Presseschredder 14.5.2015

Was wurde eigentlich aus…? Dem Russen zum Beispiel. Der 8. Mai ist kaum vorbei und auch der kleinste Nachhall der gehaltenen Reden ist verklungen. Was bleibt, ist das eigentümliche Gefühl, daß Russland mit dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland nur unterschwellig etwas zu tun hatte. Ein Sieger zweiter Ordnung, wobei die Verkrampftheit bei der boßen Erwähnung nicht zu überhören ist.

Hätte sich Stalin doch bloß nicht auf den Lend-Lease Act mit den USA eingelassen! Das erweist sich Anfang des 21. Jahrhunderts als Imagedesaster ungeahnten Ausmaßes. Da können 13.000.000 Gefallene gegen ca. 400.000 tote Amerikaner stehen – ohne die Hilfslieferungen aus Übersee hätte die Sowjetunion angeblich das Schicksal der Tschechoslowakei geteilt. Geschichtsklitterung als Breitensport. Wie weit die Beurteilung der Drei von Jalta geraten ist, zeigte die mediale Verwechslung der Biker Nachtwölfe mit der roten Armee.

Zum Festakt im Bundestag lud man sich den braven Heinrich August Winkler, seines Zeichens Historiker mit fester Westanbindung aufs Podium. Es hätte schlimmer kommen können: Arnulf Baring zum Beispiel oder gleich den ollen Ernst Nolte. Dem einen oder anderen Abgeordneten mag auch vielleicht auch Guido Knopp durch den Kopf gegangen sein, weil der immer noch einen Kniff findet, wie die Nazis doch noch hätten gewinnen können. Aber Erika Steinbach hatte sich nicht durchsetzen können.
Nun ja: All das ist einem erspart geblieben. Winkler, als fleißiger und gewissenhafter Geschichtslehrer, blieb bei den ihm und seinem Publikum genehmen Wahrheiten. Russland ist der Hitler-Stalin-Pakt und die Krim, Westdeutschlands Rolle »Die fortschreitende Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens und die Herausbildung einer selbstkritischen Geschichtskultur […]«

Heinrich August Winkler wäre nicht Heinrich August Winkler, käme nicht das Ceterum censeo der » Ideen der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789, den Ideen der unveräußerlichen Menschenrechte, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie, hatten sich maßgebliche deutsche Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verweigert (nu abba nich mehr!)« vor. Das muß der Mann so machen, das ist Werbung für sein Monumentalwerk »Geschichte des Westens«. Braves, anständiges Historiker-Graubrot, bei dem das Wort Versöhnung im Zusammenhang mit allen, nur nicht dem ehemaligen Sieger aus dem Osten ausgesprochen wurde. Wären da nur nicht diese Hinweise auf tagespolitische Ereignisse gewesen – es hätte ein so kuscheliger Vortag werden können!

Ein bekannt dünnes Eis für Historiker, aber natürlich der eigentliche Grund des Engagements. »Die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten sind kein Argument, um ein Beiseitestehen Deutschlands in Fällen zu begründen, wo es zwingende Gründe gibt, zusammen mit anderen Staaten im Sinne der „responsibility to protect“, einer Schutzverantwortung der Völkergemeinschaft, tätig zu werden.« Das kann man natürlich sagen, verläßt damit aber auch den Boden der vertrauten Wissenschaften und setzt sich dem massiven Verdacht aus, sich diese Sätze von Gauck, v.d.Leyen und Co. diktiert haben zu lassen. Ganz abgesehen davon, daß es sicher den Mittagsschlaf einiger Zuhörer empfindlich gestört hat.

Genau wie auch Winklers Handlungsmaxime für die dringend erforderliche Rückkehr zu einer konstruktiven europäischer Außenpolitik gegenüber Russland:
» Eines galt und gilt es dabei immer zu beachten, und auch das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte: Nie wieder dürfen unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn, die 1939/40 Opfer der deutsch-sowjetischen Doppelaggression im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden und die heute unsere Partner in der Europäischen Union im Atlantischen Bündnis sind – nie wieder dürfen Polen und die baltischen Republiken den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden.«
Das ist zwar sachlich richtig, enthält aber eine verantwortungslose Spitze. Es gibt nämlich ebenfalls die Forderung, daß auch Russland nie wieder Opfer einer Aggression wie der Nazi-Deutschlands werden darf. Es ist eine historische Tatsache – und auch Heinrich August Winkler wird da zustimmen – daß es das Deutsche Reich war, das in Russland einmarschierte. Eine Tatsache, in deren Folge 13.000.000 Menschen auf russischer Seite ihr Leben verloren.
Nur zur Erinnerung.

Die Rede durchaus lesenswerte Rede Heinrich August Winklers in voller Länge

Und weil es so geschmeidig zum Thema passt: Die taz

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9 Antworten zu Presseschredder 14.5.2015

  1. flatter schreibt:

    Russland nie wieder Opfer einer Aggression wie der Nazi-Deutschlands werden darf.
    Gegen diesen Rundumirrsinn ist Russland sprichwörtlich gerüstet, aber die Atlantiker haben beschlossen, diesen Feind wieder aufzubauen. Die europäischen Schwanzlutscher sind dabei offenbar dämlich genug, jede Provokation mitzumachen. Es gab schon in den 80ern Pläne, Europa preiszugeben, damit der Rest des ‚Westens‘ überlebt. Damals war es wenigstens noch der böse Kommunismus, heute ist das eine innerkapitalistische Konkurrenz, für die da ein Kontinent riskiert wird.
    Aber eine Hoffnung darf man haben: Das sich diese überflüssige Spezies endlich komplett aus der Nahrungskette verabschiedet.

