Zulu Wars

Isandlwana

Ein Nebeneffekt – beabsichtigt oder nicht – der atomaren Abrüstung scheint zu sein, daß man Kriege wieder für führbar hält. Auch wenn man zur Zeit eher nach willigen Hilfstruppen fahndet die ihn führen. Bei den zur Verfügung stehenden Freiwilligen kann man nicht allzu wählerisch sein. Die neuen Helden heißen Peschmerga. NATO-Mitglied Türkei reagiert eher zurückhaltend; kein Wunder, wenn sie tatenlos mit ansehen müssen, wie man den Intimfeind »Kurden« bewaffnet. Recep Tayyip Erdoğan weiß vermutlich genauer als seine amerikanischen Partner, daß es grundsätzlich keine »gemäßigten Rebellen« gibt. Die US-Luftwaffe wirft wahllos ihre tödlichen Geschenke aus der Höhe in einen brodelnden Vulkan, in dem sie von Freund und Feind gleichermaßen aufgelesen werden. Ganz offensichtlich trauten sich die Transportflugzeuge nicht einmal mehr zu landen um sicherzustellen, daß die Waffen in den Händen derer gelangen, die man momentan noch für Freunde hält – Verzeihung: Für Freiheitskämpfer.

Die IS-Miliz: Man wundert sich weniger darüber, daß es sie gibt als vielmehr über ihr spätes Erscheinen. Sie war überfällig. Historisch voraussehbar wie Mao oder Lenin, nur mit dem Unterschied, daß sie vergleichsweise spät kommt. Man würde diese Bewegung, diese Guerilla eher in den frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts vermuten, wenn nicht gleich im Anschluß an den zweiten Weltkrieg als Reaktion auf die Kolonialpolitik der Westmächte. Denn genau darauf ist sie eine folgerichtige Reaktion, genau das steht im Hintergrund.
Auch in ihrer Brutalität, den willkürlichen Morden steht sie den genannten Revolutionen in nichts nach; ist darin nicht einmal außergewöhnlich auffallend. Auffällig erst im Zusammenhang mit der Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten im 21. Jahrhundert verbreiten und dieser Effekt wird als Teil der Propaganda genutzt. Die Botschaft dabei ist die Grausamkeit, die Entschlossenheit vermittelt. Das individuelle Töten, nicht eine Armee, ein General, sondern das Individuum. Keine Orden, keine reguläre Armee aber ein Gesicht.

Nur paßt sie optisch so gar nicht in eine Zeit, in der man sich stillschweigend darauf verständigte, daß es eine angeblich saubere, stille Art der Tötung gibt. Präzisionswaffen, unbemannte Drohnen – Kriege als Instrument der Gerechtigkeit und als Verkünder der Weltmoral. Wie eine mittelalterliche Landsknechtshorde wälzt sich diese Bewegung quer durch die Vorstellung von J.P. Morgan und Shell über die Aufteilung der Welt.

»Die Ästhetik des Krieges ist ja nichts Neues: Das kennen wir ja selber seit der Erfindung moderner Medien und des modernen Krieges. Begonnen hat das mit den Materialschlachten des ersten Weltkrieges, wie die Futuristen das Maschinengewehr besangen und Ernst Jünger die Schrapnells. Aber es war auch eine Ästhetik des Subjektivierung: Die Maschinen ersetzten den Soldaten, den Krieger und damit auch das Himmlische. Das, also das Himmlische, das Heroische kehrte später im Guerillero wieder, der sich der Maschine widersetzte. Schlecht bewaffnet, aber die Moral auf seiner Seite und die Ästhetik des Jihadismus ist eine Fortsetzung davon. In sofern ist das auch sehr modern.«

Robert Misik

Ein britischer Militär bezeichnet die IS als schlagkräftigste Armee des nahen Ostens (von der Israels einmal abgesehen). Sie hat innerhalb von kürzester Zeit eine Fläche in der Größe von Großbritanniens eingenommen, kann dieses Gebiet offenbar halten und kämpft an vielen Fronten gleichzeitig mit Erfolg. Erfolg gebiert Erfolg und so braucht man sich nicht über die Anziehungskraft zu wundern, die die Erfolge der Jhihadisten im Westen auf junge Muslime haben. Für diese Anziehungskraft steht die Religion des Islam vermutlich nicht einmal an erster Stelle. Isolde Charim formuliert es in der taz-Online:

»Der IS schlachtet nicht nur, er will und braucht auch eine Legitimierung dafür. Das Perverse ist, daß er diese Legitimität aus der Gewalt selbst bezieht: Die Gewalt gegen eine angeblich sündhafte Welt im Dienste einer „Gottesordnung“ liefert ihm diese Legitimität. Das heißt dann: je brutaler, desto frommer.«

