Österliches

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Was Carl ist, so ist der ja vor einem halben Jahr Großvater geworden. Wurde nebenbei auch Zeit, sagen die Leute. Jetzt jedenfalls ist es passiert und damit alle sehen, wie glücklich das zwar frisch verheiratete, wenn auch in der Mitte des Lebens stehende Paar ist, schmückt Angelika das gemeinsame Haus. Jede Woche kommt etwas neues dazu, damit die Nachbarn – und natürlich sie selber – es noch ein klein wenig gemütlicher finden. Angelika hat einen ausgesuchten Geschmack und außer ihr wäre niemand auf solch schmückende Ideen gekommen. Darüber sind sich alle einig. Es beginnen sich Interessengruppen zu bilden, die Wetten darauf abschließen, wie das Haus nächste Woche verschönert wird. Es ist ja auch ein zu herrliches Haus. Pantoufle ist bei den Besitzern gut gelitten und durfte beim Restaurieren schon mal zusehen und auch selber etwas Hand anlegen. Das darf nicht jeder. Die Handwerker, die dort arbeiteten, sind handverlesen. Nach Clan-Zugehörigkeit.

Das Dorf und seine Bewohner zerfallen in zwei Teile: Es gibt die »richtigen« Bewohner und die aus dem Neubaugebiet. Die haben es nicht immer leicht. »Ach, Sie wohnen auch hier?« Jeder Durchreisende, der mit einer Autopanne im Dorf liegenbleiben würde, hat einen höheren sozialen Stand. Auch wenn sich an eine solche Panne niemand erinnern kann.
Natürlich läßt man sie das nicht so deutlich spüren. Zum Wald hin, wo Heinrich dieses Jahr Rüben macht, hat der Sturm die Baustellen von 3 Neubauten kräftig durchgepustet und jetzt liegt der Schlamassel weit verstreut auf dem Acker. »Ja, ja: Wer da baut, ist doch selber…« Heinrich steht da und ist voll des Mitleides, die Hände in den Trägern seiner Latzhose verknotet und der beiläufigen Bemerkung, daß er in drei Tagen da mit dem Schlepper rüber will. Bis dahin ist das aber sicherlich wieder weg.
Und wehe, wenn nicht. Das sagt Heinrich natürlich nicht, aber jeder, der seine fünf Sinne beisammen hat, versteht das schon. Heinrich nickt den Unglücksvögeln noch einmal freundlich zu und fährt mit seinem Hi-Tech-Ackerschlepper zurück in die Zivilisation.

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Jetzt ist jedenfalls erst einmal Ostern und alles trifft sich auf der Straße. Carl kommt auf seinem Fahrrad das Enkelbaby besuchen, das im Kinderwagen vor dem Tor parkt. Flankiert von den stolzen Eltern und zwei Eseln. Auch so eine dieser Verschönerungen, die allgemein allerdings uneingeschränkt Zustimmung gefunden hat. Struppig, mit hohen Ohren und herrlich nutzlos stehen sie jetzt an kurzen Stricken und bewachen mit. Carl stürmt sofort auf den Kinderwagen und hat nur noch Augen für den Nachwuchs. Daß er sich nicht die Zeit nimmt, irgend jemanden von umherstehenden Spaziergängern zu begrüßen, wird verziehen. Auf in den Wald zum Osterspaziergang. Carl stürmt mit dem Kinderwagen vorne weg, die Eltern mit den Viechern hinterher. Ein Esel links, ein Esel rechts und in der Mitte der Großvater.

Ein Unglück ist geschehen! Schrecklicher Vandalismus und nie dagewesener Frevel! Pantoufle muß seinen österlichen Mittagsschlaf unterbrechen; vom Ältesten geweckt und zur Kirche begleitet: »Wegen Vandalismus findet der Ostermontagsgottesdienst da und dort, aber nicht hier statt!« Jeder der handgemalten Buchstaben eine flammende Anklage! Die Polizei ist auch schon vor Ort und ermittelt eifrig. Umringt von einer Traube betroffener Schaulustiger, die man zwar nur selten oder nie in der Kirche sieht, dafür aber nun voll der Solidarität mit dem geschändeten Bauwerk. Jemand hatte des Nachts im Suff sein Mütchen kühlen müssen und die Fenster des Gotteshauses zerschlagen. Jedenfalls Teile davon und zum Glück nicht alle. Der Mann von der Esoterischen hat es  gesehen und ist dem Verbrecher sogar bis zu dessen Haus nachgelaufen. Ins Neubaugebiet. Ist ja klar! Warum der Esoterische ihm nicht einfach ein paar aufs Maul?… das ist den Umherstehenden weniger klar. Aber vermutlich hätte der Zeuge mit dem Verbrecher eher über seine Probleme diskutiert, als… – nun ja: Lassen wir das!
Die groß gewachsene Polizistin, die seine Aussage aufnimmt, macht jedenfalls auf alle Anwesenden den Eindruck, daß sie das anders gehandhabt hätte.

