unfertiges

4

Die wirre,verlorene Zeit zwischen Aufbau und Show. Wer jetzt noch läuft und rennt, hat seinen Job nicht richtig gemacht oder ist Produktion. Die Künstler sind eingefallen und denken sich kleinen Gemeinheiten aus, um ihre Sklaven am Laufen zu halten. Der Kühlschrank ist kaputt. Kühlschränke an sich zählen zu den eher zuverlässigen Geräten, aber es gibt nichts, was ein Gitarrist nicht kaputt bekommt. Da will der Bassist nicht hinterherstehen und auch dessen Kühlschrank hat angeblich den Geist aufgegeben. Die ehrwürdigen Geräte gehören umgehend ausgetauscht – man kann so nicht arbeiten! Niemand kann so arbeiten und so macht man sich Arbeit. Der Künstler beschwert sich beim persönlichen Leibeigenen, der rennt entrüstet zu Produktionsassistenten, der zur lokalen Produzentin, die dann wiederum den Promoter von der Katastrophe informiert. Frauen und Kinder zuerst!

Zwei Flaschen Gin, 10 Red Bull mit ohne Zucker, 4 Flaschen Cola, Sojamilch, drei Flaschen Weißwein und zwei in rot und diverses andere, das für die Inspiration unbedingt notwendig ist, hat auf Temperatur zu sein. Und zwar nicht derjenigen, die der Cateringchef bereits erreicht hat, weil er einen seiner Schränke vorübergehend opfern muß. Die hat eine Höhe erreicht, bei der man normalerweise Steaks grillt. Den Herzinfarkt verhindert auf das Lobenswerteste der junge Produktionsassistent, der einen abgebrochenen Nippel an defektem Kühlschrank Nr.1 mit Gaffa-Tape „repariert“, der andere Musiker findet Gefallen an einer Badewanne mit Eiswürfeln, in der man überraschenderweise auch Drinks kaltstellen kann.
Jetzt steht ein herrenloser Kühlschrank im viel zu engen Durchgang, während der andere von der Köchin wieder eingeräumt wird. Die möchte auch gerne kaltstellen – nur eben keine Drinks sondern Künstler. Hoffentlich läßt sie ihre Wut nicht am Dinner der Crew aus.

All das kann sich der gemeine Techniker in olympischer Ruhe betrachten – viel mehr bleibt beim besten Willen nicht zu tun. Bis auf die armen Schweine, die den sogenannten Soundcheck über sich ergehen lassen müssen. Der Künstler an sich neigt ja zum kindlichen Lärmen. Sinn hat das Ganze auf einer Tour nicht im Geringsten. Die Pulte – vor allem die digitalen mit der totalen Erinnerung – stehen auf exakt der selben Position wie beim letzten Gig, das PA ist auf den Raum eingemessen; es ist also alles, alles so wie vorgestern. Das will überprüft werden. Daher Soundcheck. Daher Kindergarten. Daher eine Stunde weniger Mittagsschlaf in den Nightlinern.

2

Ein paar von den unbeschäftigten spielen Frisbee. Dazwischen, oder genauer am Rande die angemietete Oberklasse des Sängers. Der Fahrer des stuttgarter Edelmetalls wartet scheinbar gelassen auf den winzigsten Kratzer. Größte Chancen für diesen Eklat hat Emma. Sehr gut als Monitor-Assi, aber Anfängerin an der runden Plastikscheibe, die jetzt nur um Millimeter am Heck des Wagens vorbeifliegt. Ein ausrastender Chauffeur wäre genau das, was dem Nachmittag die richtige Würze verleihen würde. Der Lichtchef ist Profi: Die Scheibe fliegt im Tiefstflug, steigt dann plötzlich über der Motorhaube, um dahinter gefangen zurückzukommen.
Das ist zuviel, den Fahrer verlässt die Gelassenheit. Ein Auto weniger auf dem Hof.