    Schönen Vattertach!

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    • pantoufle schreibt:

      Danke, Flatter – Dir ebenso. Auch wenn ich Deinen evolutionären Optimismus leider nicht teilen kann. Es sind bedauerlicherweise immer die selben Schweine, die aus ihren Bunkern unter den Trümmern kriechen und mit trauerumflorter Stimme behaupten, daß sie das in dieser Form nicht beabsichtigt hatten. Es sind die selben, die sich nach 70 Jahren einen Historiker aus hauseigener Zucht ans Pult zitieren, um sich trösten zu lassen.

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    • DasKleineTeilchen schreibt:

      „Das sich diese überflüssige Spezies endlich komplett aus der Nahrungskette verabschiedet.“

      ich bilde mir ein, für diesen spruch vor paar jahren noch in deinem blog gerügt worden zu sein, flatta. scnr.

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  2. lazarus09 schreibt:

    Gentlemen, falls hier einer noch noch ein bisschen gute Laune hat —>
    http://goo.gl/C2tLPn
    pantoufle du hast eh Kohldampf und nix im Ranzen also wird sich die Sauerei beim mittelschweren Lebensmittelauswurf nach dem lesen in Grenzen halten ;-). Der Bolledick Mist geht nur noch auf den Senkel ..guxu hier die Konstitutionelle Monarchie mit ihrem super Wahl und Sitzverteilungssystem, dazu die Ignoranz und Dummheit was braucht’s da noch Manchester Kapitalisten wenn die Schafe lachend gegen ihre eigenen Interessen voten ..ihr müsstet mal das Gejammere jetzt hören allein wegen der NHS Privatisierung ,dem Stellenabbau bei Ärzten, Krankenschwestern .. ah geh‘.. Sinn-los..

    in diesem Sinne..

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    • flatter schreibt:

      Oh, Danke, ein Quell der *fieses Geräusch*. Neolib-Bullshitbingo, das nur eine Hoffnung hinterlässst, dass es nämlich inzwischen so lustlos daher robotiert wird, dass es nur noch die eh durchgewaschenen nicht sofort wieder auskotzen. Best practice: „in der globalisierten Welt„. Wissens‘ schon: der Globus, um den sich die Sonne dreht. Ah geeh!

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      • lazarus09 schreibt:

        Moin flatter …selbst die Hoffnung bleibt halt nur Hoffnung weil eben immer was hängen bleibt . ‚S is a Kreiz mit die Leit Herr Hofrat un die Obrigkeit mocht’s was sie wüül da huift iana auch ka granteln neet. 😉

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    • DasKleineTeilchen schreibt:

      omann. nettes foto. mit barde vom starnberger see. allet dabei.

      schland als verlässlicher „anwalt“ des europäischen „einigungsprozesses“. ha!

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  3. FF schreibt:

    Der Historiker als beflissener Bauchredner des Zeitgeistes – da hat sich in den letzten gut hundert Jahren in Deutschland nichts dran geändert.

    Nur waren’s damals halt noch die Hohenzollern – während die professorale Hofmusik heute „dem Westen“, „der Demokratie“, „Europa“, der „EU“, der „atlantischen Wertegemeinschaft“ usw. huldigt.

    Meine Prognose (als Historiker!): in hundert Jahren wird unsere Nachkommenschaft über Winklers 2015er Sermon genauso lächeln wie wir heute die Treitschkes, Rankes, Droysens etc. belächeln.

    Wobei: den guten Herrn W. kennt in hundert Jahren natürlich keiner mehr, geschweige denn seine Wälzer.

    PS.: Nach wie vor: schöner Blog, Monsieur Pantoufle. :-)))

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    • pantoufle schreibt:

      Moin FF

      Das ist eine schöne Überraschung, Sie mal wieder zu lesen. Und danke für die Blumen.

      Nun sollte man aber den Berufsstand des Historikers nicht so niedrig schätzen. Einen Ranke wird man immer lesen. Das Thema, wer in 100 Jahren überhaupt noch liest und auf welchem Medium, lassen wir mal beiseite.
      Sollte es aber irgend etwas wie Papier geben, so wird sich sicherlich auch jemand für Heinrich August Winkler finden. Wünschen würde ich es ihm – er ist so ungeheuer fleißig und redlich. Außerdem verkörpert er eine Spezies, die eigentlich schon ausgestorben scheint. Eben einer dieser Hofmusiker, die mit zusammengebissenen Zähnen und Ernsthaftigkeit versuchen, im Taumeln der Welt eine Richtung zu ergründen. Nicht einmal explizit im Auftrage seines Herzogs, sondern weil ihm aus tiefster Seele daran gelegen ist.

      Dieses Bemühen sollte man anerkennen: Die vereinzelte Kritik am Auftritt Winklers vor dem Bundestag kann ich nicht nachvollziehen – eben ein Wolf Biermann in Nadelstreifen. Und der Rentnerverein »weißt Du noch?« bestellt sich zum diamantenen Jubiläum nun einmal keine Punk-Band zum Tanztee.

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