Das gelbe Hotel II

Und eine mächtige Stimme erhob sich und Gott sprach zu Pantouflen: »So, so! Meine Hühnchen haben Dir also nicht geschmeckt? Nimm dies, Bursche!«
Der Weg zum Catering führt durch den Duft von 12.000 vollkommen versagenden Deos. 30° im Schatten. Da sich die Luft im Crew-Catering nicht bewegt, ist es dort gefühlt noch etwas wärmer. Da schmeckt Sauerbraten mit Knödeln und Rotkohl gleich doppelt gut. Das Personal hat richtigerweise darauf verzichtet, unter die Chafing Dishes mit dem Fraß noch Heizelemente zu packen. Damit das Fett nicht sofort verdampft. Dazu reicht die Raumtemperatur, auch wenn es etwas länger dauert. Länger reicht aber, weil die Schlangen der Hungrigen vor der Ausgabe geschätzt bis zu 20 Meter lang sein können.

Techniker sind aber auch zu mäkelig! Entweder beschweren sie sich über strömenden Regen oder es ist ihnen zu heiß – Wetter zwischen Extremen scheint nicht zu existieren. Bei Rock am Ring kracht es dann richtig und im Park wird der Arbeitstag um 2 Stunden verlängert, weil auch dort eine Unwetterwarnung vorliegt. Das PA wird auf den Boden gefahren und gesichert, die Lichttrusses auch und die Rückseite der Bühne wird geöffnet, damit das Segel verkleinert wird. Es bleibt eine Vorsichtsmaßnahme, der Ernstfall bleibt aus.

We are Motörhead and we play Rock′n′Roll

Die Musikindustrie arbeitet mit allen Mitteln daran, daß sich der menschliche Hörsinn endgültig an MP3 und andere digitale Datenformate anpaßt. »Klingt doch auch ganz gut!« Nein, das tut es eben nicht! In Front of House steht die analoge Midas XL3 mit einem monströsen Siderack von Motörhead neben dem digitalen Pro9 von Slipknot. Hinter beiden Tischen sitzen wirkliche Könner ihres Faches – das kann den Unterschied nicht erklären.
»Hier, lieber Konsument, offerieren wir Dir unsere neue Violine! Sie hat einen Hals, vier Seiten und man kann sie auch stimmen. Auf der Rückseite findest Du einen Schalter, der das bei Bedarf automatisch übernimmt und wasserfest ist der Kunststoffkorpus ebenfalls. Wahlweise kann sie auch nach Okarina, Didgeridoo oder Ukulele klingen.«
Nur eben nicht wie eine Amati oder Vuillaume.

Lemmy steht wieder auf der Bühne und hält das ganze Set durch. Mehr als einer der anderen Tontechniker ist heute Abend zu Gast bei uns und es ist auffällig ruhig. Lemmy Killmister? Das war einer der Gründe – wenn nicht der Grund – warum viele von uns in diesem Gewerbe gelandet sind. Bass, Gitarre, Schlagzeug und ein Shure SM57 schräg von oben. Wir alle wünschen Dir, Sir!, noch viele Auftritte und ein langes Leben.
Rock′n′Roll!

Der Unterschied zu den in dieser Nacht folgenden Slipknot könnte nicht größer sein. Die Dekoration, diese groteske Altmetallsammlung auf der Bühne, wird in ihren Dimensionen nur durch die Höhe des Bühnendaches begrenzt. Die Schöpfung wendet sich gegen ihre Schöpfer: Da braucht man zwingend ein halbes Dutzend Kameras, um aus dem Geschachtel und den Bunkeranlagen noch die Akteure auf den Video-Walls sichtbar zu machen. Ameisengleich gingen sie sonst in dieser Installation verloren. Mission Impossible auf der Bühne. Hier raucht es und da drüben kracht’s, drüben rechts flackert ein Feuerchen während links jemand singt. Ein rostiges Stück Blech, auf dem sich einige der Rostflecken bewegen.
Rock′n′Roll?

Die waren leider nicht dabei. Schade eigentlich.

