Die Tänzerin

Eine ältere Geschichte aus der alten Schrottpresse. Ein wenig aus privatem Anlass, ein wenig aus Gleichgültigkeit gegenüber der Aktualität. Fertig im eigentlichen Sinne ist es immer noch nicht, wohl aber überarbeitet.

Wer Schwierigkeiten mit mehr als 1800 Zeichen am Stück hat (Moin daMax!), sollte hier aufhören zu lesen.

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Stehen Sie doch bequem! Hier erwartet niemand eine stramme Haltung . Oh, nicht daß die Menschen hier keine Haltung hätten. Sie haben eine: Die rußigen Kinder, die schreiend und balgend in den Höfen spielen. Die Frauen, die das wenige Geld zum Händler tragen; die Männer, die es irgendwie verdienen und das, was ihnen ihre Frauen nicht abnehmen, den Gastwirten oder zu den Huren bringen. So hat jeder etwas davon. In diesem Teil der Stadt ist Zeit kein Geld, weshalb ein jeder etwas mehr Zeit, dafür weniger Geld besitzt; das wenige Geld ist dafür gleichmäßiger verteilt.
Gewisse Sozialromantiker behaupten,daß man wirklich arm nur im Herzen sein kann; ihnen sei nahegelegt, am Morgen zu den Plätzen zu gehen, wo die Werber der Werftbesitzer die Arbeiter aussuchen, die für diesen Tag Arbeit bekommen. Dann sollen sie sich die Gesichter derjenigen ansehen, die für diesen Tag keine Beschäftigung bekamen und die Gesichter ihrer Frauen.

Stehen Sie bequem! Der Gemüsehändler tut es auch wie der Photograph, der auf einen Kunden wartet. Schöne Portraits verspricht das Schaufenster, in dem ein alter Apparat auf einem ausrangierten Gestell und ein paar vergilbte Photos die Dienstleistung des Geschäftes anzeigen. Herr Photograph: Kommen Sie und sehen sich diesen Hinterhof an. Ach, es interessiert Sie nicht? Sie sehen es jeden Tag und sind abgestumpft gegenüber den Reizen der verschiedenen Grautöne? Das ist schade. Dort oben über dem fünften Stock wohnt nämlich eine Tänzerin unter dem Dach. Das Zimmer ist nicht so karg, daß es sie zu Verzweiflung treibt, nicht so komfortabel, als das es nicht den Stolz ein wenig verletzt. Alleine wohnt sie dort, wenn man von den Tauben absieht, die sich auf der einen tiefen Fensterbank ein Nest gebaut haben. Ein Flügel des Fensters ist mit ein wenig Nachdruck zu öffnen und auf diesem Weg finden sich dort immer ein paar Körner oder Brotrinde. Auch daran sind Sie nicht interessiert, Herr Photograph? Keine romantischen Motive, die den Weg in die bürgerlichen guten Stuben finden? Aber der Photograph verdient mehr Geld mit den Bildern, die er in seinem Atelier macht, wenn die Ladentür verschlossen ist und die Mädchen und Frauen über den Hinterhof kommen, durch das Treppenhaus, das zur Wohnung der Tänzerin führt, die sich dort gerade einen Tee kocht.

Teekochen hat seine festen Regeln: Die Menge des Tees, die des Zuckers – nur ein wenig – und das heiße Wasser, mit dem man die Kanne vorwärmt. Wenn man ein wenig Zeit mitbringt, wird das Ritual nach und nach verziert mit der exakten Lage des Löffels, der Position der Kanne; einem prüfenden Blick in den Kessel, den Deckel sorgfältig geschlossen, bis die Pfeife auf der Tülle erst zaghaft, dann aber laut und nachdrücklich pfeift.

Das Zeremoniell ist heute Selbstzweck; es eilt, daß kaum noch Zeit zum trinken bleibt . Die Ballettstunde. Es ist ihr Ehrgeiz, pünktlich zu kommen, nicht der ihres Lehrers, sie zur Zeit zu sehen.
In diesem Teil der Stadt gibt es mehr Zeit. Stehen sie bequem!
Auf einer Kreuzung regelt ein ein Polizist den Verkehr. Weil es aber keinen Verkehr gibt, nutzt er gelangweilt die Gelegenheit, die Tänzerin mit einer Geste zum Stehenbleiben aufzufordern. Er dreht ihr den Rücken zu und breitet die Arme aus wie eine gekreuzigte Uniform. In einer Nische stehen zwei Huren. Die rothaarige zählt Geldscheine. Drei, vier Banknoten. Immer wieder »Er hat mich betrogen« sagt sie, zählt von vorne, als könne man sich bei diesem geringen Betrag irren. Geld zählen hat sie doch gelernt. Als Einziges hat sie zählen gelernt. »Betrogen, er hat mich betrogen«. Die andere wischt sich mit einem Tuch den Mund ab. »Ach lass doch. Lass uns gehen. Das verfluchte Geld«
Der Gekreuzigte hat sich gedreht und die Tänzerin überquert die Straße.

Jeder der Hausbewohner konnte sich daran erinnern, wann Flur und Hauseingang zum letzten Mal gestrichen wurden. Eine Woche hatten die Gerüste schon gestanden, ohne daß etwas Nennenswertes passiert wäre. Nur ein paar Nägel verschwanden, Kabel wurden in Vertiefungen gegipst, die der Lehrling mit viel Lärm und Staub geschlagen hatte und dann kam der Tag, an dem der Malermeister selber mit Schimpfen Farbeimer, Pinsel und seine Würde hereinschleppte. Schnaufend und mit einer Zigarre im Mund kletterte er das Gerüst hoch. Er öffnete einen der Eimer, den ihm der Lehrling hinaufgereicht hatte, wählte sorgfältig den Pinsel, mit dem er beginnen wollte und dann zerfiel das Gerüst unter dem Gewicht des Meisters. Ob es nun eine schadhafte Schraube war oder eine der Stangen die Grenze ihrer Leidensfähigkeit erreicht hatte – keiner der hohen Herren einer Behörde, die sich das Malheur später ansahen, fand eine Antwort darauf.
An diesem Tag aber fiel der Meister rückwärts zu Boden; das Gerüst auf ihn und, als sollte das nicht reichen, auch noch der volle Farbeneimer in den Nacken des Malers. Ein findiger Kriminalmediziner hätte beweisen können, daß, wäre nicht noch der Eimer hinzugekommen, der so früh verstorbene Malermeister, der vier Kinder und ein spindeldürre Frau hinterließ, den Unfall durchaus überlebt hätte. Gelähmt von der Hüfte abwärts, aber am Leben.

So aber traf der Eimer eine sehr wichtige Stelle an den Knochen des Schädels. Der Lehrling, der das Unglück aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, kam näher, sah den Meister unter dem Gerüst – Farbe, in der Blut eine säuberlich abgesetzte Linie wie ein Fragezeichen malte. Da sich der Meister nicht mehr regte, lief der Junge hinaus, um einen Schutzmann zu suchen, der ihm die Verantwortung abnehmen konnte.
Die Reste des Gestells standen noch wochenlang, die Bewohner gewöhnten sich beinahe daran, bis ein neuer Mieter des Saals unter dem Dach die Reste beseitigte, gründlich fegte und wischte und ein Schild neben die Eingangstür nagelte. »Gesellschafts – und Modetänze, Ballettschule, Unterricht der feinen Sitten. Johannes Asch.«
Seit diesem Tag schlichen jede Woche eine Handvoll Menschen den verwahrlosten Flur herauf, gefolgt von Klaviertönen, die die Zeit des Treppenhauses in gleichmäßige Intervalle zerhacken.

Die Tänzerin hatte die Tür erreicht, klopfte und Herr Asch öffnete. Eine bittere Falte um den Mund Aschs verrät, daß sich das Standbein seines Unternehmens »feine Sitten« nicht der erhofften Nachfrage erfreut; leider ebensowenig wie »Gesellschafts – und Modetänze« Sie nestelt an ihrer Handtasche und übergibt ihrem Lehrer ein paar Münzen; das Salär für die heutige Stunde. Johannes Asch konnte auf solide Kenntnisse in Gesellschaftstänzen bauen – Bücher über Kultur und Sitte zierten das schmale Regal seiner Kammer, die ihm als Küche, Schlafstätte und Arbeitszimmer diente. Seine Kenntnis des klassischen Balletts beschränkten sich allerdings auf Besuche des städtischen Theaters und lange Nächte in Gesellschaft eines Bekannten im »goldenen Hirsch«, der als Assistent an eben jenem Theater tätig war. Zwischen zotigen Geschichten und dem Lamentieren über die Arbeit verbarg sich der eine oder andere Hinweis, den Asch, immer aufmerksam, im Zettelkasten seines Gehirns einsortierte, um es bei passender Gelegenheit seinen Schülerinnen vorzutragen.