Die Pastorschen sind die Hilflosigkeit in Person. Der zerschlagene Schmuck des Gotteshauses, Löcher in den Mauern, die verhindern die Hütte zu heizen – die Montags-Show muß wegen Unbespielbarkeit der Bühne abgesagt werden. An diesem Sonntag findet sich kein Glaser. Auch nicht unter den Clan-Mitgliedern.

Abends gibt es dann Schnaps und zerstückelten Käse von Lidl. Der Schnaps ist gut und reichlich. Und verdient, denn die flammende Anklage ist von der Kirchentür wieder verschwunden. Man sieht auch kaum noch etwas von dem Verbrechen. Etwas Plexiglas hier, ein wenig Panzertape dort und wo man von innen noch etwas hätte sehen können, stehen Blumen. Heute Mittag bimmelt es zum Gottesdienst und Pantoufle hat sich so unsichtbar wie möglich gemacht, wenn er jetzt die Gemeinde in die Kirche laufen sieht. Es muß ja nicht jeder wissen, wie sehr er sich freut, daß heute so viele gekommen sind. Bis auf den letzten Platz ausverkauft, die Show. Liese hat ihn dann doch noch gesehen und fragt, ob er nicht auch…? »Ne, lass mal! Du weißt ja: Ich habs nicht so mit dem lieben Gott.«

Aber frohe Ostern wünscht er dann doch.

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Heinrich hat seinen Deutz dort abgestellt, wo er Gebhard hinter dem Zaun bei den Ziegen sah. Jetzt stehen die beiden erst mal am Zaun und klönen. Ach ja… die Ostwiese beim Graben. Ein Volvo kommt am Schlepper nicht vorbei, hält, die Tür wird geöffnet und der Fahrer steigt aus. Stellt sich dazu. Schönes Wetter heute und bei Carl seiner Scheune ist ein Stück Regenrinne heruntergekommen. Das kann länger dauern, also steigt die Gattin auch aus. Ihre Tür aus ehrwürdigem Schwedenstahl knarrt und will mit Nachdruck geschlossen werden. Egal, wenn sie nun einen halben Meter geöffnet bleibt. Der schmale Weg ist nun ohnehin gesperrt.

Der Boston-Marathon und seine Bilder? Die kommen in der Tagesschau, wenn das Licht aus den Fenstern scheint und nicht vom Himmel. Hier hat man seine eigenen Toten. Der alte Braunschweig ist tot und zwei Tage später ist ihm der Peters gefolgt. Es ist Frühling, der Schnee endgültig verschwunden. Da sterben die Alten. »Wie die Fliegen« sagt Heinrich. Er sieht in die Runde und spuckt bekräftigend auf den Boden. Die Frau tut so, als hätte sie es nicht bemerkt und sieht angestrengt in Richtung Kirche. Von dort hört man die Glocken und alle sehen auf die Uhr. Der Hund des Nachbar steht am Zaun und beginnt zu bellen. Kurz darauf das Echo ein paar Häuser weiter der nächste, dann schon aus der Ferne. »Wie die Fliegen« wiederholt Heinrich.
Das mit dem Braunschweig hat er ja kommen sehen. Soviel, wie der immer gesüppt hat. Rotwein mit Vorliebe, obwohl das ja eigentlich gut gegen Herzkasper sein soll. Da kommt dann doch der Tierarzt in Gebhard zum Vorschein. »Ja, aber nicht 4 Liter am Tag! Wenn man damit überhaupt hinkommt«. Nun ist er jedenfalls tot. Sein Gesicht war selbst auf der Bahre immer noch etwas rot. Jedenfalls bildeten sich alle ein, das gesehen zu haben. Klappe zu und ein paar Schaufeln Sand obendrauf. Die fahlen, wachsbleichen Hände hatten sie ihm auf dem Leib gefaltet. Als hätte er jemals eine Kirche von innen gesehen.
Den einen Attentäter in Amerika haben sie ja totgeschossen. Den anderen fast. Leider. Heinrich sieht das pragmatisch, Gebhard ist in der SPD. Da wird nicht totgeschossen. Bei der Partei von Heinrich auch nicht, aber dann wäre jetzt Ruhe. Na ja: Nun hat der andere auch eine Kugel abgekriegt und Heinrich meint, daß sie ihn nun gesund pflegen, um ihn dann auf den elektrischen Stuhl zu setzen. Warum also nicht gleich…?

