Die Grillforelle

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Diese anmutige Verquickung zwischen aussterbender Wohnzimmergastronomie und mehr oder weniger nützlichem Terrorismus auf der Seite des geschätzten waswegmuss läd zum abschweifen ein.
Schweifen wir also.

Wer kennt das nicht? Die Kneipe macht zu! Also nicht nur für heute Nacht, sondern gar nicht erst wieder auf. Für immer sozusagen. Oder – was beinahe noch schlimmer ist – wieder auf, aber unter neuer Bewirtschaftung. Das geht ja nun mal gar nicht! Über solche Katastrophen wollen wir erst gar nicht nachdenken, also davon schweigen.

Fritten-Paule hat ja nun auch dichtgemacht. Grill-Restaurant und Kneipe in Union, wobei das Wort Restaurant immerhin diskussionsbedürftig gewesen wäre. Eine ungeheuerliche Mieterhöhung drehte diesem Traditionsunternehmen jedenfalls die Gurgel um. Da standen wir nun, die Stammgäste als Trauergemeinde, als Pauline die letzte Runde aufrief. Über ein Jahr ist nun schon her und es fand sich bis zum heutigen Tage niemand, der uns mit freundlichem Lächeln einen sauberen Aschenbecher neben die Pommes rot-weiß und Flaschenbier schob.
Fluch dem Grundstücksbesitzer, diesem erbärmlichen Kapitalisten, der aus schnöder Profitgier Pauline vertrieb! Nachmieter. Ha! Nichts kam, keiner, der die überteuerte Ladenmiete aufgebracht hätte. Damit der Gebäudeteil nicht vollkommen leer dastand, war dort für ein halbes Jahr ein Händler für gebrauchte Comic einquartiert – überflüssig zu erwähnen, daß diese Geschäftsidee sang- und klanglos den Bach runterging. Ödnis, wo Paulines Bratwurst dampfte und die Pulle Bier für eineurofuffzich über die Ladentheke wanderte.

Thor Steinar und seine Kameraden heimatlos wie auch Petra aus dem Reisebüro und die ganzen Handwerker – von Pantoufles Anlaufstelle nach erfolgreichen Motorrad-Wartungsnachmittagen zu schweigen! Petra mit ihrem von Nikotin gegerbten Gesicht, die mir die Tickets für die Fähre Calais-Dover verkauft, sie mir eventuell auch nach England schickte, weil’s ja doch billiger ist. Englische Fähren, keine französischen. Wer hat vor Trafalgar gewonnen? Siehste!

Ein kneipologisches Jammertal, dieses Städtchen! In die Schlemmerdiele geht man nicht. Ich weiß zwar nicht genau warum, aber man tut es nicht. Und wer bin ich, mit dieser Tradition zu brechen! Irgend jemand wird da schon reingehen, aber nicht wir. Wolfgang Siebecks Albtraum. Schlemmerdiele: Das ich nicht lache! Zwar habe ich dort noch nie gegessen, kenne aber jemanden, der strickt davon abrät. Mehrere. Was ich nicht kenne, sind Personen, die dort überhaupt hingehen. Petra kennt auch niemanden und dann geht wohl auch niemand hin. Niemand jedenfalls, dem man über den Weg laufen möchte.

Dann wäre da noch das Barnes Gasthaus . Mit Fremdenzimmern. Keine Gäste, sondern Fremde. Fremde Gäste eben.
Die Küche ist robust. »Bei uns ist noch nie jemand hungrig nach Hause gegangen! Und wenn er nur einen Nachtisch bestellt hat…« Die Bedienung ist auch robust. Für hiesige Verhältnisse kann man sie als freundlich bezeichnen, was bei Fremden allerdings erklärungsbedürftig ist. »Die meinen das gar nicht so!« ist ein guter Start. Dafür gibt es jeden Tag ein anderes Gericht für sechs Euro für die Fremden. Die Einheimischen essen à la carte: Steakträume oder eine Schaufel Gegrilltes. Mit bunter Salatbeilage und Kraut, wahlweise Pommes oder Bratkartoffeln. Der Gourmet ordert beides oder gleich das Menü im Juli: Kohlrabichremesuppe, gefolgt von Schweinekotelette (und/oder Seelachsfilet) und zum krönenden Abschluß Bananeneis. Wer nach der Terrine Kohlrabicremesuppe mit Sahnehaupe nicht schon hechelnd in den Seilen hängt, darf sich also auf Eis mit Sahne und Schokosoße freuen (mit Salatbeilage und Kraut.) Unfassbare Portionen, die in unglaublich kurzer Zeit die winzige Küche verlassen. Diese Küche mit einem offenen Flammenofen, wo riesige Fleischportionen zur selben Zeit gegrillt werden, die Teller vorbei an Bottichen mit Pommes, Bratkartoffeln, einer Badewanne mit bunter Salatbeilage und Kraut und einer Salzberieselungsanlage. Schwarzen Pfeffer nach Wusch.

Klingt verlockend? Jetzt noch einen Biergarten und das Paradies wäre vollkommen? Natürlich gibt es einen Biergarten. Kein Kiosk ohne Biergarten. Nur ist der nicht offen. Niemals. Die Stühle, die gegen die wenigen Tische gelehnt wurden, sind mit diesen bereits rostverschweißt. Untrennbar verbunden und am Schild »Biergarten« hängt ein weiteres Schild »wegen Einsturzgefahr geschlossen« oder so. Dem Schild seine Gefahr. Also nix bis in die Puppen an Kurzen und Gerstensaft festklammern.