»Diese hier ist ein wirkliches Talent« dachte Asch, während sich die Tänzerin hinter einem Vorhang umzog. Nicht, daß Asch die Fähigkeit besaß, das mit fachmännischer Sicherheit zu beurteilen, aber der unvergeßliche Eindruck, den ihre Natürlichkeit und die Sicherheit ihrer Bewegungen vom ersten Moment auf ihn gemacht hatten, ließen ihn zu diesem Schluß kommen. Wohl träumte er auch von der ungeheuerlichen Möglichkeit, daß sie, die Tänzerin aufgrund ihres bemerkenswerten Talentes ein Engagement am Theater bekäme, ihn – sozusagen als Entdeckers dieses Wunders – teilhaben ließe an ihrem Erfolg in der Form, als daß die Schüler nicht tröpfchenweise die Treppen heraufschlichen, sondern sich in Scharen durch die enge Tür drängelten… eine Primaballerina, sein Geschöpf.
Während Asch den Deckel über der Klaviatur hochklappte, ergriff die Tänzerin die Stange an der Wand. Ein Schal hängt über dem hölzernen Ding nun schon ein halbes Jahr. Eines der Mädchen hatte ihn sicher vergessen, niemand nahm ihn weg. Die Besitzerin könnte ja wiederkommen und nach ihm suchen, auch wenn sich niemand daran erinnern konnte, daß sich eine der Tänzerinnen jemals wieder hierher verirrt hätte, nachdem sie diese Schule abgeschlossen hatten oder ihnen das Geld für den Unterricht ausging.

Der Chopin aus Gips auf dem mäßig gestimmten Klavier scheint betrübt über die Interpretation seines Werkes, aber so eine Stunde ist kurz. Ein paar näselige Anweisungen, eine Anekdote aus dem »goldenen Hirsch« und es ist vorbei. Auf dem Fensterbord neben dem Herd steht eine Flasche, in der sich noch ein Rest von dem befindet, was das Etikett vollmundig als Cognac anpreist. Aber da hatte sich die Tänzerin schon wieder umgezogen und leise den Saal, der eigentlich nur ein größeres Zimmer ist, verlassen.

Linkerhand der Pfandleihe liegt ein Speiselokal. Das Stammessen kostet nur wenig. Kartoffeln, Fleisch – sparsam – eine graue Soße und etwas gedünstetes Gemüse. Dazu ein Glas Wasser. Es braucht nicht viel, um diesen Körper am Leben zu halten. Die Tänzerin öffnet die Tür, es ist leer wie immer. Der Türschließer drückt erfolglos quietschend und es bleibt ein schmaler Spalt. Die Wirtsleute sitzen heute um den runden Tisch am Fenster, still. Der neue Gast ist keinem Blick oder Geste würdig. »Und vergiss nicht das Bügeleisen. Besen und der schwarze Topf. Topf… wir werden nicht genug Pfannen haben, Und kaum Geschirr«
Die Besitzerin des Lokals drehte sich zur Tänzerin um und musterte sie, nicht unfreundlich, aber mit einer eigenartigen Distanz, die so gar nicht zu einer Wirtin passen will.

»Wir schließen gleich… nein, das ist falsch: Wir haben geschlossen. Für immer geschlossen. Es gibt hier nichts mehr zu Essen – deswegen sind Sie wohl gekommen, nicht wahr?«
Obwohl niemand mehr bewirtet werden soll, stand die Frau auf und schließt die Tür endgültig, was die verrostete Mechanik nicht vollbrachte. »Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns an den Tisch. Für ein Glas Wein reicht es noch. Nur zu Essen haben wir nichts… Sie sehen es ja – es ist niemand in der Küche. Wir sind alle hier.« Das erklärt zwar nicht, warum kein Essen serviert wird, folgt aber aber seiner eigenen Mathematik, daß, wenn niemand in der Küche arbeitet, es auch keine Speisen gibt.
»Wir haben nämlich geschlossen« wiederholt die Wirtin. »Da, nehmen Sie ein Glas Wein. Es kostet Sie nichts. Der Händler ist bezahlt. Er hat sein Geld. Und wir trinken die letzten beiden Flaschen nun aus. Dann schließen wir.«Die nun wiederholt verkündete Schließung beherrscht die Gedanken der Frau offenbar so sehr, das es sich in jeden ihrer Sätze hineinschleicht wie ein Gift, das erst ihre Gedanken und dann ihre Sprache verdirbt.
»Wir werden in eine andere Stadt ziehen. Die Leute hier haben kein Geld und genug Zeit, sich ihr Essen selber zu kochen. Sie sind einer der Wenigen, die oft gekommen sind. Was machen Sie eigentlich?«
»Ich tanze.«»In welchem Lokal?« Die Wirtin hat eine feste Vorstellung davon, wie man mit Tanz Geld verdienen kann. Die Tänzerin spricht leise vom Feuervogel, Herrn Asch, den Tauben und der Hoffnung, ein Engagement am Stadttheater zu bekommen – und sei es noch so klein und bescheiden. Der Wein tut gut, in kleinen Schlucken öffnete er die Seele.
»Es gibt ein Vortanzen in 2 Tagen. Sie suchen neue Tänzer… hoffentlich…«

Die Hoffnung auf ein Engagement verband sich mit dem innigen Wunsch, niemals wieder das Treppenhaus von Johannes Asch heraufsteigen zu müssen, sich niemals wieder nur durch ein Tuch von Herrn Asch getrennt umzuziehen.

Die anderen Anwesenden hatten der Unterhaltung wortlos zugehört. Alle saßen sie mit gesenktem Kopf um den Tisch herum; still wie die Statuen, von denen das kleine Stadttheater umgeben war. Weißer Marmor… war das Marmor oder nur ein Stein, der so aussah wie Marmor? Es waren neben kleinwüchsigen Menschen mit Blätterkränzen um den Kopf auch solche von Personen, die es an diesem Haus zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hatten. Selbst ein Intendant war unter ihnen, der, obschon er das Theater mit seinen Neigungen zum Kartenspiel und schönen Frauen fast zum Bankrott getrieben hatte – Allein: Es war die große Geste, der Wirbel, den seine Affären erzeugten und das Air der Bohème, das er verbreitete. Er verließ die Stadt wegen eines eifersüchtigen Ehemannes. Und wäre es nicht dieser Rasende gewesen, dessen Gedanken um Säbel und Pistolen kreiste, so wären auch die Verluste, die er am Spieltisch erlitten hatte, Grund genug für eine längere Kur gewesen.
Seine hastige Abreise nach München endete vollkommen überraschend kurz vor Nürnberg, wo ein entgegenkommender Zug auf dem selben Gleis die Schlagzeilen der Zeitungen für einige Tage beherrschten. Es ist nicht immer das Licht am Ende des Tunnels. Die Person des Intendanten spielte angesichts der Tragödie kaum eine Rolle – seine Heimatstadt aber widmete seinem Andenken diese Statue, nicht ganz ohne eine gewisse Erleichterung, ihn so billig losgeworden zu sein.

Sein Nachfolger, der sich schnell in der Person des ehemaligen Assistenten fand, vermied einen Wechsel im Geschäftsbetrieb. Auch er den weiblichen Akteuren zugetan wenn auch ohne den Hang zum Spielen – es fehle allein die große Geste, der Anschein von Champagner, auch wenn auch nur Wasser auf dem Tisch stand. Der überbordend gedeckte Tisch ohne Gedanken, was auf den Tellern lag. Die Tänzerin hätte bei der neuen Intendanz vergebens um eine Stelle gebeten; es liegt Braten auf dem Geschirr wo vormals nur die ausgesucht besten Stücke lagen.
Da aber die Portionen größer geworden waren, arrangierte sich Kompanie und Publikum schnell mit dem Wechsel in der Führung. Auf der Bühnen stehen nun Spanferkel anstelle von Fasan.

