Gedicht am Dienstag (27)

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Eine rührende Suchanfrage flog da von Tante Google ins Haus… »Gedicht am Dienstag«. Für die einsame Suche also.

Selber lese ich gerade keine Gedichte. Auf der letzten Reise begleiteten mich Knut Hamsun und Golo Mann. Vor allem Manns Versuche, mit zierlichen Worten die Weltgeschichte nach eigenem Gusto umzudichten, finden bei mir immer ein offenes Auge. Und August Weltumsegler liest sich gut auf großer und kleiner Fahrt.

Jammertal

Der Nachtwind durch die Luken pfeift,
Und auf dem Dachstublager
Zwei arme Seelen gebettet sind;
Sie schauen so blaß und mager.

Die eine arme Seele spricht:
Umschling mich mit deinen Armen,
An meinen Mund drück fest deinen Mund,
Ich will an dir erwarmen.

Die andere arme Seele spricht:
Wenn ich dein Auge sehe,
Verschwindet mein Elend, der Hunger, der Frost
Und all mein Erdenwehe.

Sie küßten sich viel, sie weinten noch mehr,
Sie drückten sich seufzend die Hände,
Sie lachten manchmal und sangen sogar,
Und sie verstummten am Ende.

Am Morgen kam der Kommissär,
Und mit ihm kam ein braver
Chirurgus, welcher konstatiert
Den Tod der beiden Kadaver.

Die strenge Wittrung, erklärte er,
Mit Magenleere vereinigt,
Hat beider Ableben verursacht, sie hat
Zum mindesten solches beschleunigt.

Wenn Fröste eintreten, setzt‘ er hinzu,
Sei höchst notwendig Verwahrung
Durch wollene Decken; er empfahl
Gleichfalls gesunde Nahrung.

H. Heine

Heinrich Heine also und nichts anderes heute. Zwischen Reinhard Müller und Jasper von Altenbockum von der FAZ oder hormongesteuerter Geschichtsklitterung eines Richard Herzinger in der WELT würde er gut passen, das spöttische Regulativ. Nicht das armselige Quieken der Trolle oder die aufrichtig kochende Wut:

Außer der sodomitischen und böotischen ist aber auch die abderitische Partei in Deutschland gegen mich aufgebracht. Es sind da nicht bloß meine französischen Prinzipien, was die meisten derselben gegen mich anreizt. Da gibt’s zuweilen noch edlere Gründe. Z.B. ein Häuptling der abderitischen Partei, der seit vielen Jahren unaufhörlich in Schimpf und Ernst gegen mich loszieht, ist nur ein Champion seiner Gattin, die sich von mir beleidigt glaubt und mir den Untergang geschworen hat. Solcher Todeshaß schmerzt mich sehr, denn die Dame ist sehr liebenswürdig. Sie hat sehr viele Ähnlichkeit mit der mediceischen Venus, sie ist nämlich ebenfalls sehr alt, hat ebenfalls keine Zähne; ihr Kinn, wenn sie sich rasiert hat, ist ebenso glatt wie das Kinn jener marmornen Göttin; auch geht sie fast ebenso nackt wie diese, und zwar um zu zeigen, daß ihre Haut nicht ganz gelb sei, sondern hie und da auch einige weiße Flecken habe. Vergebens habe ich dieser liebenswürdigen Dame die versöhnlichsten Artigkeiten gesagt, z.B. daß ich sie beneide, weil sie sich nur zweimal die Woche zu rasieren braucht, während ich diese Operation alle Tage erdulden muß, daß ich sie für die tugendhafteste von allen Frauen halte, die keine Zähne haben, daß ich ihr Herz zu besitzen wünsche, und zwar in einer goldenen Kapsel – vergebens, hier half keine Begütigung! Die Unversöhnliche haßt mich zu sehr, und wie einst Isabella von Kastilien das Gelübde tat, nicht eher ihr Hemd zu wechseln, als bis Granada gefallen sei, so hat jene Dame ebenfalls geschworen, nicht eher ein reines Hemd anzuziehen, als bis ich, ihr Feind, zu Boden liege. Nun setzt sie alle Skribler gegen mich in Bewegung, namentlich ihren armen Gatten, den wahrlich das isabellenfarbige Hemd seiner Ehehälfte nicht wenig inkommodiert, besonders im Sommer, wo die Holde dadurch noch anmutiger als gewöhnlich duftet – so daß er manchmal, wie wahnsinnig, aus dem Bette springt, und nach dem Schreibtische stürzt, und mich schnell zugrunde schreiben will.

Aus: Französische Zustände, H. Heine

So macht man das!

Oder so:

Während die Kleine von Himmelslust
Getrillert und musizieret,
Ward von den preußischen Douaniers
Mein Koffer visitieret.

Beschnüffelten Alles, kramten herum
In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
Auch nach verbotenen Büchern.

Ihr toten, die Ihr im Koffer sucht!
Hier werdet Ihr nichts entdecken!
Die Contrebande, die mit mir reist,
Die hab ich im Kopfe stecken.

Hier hab ich die Spitzen, die feiner sind,
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden Euch sticheln und hecheln.

Im Kopfe trage ich Bijouterien,
Der Zukunft Krondiamanten,
Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
Des großen Unbekannten.

Und viele Bücher trag ich im Kopf!
Ich darf es Euch versichern,
Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
Von konfiszierten Büchern.

Glaubt mir, in Satans Bibliothek
Kann es nicht schlimmere geben;
Sie sind gefährlicher noch als die
Von Hoffman von Fallersleben! –

Ein Passagier, der neben mir stand,
Bemerkte mir, ich hätte
Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
Die große Douanenkette.