»Chefkoch Hannes Düstermann bieten Ihnen laufend wechselnde Saisongerichte
und sein Team freuen sich auf Ihren Besuch!« Die unerbittliche Konkurenz zum Gasthaus mit Fremdenzimmern liegt nur einen Steinwurtf entfernt auf der anderen Straßenseite.
Das nervöse Vibrieren beim Auftauchen es Wortes »Team« läßt nur langsam nach. Genau dieselbe allergische Reaktion wie bei »kostenfrei«. Die Bedienung der Truppe wechselt mit der Speisekarte. Also monatlich.

Der groteske und unfreiwillig komische Versuch von gehobener Gastronomie in der Provinz. Das kann gutgehen, tut es aber nur sehr selten.

Die Mitbewerber auf einem freien Markt schielen sich gegenseitig in die Speisenkarten der Saison. Gibt’s bei dem einen Matjes, kann man seine Großmutter darauf verwetten, daß die Tiere auch beim Gegner auf dem Tisch landen. Genau wie tote Rehe oder Lamm. Schnitzel und Medaillons mit Pommes sowieso – bei Hannes aber auf fein. Die Portionen sind halb so groß, die Preise sind es nicht und nur mit Humor zu ertragen. Dafür gibt es einen funktionsfähigen Biergarten, der Terrasse heißt. Außerdem hat man noch Ambiente, Lounge und Event im Programm. Und das alles in diesem Nest mit seinen beinahe 6000 Einwohnern. Event hat hier also schnell etwas mit Blockflöten und Bastelabend zu tun – danach zu Hannes und seinem Ambiente. »Einen Chefsalat mit Geflügelstreifen, orangendressing und Parmesanspänen bitte, das Original Wiener Schnitzel vom Kalb mit Petersilienkartoffeln, bunter Salatbeilage mit Kraut – und wenn es geht noch heute Abend«. Der Zusatz zur Bestellung empfiehlt sich dringend. Nach den Vorstellungen des Besitzers zeichnet sich gehobene Gastronomie durch stundenlange Wartezeiten aus – was einen gewissen Sinn ergeben würde, wenn der Getränkenachschub organisierter wäre.
Ist er aber nicht!
Wo ist eigentlich die junge Frau von damals, diese Augenweide von Kellnerin mit der erfrischend großen Klappe hin? Verschwunden mit dem Zander an Feldsalat im Dialog mit gefüllter Tomate. Auf den Zander und seine Selbstgespräche hätte man verzichten können

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Nach Hause, nach Hause. Es bleibt das Schützenheim des heimischen Dorfes am Sonnabend. Ein Grill, ein Bier und die Forelle in Alufolie. Ohne Schnickschnack – mit Kartoffelsalat von Aldi.

Wo sind eigentlich die ganzen Dorfkneipen geblieben? Diese Rückzugsgebiete vor der Tagesschau und Hartz IV? Mit der Spezialität des Hauses, die wirklich besonders ist? Ein paar Stühle, Tische und eine Theke. Bier aus dem Kasten und eine handvoll Aschenbecher: Das kann doch nicht so schwer sein? Und bitte keine bunte Salatbeilage mit Kraut. Und wenn Forelle oder Zander, dann bitte einen Fisch, der das Maul hält. Lieber ein paar Äpfel aus dem Gemeindegarten. Was genau das für Äpfel sind, wissen ein paar der Alten und die könnten es den jüngeren verraten. Im Supermarkt gibt die jedenfalls nicht. Bestenfalls bei Oma Siedentopf im Nachbardorf in ihrem kleinen Edeka-Markt. Den mit dem besten Gehackten weit und breit. Nur auf Bestellung und roh aufs Brötchen. Mit Zwiebeln und Pfeffer. Feuerwehrmarmelade. Da wäre sie schon, die Spezialität.
Ohne Parmesanspäne.

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3 Antworten zu Die Grillforelle

  1. Joachim schreibt:

    Was hast Du nur für eine Vorstellung? Damit verdient man doch nix.

    Kürzlich an der Autobahnausfahrt ein Schild, das auf „gehobenes Ambiente“ in einem „Riesenpuff“ hinwies. Ca. 50 km entfernt in einer größeren Stadt. So geht heute „Gastronomie“.

    Für den Fall, dass Du das nun fälschlicherweise als Kritik an Deiner Sicht verstehen solltest jetzt aber eine echte Kritik: Kartoffelsalat von de Aldi geht echt nicht. Gar nicht. Da kannst’e auch gleich Glühwein aus dem Tetrapack trinken.

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    • pantoufle schreibt:

      »Damit verdient man doch nix.«

      Nicht weit von hier hat vor ein paar Jahren einer privater Freundeskreis einen kleinen See »übernommen« (mit dem symbolischen Euro von der Gemeinde gekauft) und ein Natur-Freibad daraus gebastelt. Natürlich gleich mit gemeinnütziger Verein und Kassenwart – wie sich das gehört.
      Da verdient auch niemand etwas dran; wie lange ist das jetzt her? Muß ich mal meine Holde fragen. Die weiß alles!

      »Kartoffelsalat von de Aldi geht echt nicht.«

      Das erinnert mich an besagte Frankreich-Urlauber, die von irgend einem Wein im Tetrapack schwärmten, den sie an einem Strand getrunken haben und danach hätten sie in der untergehenden Sonne… Frauke sah dabei Thorsten tief in die Augen, weil das am Strand wirklich bemerkenswert… und so weiter.
      Sie hätten sogar noch einen Bottich von dem Zaubertrank über die Grenze gebracht und wenn man wollte, dürfe man durchaus probieren.

      Weder die Vorstellung von Frauke im Bikini oder auch ganz ohne konnte diesen Wein retten! Was für eine Plörre! Zum Negative entwickeln. Sondermüll, der nur in der untergehenden Sonne mit nackter Frauke zu ertragen ist. Vielleicht.

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  2. waswegmuss schreibt:

    Ich vergaß: Dankeschön.

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