Die Tage sind thematisch unterteilt. Mal rockt es, songwritet oder stammelt sich einen Hit. Sicher ein guter Ansatz; mir persönlich würde eine Aufteilung zwischen Festinstallation und handgemacht auch gefallen. Aber das wäre dann ein anderes Festival.
Dort würden die Bühnen auch nicht Beck’s oder SEAT heißen und eine Verlosung für die Teilname an einer Verkaufsveranstaltung würde es auch nicht geben. Vielleicht würden die Besucher dort auch nach nassen Hunden und nicht nach Chemieunfall riechen.
Die bewachten Kinder einer bewachten Welt feiern sich auf ihre Art an den Freßständen und Bierbuden entlang. Keine Decken auf der blanken Erde mit Kiffer-Devotionalien und LSD aus dem Portemonnaie.
Pantoufle hat eigentlich immer die Kamera mit; dieses Mal nicht und auch nicht auf den anderen Festivals bisher. Es gibt nichts zu sehen. Eine aufs freie Feld verlegte Fußgängerzone. »Laden Sie kostenfrei die Festival-App auf Ihr mobiles Endgerät und verfolgen das Ende des Rock′n′Rolls live! Präsentiert von Beck’s und O2«

Egal!

33 Verletzte sind die Nachricht des Festivals »Rock am Ring«, nicht der Auftritt von Jimi Hendrix. »Seien Sie besorgt, hubschraubende Eltern! Open Air gefährdet die Gesundheit ihrer Brut!« Die Neuigkeit des neuen Jahrtausends ist die Möglichkeit schlechten Wetters.
Es geht eine Träne auf Reisen…
Jimi Hendrix ist tot.

Der Regen kommt dann doch noch nach all der Hitze. Am Morgen pünktlich zur Rückreise schüttet es dann Cats and Dogs und noch einen Haufen anderer Tiere. Also die Regenpelle aus den Satteltaschen geholt und aufs Motorrad – die 500km schaffen wir dann auch noch. Die Karre stand (gut bewacht) in der Tiefgarage des Hotels. Kostenfrei dank Christine, der sehr, sehr netten Dame an der Rezeption. Sie ist in früher Jugend selber lange gefahren und deswegen kosten Motorräder bei ihr nichts. Kostenlos hieß das früher und war zu Zeiten, als man nicht krampfhaft versuchte, das Adjektiv »frei« mit allen Mitteln mit unpassenden Zusammenhängen zu begraben.

Egal! Aber das sagte ich ja bereits. Noch eine Woche bis zur nächsten Verkaufsveranstaltung. Zurück ins Bett… ich bin sehr müde.

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14 Antworten zu Das gelbe Hotel II

  1. Matthias Eberling schreibt:

    „Die bewachten Kinder einer bewachten Welt“ – ganz groß. Und bei der Lemmy-Stelle im Text habe ich ganz kurz die Luft angehalten. So wollte ich auch mal werden. Hat aber nur bei den Leberwerten geklappt … Meine Nichte war im Publikum. Ich verstehe diese Generation nicht. Die hat an Weihnachten (!! kein Witz) schon rumgezickt, weil sie nicht wusste, wo man sich auf dem Festival die Haare waschen kann. Die haben Sorgen … na wenigstens hat’s geregnet ;o)

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    • pantoufle schreibt:

      Nicht, da ich dafür Verständnis hätte, aber man darf es den Kindern nicht verübeln – woher sollten sie es besser wissen? Letztlich ist es die Schuld der Eltern, wenn die Brut ihren Glaskasten für die Welt hält.

      Wenn da]v[ax von Opa im Krieg spricht, ist das gar nicht einmal so verkehrt. Es gibt einen Rock’n’Roll vor- und nach Erfindung von MP3. Und wenn man den danach für etwas anderes hält, wird man eben als Großvater bezeichnet. Das ist die Welt.

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  2. da]v[ax schreibt:

    Opa erzählt vom Krieg 😛

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  3. waswegmuss schreibt:

    Die Hölle am Ring. August. Deko abgerissen. Tags heiß und dann Sprühregen 3° triefnass. Bin dann mit dem 820er nur in Unterhose und voll aufgedrehter Standheizung nach Hause geschlottert.

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  4. Thelonious schreibt:

    pantoufle, wir fallen eben so langsam aus der Zeit. mp3, darüber regen wir uns im Zeitalter der Streamingdienste noch auf?

    Was muss Musik heute sein? Vor allem ständig verfügbar. Musik ist kein Kultur-, sondern ein Konsumgut geworden. „We’re only in it for the money“. Das gilt für beide Seiten.

    Bei Dir heißt es hunden, bei uns „isch bin Hund“. Meine Söhne nehmen ihr Handy, stecken die Kopfhörer ein, leinen die Töle an und los geht es. Ich bin nicht besser, wenn ich im Weinberg sitze dudelt die Niggerbox in der Hütte. Wenn sie laut genug ist und die Frequenzen stimmen rasselt die Verkleidung der Duc mit, die dort eine neue Heimat gefunden hat. Das hört sich furchtbar an.

