Rudolf Rocker – Antisemitismus und Judenpogrome

»Die Werte des Abendlandes verteidigen«, »Angst, zum Beten in absehbarer Zeit in die Moschee gehen zum müssen« und man ist durchaus dagegen, daß »der Islam als Staatsreligion eingeführt wird«.
Die Kirchen des patriotischen Abendlandes: Brechend voll! Mit langen Schlangen Wartender von Lidl und Kik bis vor die Schwellen der Gotteshäuser. Die Mitte der Gesellschaft zeigt ihr Gesicht und es beginnt das Grauen, weil man das immer für den Hintern gehalten hat.
Gestolpert über einen Text von Rudolf Rocker, erschienen 1923 im »Syndikalist« und man meint, von ähnlichem Geruch umweht zu werden. Patriotische Reichsglühweinnacht. Das Boot ist voll meint die Hafenstadt Dresden mit ihren marodierenden Matrosen.

Ein alter Text aus einer alten Zeit, ein Gruß zum Wochenende mit besinnlichen Weihnachtsgedanken von zersplittertem Glas und Menschen, die auf der Straße lagen. Nagelstiefel, Stöcke und Schläge: »Wir sind das Volk und haben von all dem nichts gewußt«.

Ein Artikel von Rudolf Rocker (1873 – 1958)

Der Judenpogrom im alten Berliner Scheunenviertel spricht eine gar beredte Sprache und zeigt uns deutlich, wohin der Weg geht, den die Koryphäen der nationalistischen Reaktion uns führen wollen, um „Deutschland vom Untergang zu retten“. Was sich in früheren Zeiten als Antisemitismus hier breit machte, war im Grunde genommen nicht mehr wie eine politische Hanswurstiade minderwertiger Qualität, die von den breiten Massen des Volkes wohl kaum ernst genommen wurde. Verärgerte kleine Geschäftsleute, verschuldete Kleinbauern, unreife Jünglinge im Kaufmannsgewerbe mit der vorschriftsmäßigen „nationalen Gesinnung“, „rassenreine“ preußische Krautjunker und großmäulige Korpsstudenten, deren teutscher Idealismus jeden Tag mit dem nötigen Quantum von Bierhefe aufgefrischt werden musste – dies waren die berufenen Statisten in dem antisemitischen Spuk, die sich um germanische Recken wie Liebermann von Sonnenberg, Pickenbach, den famosen Rektor Ahlwardt und den verrückten Grafen Pückler scharten. Eine Gesellschaft von geistigen Nullen, deren trostlose Hohlköpfigkeit geradezu mitleiderregend wirkte.

Was aber vergangene Woche in Berlin in Erscheinung trat, war etwas anderes, und es wäre töricht, diese Vorgänge in ihrer Tragweite unterschätzen zu wollen. Hier waren verborgene Kräfte an der Arbeit, die durchaus nicht harmlos sind, sondern eine furchtbare Gefahr für die allernächste Zukunft dieses Landes bedeuten. Die hundert und hundertfünfzig arme Schlucker, welche die Polizei bei den Plünderungen festnahm und als „Rädelsführer“ hinter Schloß und Riegel brachte, sind allerdings verhältnismäßig harmlose Leute im Vergleich mit jenen dunklen Elementen der schwärzesten Reaktion, die seit Jahren das Feuer schürten, jedoch zu feige sind, sich in den Vordergrund der Ereignisse zu wagen und die Konsequenzen ihrer gewissenlosen und verlogenen Hetze anderen überlassen.

Der Pogrom-Antisemitismus, mit dem wir es heute in Deutschland zu tun haben, ist nur der Schrittmacher der faschistischen Reaktion. Die sogenannten „völkischen Verbände“, welche das Hakenkreuz als Symbol ihres judenfeindlichen „Germanentums“ aufgepflanzt haben, werden von den Agrariern und von namhaften Schwerindustriellen materiell gefördert und unterstützt, um die Empörung des darbenden Volkes in falsche Kanäle zu leiten und seine Aufmerksamkeit von den eigentlichen Ursachen seines namenlosen Elends abzulenken.

Im alten Russland war der Antisemitismus ein eiserner Bestandteil der inneren russischen Regierungspolitik, den man systematisch kultivierte, um ihn den Zwecken der regierenden Klasse dienstbar zu machen. Jedesmal, wenn die Not des Volkes das normale Maß überstieg, musste der Antisemitismus dazu herhalten, die Erregung der bedrückten und beraubten Massen auf andere Wege zu leiten, um ihr den eigentlichen Grund ihres Elends zu verbergen. So wurden die furchtbaren Judenpogrome von Dischinew, Homel, Schitomir usw. direkt von Agenten der russischen Regierung vorbereitet und in Szene gesetzt. Die sogenannten „schweren Hundert“, deren Abzeichen der letzte Zar jahrelang auf der Brust trug, und in deren Reihen sich der Abschaum der russischen Gesellschaft zusammenfand, wurden direkt von geheimen Regierungsagenten organisiert und für ihre schauerliche Arbeit systematisch vorbereitet und bezahlt.