Eine Frau mit einem rauhen, dunklen Gesicht erhob den Kopf. Ihr wie in Bronze gegossenes Gesicht kämpfte gegen die Form ihrer Haare, die voll und wirr ihr Gesicht umrahmten.
»Ich bin Sonja, die Zuckerbäckerin und ich habe etwas zu essen für dich. Ich habe einen Kuchen gebacken. Mit Nüssen, Äpfeln, Marzipan und Sahne. Er taugt für die Reise nicht – ich habe ihn gemacht, weil ich so traurig war, weil wir schließen müssen. Immer wenn ich traurig bin, backe ich. Aber jetzt wollen wir ihn essen. Es ist ein Trost, einen guten Kuchen zu essen, wenn man betrübt ist.«
Die anderen hoben nun auch den Blick, sahen sich an; einen Kuchen? Jetzt?
»Wir werden jetzt Kuchen essen«, verkündete Sonja. »Und Wein dazu trinken«

Kuchen ist das Brot für besondere Angelegenheiten. Ein Fest, ein Geburtstag oder die Totenfeier; Kuchen ist ist keine Mahlzeit – es ist die Freude am Überfluss. Brot nimmt man in die Hand, reißt ein Stück davon ab. Es riecht säuerlich, die harte Rinde bricht, während sich das Innere dehnt, reißt, als wären es zwei verschiedene Materialien, die gegen die Hand, die es zerteilt, kämpfen. Dieser reiche, fette Geruch. Wie Bier, Erde – Kuchen ist anders. Es fehlt das menschenhafte, das proletarische. Der süßliche Feind allem, was das Salz der Erde ist. Brot das Bedürfnis, Kuchen die Gier.
Gut war der Kuchen, den Sonja auftrug. Aber das änderte nichts an der triesten Feierlichkeit, die am Tisch herrschte. Ein Gespräch wollte nicht in Gang kommen – die Tänzerin sah an die Wand gegenüber; die Bilder die dort vormals hingen, waren abgenommen. Helle Stellen verrieten ihre Größe und wenn man genau hinsah, so entdeckte man andere graue Rechtecke. Andere Größen und Schattierung, die anzeigten, daß wenigstens die Bilder schon des öfteren gewechselt hatten.

Von innen öffnete sich die Tür leichter als von außen, als wolle sie den Abschied erleichtern, ein nochmaliger Versuch des Mechanismus, das Blatt in die Zarge zu drücken und ein letztes Mal die Wirtin, die hinter einem Gast abschloß.

Die Baugrube auf der Straße war mit einer Plane abgedeckt und einem wackeligen Zaun versehen, daß niemand aus Versehen in das Loch hineinfiel, das die Männer tagsüber gegraben hatten. Man musste diesen sozusagen symbolischen Zaun schon sehen, an ihn glauben und es als Warnung verstehen; ein auch nur sanfter Druck hätte die Umzäunung zerfallen lassen – der Lehrling, der es aufgestellte, hätte vom Meister eine Schelle bekommen, ohne daß es einer der anderen Männer besser gemacht hätte. Unter der Abdeckung befanden sich in etwas einem Meter Tiefe drei Rohre, die man im Laufe des Tages freigelegt hatte. Der Ingenieur hatte es so angeordnet, die Männer taten es, ohne zu wissen wozu und schlugen dabei gelegentlich grundlos den Lehrling. Nun war es spät geworden, die Bauarbeiter schon lange zu Hause oder standen vielleicht mit einer Flasche Bier an einer Hausecke. Die Tänzerin widerstand der Versuchung, es auf eine Probe ankommen zu lassen… nur ein leichter Druck, ein sanft Tritt mit dem Fuß…

Sie war bemüht, die leeren, grauen Wände der Gastwirtschaft, die teilnahmslosen Gesichter zu vergessen, um nicht ein Teil dieser Traurigkeit zu werden. Die Kinder hatten mit bunter Kreide Quadrate auf das Pflaster gezeichnet, Hinkelstein und die Tänzerin hüpfte, mal auf dem einen, mal dem anderen Bein. Vorwärts, rückwärts, nicht ohne sich zuvor zu versichern, daß es keine anderen Passanten außer ihr gab, als wäre es eine Schande, mit wehenden Haaren und einer Schweißperle auf der Stirn das Spiel der Kinder am späten Abend fortzusetzen. Ob es ihr eines der Kinder in ihrer Gewandtheit gleichgetan hätte? Gleich aber war die Ernsthaftigkeit, mit der sie das Spiel betrieb. Für einen Moment war sie wieder das kleine Mädchen, dem, sollte sie einen falschen Tritt tun, etwas schreckliches passieren würde. Der Fuß darf die Hölle nicht berühren – man würde sie auslachen oder sie müßte eine Glasmurmel bezahlen; irgend etwas Schreckliches in dieser Art, das Kindern geschieht, die Spiele mit dem Ernst der Erwachsenen betreiben, ohne gelernt zu haben, wie man verliert. Sie trat nicht auf das Feld mit dem Namen »Hölle« und ging mit erhobenem Kopf weiter wie nach einem Sieg.

Johannes Asch hatte den Abend im »goldenen Hirsch« verbracht. Er hatte an seinem Lieblingstisch nahe dem Tresen gesessen, in der einen Hand ein Glas, die Finger der anderen fühlten in der Manteltasche nach dem wenigen Geld, dieser kleinen faustvoll Münzen und Scheinen, das bei jedem Glas ein wenig schrumpfte, bis ihm sein Tastsinn sagte, daß dieser Abend in der warmen Gaststube für ihn beendet wäre. Sein Freund vom Theater war nicht erschienen; diese Bekanntschaft hätte ihm noch ihm vielleicht noch ein, zwei Gläser mehr eingebracht, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, war das, was er getrunken hatte, schon etwas zuviel für ihn gewesen. Er bezahlte den Rest der Zeche, stand auf – unsicher zwischen den Stühlen und Tischen hindurch lavierend – und verließ den »Hirsch«. Zwar hatte er diese leise Gier gestillt, die sich an fast jedem Abend einstellte, wenn er des Wartens auf Kunden müde, vom Erfolg seines Geschäftes enttäuscht, den Weg zur einer Wirtschaft fand. Indes hatte es ihm an jemandem gefehlt, der ihm an dem kleinen runden Tisch ein Zuhörer war. Einem Zuhörer, wenn der Alkohol die Krämpfe des Tages löste und Asch durch die Allmacht des Weines zu dem wurde, was ihm das Leben so ausdrücklich versagte. Wenn der Wunsch zur Forderung wurde, wenn Schuld endlich verteilt werden konnte, das Versagen sich als der böse Wille der anderen hervortat. Dieser Moment zwischen Nüchternheit und stumpfem Rausch, in dem die Fragen der Existenz überraschend leichtfüßige Erklärungen von unbezwingbarer Klarheit bekamen.

Steigern lies sich die Wucht solcher Erkenntnisse durch einen Begleiter, einen Kumpanen, der atemlos – oder wenigstens mit dem eigenen Glas beschäftigt – von Zeit zu Zeit zustimmend nickend dem Erzähler recht gab, den Lauf mit Bemerkungen wie einem »unmöglich«, »was für Zustände!« und ähnlichem würzte, dem Pferd sozusagen die Sporen gab, daß es um so eifriger sich an der eigenen Sage steigernd immer höher und höher verstieg, bis es womöglich bei der Politik ankam. Der Politik, diesem höchsten Plateau, wo Schuld und Versagen von jedermann nach Belieben verteilt werden können und sich gerade beim Weinbrand die erstaunlichsten Erkenntnisse ergeben.
All das war Asch aber an diesem Abend versagt geblieben. Das Gefühl der Sicherheit des vollen Glases verschwand hinter der Ahnung, die der kommende Tag als frühe Warnung an Asch aussandte. Da wartete nicht einmal ein böses Weib, das ihn mit einer gehörigen Predigt empfing, bevor es ihn, Johannes Asch, mit harten Worten ins Bett jagte. Da war keine Aufgabe, die am Morgen nur durch ihn, durch ihn alleine zu verrichten gewesen wäre. Da war nichts, außer der Gewißheit, daß nach dieser Nacht der Sonnenaufgang nichts anderes bringen würde, als der vorangegangene und der davor. Diese Kette von Nutzlosigkeiten, die nur durch den Stand der Sonne in gleichmäßige Abschnitte zerfielen – Monate, Jahre.

Die Lampen brannten schon eine Weile und zeichneten weiße Kreise auf das Pflaster, die der Tänzerin auf ihrem Weg nach Hause als kleine Bühnen dienten. Jede davon sah eine getanzte Figur, eine Schrittfolge oder eine winzig kleine Szene, die ihr in diesem Moment auf dem Weg nach Hause einfiel. Vielleicht hätte ein phantasievoller Zuschauer den zu Ende gehenden Tag in jenem Schauspiel erkannt, das unter den Laternen für niemanden stattfand. Niemanden, außer einem Bettler, der schlafend in einer Hofeinfahrt lag, für einen Moment Statist in diesem Spiel oder Requisite, den Hut vor ihm danach so leer wie vorher – es gab nur ein Stückchen Zeit, das keine Münzen enthielt.

Eine Vorstellung ohne Publikum und Salär, ein Zirkus ohne Manege – eine Kirmes wie die im frühen Jahr, als sie in das Zelt einer Wahrsagerin trat.

Das Schild am Eingang versprach den Blick in die Zukunft, Heilung von Krankheit und Schmerz. Nicht daß die Tänzerin an einem Gebrechen glitten hätte – sie war jung, gab acht auf das, was sie ihrem schmalen Körper zumutete, aber der Übermut hatte gesiegt, das Geheimnis, welches das Schild, die geheimnisvollen Zeichen auf dem Zelt und den eigenartigen Geruch, der aus dem Inneren drang, zu ergründen.