    Mein altes Laptop ist an der Stereoanlage angeschlossen und aus den Lautsprechern quäken im Moment die Weather Girls. Prima Musik zum Küche aufräumen. Findet meine Frau. Ich bin da anderer Meinung. Aber wer räumt, bestimmt.

    Auf Youtube habe ich mir eine playlist mit Ornette Coleman herausgesucht. Das hört sich auf dem Laptop echt wahnsinnig gut an. So mit den kleinen Lautsprechern und komprimiert bis zum geht nicht mehr. Kurz, das klingt abscheulich (vor allem wenn die Weather Girls dazwischen furzen.

    Im Auto schaltet sich automatisch das Radio ein, wenn ich den Zündschlüssel drehe. Heute war ich mit einkaufen dran. Frag‘ mich, was im Radio lief. Ich weiß es nicht.

    Kurz, Musik ist ein Verbrauchsgut (geworden).

    Als wir Jugendliche waren, standen wir im Plattenladen und hörten über Kopfhörer die neueste LP irgendeines Künstlers. Wir haben uns abgesprochen, welche Platte wer kauft und dann auf Cassette aufgenommen. So hatte jeder etwas davon.

    Musik war kostbar, denn sie kostete einen Gutteil von unserem Taschengeld. Ich kann mich noch heute über den Kauf einer Jeff Healey Platte ärgern. Seine Art Gitarre zu spielen, ist technisch perfekt. Aber es mir fehlt bis heute dieses „je ne sais quoi“. Das hat sich später ein wenig geändert, aber ich fürchte, dass Herr Healey mich bis zum Lebensende nicht als Fan gewinnen kann.

    Und so war es auch bei den Konzerten. Es war die Musik – nicht das Event. Bob Dylan hat bis zu seinem Lebensende und darüber hinaus bei mir verschissen. Dieses lustlose Arschloch.

    Nicht, dass die Veranstaltung nicht auch wichtig gewesen wäre. Das Feschd. (Die Fete). 50 Kilometer vor Nürnberg frisst die XT. Das habe ich ihr bis heute nicht verziehen. Ich habe John Lee Hooker verpasst. Und Buddy Miles. Und offensichtlich ein Besäufnis, das sich von und zu schrieb.

    Fuck! Sie soll leiden. Wann immer ich umziehe, nehme ich sie mit. Seit 30 Jahren wurde sie nur am Lenker angefasst und von einer Müllecke in die nächste verschoben. Rotte vor dich hin. Du blöde Sau. Ich bin sehr nachtragend.

    Wenn meine Söhne von Festivals erzählen, geht es nicht um Musik, sondern um Mädels, grillen oder irgendwelche Erlebnisse. „Musik? – Ja, die gab es auch.“ Beiwerk.

    Aber vor allem reden sie über das event. Den Konsum.

    Viele Jahre konnte ich mit Adornos Begriff vom Massenbetrug in der Musik nichts anfangen. Jetzt, so langsam beginne ich ihn zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich seinen Standpunkt unbedingt teile. Wo er allerdings recht hat, Musik ist eine Ware und damit kapitalistischen Verwertungsmechanismen unterworfen.

    Rock’n Roll ist tot und Lemmy ein Zombie. Dabei geht es nicht darum, ob er es gerne ist oder nicht. Es hat sich einfach so ergeben. Das war beinahe alternativlos. Welche Möglichkeiten hätte er gegen eine Verwertungsmaschinerie gehabt? Er hätte sich auskotzen lassen können. Und dann?

    „Die Bekanntheit des Schlagers, setzt sich an die Stelle des ihm zugesprochenen Wertes“, meint Adorno. Hat er damit so unrecht? Bei Zappa Konzerten grölten die Zuschauer immer bei den Zugaben nach Bobby Brown. Sein bestes Stück? Ich denke nicht, dass wir uns darüber unterhalten müssen. Aber sein bekanntestes. Gepusht durch Radio und Fernsehen. Ertragbare Satire. Mainstream. Standardisierter Bullshit. Aber bekannt. Kann man mitpfeifen, wenn man will.

    Das entscheidende Wort ist Standard. Der ist jederzeit reproduzierbar. Kontrollierbar. Verwertbar. DIN. Kunst und Kreativität werden der Norm unterworfen. Was außerhalb ist, ist nicht gewinnbringend. Und damit betriebswirtschaftlich gesehen schlecht.