Dieselbe Erscheinung wiederholt sich heute in Deutschland, wo eine gewissenlose reaktionäre Verbrecherklique kein Mittel unversucht lässt, um die öffentliche Macht in ihre Hände zu bekommen und die letzten Errungenschaften einer missglückten Revolution blutig auszufügen. Die Ausweisung der Ostjuden aus Bayern und der Pogrom in Berlin sind bloß zwei verschiedene Kapitel desselben Dramas, in dem Deutschland unter das blutige Joch einer Militärdiktatur gepresst werden soll. Den Machern dieser finsteren Machination ist der Antisemitismus letzten Endes nur ein Täuschungsmittel, um dem Volke die egoistischen Beweggründe ihrer krummen Transaktionen zu verbergen.

Wer sind nun die sogenannten Ostjuden, die unseren Pogromhetzern seit Monaten zur Zielscheibe ihrer perfiden Angriffe dienen? Die meisten von ihnen gehören den Ärmsten der Armen an, welche die Furcht vor Pogromen aus Polen vertrieben und die hier eine Zuflucht suchten, um das nackte bisschen Leben in Sicherheit zu bringen. Durch brutale Gewalt aus ihrer Heimat hinausgehetzt, fristen sie hier ihr kärgliches Dasein, ohne jemand zu nahe zu treten. Gewiß gibt es auch unter den eingewanderten Ostjuden soziale Schädlinge, wie sie bei jedem anderen Volke und in jeder Klasse zu finden sind; aber es ist ein furchtbarer Wahn, zu glauben, dass ein ganzes Volk aus solchen Schädlingen besteht und die Allgemeinheit für die schlechten Handlungen einzelner verantwortlich machen zu wollen. Und dann gibt es noch eine Tatsache, die man nie aus dem Auge verlieren darf, wenn man zu einem gerechten Urteil kommen will. Wohl die meisten der wirklichen Schädlinge unter den eingewanderten Ostjuden sind durch den Zwang der Verhältnisse zu Handlungen gezwungen, die ihnen ursprünglich ganz ferne lagen. In ein fremdes Land verschlagen, das seit den letzten Jahren von endlosen wirtschaftlichen und politischen Krisen heimgesucht wird, müssen sie versuchen, ihr Fortkommen zu finden, und da ihnen in den meisten Fällen jede Gelegenheit zu einer ehrlichen Arbeit sogar durch gesetzliche Bestimmungen genommen ist, darf man sich nicht wundern, wenn einzelne unter ihnen auf einen schiefen Weg geraten, um so weniger als der krasse Egoismus, der sich heute in allen Kreisen der Gesellschaft bemerkbar macht, ihr Gewissen desto schneller zum Schweigen bringt.

Aber was für einen Wert haben die paar jüdischen Devisen oder anderen Schieber im Scheunenviertel mit der Masse derjenigen, die ihr Vermögen und zahllose Werte ins Ausland verschoben haben, während die breiten Massen des werktätigen Volkes unter einem furchtbaren Hungerzustande leben? Sogar die schlimmsten unter ihnen sind die wahren Waisenknaben im Vergleich mit jeder Bande christlicher Volksausbeuter, die Deutschland gegenwärtig an der Gurgel halten und das Volk der Städte bei „Vollen Scheunen verhungern“ lassen.

Als die englische Regierung über Deutschland die Blockade verhängte, wie entrüsteten sich da unsere Junker und Schwerindustriellen über die „Verbrecher, welche die Geißel des Krieges über wehrlose Frauen und schuldlose Kinder schwangen“. Und heute sehen wir, wie der niedrigste Egoismus unserer blaublütigen und rassereinen Agrarier es dazu brachte, die Hungerblockade im verwegensten Sinne des Wortes über ein ganzes Volk zu verhängen, dem man für seine Arbeitskraft wertlose Papierlappen als Entschädigung gibt, die unsere judenreinen Grundbesitzer sich einfach weigern, anzunehmen. Mögen darüber Millionen Deutscher am Hungertuche nagen, mögen 70 Prozent der Kinder in den Großstädten und Industriedistrikten an Unterernährung und Schwindsucht langsam zugrunde gehen; zum Teufel mit ihnen, solange nur die Interessen des Geldbeutels sichergestellt sind. Es sind nicht die Juden und besonders nicht die Ostjuden, welche dieses infame Verbrechen gegen ein ganzes Volk verüben, nein es sind das dieselben Herren, die stets in Antisemitismus machen und deren Presse von den Heldentaten im Berliner Judenviertel mit innerer Befriedigung Notiz genommen hat.