Peters hat einen guten Tod gehabt. In der Nacht, ganz leise und unauffällig, ist er gegangen. Seine Frau wollte ihn am Morgen wecken, öffnete die Tür und da lag er ganz still. Sie war eigentlich gar nicht überrascht, nur traurig. Dann hat sie den Pastor angerufen und sich auf einen Stuhl neben das Bett gesetzt. Irgend wann kam der Arzt und die Männer vom Bestattungsinstitut. Dann haben sie ihn weggeholt. Als der Pastor kam, saß sie immer noch da. Sie hat wohl auch mitgebetet, aber eigentlich wußte sie gar nicht genau warum. Der Alte war ja nun nicht mehr und ob ihm Gnade zuteil wird, ist nun aus der Hand der Menschen genommen.

Heute wurde Peters begraben. Er war beliebt. Sein Sarg steht offen in der Kirche, der Deckel auf ein paar Böcken daneben. An den Holzböcken sind zwei, drei Farbflecken. Da werden wohl nicht nur Sargdeckel drauf abgelegt. Die meisten gehen noch einmal nach vorne und sehen sich die Leiche an. Wo sie nur diesen schwarzen Anzug für Peters her haben? Niemand kann sich daran erinnern, ihn jemals so gesehen zu haben. Nicht mal an Weihnachten.

Unauffällig noch zwei Münzen in den Sarg gleiten lassen. Für den Fährmann. Man weiß ja nie… Ich bin offenbar nicht der Einzige, der es tut und als sie den Sarg schließlich hinaustragen, klimpert es. Niemand verzieht eine Miene außer der Pastorschen, die die Predigt gehalten hatte. Was versteht die schon davon.
Ein Trauerzug in der strahlende Sonne des Frühlings. Die drei Jungs an der Pforte zum Friedhof sind von ihren Fahrrädern abgestiegen und linsen neugierig zum Sarg. Wie so eine Leiche wohl aussieht? Man sieht das ja sonst nur im Fernsehen und da auch nur ganz kurz und außerdem nicht in echt. Aber den toten Peters hätten sie sich dann doch gerne mal angesehen. Sein faltiges Gesicht mit dem leicht geöffneten Unterkiefer. Seine Frau hätte ihm den Mund mit einem Bindfaden zubinden sollen, dann würde er jetzt nicht offen stehen. Aber daran hat sie nicht gedacht, weil sie so traurig war.

Der Sarg gleitet leise klingelnd in die Grube, der Fährmann streckt seine Knochenhand aus. Ein gutes Fährgeld für den alten Peters an diesem Morgen. Es ist Frühling. Da sterben die Alten.
Wie die Fliegen.

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7 Antworten zu Österliches

  1. lazarus09 schreibt:

    Na dann mal Frohe Rest-Ostern von hier , meine Feiertage waren da entspannter beim Circuit of Ireland .. Wetter war Scheiße, aber Schnaps [ Bushmills ] bestimmt besser als deiner 😛 ..cheers mein Lieber

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  2. pantoufle schreibt:

    Moin Lazarus
    Mensch, das scheint ja ein geiles Ostern zu sein, das Du da abfeierst! Nur mit dem Schnpas: Da wäre ich mir nicht so sicher. Unterschätz mal nicht den Mann von der Pastorschen! Der sammelt Wiskey und hat auch sonst interessante Dinge im Regal. Ich jedenfalls hatte einen legendären Grappa aus Tirol, von dem ich mir gleich eine Buddel bestellt habe. War ein äußerst amüsanter Abend jedenfalls.