    Wen hat denn die Industrie als Hörer vor sich? Auch hier wieder Adorno: den Unterhaltungshörer. Musik hat für ihn eine vornehmlich soziale er lässt sich gerne von Radiomusik berieseln. Adorno vergleicht die Struktur des Hörens dieses Typus mit der des Rauchens: „Sie wird eher durchs Unbehagen beim Radioapparat definiert als durch den sei´s auch noch so bescheidenen Lustgewinn, solange er läuft“ verwertbar.

    Das passt ganz gut. Ich gehe nie ohne Tabak mit dem Hund spazieren und meine Kinder eben nicht ohne Kopfhörer.

    Der Standardisierung der Musik folgt logischerweise auch die Standardisierung des Formats. Mp3 ist nur logisch. Günstig und verfügbar.

    So, jetzt höre ich auf, denn Nachbars Hund, den ich gerade als Babysitter betreue sabbert mir auf die Tastatur. Dann gehe ich lieber doch noch einmal spazieren. Blöde Töle.

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  5. pantoufle schreibt:

    Hmm… ja… nein… ja.
    Also ich sehe das naturgemäß aus einer etwas anderen Perspektive. Das muß ich, weil ich in diesem Segment arbeite und das aus weltanschaulichen Gründen nicht könnte, wenn ich erkennen müßte, Straßenbahn-Billets zu verkaufen.

    Der Unterschied zu früher™? Einiges natürlich. Die Bands hatten Fans. Fans, die sowieso jede Platte ihrer Helden kauften – gleich, ob eine Kopie schon via Cassette auf dem Schulhof getauscht wurde oder nicht. Die Copyrightfrage (und die gab es damals ja auch schon) stellte sich etwas anders dar.
    Aber gekauft wurde letztendlich dann eben doch. Und zwar das ganze Album und nicht ein – oder zwei Stücke. Das klingt erst einmal nebensächlich, ist es aber nicht.

    Was die Verfügbarkeit von Musik in jeder Situation betrifft: Ich würde den Unterschied als gar nicht so gravierend betrachten. Ein Radio, Cassettenrecorder oder Plattenspieler gab es in jedem Haushalt. Kein Youtube, dafür aber erinnere ich mich daran, daß man sich mehr besuchte und zusammen Musik hörte. Und dann eben die Konzerte.

    Irgendwann kam die Zeit, als die Musikindustrie die Segnung der neumodischen CDs dahingehend interpretierte, ihr Geld mit dem Umkopieren von Vinyl auf digitale Träger zu verdienen. Keine teure und langwierige Nachwuchsförderung und die Fans durften bis auf weiteres ihr Geld in Dubletten anlegen. Nach etwa zehn Jahren lief dieses Geschäftsmodell langsam aus. Kein Nachwuchs, keine fest an die Künstler gekoppelten Käufer, dafür aber Internet. Mit den bekannten Folgen; mal ganz abgesehen von Wiedergabegeräten mit Fähigkeiten, die in dieser Form von der Industrie nicht beabsichtigt waren.
    Da stehen sie nun mit heruntergelassenen Hosen und jammern.

    Was nun meinen Unwillen an dem von mir beschriebenen Festival betrifft, so sollte man das nicht globalisieren. Es lohnt sich eine differenzierte Betrachtung. Zum einen war dieses Festival in Deutschland; das ist ganz wichtig in diesem Zusammenhang! In jedem anderen Land in Europa habe ich solcherlei Festivitäten anders wahrgenommen. Nicht, daß es keine Ähnlichkeiten gäbe, wohl aber andere Schwerpunkte. Gladstonebury, Reading, North sea jazz festival, Montreux: Alles mindestens so groß wie Rock am Ring oder Park. Und die Leute kommen wegen der Musik.
    Natürlich auch, um T-Shirts zu kaufen und andere Paraphernalia des Rock’n’Roll. Konzerte sind eine wichtige – wenn nicht die wichtigste – Einnahmequelle vieler Künstler geworden und den guten Teil daran trägt das Merchandising.

    Was automatisch zum normalen Konzertbetrieb, den Tourneen, auch abseits von den großen und kleinen Festivals führt. Auffällig ist die Provinzialität der deutschen Musikszene. Ist man nicht gerade mit den großen Acts aus den Charts unterwegs oder den Heroen aus dem frühen Germanium des Rock’n’Roll, sind leere Hallen geradezu vorprogrammiert. Bestimmte Sachen laufen gar nicht (Country&Western, 80er Jahre-Rock), andere bestenfalls in Clubs, die in anderen Teilen Europas Hallen füllen.
    Es ist genau Deine Bemerkung »Rock’n Roll ist tot und Lemmy ein Zombie«, die ich in Zusammenhang mit verschiedenen Künstlern eigentlich nur aus Deutschland kenne. Als Beispiel fällt mir Moody Blues ein, mit denen ich lange auf Tournee war. Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir ein – schlecht verkauftes – Konzert in Deutschland und spielten 3 Tage in der ausverkauften Royal Albert Hall (heiliger Boden, Highlander!).
    Da ist erst einmal gar nichts tot.