»Bist du eine Hexe«, hatte sie nach dem Eintreten fragen wollen, aber die Frage erstarb ihr auf den Lippen, als sie die Frau sah, die ihr mit einer Handbewegung den Platz auf einem Stuhl anbot. Die Frau sah ihren Gast eine kleine Weile an.
»Nein, ich bin keine Hexe«, antwortete die Besitzerin des Zeltes auf die unausgesprochene Frage. »Was willst du? In die Zukunft sehen? Das ist etwas für Dumme oder Verzweifelte. Du bist weder das eine noch das andere. Krank scheinst du auch nicht zu sein. Was also führt dich hierher?«
»Bist du eine Hexe?«, wiederholte die Tänzerin die Frage, auf die sie bereits eine Antwort bekommen hatte.
»Sieht du: Das ist ein Teil des Übels – die Menschen verstehen nicht, auch wenn man ihnen ihre Fragen beantwortet. Die Antwort muß mit dem übereinstimmen, was der Fragende sich selbst als Antwort zurechtgelegt hat«.
»Was also ist eine Hexe? Kennst du die Antwort, auch wenn du selber keine bist?«
»Hexen haben viele Namen. Hierzulande nennt man sie oft böse, weil sie Dinge kennen, von denen andere nichts wissen. Dinge, die man nicht kennt, sind vorzugsweise böse, weißt du?«
»Du bist nicht böse.«
»Nur dann, wenn man mich so etwas fragen würde. Nein: Das war nur ein Spaß – du hast ja nicht gefragt. Im Grunde ist es ganz einfach. Der Gott des Abendlandes und seine Bankiers haben eine Wissenschaft aus dem Lachen gemacht. Eine Wissenschaft und ein Geschäft. Wie bringe ich einen Menschen zum Lachen? Da sind viele Antworten und doch nur ganz wenige. Ich kann ihm etwas schenken. Dann lacht er, freut sich. Ich kann ihm auch etwas versprechen, ihm eine Belohnung geben, wenn er etwas, was ich von ihm will, besonders gut gemacht hat. Sie haben alle Dinge ergründet, wie man jemanden zum Lachen bringt, jede Kraft, die dahinter steht. Sie nennen es Glück.

Was sie nicht taten, war zu ergründen, was der Schmerz dem Menschen schenkt, Trauer, eine Krankheit. Als würde keine Kraft in der Trauer, keine Macht im Schmerz liegen. Ein einseitiges Geschäft, das den glücklichen Menschen zur Norm und das Unglück zu Ausnahme erklärt. Für Glück schufen sie tausend Worten, für das andere gibt es nur dutzende. Für das sogenannte Glück erschufen sie das Geld und wurden tausendfach entlohnt. Die Bezahlung für das Elend, die Krankheit, den Haß, der Ungerechtigkeit, verschoben sie in eine andere Welt, die sie heimtückisch Himmel nannten oder ähnliche Namen ersannen – irgend etwas, was dem menschlichem Zugriff entzogen war. Für diejenigen, die diesen Segnungen nicht teilhaftig wurden, sandten sie Krankenpfleger des Glücks. Missionare, Doktoren, Lehrer und andere; Paviane derer, die sie schickten. Sie sollten nicht die Ursache der Krankheit ergründen, sondern dem Kranken die Schändlichkeit seines Leidens vor Augen halten.«

Die Tänzerin rutschte unruhig auf ihrem Stuhl. »Also sind die Philosophen, die sich mit den großen Fragen der Menschen beschäftigen, auch Hexen«
»Philosophen sind Doktoren, die über die Diagnose die Krankheit vergaßen… aber keine Hexen. Hexen sind Doktoren, die den Nährboden der Viren behandeln, die zur Krankheit führen, die dunkle Seite der Wesen antasten. Die Stürme, die losbrechen, wenn man das Tier berührt, das in jedem haust. Es sind nur kleine Stürme im Weltgeschehen, keine Revolutionen, keine Theologie. Nur das nackte Wesen, das da schutzsuchend, sabbernd, zuckend vor uns liegt und nach Heilung schreit, wo keine Krankheit, sondern nur Schmerz ist. Eine Schwangere ist genau so wenig krank wie das, was man als einen Wahnsinnigen bezeichnet. Der Schmerz, ein Leben zu schenken und eines verloren zu haben. Ein paar von solchen Dingen kann ich heilen – oder versuche es doch wenigstens.«
»Hast du keine Angst, wenn du das machst… was du machst?«
»Nein. Es kostet Kraft… erst einmal. Aber es ist so, wie die Erforscher der Natur sagen: Es geht nichts verloren, es wechselt nur die Form – ein Teil kommt immer auf dich zurück«
Die Frau stand energisch auf. »So, nun weißt du etwas mehr, auch wenn es dir nichts hilft; wenigstens so lange nicht, wie du Antworten erwartest und nicht empfängst. Aber das kann sich jederzeit ändern. Nein, das kostet nichts! Lass dein Geld nur stecken. Willst du einen kurzen Blick in die Zukunft?«
Beide lachten, umarmten sich und die Tänzerin verließ das Zelt.

Johannes Asch gebrach es an Haltung, was teils der vorgerückten Stunde, teils dem dem Besuch im »Hirsch« geschuldet war. Die Maschinerie der Beine versagte wie die des Kopfes; dieser Kopf, der den energischen Befehl hätte geben müssen, die Anweisung der Richtung. All das hatte versagt, versagt wie ein General, der seinen übermüdeten Truppen nach einer Niederlage den Antrieb zum Aufstehen, zum Weiterkämpfen hätte geben müssen – der General aber betrunken und nicht Herr über seine marodierenden Soldaten
Da ist das Licht einer der Laternen, ein kleiner Platz vor einem Haus. Die Dunkelheit verlieh diesem Ort etwas theatralisches, was durch vier Säulen, die das Vordach des Hauses abstützten, gesteigert wurde. Asch setzte sich auf die Bank, welche mit Tusche gezeichnet im Licht stand. In der Nacht gibt es keine Farben und die Tänzerin sah von weitem diese Szene wie die schwarzen Kulissen eines Theaters, ein Scherenschnitt mit einem zusammengesunkenen alten Mann. Der Photograph hätte es als gelungenes Bild betrachtet: Es macht Neugierde aus der Ferne, füllt beim Näherkommen langsam den Rahmen, den es an einem bestimmten Punkte vollendet ausfüllt und zerfällt in Dinge ohne Zusammenhang, wenn man letztlich ganz darin hineintaucht.

Die Tänzerin sah für einen kurzen Moment den vollendeten Rahmen, bevor sie in das Bild hineinstieg und zu einem Teil davon wurde.
Asch erwachte aus dem Gefühl der Niederlage seines Körpers, als er die Tänzerin erkannte, stand auf, unsicher und doch sicher, sich jetzt erheben zu müssen. Er mußte ihr etwas sagen, mußte Worte finden und zugleich die Füße Schritt für Schritt in ihre Richtung lenken.

»Liebes Fräulein, warten sie«. Die Angesprochene blieb stehen, die Kulissen begannen sich zu bewegen.
»Liebes Fräulein« wiederholte er, nun schon fast vor der Tänzerin. »Ihr Tanz, ihr Talent…«. Asch sagte noch mehr Worte, aber die Tänzerin verstand sie nicht. Sie verstand auch nicht, warum sich ihre Beine nicht mehr bewegen wollten, verstand nicht diese Lähmung. Da war nur das Rauschen in ihren Ohren, das Blut, das sich wie kalter, zäher Teer durch ihre Adern bewegte. Der Tanzlehrer Asch stand vor ihr, ergriff ihren Arm und sie mußte ihn riechen; den betrunkenen alten Mann, feuchter Dunst von alten Lumpen, Schnaps, Ungewaschenheit. Das Licht unter der Bank versprach Hilfe wie ein Feuer, an dem sie ihren Körper aufwärmen konnte, die alte Geschmeidigkeit zurück erhielt. Sie aber stand da, vom Hals ab in das eisige Wasser eines winterlichen Sees getaucht. Das rettende Feuer zu weit entfernt und sie unfähig wegzusehen, nicht mehr die dunklen Adern im Gesicht Aschs sehen zu müssen, das graue, hängende Fleisch um die Knochen seines Schädels.

