garten der Schuppen im Sturm auseinanderfällt. »Darauf habe ich eigentlich schon seit Jahren gewartet und jetzt wir werden ihn zusammen wieder aufbauen!« Die Nachbarin strahlt mich an und sie hat die wunderbarsten Augen der Welt. Wir nehmen uns in den Arm, stehen am Fenster und sehen zum Krankenwagen mit dem Blaulicht, der an der Bushaltestelle gestoppt hat. »Eigentlich hielt ich Dich ja für einen notgeilen, senilen alten Sack, aber manchmal ändert ein kleiner Hagelschauer die ganze Welt.«

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7 Antworten zu Was für ein notgeiler, seniler Sack!

  1. Heinz schreibt:

    Boah, alle vögeln hier rum, nur ich komm nich zum Stich.
    Die Nachbarin missgönne ich Dir!!1 😉

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  2. Joachim schreibt:

    Ich gönne Dir diese Nachbarin. Zumal dies unter „Geschichte“ verschlagwortet ist.

    Mein Kommentar (glücklicherweise total gekürzt):
    like it. Ich mag die Dinge von einem anderen Stern. Das relativiert.

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    • pantoufle schreibt:

      Natürlich, Joachim, ist es eine Geschichte. Und wie alle guten – und auch die schlechten – Geschichten ist sie von Alpha bis Omega erlogen. Aber wen interessiert das? Eine Geschichte, eine Nachbarin und sie könnte so real sein wie Hagelkörner in der Größe von Tennisbällen.

      Niemand aber fragt, ob ich mit der Größe der Hagelkörner nicht ein klein wenig übertrieb, während die Vertrautheit der Nachbarin von niemandem in Zweifel gezogen wird; nicht einmal ihre Existenz. Ist das nicht eigenartig, diese Gemeinsamkeit der Träume, die in uns ruhen?

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  3. Tollo schreibt:

    Schön !

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  4. Stony schreibt:

    Nicht ganz im Klaren darüber, was Du hier so treibst in letzter Zeit. Die Geschichten, gerade die, rocken jedenfalls (incl. zweifelhafter Nachbarin) – und ich schicke zunehmend Kommentare nicht ab. ‚Fazit‘ – or something – ‚in progress‘.

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    • pantoufle schreibt:

      Ja, was treibe ich? Die für einen Selbstständigen beneidenswerte Situation, vor Arbeit nicht mehr zum Schlafen zu kommen, zwingt mich, Prioritäten zu setzen – und da muß die Schrottpresse etwas zurücktreten.
      Vorläufig wie ich hoffe. Was mir dabei allerdings leid tut, ist, daß es selbst für die Zeit nicht reicht, um Kommentare adäquat zu beantworten. Unverzeihlich und der Schrottpresse nicht würdig.
      Dafür an dieser Stelle meine zerknirschte Entschuldigung!

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