    Natürlich haben sich Markt und Arbeitsbedingungen gründlich geändert. Aber wenn ich in Deutschland eine Haftpflichtversicherung in meinem Job abschließen will, bedeutet das erst einmal stundenlange Erklärungen. »Ach so: Sie schieben also Kisten durch die Gegend!«, währen in England jeder zweite nachfragen würde, welche Funktion ich genau ausfülle und mit welcher Produktion ich gerade unterwegs bin. Nicht nur eine Frage des Respekts, sondern auch der Alltäglichkeit in der Wahrnehmung.
    Oder anders formuliert: Man vergleiche einmal den Inhalt einer englischen Musikbox in einem Pup mit dem einer deutschen Kneipe. (Natürlich heißt das nicht mehr Musicbox!)
    Rock’n’Roll als hochspezialisiertes Gewerbe ohne allzuviel Platz für Illusionen, aber immer noch gut für Träume. Und das ist es, was wir schlußendlich machen. Wir verkaufen Illusionen, Träume. Darin unterscheidet sich dieses Gewerbe in nichts von dem vergangener Zeiten. Andere Mittel und ein anderer Markt.

    Und wenn man Glück hat, so erlebt man gelegentlich – einmal im Jahr oder weniger – die Situation, wo die Band die Bühne betritt; 15.000 Leute in der Arena und ein kollektiver Atemzug geht durch die Halle. Der erste Ton, sehr viel Energie bewegt sehr viel Pappe und für einen kurzen Moment sind Band und Publikum ein Gedanke.
    Dann weiß man wieder, warum man das eigentlich macht und es entschädigt für sehr vieles. Nicht für alles. Dafür mache ich das schon zu lange. Aber es hat mir ein Leben fern von Bürostühlen und dem Jahresurlaub auf Gran Canaria ermöglicht. Die 35 Stundenwoche arbeiten wir in zwei Tagen ab, arbeiten mit Menschen aus allen Ländern, in der Sprache »Hände und Füße«, wenn englisch nicht funktioniert. Man kann mir nicht erzählen, daß Rock’n’Roll tot ist – ich lebe ihn. Er stirbt – keine Frage! – aber es bewegt sich noch. Und solange es noch Menschen bewegt, werden sich Leute finden, die dafür arbeiten.

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    • Thelonious schreibt:

      pantoufle: Nein, als Fahrkartenverkäufer sehe ich die vielen Leute, die in ein solches Festival involviert sind, nicht. Und auch im Publikum sitzen nicht nur Kunden. Zumindest nicht nur. Ich beschreibe das, was ich sehe, was ich erlebe, ohne ein Insider oder Experte zu sein.

      Ich stelle nur meine persönliche Umwelt fest. Vor zwei Jahren war ich hier bei den Jazz Open. Das Publikum bestand zum großen Teil aus Leuten … die sich die Eintrittspreise leisten konnten. Ein gesellschaftliches Event, kein musikalisches.Vor 10 Jahren war dies noch etwas anders. Man musste nicht in den Hof der Sponsorenbank gelangen, um noch etwas von den Konzerten mitzubekommen. Das ist inzwischen vorbei. Hohe, blickdichte Zäune verhindern Einblicke von außen und wer nicht im Hof ist, bekommt nur noch einen Klangbrei mit.

      Auch die Besetzung der einzelnen Acts hat sich grundlegend geändert. Große Namen, statt neuer Ideen. Mainstream statt Experiment. Erlaubt ist nur noch, was der Mehrheit gefällt. Das liegt sicher nicht an denjenigen, die das Festival ins Leben riefen. Diesen spreche ich ihren Enthusiasmus nicht ab. Das sind ökonomische Zwänge.

      Für mich sind diese Art Veranstaltungen langweilig geworden. Sie sind gefangen in Konventionen. Die kann ich auch in meinem täglichen Leben haben. Dafür muss ich nicht auch noch Eintritt bezahlen.

      Es ist ähnlich, wie im Stadion. Fußball interessiert die Leute in den Lounges und auf der Haupttribüne kaum noch. Es geht um sehen und gesehen werden. In den Kurven ist das anders. Noch.

      Aber vielleicht ist das wirklich deutschlandspezifisch. Also bei der Musik, nicht beim Fußball.

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