Da war eine Hand, eine Stimme, die vorher nicht dort war, ein anderer Geruch. Johannes Asch war ein, zwei Schritte zurückgetreten, sprach nicht mehr mit ihr, sondern mit dieser anderen Stimme. Nicht Johannes Asch berührte die Tänzerin, sondern eine fremde Hand legte sich auf den Arm des Tanzlehrers. Diese neue Stimme sagte etwas, was die Tänzerin erkannte; sie verstand wieder diese Sprache.
»…nie wieder…«

Das aber sollte erst in etwa 10 Stunden geschehen. Der Schlag trifft ihn unvermittelt; dieses kleine Organ, in welchem mancher die Seele vermutet, hörte auf, den Organismus mit Blut zu versorgen. Der schmale Inhalt seiner Erinnerungen, die Jugend, das Alter und auch der Gedanke an die Tänzerin zerstoben als silberfarbener Regen. Da war kein Schmerz, keine Angst; nur die Verwunderung darüber, wie schnell sich ein Mensch in eine leere Hülle verwandelt, die noch fast 2 Wochen in dieser kleinen Kammer liegen sollte, bevor jemand vom Tod des Tanzlehrers erfuhr.
Ein mitfühlender Hausmeister öffnete die Tür mit einem Nachschlüssel und erschrak furchtbar beim Anblick Johannes Aschs, dessen Bücher über die feinen Sitten durch dieses Ereignis einen neuen Besitzer bekamen. Nicht das der Hausmeister grundsätzlich diebisch veranlagt gewesen wäre – im Gegenteil genoß er den Ruf eines durch und durch anständigen, gradlinigen Menschen.

Der gesunde Pragmatismus, daß diese Bücher ohnehin nur auf dem Kehricht gelandet wären, siegte im Falle der Bücher genau so wie über die letzten 2 Flaschen Cognac, die sich ebenfalls in der Kammer fanden. Ein schwacher Ausgleich zur letzten unbezahlten Miete – mehr hinterließ der Tanzlehrer Johannes Asch nicht.

Dem Priester kam die Beerdigung ein klein wenig ungelegen. An diesem Tag traf er sich eigentlich zum Kartenspiel mit einem Amtsbruder und einem befreundeten Doktor, aber in diesem Fall konnte man annehmen, daß die Sache einen schnellen Abschluß finden würde. Außer den Bediensteten des Friedhofs, die Sargträger und Totengräber zugleich waren, hatte sich niemand zum letzten Gang Johannes Aschs eingefunden. Dunkle Regenwolken beförderten eine unabgesprochene Eile; die Würde des Augenblicks litt unter der Hast, mit der der Sarg beinahe schon im Laufschritt zum Grab gebracht wurde. Noch bevor ein Vaterunser beendet war, fielen mit den ersten Schaufeln Erde schon die dicke Tropfen eines Gewittersregens, welcher die losen Schollen, die sich auf dem Sarg türmten, in eine breiige Masse verwandelten. Die ausgehobene Erde am Rande der Grube wurde ebenfalls zusehens weicher und rutschig, einer der Gräber trat unvorsichtig nahe an das Grab, glitt aus, trat fast auf den Sarg, gehalten nur im letzten Moment von seinem Kollegen. Der griff ihm unter den Arm, stützte ihn, währen aber ihm die Schaufel aus der Hand glitt und polternd auf den Sarg fiel. Man angelte sie heraus – vorsichtig und unter lauten Flüchen; niemand war anwesend, der sich daran gestört hätte. Und so verließ der Tanzlehrer Johannes Asch diese Welt unter Flüchen.

Einen solchen Regen hatte es schon lange nicht mehr gegeben; der Priester sah die Grabsteine am Rande des Weges, der ihn zu seiner geselligen Runde führte, nur durch einen grobkörnigen, dichten Nebel.

Wenn überhaupt etwas von Asch übrig blieb im Gedächtnis der Menschen, so waren es die Erinnerungen seiner Schüler, in die sich meist ein leichter Schauder mischte, und das Schild seines Geschäftes »Gesellschafts – und Modetänze, Ballettschule, Unterricht der feinen Sitten. Johannes Asch«. Der Hausmeister hatte es sorgfältig abgeschraubt und, als es erforderlich wurde, das Regenrohr damit geflickt. Wer wollte, konnte noch lange Zeit diese eigentümliche Gedenkstätte bemerken, auf dem so viel mehr über Asch stand als auf dem unscheinbaren Holzkreuz seiner letzten Ruhestätte und doch wiederum gar nichts.

Eine zerschlagene Fensterscheibe ist kein Beinbruch – unter Umständen bringen Scherben sogar Glück wie gerne behauptet wird. Vielleicht nicht dem Jungen, der sie mit seinem Ball einschlug – wenigstens der Ball ist verloren. Und welcher der Jungen nun den entscheidenden Schuß tat, war in diesem Moment scheinbar fraglich. In der kleinen Horde, die nun schreiend vom Hof rannte, durch die Einfahrt und um die Ecke verschwand, hätte es jeder sein können. Die Tänzerin hatte das Spiel von ihrem Fenster aus beobachtet, hatte den Rotschopf gesehen, der sich den Ball zurechtgelegte, prüfend nach den Mitspielern sah; ein Anlauf, der Spieler, der im letzten Moment offenbar von seinem Plan abwich und… . Eine stille Atemlosigkeit später das Geräusch zersplitternden Glases und die lautstarke Einigkeit, den Ort des Unglücks so schnell wie möglich zu verlassen. Unabgesprochen, einig mindestens darin, den Folgen, die sich unausweichlich aus diesem Mißgeschick entwickeln mochten, zu entfliehen.
Niemand außer der Tänzerin hatte dem Verlauf des Spiels Aufmerksamkeit geschenkt, niemand außer ihr saß am Fenster und trank ein Glas Tee. Nur das Geräusch der berstenden Scheibe rief all diejenigen, die sich um diese Tageszeit in den Wohnungen befanden. Eine Glasscheibe kann ein Geräusch machen, das Abwechslung verspricht. Es ist nur ein kleines Unglück, das von niemandem einen besonderen Einsatz verlangt. Es fließt kein Blut und auch der Ruf nach der Obrigkeit bleibt aus. Den Schuldigen bestimmt in so einem Falle das Gerücht, was zudem eine willkommene Unterbrechung von den Tagesgeschäften bietet. Die Wäsche kann für eine Weile liegenbleiben wie der Besen; man steht um den Ort des Geschehens und überlegt gemeinsam, wie es geschehen konnte anstatt den Glaser zu rufen. Man hat Zeit dafür, mehr als Geld, um den Handwerker zu bezahlen; vielleicht ersetzt ein Brett für eine Zeit das Glas, bis man widerwillig doch den Schaden ohne Wunden beseitigt – sicherlich war es der Sohn vom Fleischer. Der ist als wilder Kerl bekannt, hat immer etwas Unsinniges im Kopf, rechnet als Anführer – hatte alles, was es dazu brauchte: Nur keine roten Haare.

Zu denen, die sich so bereitwillig von ihren Pflichten ablenken ließen, gehörte der Photograph nicht. Weder der Lärm der flüchtenden schlechten Gewissen noch die lautstarken Vermutungen um den Schuldigen drang in seine Kammer, die ihm zur Fertigstellung seiner Bilder diente.
Das Bild einer Familie – Gesichter, die hochmütig bis furchtsam in die Kamera blickten. Das Objektiv hatte es vermessen, der Photograph es prüfend zurechtgerückt, bis Einheit zwischen dem Selbstverständnis des Kunden, der Apparatur und dem Auge des Photographen herrschte. »Bitte Lächeln…«, das sich einstellte als der Verschluss klickte, die Platte entfernt wurde. »Ja, morgen; wenn Sie sich freundlichst am Vormittag einfinden wollten«. Der Photograph war sich nicht sicher, ob ihm die Komposition gefallen hätte, wäre er der Kunde gewesen. Aber in diesem Falle rührte ihn das Abbild der Kinder und auch die Ausstrahlung, die diese Menschen auf ihn machten.

Alchemie der Bilder. Silber im Wandel der Bäder und Pose des Abgebildeten. Niemand sieht im Leben aus wie auf einer Photographie, will es auch gar nicht. Würde man es allein dem Kunden die Art der Darstellung überlassen: Sie würden auf Elefanten reiten, Schlachtenlenker und beim Verlassen der Ateliertür wieder ein einfacher Arbeiter.
Der Photograph arbeitet an diesem Tag unter einem guten Stern; der Abend zuvor sah ihn als Held, der eine junge Dame aus den Klauen der Gefahr befreite, die Prinzessin dem Drachen entriss, sich mit entblößter Brust zwischen das Peleton und der unschuldig Verurteilten stellte. Nun ja: Vielleicht war die Gefahr nicht wirklich so groß gewesen, aber das Hochgefühl, als der Gegner ängstlich zurückwich, die Dame – das Mädchen – sich schutzsuchend an ihn drängte, folgte ihm in den neuen Tag. Die Bedrohung hatte schwankend das Schlachtfeld verlassen und das ritterliche Angebot, die zuvor Bedrängte sicher nach Hause zu geleiten, war mit freundlichem Lächelnd angenommen. »Aber das sind ja sie…«. Das Erkennen und der Weg zurück, der ihm viel zu kurz erschien.
Das Blumenmädchen hatte einen überraschenden Kunden und der kleine Beistelltisch im Atelier bekam einen ungewohnten Schmuck, im Schaufenster wurden die Bilder zurechtgerückt, sorgfältig ein paar Spinnenweben entfernt und auch sonst sah sich der Photograph sein Geschäft ungewohnt sorgfältig an. Ein Billett fand den Weg in den Briefschlitz der Tänzerin.