Ein Videospiel, ein Ego-Shooter, Bild- und Kriegsästhetik des 21. Jahrhunderts; das alles mit dem Hintergrund des Islams. Ist es das tatsächlich und – gesetzt den Fall, diese Wertung träfe zu : Wäre es ein Alleinstellungsmerkmal? Die Werbung westlicher Armeen an Schulen spielt dieselbe Karte, nur daß das Bild von Religion darin keine tragende Rolle spielt. Die überlegene Moral des Westens? Zu den Gewaltvideos gehören immer zwei: Der Produzent und ihre Konsumenten. Schrecklich ist es ja… »sieh mal, wie der Kopf da rollt! Und hast Du das da gesehen?«

Eine andere Unterstellung: Der Jihad der IS hätte mit der Religion des Islam wenig zu tun. Eine steile These, die davon ausgeht, daß sich das Gesicht einer Religion nicht ändern kann. Nennen wir es eine »regionale Anpassung«. Nur gesetzt den Fall, die IS siegt in einer Weise, daß man sich mit ihnen über einen wie auch immer gearteten Frieden einigen müßte, so wäre diese Frage vollkommen zweitrangig. Niemand würde sie stellen, so wenig wie die nach dem Glaubensbekenntnis Augusto Pinochets oder dem von Stalin. Tatsache ist, daß sie eine bindende Kraft darstellt. Ein Wertesystem, dem der Westen absolut nichts entgegenzusetzen hat. So wenig wie in der Beurteilung und Verfahrensweise gegenüber China, wo die Macht des Faktischen selbst vergessen läßt, daß es sich um ein kommunistisch regiertes Land handelt (geschweige denn, daß die Religion dabei irgend eine Rolle spielen würde).

China als nahezu stärkste Wirtschaftsmacht der Erde als ein Beispiel dafür, daß man dort die Werte des Westens von Demokratie und Menschenrechten mit einem Schulterzucken abtun kann. Mit was kann und will der Westen dort trumpfen? Als moralisches Erfolgsmodell wohl kaum. Genau so wenig wie das gegenüber des IS möglich wäre. Der dabei anfallende Erklärungsnotstand überfordert offensichtlich die abendländische Diplomatie. Schließlich war man es selbst, der den Nährboden bereitete: China ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien mit Exporten in Höhe von 67 Milliarden Euro 2014 und die IS-Milizen kämpfen mit Kalaschnikow, M16 und Geländewagen von Toyota. Mittlerweile finanziert sich der IS auch durch den Verkauf von Rohöl – ohne daß die Käufer namentlich bekannt werden. Shell? Statoil? Rosneft?

Die Darstellungen des Westens sind dann auch erschreckend kurzatmig. »Terror-Miliz« leidet unter dem inflationären Gebrauch des Wortes Terror. Der Begriff krankt unter anderem auch daran, daß er suggeriert, daß man sich in dem Falle mit den politischen und sozialen Hintergründen nicht beschäftigen muß, suggeriert, er besitze keine. Das namen-, gesicht– und geschichtslose Verbrechen Terror… und genau das ist es eben nicht. Die Gesichter der Mörder sind für jedermann auf Youtube zu sehen, auf Facebook oder in Hochglanzbroschüren. Genau wie ihre Geschichte auch für diejenigen verständlich ist, die sie verstehen wollen. Die allfällige Dämonisierung stellt sich dem Verständnis allerdings erfolgreich entgegen.
Als Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich den verordnetem Wortgebrauch, den kanalisierten Gedanken widersetzt, darf Margot Käßmann stehen.
Ihr wiederholt postulierter Pazifismus stände nicht nur der evangelischen Kirche gut an. Darin läge eine Stärke der westlich-demokratischen Kultur, das wäre die Manövermasse, die man vorzeigen könnte. Man kann sich dem Krieg durchaus verweigern. Der Westen, die Ungläubigen, taugen dem IS ja gerade deswegen als Gegner, weil dessen Brutalität bei seinem neokolonialem Gehabe den Populisten Tür und Tor öffnet. Den Diplomaten folgten die Militärs und denen die Kaufleute. In der Tat ohne Glauben, ohne Werte, nur mit der Macht der Waffen. Dem etwas entgegenzusetzen kann nicht »noch mehr Waffen« bedeuten.

Käßmanns Amtsvorgänger Wolfgang Huber kommentierte 2010 Margot Käßmanns Gedanken:

»Jeder Christ hat das gute Recht und gegebenenfalls starke Gründe, für sich selbst den Einsatz von Gewalt abzulehnen und einen individuellen Pazifismus zu vertreten. Aber von der deutschen Politik müsse man einen Verantwortungspazifismus erwarten, dem die Frage, wie andere Menschen vor Gewalt bewahrt werden können, genauso wichtig ist wie die, wie man sich selber vor dem Einsatz von Gewalt schützen kann«.