    Dir auch schöne Restostern! Den Rest des Tages werde ich feiertäglich abbleiern – beim Nachbarn den Rest der Decke verputzt und damit soll für heute auch gut sein. Grüße vom Dorf.

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  3. piet schreibt:

    Pantoufle, „Der Heide von Kummerow“. Mal wieder etwas Prosa, dankeschön.

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    • pantoufle schreibt:

      Ja, gute Idee! Das fliegt bei mir noch irgendwo herum. Ich hab das mal angefangen und aus irgend welchen Gründen nie zuende gelesen… ist aber auch schon ewig her. Das kram ich mal wieder vor. Danke für die Idee

      Edit
      Der Heide ist vom Staub befreit. Hätte ich schon seit längerem machen sollen. Ans Österliche habe ich daraufhin gleich noch was angehängt, was ich vor gut zwei Jahren zum selben Thema mal geschrieben habe… passt irgendwie 😀

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  4. Thelonious schreibt:

    Hihi, das Leben auf dem Dorf. Irgendwie immer ähnlich. Gut, der evangelische Pfarrer sieht nicht so aus, wie wenn er angenehmen Seiten des Lebens zugewandt wäre. Irgendwie wirkt er gallenkrank. Bei ihm gibt es vermutlich keinen edlen Whisky, sondern eher Wasser und Brot – von vorgestern. Ein Pietist eben. „Kommen sie nach dem Kaffee, dann können sie vor dem Abendessen gehen.“ Aber vermutlich tue ich ihm Unrecht. Sein Kirchlein wurde vor ein paar Jahren abgerissen. Es musste einem Kreisverkehr und dem neuen Rathaus weichen.

    Seither residiert er im Neubaugebiet. In einem gesichtslosen Zweckbau, der durch konsequente Vermeidung von rechten Winkeln auch eine Waldorfschule sein könnte. Und der Glockenturm ist auch noch 50 Meter weit weg und wird sich geteilt. Um 9.30 klingelt er katholisch und um 10.30 evangelisch. Bei uns in der Gegend sind die Katholiken die Häretiker. Deswegen stand der katholische Gebetsraum schon immer im Neubaugebiet.

    Der gemeinsame Glockenturm wurde als Idee der Ökumene verkauft. Ich glaube jedoch es war eher eine Frage der Ökonomie.

    Einen Glaubenskrieg gab das damals, als die Kirche abgerissen wurde. Viele Gemeinderäte verloren bei der nächsten Wahl ihren Job und der Bürgermeister auch. Aber das neue Rathaus steht jetzt da. Samt Kreisel. Eine Trutzburg der Weltlichkeit und den Alteingesessenen noch immer ein Dorn im Auge.

    Im Neubaugebiet wohnt man nicht und beten tut man dort auch nicht. Dort schläft man höchstens. Aber auch nur, wenn man muss. Oder von Opa ein Stückle geerbt hat. Das dann irgendwann Baugrund wurde. Aber eigentlich hat man das Stückle lieber verkauft. Sollten doch andere da wohnen.

    So ein Neubaugebiet kann trotz Villen und dicken Autos auch als Slum bezeichnet werden. Ausgegrenzt von der dörflichen Gemeinschaft entsteht dann dort schnell ein sozialer Brennpunkt. Vor allem wenn „Neigschmeckte“ da wohnen. „Neigschmeckte“ sind Fremde. Die Kehrwoche ist ihnen unbekannt (so a Drecksau) und sie verstehen weder Dialekt noch einheimische Kultur. Am Ende sind sie auch noch katholisch. Ketzer.

    Sie sind geduldet. Nicht integriert. Diese Gastarbeiter, die für Daimler, Porsche oder Bosch arbeiten. Da können sie sich noch so viel Mühe geben. Ausländer bleibt Ausländer und am Schlimmsten sind die Karlsruher. Eingepfercht in ihren 200 oder 300 qm Häusern mit Handtuchgarten fristen sie, von den Alteingesessenen ignoriert, ihr erbärmliches Dasein. Kein Wunder, dass es zu Nachbarschaftsstreitigkeiten kommt. So erhalten sie wenigstens Aufmerksamkeit.

    Aber natürlich sind die Dorfbewohner freundlich zu den Fremden. Nur dazugehören. Das dürfen sie nicht. Da hilft auch keine Vereinsmitgliedschaft. Putzig, zu sehen, wie sich die neu zugezogenen bemühen. Nicht mal vor dem Schützenverein schrecken sie zurück, obwohl es da vor ein paar Jahren so eine Sache gab, die „ziemlich unangenehm“ war.