»Darf ich ihre Bahnsteigkarte sehen, junges Fräulein? Wo soll es denn hingehen? Ach: lassen Sie sich doch bitte helfen… die schwere Tasche…« Der Beamte sah die Tänzerin freundlich an. Er gab ihr den Fahrschein zurück und griff nach der Tasche, die sie auf den Boden gestellt hatte. »Eine Frau in ihrem Zustand sollte nicht so schwer trage, das wissen Sie doch… der Herr Gemahl..?«
Sie lächelte freundlich
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Die Eisenbahn kommt sicherlich gleich.«
»Sehen Sie nur! Man sieht sie schon. Dort hinten, vor dem Wald.«
Ein dampfendes Spiel des Stahs schob die Stangen, die die Räder bewegten, langsam in den Bahnhof. Es roch nach heißem Wasser und Eisen, die Türen der Coupes öffneten sich und einige Fahrgäste stiegen aus. Ihre Tasche wurde ihr hochgereicht »vielen Dank noch einmal und es wird sicherlich eine schöne Fahrt, so ein herrliches Reisewetter«. Die Tür schloß sich und sie beugte sich noch einmal aus dem Fenster. Es stieg aber niemand außer ihr in das Abteil, was sie mit stiller Enttäuschung wahrnahm. Es reist sich besser, wenn man es nicht allein tut, auch wenn sie natürlich wußte, daß in natürlich andere Fahrgäste da waren – sie hätte sie einfach gerne einsteigen sehen.
Weiter vorne wurde es lauter. Die Lokomotive war bemüht, ihre Last in Bewegung zu setzen, es ruckelte ganz leicht und noch einmal. Sie setzte sich hin. Nach kurzer Zeit wurde aus dem unbeholfenen Reißen ein sanftes Ziehen, beinahe als würde man auf Schlittschuhen von jemandem über einen zugefrorenen See gezogen werden. Nur eine Stunde, Stunde, Stunde… wenn man es leise vor sich hinsprach im Takt der Schienenverbindungen. Jedes mal kam ein Geräusch von den Rädern, eine schläfrige Musik… Stunde, Stunde.

Beim Aussteigen half ihr dieses Mal niemand, aber so groß ihre Tasche aussah, so war es doch nicht so schwer. Diesmal war niemand aus dem Zug gestiegen und so stand sie allein an den Schienen. Der Zug war, ohne daß es in ihr Bewußtsein gelangte, abgefahren und ebenso unbemerkt hatte sich eine Stille verbreitet, die ihr wohltat. Die Geister, die bösen Gespenster waren in der Stadt geblieben. Man kann nicht vor ihnen davonlaufen, wohl aber wegfahren, dachte sie.

Die Sonne stand hoch am Himmel. Sie stand auf einer Insel inmitten trockener Luft und Stille, die Sonne hoch am Himmel und in der Ferne wurde ein Acker lautlos gepflügt. Die Tänzerin schloß die Augen und drehte sich um. »Was ich werde ich sehen, wenn ich die Augen wieder öffne?« Sie tat es langsam, blinzelnd. Nichts. Nichts anderes als zuvor, es blieb die schwirrende Hitze, nur der Klang, den die Ohren nach einem unablässigen Geräusch erzeugen, wenn es ganz leise geworden war. Sie hatte nichts erwartet, niemanden, der hier stand, um sie abzuholen. Trotzdem war sie ein klein wenig enttäuscht über diese vollkommene Einsamkeit. Nur ein staubiger, unbefestigter Weg, eine Schranke und ein Schild mit dem Namen der Ortschaft. Kein Gebäude gegen einen Regen oder den Schnee im Winter. Nichts außer dieser Schranke, hinter der sich die Begleitung der Reisenden zu versammeln hatten. Nutzlos, unbewacht, aber als ein Mahnmal einer fernen Autorität: Hinter diese Schranke bitte nur mit gültigem Billett.

Die Enttäuschung wich Bestimmtheit, einer aufmerksamen Tatkraft. In nicht all zu großer Entfernung standen eine handvoll Häuser. Niedrig in die Andeutung eines Tales gedrückt und ein gutes Stück abseits davon ein auffallend winziges Haus mit einer Menge kleinerer Stallungen. Da mußte sie wohnen, so wurde das Haus in dem unbeholfenen Brief beschrieben. Offensichtlich nicht gewohnt, allzuviel zu schreiben, ohne einen Briefumschlag, dafür mit etwas Selbsgefaltetem, in dem sich ein Zettel mit einer einer Skizze und ein paar erläuternden Worten befand. »Du kannst es vom Bahnhof aus sehen« stand da und auch in welche Richtung sie dabei zu sehen hatte. Sie fuhr sich mit beiden Hände in ihr Gesicht als würde sie Schweiß abwischen, band in der selben Bewegung ihre langen Haare in einem Knoten zusammen und nahm ging dorthin, in der das Dorf in der Mittagssonne lag.

Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, sah prüfend, ob sich die Entfernung veränderte, ging weiter, bis sie sich schließlich an einen Zaun lehnte. Jetzt schwitzte sie wirklich ein wenig und nahm ein Tuch aus ihrer Tasche.

»Hallo, Sie, junges Fräulein«
Ein Wagen hatte neben ihr gehalten. Sie hatte nichts davon gemerkt, war so in Gedanken versunken gewesen, daß sie das Gespann nicht bemerkt hatte.
Ein kleiner Mann mit faltigem Gesicht und einem freundlichen Grinsen sah sie an. Mit einer einladenden Bewegung wies er auf die kleine, leere Fläche neben einem Holzfass, mehr als genug für sie und die Tasche.
»Wo soll´s hingehen, Sie?«
Die Tänzerin nannte den Namen, der als Absender auf dem eigentümlichen Brief stand.
»Soso. Kennen Sie die Anne? Werden sie erwartet?«
»Ach, sie kennen sie?«
»Jeder kennt sie«
Es klang etwas mürrisch.
»Nun kommen Sie, ich fahre Sie dorthin«.
Die Fuhre setzte sich ruckelnd in Bewegung . Das war etwas anderes als das mühsame Laufen. Die Tänzerin überkam Leichtigkeit und Freude, man hatte sie doch erwartet – wenn man den Zufall friedlich in sein Herz einschloss und als willkommenen Teil der Alltäglichkeiten begrüßte. Sie lächelte zuerst, lachte dann laut und der Kutscher fiel in dieses Lachen ein. Sie lachten, ohne das ein weiteres Wort fiel, weil man ein Glück nicht besprechen muß.
»Von hier müssen Sie laufen. Es ist nur ein kleines Stück, ja?«
Das Haus der Hexe lag vor ihnen. Eine weiß gekalkte Hütte umgeben von einer Reihe kleiner Ställe, einem Vorgarten und einem Tor, dessen grauen Haut des Holzes vom Wetter gegerbt war und halb offen stand. Die Haustür öffnete sich, ein Kopf erschien, dann ein »Ach,ach..mein Tuch« und die Hexe Anne lief ihr mit wehenden Röcken entgegen.

Der Photograph hatte den Zettel gefunden, den die Tänzerin auf der Ladentheke hinterlassen hatte. Ein anderer an seiner Stelle wäre überrascht oder ein wenig böse geworden, er aber hatte sich daran gewöhnt, daß seine Frau zu diesen hartnäckigen Eigenheiten neigte und ohne ein Wort darüber zu verlieren etwas zu tun, deren Sinn sich nur ihr erschloß. Ob sie wohl eine Woche bliebe oder nur einen Tag war der Nachricht nicht zu entnehmen. Was hätte es auch für einen Unterschied gemacht es zu wissen: Das kleine Geschäft blieb, solange sie es nicht mit summender Geschäftigkeit erfüllte, ein leiser Ort. Zeit der Arbeit und einer ungestörten Gelassenheit in den Räumen, in der das Wunder der Photograhie mit starren Bildern den Tag beherrschte. Die nichtigen Kleinigkeiten der Ordnung, um die sich jeden Tag jemand kümmerte, lag jetzt in seinen Händen. Er rückte einen Stuhl, nahm ein Tuch, um den Staub von einem Regal zu wischen.