Gelegenheits-Pazifismus in Abhängigkeit von parteipolitischen Gefühlen und der Gemengelage der Verbündeten – sicher nicht das, was die Bischöfin meinte. Vier Jahre später kommentiert es der politisch rechts-außen politisch angesiedelte Jan Fleischhauer konkreter:

»Die Islamisten im Irak köpfen und steinigen – trotzdem empfiehlt Margot Käßmann den Deutschen einen bedingungslosen Pazifismus. So viel Unempfindlichkeit für moralische Dilemmata ist verblüffend. Sogar der Kirche ist das Verständnis für das Teuflische abhanden gekommen. […] Wir können dem Bösen bei seinem Werk zusehen. […] Bemerkenswert ist nicht die Unbedingtheit des Pazifismus, wie ihn Käßmann verkörpert, oder die fröhliche Unempfindlichkeit für die moralischen Dilemmata des Gewaltverzichts. Das eigentlich Erstaunliche ist, daß nicht einmal eine deutschlandweit bekannte Theologin noch eine Vorstellung vom Bösen zu haben scheint.«

Bemerkenswert ist vor allem die Wortwahl: »Teuflisch«, »das Böse«. Wenn man einer Institution wie der Kirche die Deutungshoheit über diese Begriffe entzieht und sie selber definiert, hat die Hexenjagd der Gosse begonnen. Damit nähert man sich, verschmilzt mit den Propagandabegriffen dieses Gegners. Da stehen sich die Ungläubigen dem Bösen gegenüber. Was paradox erscheint, hat Methode. Wo diese Begriffe hausen, hat die Vernunft Hausverbot. Wirtshausschlägerei bis aufs Messer, Kristall- und Bartholomäus-Nacht. Fleischhauer und Co. Seite an Seite mit von billigem Bier und sich selbst besoffenen Hooligans. Dagegen war der Kinderkreuzzug ein seriöses Unternehmen.
Dieser Anti-Jihad ist an Trostlosigkeit kaum mehr zu überbieten.

Der Begriff »Partisan« oder »Guerilla« kommt dann zum Tragen, wenn die bestehenden politischen Verhältnisse einen Legitimitätsverlust erleiden, ein Machtvakuum entsteht. Dieses Machtvakuum entstand unter anderem durch den zweiten Irakkrieg und die Ermordung Saddam Husseins. Die folgende Regierung – von Amerikas Gnaden und an deren Gängelband – war niemals legitim. Der Kampf dagegen wurde nicht von der IS-Miliz begonnen – er eskalierte unter ihr. Ihre Forderung: Das Kalifat, die Vereinigung der weltlich und geistigen Führerschaft in der Person eines Kalifen. Daß diese Interpretation des Begriffs »Kalif« nach Ansicht vieler Muslime nicht mit dem Koran vereinbar ist, ändert daran erst einmal nichts. Es ist diese Idee, mit der man sich auseinanderzusetzen hat, die man nun mit Waffengewalt aus der Welt zu räumen hofft.

Vielleicht gelingt es, die Kämpfer des IS militärisch zu besiegen, für eine kleine Weile, einen Moment. Das Vakuum bleibt und es ist nichts in Sicht, das es ausfüllen könnte. Die Nachfolger des IS werden auch Terroristen heißen, ganz gleich, was sie tun. Eines werden sie mit Sicherheit nicht: Dem Vorbild des Westens folgen, die Regierungsformen einführen, die für den ungeheuren Blutzoll im nahen Osten verantwortlich sind.
Die Islamophobie und militante Ablehnung aller Daseinsformen ausgenommenen der eigenen haben dem Abendland eine Menge von weltanschaulichen Gegnern beschieden, denen man nicht mehr Herr wird.
Rückzuggefechte, wo das Infragestellen des eigenen Standpunktes erforderlich wäre.

Zum schlechten Schluss ein Link zu von Vice-News. »the islamic state«. Fernab jeder journalistischen Ausgewogenheit ein Blick ins Hinterland der Guerilla.

Eine weitere Meinung: Jih@d

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2 Antworten zu Zulu Wars

  1. lattjamilln schreibt:

    brilliant!!! Ein sehr überzeugendes Gesicht des Krieges konnte ich gestern Abend im Berliner Ensemble in der Vorstellung“ Woyzek“ von Büchner (Inszenierung: Leander Hausmann)
    sehen.Brandaktuell.

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  2. fonZo schreibt:

    Ihr wisst ja was als Nächstes passiert ?

    „Ich will Kalif sein anstelle des Kalifen!“

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