    Darüber redet man hier nicht gern. Das Fernsehen war da und so. Mancher hat auch von den Reportern ein paar Scheinchen zugesteckt bekommen, weil er vorgab den „Einen“ gekannt zu haben. Es wird nur von dem „Einen“ geredet. Oder dem K.. „Der K. war doch scho immer komisch. Des hat mr doch gseha.“ Einen Namen hat er längst nicht mehr. Der K. der „Eine“. Seine Familie ist weggezogen. Es gab Morddrohungen. Sippenhaft. Sie lebten im Neubaugebiet. Da kann man mal sehen, was da für Leute wohnen. Aber Kehrwoche haben sie gemacht. Das weiß ich.

    Es ist eine reine Idylle.

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  5. pantoufle schreibt:

    Da mußte ich doch glatt erst mal mein Weib fragen, wo denn die Katholen ihre Thingstätte haben. Und da sie alles weiß, gabs auch darauf eine Antwort. Ich entsinne mich: Im nachbarlichen Kreisstädtchen steht so ein modernicher Neubau mit viel Kunst am Bau; Kunst, wie man sie sich Anfang der 70er Jahre vorstellte – eine eher unappetitliche Angelegenheit.
    Selber schuld.
    Es existieren im Museum ein paar sehr humorvolle Berichte darüber, welche ein Durcheinander die wechselnden Konfessionen der jeweils amtierenden Herzöge anrichtete. Eine gut 200 Jahre dauernde dynamische Anpassung an den Geschmack der Fürsten. Um die Umsetzung der jeweiligen Richtlinien und die Effizienz der Pfarreien zu prüfen, schickten die Herzöge ihre Büttel los und die schrieben über die Jahre ihre Reporte.

    Das muß für die Geistlichen ziemlich aufregend gewesen sein. Wenn die gute, langjährige Hausmamsell beim Regierungswechsel gerade zu »Frau Pastor« mutiert war, saß sie bei schwerer Krankheit ihrer Durchlaucht eventuell schon auf gepackten Koffern. Immer das selbe Personal, aber unterschiedliche Hausordnungen. Irgendwann kam Ruhe in die Sache und man einigte sich auf durchgängig protestantisch. Das änderte zwar dauerhaft den Status der Zugehfrau in geistlichen Haushalten, nicht aber den sozial wackeligen Status dieser Personen. Aus dem Nachbardorf ist überliefert, daß die Kontrollkommission über Jahre hinweg anmahnen mußte, dem Pastorschen endlich eine Wohnstätte zu bauen. Jedes Jahr hatten die Bauern neue, äußerst einfallsreiche Begründungen dafür, warum weder das Baumaterial noch ein passender Platz oder die nötige Man-Power aufgebracht werden konnte, damit Herr Pastor endlich aus dem Schweinekoben umziehen konnte.
    Die Bauern haben das Spielchen übrigens gewonnen. Herr Pastor gab nach drei Jahren entnervt auf und suchte sich ein anderes Betätigungsfeld. Der Menschenschlag der Landwirte aber blieb bis zum heutigen Tage hier ansässig. Undogmatisch und lösungsorientiert. Vor einigen Jahren gab es im Kreisstädtchen einen »Skandal« um einen Baurat, der der Korruption verdächtigt und aus dem Amt gejagt wurde. Ich glaube, niemand hatte Verständnis für den Personalwechsel. Herr Bauamtsleiter hatte nur in einer Jahrhunderte alten Tradition gehandelt, bei der einer gewinnt und ein anderer den Kürzeren zieht. Und wie es dazu kam, war nicht Ergebnis einer selbstherrlichen Entscheidung, sondern wurde in schönster Einigkeit im Hinterzimmer des Schützenhauses beschlossen. Da kollidierte entnervende Bürokratie mit bewährtem Brauchtum.

    Wenn man unbedingt will, darf man das kritisieren. Dann ist man vermutlich in der SPD (und evangelisch sowieso). Kritisiert wird ohnehin nur bis zum nächsten Schützenfest, dem geplanten Anbau an der Garage oder dem Ausbau des Wintergartens. Dann halten alle erst mal das Maul und suchen gemeinsam nach einer Lösung. Und weil wir bekanntlich im 21. Jahrhundert leben, bekommt die nachträglich vielleicht sogar eine Baugenehmigung. Und wenn nicht, stört sich auch niemand daran.