Die Türglocke läutete und ein junges Paar betrat sein Geschäft.
»Einen schönen guten Tag wünsche ich. Was kann ich für sie tun?«
Der Mann nestelte an seinem Jackett, um eine Notiz aus der Tasche zu ziehen, während seine Begleiterin sich neugierig umsah.
»Es sieht aber aus wie ein Vogelbauer, Herr Photograph! Kommt da ein Vögelchen raus?«
Vielleicht ein Bild auf einer Bank, auf der die junge Dame sitzt, während er hinter ihr in der Pose des Beschützers steht. Eine Säule im Hintergrund oder ein paar Palmenwedel. Streng, unnahbar, ein Bild, das die beiden überleben würde. Und auch ihre Enkel, die es eines Tages aus der Schublade eines Schranks ziehen werden, ahnen nicht, daß ihre Großmutter beim Anblick der Kamera kicherte wie ein Backfisch.
Der Photograph schob eine Platte in die Kamera. Manche Bilder sind eine Warnung; dieses wird eine sein. Am folgenden Abend lief die junge Dame allein am goldenen Hirsch vorbei und auch hatten Kinder mit einem Stück Kreide Hinkelstein auf das Trottoir gemalt. Aber sie sah es nicht, weil seit sie geraumer Zeit ein Schatten hinter sich spürte. Dieses mal war da keine Hand, als dieselbe Kälte in ihr hochkroch. Keine Stimme.
»Bitte recht freundlich!« Das Objektiv wurde wieder geschlossen.

»Ich wußte nicht, wann Du kommst. Hast Du Hunger? Nimm erst mal einen Becher Wasser, der Dir den Reisestaub herunterspült.«
Anne lief geschäftig herum, rückte, schob, öffnete ein Fenster der kleinen Küche, in der es noch ein gutes Stück wärmer war als in der Sonne. Auf dem kleinen Herd kochte etwas, ohne das Öffnen des Fensters war es arg warm geworden.
»Wir sollten in den Garten gehen. Das da ist für das Nachtmahl; ich dachte, es wäre besser, es jetzt vorzubereiten, damit wir mehr Zeit füreinander haben. Komm, hilfst Du? Da steht Limonade, ich nehme das Brot«

Sie schob mit dem Fuß den Hund beiseite, der neugierig schnüffelnd zwischen ihr und der Tänzerin stand, wie Hunde es tun, wenn es etwas Neues zu riechen gibt.
»Das ist Hund. Ich habe keinen passenderen Namen für ihn gefunden, lass Dich durch ihn nicht stören: Seine bevorzugte Beschäftigung ist, im Wege zu stehen, damit man ihn streichelt. Sonst aber ist er recht harmlos.« Hätte die Tänzerin Hund gefragt, ob er denn so harmlos wäre, hätte jener sicherlich etwas anderes geantwortet, von Pflicht und den Gefahren, vor denen er seine Herrin schützen müsse – man sollte viel öfter Hunde befragen. Sie sind immer gut für die überraschende Antworten.
Eine leuchtend bunte Tischdecke, ein Bank und der willkommene Schatten des überstehenden Daches waren das Rahmen eines Bildes, in dem sich ausgezeichnet auf den Sonnenuntergang warten ließ.

»Du bist schwanger, nicht wahr?«
Anne lies sich nicht viel Zeit mit einer langen Vorrede. Sie musterte die Tänzerin prüfend.
»Warum bist Du hier zu Hause und ziehst nicht mit dem Markt? Hast Du deine Arbeit als Hexe aufgegeben? Können Hexen das überhaupt? Aber es ist ja auch gut so, sonst hätte ich nicht gewußt, wie ich Dich hätte finden sollen« Die Tänzerin hatte das Wort Hexe mit einer bestimmten Betonung verwendet, aber Anne ging mit keinem wimpernzucken darauf ein.
»Und wie ist es? Fühlt es sich schön an?« Anne nahm ihre Hände, befühlte die Gelenke, rieb die Finger und sah ihr dabei in die Augen. »Liebst Du ihn?« Sie hatte diese Frage befürchtet, auf die sie keine Antwort wußte. Sie hatte sie sich selber schon gestellt, sich selbst gefragt, als der Photograph um ihre Hand gebeten hatte, nach der ersten Nacht mit ihm, wenn sie den Boden des kleinen Geschäftes ihres nunmehrigen Ehegemahls scheuerte und auch als sie merkte, daß sie ein Kind von ihm empfangen hatte. Es wird Liebe sein, war ihr in den Kopf gekommen, aber ihr Herz schlug nicht schneller, wenn er den Raum betrat – tat es auch nicht, wenn er sie ansprach oder küsste. Es wird Liebe sein, wenn sie sich wegen ihm nicht weiter um eine vakante Stelle bei dem kleinen Theater bemüht hatte… es wird schon Liebe sein.
»Möchtest Du eine Tochter bekommen?« Anne löste sie aus ihrer Starre, in sie das Wort Liebe hatte fallen lassen.
»Ich denke… ja, das wäre schön. Aber ein Junge wäre mir auch lieb – es ist nur wichtig, daß es gesund und fröhlich ist, denke ich«. Eigentlich hätte sie lieber ein Mädchen, aber es wäre wohl vermessen, solche Wünsche zu äußern.

Eine Landwirtschaft war es nicht. Keine Wagen oder Gesinde, kein Werkzeug an einer offenen Tür.
»Deine Tiere dort in den Ställen, diese Gatter dazwischen… warum dürfen sie nicht zusammen auf die Weide… entschuldige: Ich bin nicht vom Lande und kenne mich mit dem Vieh nicht aus. Verzeih, wenn es eine dumme Frage war«.
»Nein, es ist keine dumme Frage. Willst Du sie sehen, diese Tiere, wie Du sie nennst?« Anne hatte ihre Hände losgelassen, stand auf und die Tänzerin folgte ihr. »Diese Gatter haben einen wichtigen Zweck. Diese Tiere dürfen nicht zusammenkommen, weißt Du? Das hier zum Beispiel…«. Die beiden hatten den ersten Stall erreicht, vor dessen Türe ein eigenartiges Wesen stand, das sich mit bunten Bändern und Silberpapier geschmückt hatte. Als die beiden näherkamen, warf es eine Handvoll roter Schleifen vor sich auf den Boden, stellte einen seiner grün angemalten Hufe darauf und sah die beiden erwartungsvoll an.

»Dieses Wesen dort ist die Eitelkeit. Es leidet unter einer schlimmen Krankheit: Es erträgt seinen eigenen Anblick nicht. Bevor es vor einen Spiegel oder eine fremde Person tritt – und nichts anderes als ein Spiegel ist es für das arme Tier -, muß es sich verkleiden, damit es sich nicht selbst erkennt. Diesen Anblick würde es nicht überleben, es ist wie das Haupt einer Medusa, das auf seinen eigenen Schultern ruht. Ein höchst bedauerliches Schicksal, aber recht einfach in der Pflege. Lass uns ein wenig Abstand halten, wenn wir zum nächsten Tier kommen. Man sollte ihm nicht zu nahe kommen, solange man es nicht wirklich kennt.«
Sie hatte das nächste Gatter erreicht, in dem ein Gnom mit vielen Armen und schmutzigen Händen alles zusammengerafft hatte was auf dem Boden herumlag oder sich von seinem Stall ohne Mühe lösen lies. Er hatte daraus einen Hügel geformt, auf dem es lag und versuchte, es mit seinem ganzen Körper zu bedecken. Von all den Tieren ist Avaritia das kleinste und unansehnlichste
»Die Gier. Sie liegt gerne auf ihrem Kehricht und träumt unerfüllbare Träume. Es versucht Angst zu verbreiten, damit sich niemand seinem Haufen nähert. Es kann recht unterhaltsam sein: Wenn es einmal spricht, so predigt es eine Moral, die niemandem nützt, die ihm alleine das Gefühl von Superiorität verleiht.

Das nächste Gatter war leer und auch aus dem Stall dahinter waren keine Zeichen erkennbar, das dort irgend etwas war. »Hier ist…« Anne lächelte still in sich hinein » das hier ist die Lust am Fleisch, die Geilheit und die unersättliche Freude am Genuß. Luxuria findet immer einen Weg, um auszubrechen. Es kann fliegen, schwimmen, treibt Tunnel unter der Erde und baut Leitern zum höchsten Balkon. Du kannst es nicht einsperren – es wäre auch jammerschade bei soviel Lust am Leben. Von all meinen Wesen genügt es sich selbst und der einzige Schaden, den es anrichten kann, besteht darin, daß es bei anderen auch diese Fackel entzündet. Es birgt ein einfaches Glück ohne die ganz großen Lügen – Es verspricht nur sich selbst.«

Ein hageres, schlecht genährtes Tier stand an dem Zaun, der ihn von Luxuria trennte und sah mit geweiteten, hasserfüllten Augen auf das leere Gatter. »Gestatten: Invidia. Es frisst sich selber; da kann ich jeden Morgen so viel füttern wie ich will. Es frisst mit den Augen, den Ohren, mit all seinen Sinnen, aber alles, was es aufnimmt lässt es nur um so mehr abmagern. Es steht gerne an diesem Zaun und sucht Luxuria. Es kann es zwar spüren, aber nicht erkennen weshalb Luxuria recht sicher vor ihm ist. Eine alte Erbfeindschaft.«
Ein zerfallenes Gatter trennte Gula und Acedia. Beide hätte ohne Anstrengung die verfallene Barriere überwinden können, lagen aber wie bewegungslose Zwillinge in ihrem Schmutz und rührten sich auch dann nicht, als die beiden Frauen direkt vor ihnen standen. Während Gula damit beschäftigt war, sich die Reste des Futters vom Morgen ins Maul zu stopfen, es zu erbrechen, um wiederum das Erbrochene zu fressen, tat Acedia gar nichts. »Ja, recht unappetitlich« bemerkte Anne »Es ist der Mühe kaum wert, den Zaun zwischen ihnen zu flicken«.