Und wo sind die Juden unter unseren allmächtigen Großindustriellen, welche die Politik Deutschlands bestimmen und beeinflussen, die aus dem Völkermord eine Industrie gemacht und ungeheure Vermögen zusammenraffen, während draußen Millionen ins Gras beißen mussten, um mit ihren zerrissenen Gliedern und mit ihrem Herzensblute die Ehre ihres sogenannten Vaterlandes, das den anderen gehört, zu besiegeln? Die Herren Stinnes, Thyssen, Klöckner, Krupp usw. waren die eigentlichen Initiatoren der deutschen Ruhrpolitik, welche in der Wirklichkeit nur die Politik ihrer besonderen Klasseninteressen ist. Sie haben mitgeholfen, den passiven Widerstand der Arbeiter und Angestellten gegen den französischen „Erbfeind“ zu organisieren, aber in dem Moment, wo die Regierung, die sich bei ihnen im Schlepptau befand, nicht mehr weiter konnte, warteten sie nicht auf Herrn Stresemann und hatten ihre eigenen Verhandlungen mit dem Erbfeind. Herr Stinnes suchte sogar einen französischen General dazu zu bewegen, dass er den deutschen Arbeitern den Zehnstundentag wieder aufzwinge, denselben Arbeitern, mit denen er noch kurz vorher in einer Front stand, um die „Verbrecherpolitik Frankreichs“ zu bekämpfen

Unter diesen teutschen Männern befinden sich, Gott sei Dank, keine Juden, und der raffinierteste jüdische Beutepolitiker könnte bei Herrn Stinnes getrost in die Schule gehen, er könnte sicher von ihm noch manches lernen.

Und dieselben Klassen, an deren Fingern die Blutschuld des Krieges klebt, deren Reichtümer sich ins Ungemessene vergrößern, während die große Masse des werktätigen Volkes in Deutschland das Letzte verlor, sie sind es, welche die völkischen Geheimbünde mit ihrem Gelde speisen und deren antisemitische Propaganda und Pogromhetze direkt unterstützen.

Daß es noch immer viele Tausende deutscher Arbeiter gibt, welche dieses blutige Spiel nicht durchschauen und sich vor den Wagen der fascistischen Reaktion spannen lassen, ist tief bedauerlich und legt kein glänzendes Zeugnis ab für die Intelligenz dieser Missleiteten. Daß aber sogar eine der gefeiertsten kommunistischen Führerinnen, Ruth Fischer, – selbst eine Jüdin – vor ungefähr zehn Wochen in einer Versammlung nationalistischer Studenten ausrufen konnte: „Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie“, das ist mehr wie Mangel an Intelligenz, das ist einfach ein Verbrechen gegen den Geist des Sozialismus, der zwischen jüdischem und christlichem Kapital keinen Unterschied macht. Auch hier sollte der Antisemitismus nur den Interessen einer Partei dienen, während er in der Wirklichkeit nur der Reaktion dient, wie die Erfahrung immer wieder bewiesen hat.

In deutschen Arbeiterkreisen hat man über die sogenannten Ostjuden noch immer eine ganz falsche Vorstellung. Neunzig Prozent der jüdischen Bevölkerung in Russland, Polen und den übrigen Staaten, die einstmals mit Russland vereinigt waren, sind Proletarier in des Wortes typischster Bedeutung. In den Webereien und anderen Industriezweigen von Bialystok, Grodno, Kowno, Wilna, Warschau usw. arbeiten Tausende von jüdischen Arbeitern und kämpften stets in den ersten Reihen, wenn es sich um die Interessen der Arbeiterbewegung handelte. Dasselbe ist der Fall mit den jüdischen Proletariern auf der Ostseite Londons und New Yorks, die immer die ersten waren, wenn es galt, die Pflichten internationaler Solidarität zu erfüllen. Als 1914 der Krieg ausbrach und die gelbe Presse in England so lange hetzte, bis die fanatisierten Massen sich anschickten, Pogrome nicht auf die Juden, sondern auf die kleinen deutschen Geschäftsleute in London zu machen, da waren es organisierte jüdische Arbeiter, welche diesem Spuk entgegentraten, und welche die kleinen deutschen Ladenbesitzer mannhaft verteidigten gegen die tätlichen Angriffe der Pogromhetzer. Und die internierten deutschen Sozialisten und Gewerkschaftler wurden während der ganzen Dauer ihrer Gefangenschaft von den revolutionären Organisationen und Gewerkschaften der jüdischen Arbeiter auf der Ostseite materiell unterstützt. Während bekannte englische Sozialisten und Arbeiterführer wie Blatschford, Hyndman, Ben Tilett usw. sich von ihrem Chauvinismus so weit hinreißen ließen, dass sie sogar jedes freundschaftliche Band, das sie mit deutschen Sozialisten verband, zerrissen, haben die jüdischen Arbeiter ihre gefangenen deutschen Kameraden niemals vergessen und denselben vier Jahre lang ihre brüderlichste Solidarität durch Taten bewiesen, ohne jemals in ihrer Pflicht zu erlahmen und ungeachtet des Geschreis der Patrioten.

Mögen die deutschen Arbeiter aller Richtungen die Kraft finden, der antisemitischen Pest mit aller Energie entgegenzutreten, denn sie ist nur die heuchlerische Maske, hinter welcher sich die Hydris der blutigsten und finstersten Reaktion verbirgt.

Rudolf Rocker, »Der Syndikalist«, 1923, 5. Jg. Nr. 47

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Eine Antwort zu Rudolf Rocker – Antisemitismus und Judenpogrome

  1. DasKleineTeilchen schreibt:

    tja. it *does* repeat itself. selbst die variation verschwindet langsam.

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