»Der Zollverein« – bemerkte er –
»Wird unser Volkstum begründen,
Er wird das zersplitterte Vaterland
Zu einem Ganzen verbinden.

Er gibt die äußere Einheit uns,
Die sogenannt materielle;
Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
Die wahrhaft ideelle –

Sie gibt die innere Einheit uns,
Die Einheit im Denken und Sinnen;
Ein einiges Deutschland tut uns not,
Einig nach Außen und Innen.«

Aus dem Wintermärchen, H. Heine

Ruhelechzend

Laß bluten deine Wunden, laß
Die Tränen fließen unaufhaltsam –
Geheime Wollust schwelgt im Schmerz,
Und Weinen ist ein süßer Balsam.

Verwundet dich nicht fremde Hand,
So mußt du selber dich verletzen;
Auch danke hübsch dem lieben Gott,
Wenn Zähren deine Wangen netzen.

Des Tages Lärm verhallt, es steigt
Die Nacht herab mit langen Flören.
In ihrem Schoße wird kein Schelm,
Kein Tölpel deine Ruhe stören.

Hier bist du sicher vor Musik,
Vor des Piano-Fortes Folter,
Und vor der großen Oper Pracht
Und schrecklichem Bravourgepolter.

Hier wirst du nicht verfolgt, geplagt
Vom eitlen Virtuosenpacke
Und vom Genie Giacomos
Und seiner Weltberühmtheitsclaque.

O Grab, du bist das Paradies
Für pöbelscheue, zarte Ohren –
Der Tod ist gut, doch besser wärs,
Die Mutter hätt uns nie geboren.

H. Heine

Ich lese gerade keine Gedichte? Doch: es liest sich gerade wieder ein.

Am Teetisch

Sie saßen und tranken am Teetisch,
Und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
Die Damen von zartem Gefühl.

»Die Liebe muss sein platonisch«,
Der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch,
Und dennoch seufzet sie: »Ach!«

Der Domherr öffnet den Mund weit:
»Die Liebe sei nicht zu roh,
Sie schadet sonst der Gesundheit.«
Das Fräulein lispelt: »Wieso?«

Die Gräfin spricht wehmütig:
»Die Liebe ist eine Passion!«
Und präsentieret gütig
Die Tasse dem Herrn Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen;
Mein Liebchen, da hast Du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
Von Deiner Liebe erzählt.

H. Heine

Ach… dann wollen wir zum Schluß noch dieses… dann ist aber gut!

Das Hohelied

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
Das Gott der Herr geschrieben
Ins große Stammbuch der Natur,
Als ihn der Geist getrieben.

Ja, günstig war die Stunde ihm,
Der Gott war hochbegeistert;
Er hat den spröden, rebellischen Stoff
Ganz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist
Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind
Die schlanken, weißen Glieder.

O welche göttliche Idee
Ist dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sind
Epigrammatisch gefeilet;
Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
Die streng den Busen teilet.

Den plastischen Schöpfer offenbart
Der Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
Ist auch eine schöne Stelle.

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
Das Lied hat Fleisch und Rippen,
Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
Mit schöngereimten Lippen.

Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das Lied
Den Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,
Und dich im Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,
Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,
In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium
Den Tag mitsamt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
Will keine Zeit verlieren;
Die Beine werden mir so dünn –
Das kommt vom vielen Studieren.

H. Heine

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6 Antworten zu Gedicht am Dienstag (27)

  1. Joachim schreibt:

    Sehr schön. Dieses Ding mit den preußischen Douaniers ist auch noch (offensichtlich) aktuell. Doch so frei sind die Gedanken wohl heute nicht mehr… hmm.

    Der Rest: auch schön ausgesucht. Vielen Dank.

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Joachim
      *blätter, blätter, blätter* … Da ist keine Zeile, die ich nicht für hochaktuell halten würde. Sei es das Jammertal oder am Teetisch. Gerade ging mir eine durch den Kopf, die dort zu charmant plaudern könnte 🙂

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  2. Stony schreibt:

    Moin Pantoufle,

    sach ma‘, tippst du das alles eigenhändig ab, oder… und, hab ich das schon mal gefragt? Anyway(!) Begeisternd isse, diese ‚Hinterfotzigkeit‘ vom Heinerl – die Zahl derer, welche er prägend begleitet dürfte Legion sein. Was ich ausdrücklich gutheiße. (Worauf selbstredend fäkaliert ist.)
    Ach ja, schönen Dank auch – grad war ich ‚drüber weg‘, schon juckt sie wieder, die Sucht, die elende! Verführer, Du!1!! (*spärlichesHaarrauf*)

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Stony

      »tippst du das alles eigenhändig ab?«
      Mal so, mal so – es ging schon soweit, daß ich mir ein einem Falle sogar das Buch zum Gedicht kaufen mußte (durfte).
      Bei dieser Ausgabe des Gedichtes am Dienstag© konnte ich allerdings auf das praktisch vollständig im Netz befindliche Werk des Dichters zurückgreifen. Bei Heine ist das größere Problem ohnehin »was soll man nehmen?«

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  3. Frau Lehmann schreibt:

    Ach!!! Heine!!! Musste jetzt unbedingt sein, dieser Seufzer. Ich liebe seine ironischen Verse! Dank dir! (Meine Güte – so viele Ausrufezeichen ;-))

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    • pantoufle schreibt:

      Moin, Frau Lehmann

      Dieses »Ach!« ist mir ja selber auch beim Zusammenstellen aus der Tastatur gekrochen, wobei ich mich vor Angst vor der kritischen Leserschaft der Rudeltiere enthielt. Aber in einem Kommentar ist das natürlich vollkommen statthaft!!

      Und ja: Heine ist etwas ganz und gar wunderbares.

      P.S. Schön, Sie mal wieder zu sehen 🙂

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