Beinahe wären sie an einem Stall vorbeigegangen, an dessen Türpfosten etwas an einem Strick hing. »Sieh doch nur: Es ist tot! Jemand muß es getötet haben!«
»Ach das? Nur keine Sorge: Das ist Ira. Das macht sie gerne – bald ist sie wieder quicklebendig. Dann sitzt sie tagelang herum, in der Sonne und im Regen, isst wenig und redet viel – rast wütend, schreit und ist auch sonst recht unerträglich. Irgend wann muß es seine Wut an jemandem auslassen – und sei es nur an sich selber. Siehst Du: es regt sich schon wieder… Beim ersten Mal erschrickt man etwas, aber nach einer Weile hat man sich daran gewöhnt. Lass uns lieber verschwinden, bevor der Zorn erwacht.«

»Einen eigenartigen Zoo hast Du hier«. Die Tänzerin ging nachdenklich zurück in dem einladenden Schatten vor dem Haus. Anne schob ihr den Korb mit dem Brot zu, schenkte die Becher voll und lachte. »Weißt Du – die Pfaffen nennen es die sieben Todsünden. Sie dienen der Verallgemeinerung, es sind angeblich Diener der Häresie. Als wenn es dazu Pfaffen brauchte: Gott findet die Seinen. Du solltest sie dir ansehen, wenn sie darüber sprechen. Wenn die Glocken verstummt sind ihre Gemeinde auf den harten Stühlen hockt und sie die Kanzel erklommen haben. Die Finger in die Brüstung gekrallt und den Kopf gereckt zetern sie es ins Volk. Die Lust am Fleisch, dieser Sünde, von der sie doch so wenig verstehen. Der Faulheit und der Gier widmen sie sich in schrillen Worten, was ihnen diejenigen auftrugen, die das Volk aussaugen und ihr Brot mit der Arbeit der einfachen Leute verdienen.

Das hat schon einen feinen Sinn, diese angeblichen Sünden, die immer auf zwei Seiten des selben Blattes geschrieben werden. Von der Kanzel tönt nur die Erste und wenn da etwas von Habgier steht, das dem Volk verkündet wird, so singt der Pfaffe eine Hohelied über das Selbe, wenn er die Rückseite des Blattes liest. Dann heißt es über den heiliger Erwerbssinn der hohen Herren die ihn schickten, um das Volk zu belügen. So stehen sie da oben auf ihrer Leiter und predigen gegen den Hochmut, bis die Glocke wieder tönt und die Gemeinde erleichtert das kalte, hochmütige Haus wieder verlässt.
Aber die Menschen wissen schon, was sie davon zu halten haben, außer den Alten vielleicht, die vor ihrem Gott zittern, diesem Gott der Angst. Nur die Jungen… wenn das Mädchen seine Hand dem Knecht heimlich die Hand reicht – erinnerst Du dich? Spürst Du noch die Wärme der letzten Nacht? Hör nicht auf das, was der verbitterte, alte Mann da oben sagt. Er weiß doch nichts, nichts von uns.«

Anne streichelte ihren Hund, der aufmerksam neben ihr saß. »Und was ist das für ein Tier?« fragte die Tänzerin. »Das ist ein Hund. Es ist ein einfaches Tier und eine guter Freund, wenn man ihn anständig behandelt.«
»Hast Du auch Katzen?«
»Nein, sie machen zuviel Arbeit und leisten nichts. Ein Hund versucht sich immerhin nützlich zu machen. Er tut seine Arbeit oder das, was er dafür hält. Vielleicht ist es nicht wirklich nützlich, aber er gibt sich Mühe. Wenn Nachts jemand den Hof betritt, bellt er und im Winter legt er sich auf meine Füße und wärmt sie. Und wenn ich einen schlechten Tag habe, sieht er mich an und sagt: Ich werde Dich niemals verlassen! Das tut gut.«

Jetzt kam Hund auch zur Tänzerin und lies sie seinen Rücken streichen. Er hechelte und sah sie dankbar an. »Was machst Du mit den Wesen in Deinem Zoo?«
»Ich passe auf, das sie getrennt voneinander bleiben. Jedes für sich ist recht possierlich und eigentlich harmlos, wenn man seine schlechten Manieren kennt. Schwierig wird es dann, wenn sie zueinander finden, schlimmer noch, wenn sie sich paaren. Die Bastarde, die einer solchen Verbindung entstammen, sind…« Anne schüttelte sich. »Sie regieren die Welt. Schluss jetzt: Lass uns über Dich sprechen.«
Die beiden Frauen sahen sich an und schwiegen. »Du mußt nicht wieder zurück« sagte Anne nach einer Weile. »nur wenn Du es willst – wer sollte Dich zwingen?«

Der Photograph schloss mit bedächtigen Bewegungen die Türe seines Ladens ab, sah prüfend ein letztes Mal ins Schaufenster – nein, das Licht war erloschen, alles lag dort sauber und ordentlich. Genug. Morgen konnte er geruhsam den Sonntag verbringen. Ohne Arbeit, wenn er das wollte oder bestenfalls ein wenig nach eigenem Gusto, wenn es ihm danach gelüstete. Den Rest des Tages konnte er beruhigt mit seinen Freunden im Café verbringen und die letzten warmen Tage des Jahres auf der Terrasse bei einem Glas Wein.
Der Kellner am Eingang nahm ihm Hut und Mantel ab, deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung, aus der ausgelassen fröhliche Gespräche drangen. »Ein viertel von dem Mosel, bitte.«
Es ist gut, unter Freunden zu sein und ohne daß er sein Gefühl in Worte gefasst hätte, nur erfüllt von diesem Gedanken, begrüßte er, wurde begrüßt, setzte sich auf den ihm hingeschobenen Stuhl und begann zu vergessen.
Am Nebentisch sitzt Ira und sieht sich interessiert um. Der Photograph wird es diesen Abend nicht sein und auch nicht am Abend darauf.

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7 Antworten zu Die Tänzerin

  1. Rms schreibt:

    Wunderbare Schreibe, den Teil mit den Todsünden finde ich am Stärksten. Gerne mehr davon.

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  2. DasKleineTeilchen schreibt:

    wouwouWOU, dit is n langa text…den kann ich jezz nich aufm stationären lesen. also nachher auffa couch. (ja, ich weiss, dit is unhöflich, hier jetzt nichma was gelesen zu haben…ach nebbich, also unterm presseschredder).

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  3. tikerscherk schreibt:

    Eine kleine Reise ist zuende.
    Du lebst in einem anderen Jahrhundert, Pantoufle, so scheint es zumindest.
    Die Geschichte lässt mich ein wenig ratlos zurück.
    Was bleibt ist das Gefühl einer unüberwindbaren Einsamkeit, einer Vergeblichkeit, aus der keiner der Protagonisten erlöst werden kann. Ich weiß nicht, ob das da steht, aber ich lese es so.
    Traurig schön.

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    • pantoufle schreibt:

      In einem anderen Jahrhundert? Ja.

      Eine Ratlosigkeit, die wir teilen. Es passierte erst beim Schreiben, daß ich feststellte, daß es keine Auflösung gibt. Wenigstens keine für mich. Ich war heilfroh, als ich bemerkte, das sich Ira ihre Opfer woanders sucht. Nicht einmal für die Wut hat es gereicht.

      Schön, daß Du es gelesen hast. Und, wie da schon steht, hatte ich sie aus einem aktuellen Anlass wieder hervorgekramt.

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      • tikerscherk schreibt:

        Sie gefällt mir, die Geschichte. Ihre Stimmung nimmt mich gefangen. Und wie im „richtigen Leben“ gibt es eben keine Auflösung. Gerade das finde ich gut.
        Was meinst Du mit „Nicht einmal für die Wut hat es gereicht?“ Bei Dir, bei der Tänzerin, dem Fotografen?

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  4. tikerscherk schreibt:

    (P.S. Die interessanteste Figur ist für mich der Tanz- und Sittenlehrer Asch. Auch sein Ende hast Du faszinierend beschrieben.)

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