    Der Trottel aus dem Neubaugebiet, der die Kirchenfenster demolierte, hat sich keinen Gefallen getan. Irgendwann muß er das Haus ja verlassen. Wenn er dumm genug ist zu Fuß. Niemand wird die Polizei rufen. Und wenn er noch etwas Überlebensinstinkt hat, wird er das auch nicht tun.

    Ich mag unser Dorf.

    Produktwerbung des örtlichen Holzhändlers

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    • Thelonious schreibt:

      Eine clevere Marketingidee des Holzhändlers. Noch besser wäre es jedoch gewesen, er hätte das Bäumchen quer über die Hauptstraße gelegt. 🙂

      Grundsätzlich mag ich das Dorfleben ja auch. Deswegen wohnen wir dort und nicht in der Stadt. Aber wir sind keine Einheimischen. Jedoch bin ich auch kein komplett Fremder. Meine Eltern kommen aus dem Nachbarort und ich habe Verwandtschaft hier. Aufgewachsen bin ich jedoch nicht hier, sondern an verschiedenen anderen Orten. Nicht, weil es mich in die „Heimat“ gezogen hätte, sondern weil ich einen Job in der Gegend bekommen habe, sind wir hier gelandet. Außerdem wohnen meine Eltern in der Nähe und werden immer hilfebedürftiger.

      Mein Dialekt ist anders. Nicht dieses komische Honoratiorenschwäbisch, das in der Gegend gesprochen wird. Und meine Frau spricht für hiesige Verhältnisse regelrecht ausländisch. Bei den Söhnen achten wir auf korrektes Hochdeutsch.

      Und wir wohnen im Neubaugebiet. Wobei so neu ist es ja auch nicht mehr. Unser Haus war gebraucht und damals schon 15 Jahre alt.

      Ich bin weder im Schützen- noch im Fußballverein. Die Freiwillige Feuerwehr muss ohne mich löschen gehen. Und auch der Modellbau-Club ist mir egal. Darüber hinaus hege ich eine Abneigung gegen die Kehrwoche. Die soll der Bauhof übernehmen. Dafür werden die Leute bezahlt. Nicht mal zum gemeinsamen Autowaschen kann man mich bewegen. Ich habe vor Jahren den Dienstporsche von Heute auf Morgen gegen ein geruhsames Leben auf meiner Terrasse eingetauscht. Seither steht nur noch altes Geraffel in meiner Einfahrt. Da lohnt die Wäsche nicht. Das macht mich suspekt.

      Das heißt nicht, dass meine Frau und ich mit den Leuten hier nicht auch mal ein Bierchen trinken können. Zu einigen haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Aber ich will nicht dazugehören. Ich wohne hier noch, weil meine Eltern alt sind und ich den Blick in die Weinberge mag. Und irgendwann bin ich hier wieder weg.

      Warum? Weil wir zwar auf dem Dorf leben, aber dann wieder doch nicht. In den 70ern hatte der Ort noch etwa 500 Einwohner. Jetzt sind es knapp 1800. Zur Baugrube am Stuttgarter HBF sind es mit der S-Bahn 20 Minuten. Das neueste Neubaugebiet erreicht die Grenzen des Nachbarortes und der hat so etwa 15000 Einwohner.

      Bauern gibt es noch drei. Wenn ich das richtig weiß. Das dörfliche Leben, das es einst hier gab, ist ein Relikt der Vergangenheit. Und das ist der Unterschied. Weil eigentlich ist das Kaff schon Stadt. Und dann doch wieder nicht.

      Es vereint die Nachteile von beidem. Damit hadere ich dann manchmal ein wenig. Aber wenn ich laut fluchend in meiner Einfahrt stehe und versuche diese Scheiß dritte Bremsleuchte abzuschrauben und es nicht geht, weil der Vorbesitzer statt Blechschrauben Loktide zur Befestigung benutzt hat und dann der Nachbar kommt und das Ding in wenigen Minuten entfernt ­- ohne es zu schreddern ­- dann bin ich mit der Welt im allgemeinen und dem Kaff im Besonderen wieder versöhnt.

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