Urlaub an einem gemauerten Strand. Weit weg von der Schäbigkeit der Parlamente, der falschen Freunde und den wertlosen Gegnern. War da irgendwo Hass, so erfährt er seine Steigerung nun in Verachtung. Die Familie ist hier und die Freunde. Fehlen eigentlich nur Liegestühle und ein kühler Drink. Aber das gibt es hier nicht: Nicht wegen dem Mangel an Kühlschränken… nur nicht während der Arbeit. Es ist nicht direkt verboten, aber verpönt. Eine vernünftige Einrichtung. Die Zeiten, wo eine – sagen wir mal angeheiterte oder auf einer anderen Bewustseinsebene kreisende – Crew die Zuschauer erheitert, sind vorbei. Die Gigs sind zu groß, zu teuer und zu effizient geworden als sie Platz für weniger als 100% ließen. Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Schnitt.

War das gestern oder vor zwei Wochen? Im Kensington-Park morgens um 7:00 sieht ein Techniker mit seinem Starbucks-Kaffee den Joggern beim Sterben zu. Einige wünschen freundlich einen guten Morgen; das ist erheblich mehr, als er von der Produktion erwarten kann, mit der er jetzt unterwegs ist. England ist höflich, diese Tour ist es nicht. Gestern am frühen Abend haben wir auf dem Festival in tobsüchtigem Tempo unser Zeug von der Bühne gerissen. Atemlos wütend und mit der eigenartigen Klarheit, die sich einstellt, wenn man die Grenzen seiner Kraft überschritten hat. Heute schmerzt das Knie und der Ellenbogen; völlig verspannt in den Day-Off nach Birmingham. Der Bus soll um 12:00 fahren. Wie üblich wird es wohl wieder später werden. Wenn man gezwungen wird, zusammen mit den »Künstlern« zu reisen, sind Verspätungen – wenn auch nicht eingeplant -, so aber absolut sicher. Das Flugzeug (Bus, Shuttle, Limousine ect.) wird sicherlich warten. Eine goldene Schallplatte als Freibrief für gesellschaftliches Fehlverhalten in jeder Situation. Das ist dann nicht ungeheuerlich, sondern allenfalls amüsant. Jedenfalls solange die Geschäfte laufen. Laufen sie weniger gut, werden die Adjektive des Zerfalls aus der Schublade der Gazetten gezerrt, wobei »seinen Zenith überschritten« dabei noch die freundlichste Bewertung ist.

3

Gestern in der Lobby des Hotels sah ich Lemmy von Motörhead, auf einen Stock gestützt, aber mit Würde. Er ist nun bald 70 Jahre alt und gehört zu denjenigen, die aus dem Rock’n Roll nicht wegzudenken sind. Da ist nichts mit Zenith – seine Laufbahn eine sehr flache Parabel, eher eine gerade Linie.
Wenn es nun gut sein soll, dann ist es eben so. Er sah mich an, das T-Shirt mit unserem Firmenlogo, Werkzeug am Gürtel, das Laminate und er ahnt wenigstens, was ich beruflich mache. Ein freundliches Nicken, »Sir!« und: Nein, kein Photo. Die Kamera bleibt in der Tasche. Lemmy auf der Bühne mit seinem Rickenbaker, das SM59-Micro von oben, »We are the Roadcrew«. Für dieses Bild im Hotel brauch ich keine Kamera; es hat sich in die Seele, ins Herz gebrannt.
Ich hätte ihm gerne eine Zigarette angeboten, Feuer gegeben, aber er muß ja leider aufhören zu rauchen. Und auch soviele Jack Daniels wie früher werden es wohl nicht mehr sein.
Sir, ein Glas auf Ihr Wohl. Martje Flors »Up dat es uns wohl goh up unsre ohlen Tage!«

Es beruhigt zu wissen, daß andere ihren Zenith schnell überschritten haben werden, Sternschnuppen, Tischfeuerwerk.
Die Wolken hängen heute grau und tief über London. Die Tage davor war es doch so warm? Eine schwere, trocken Hitze in den Straßenschluchten und das Treiben in den Seitenstraßen am frühen Abend. Beinahe italienisch.

mods

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