Hey hey, my my. Rock and roll can never die

Wasser- und luftgekühlte Porschefahrer herhören: Das umfangreiche Leistungsprogramm beinhaltet geschmiedete Kolben, Pleuel und Zylinderlaufbuchsen.
Metalheads und Freunde der harten Beat-Musik auch herhören: Das Festival Rock am Ring findet dieses Jahr das letzte Mal am Nürburgring statt!

Der Schmiedekolbenhersteller Capricorn, neuer Besitzer des Nürburgringes, verlangt vom Veranstalter des legendären Festivals flotte 25% mehr Anteil vom anfallenden Gewinn. Marek Lieberberg, Chef der Veranstaltungsagentur MLK verzichtet schweren Herzens auf die Lokalität Nürburgring, verspricht aber für 2015 einen neuen Standort »Rock am Ring«.

Ab nächster Woche werde ich für zwei Produktionen dieser Agentur arbeiten und Marek wird mit Sicherheit Zeit für einen kurzen Klönschnack haben, auf den ich mich jetzt schon freue. Das hätte ich gerne aus erster Hand, was passiert ist. Obwohl: Viel Überraschendes wird da schon nicht sein. Das Übliche eben, wenn ein Niemand glaubt, mal eben so ein großes Ding aus eigener Kraft übernehmen zu können. Und Capricorn ist ein Niemand. Marek Lieberberg nicht.

Überraschend finde ich allerdings, daß es immer noch Menschen gibt, die glauben, Rock&Roll mal so eben und mit drei Fingern der linken Hand stemmen zu können. Der Autozulieferer Capricorn kündigte an, daß ab 2015 das Festival unter anderem Namen weitergehen werde. Nach einer Pressemitteilung des Geschäftsführers Carsten Schuhmachers sei man sich mit einem namenhaften Konzertveranstalter (ich ahne, wer das ist) einig geworden. Man rechne damit, daß die Stars weiterhin den Weg in die Wegelosigkeit finden würden.
Das ist, wie man so schön sagt, tough. Ein Familienunternehmen mit 30-jähriger Tradition zu beerben ist so eine Sache; entsprechend amüsiert kommentierte Lieberberg dann auch dieses Gerücht. Im besten Falle fängt man bei Null an, baut neu auf und muß den langen Atem aufbringen, über die Jahre wieder zu den Zuschauerzahlen zu gelangen, die den Profit bringen, den Capricorn sich verspricht. Eine eher unwahrscheinliche Vorstellung.

Das Ganze riecht ohnehin sehr danach, daß man sich bei Capricorn gar nicht vorstellen konnte, daß Lieberberg diese Forderung ablehnt. »Wir sind der Ring und der will seinen Rock hier machen«. Auf die Idee, daß man das woanders genau so gut kann, ist offenbar niemand gekommen. Die Funkstille bei Capricorn läßt darauf schließen.

Die Schrottpresse will an dieser Stelle keine guten Ratschläge – für die sie bundesweit bekannt ist – verteilen, aber ein paar Dinge gäbe es dabei schon anzumerken: Als da wäre zum Einen, daß Rock am Ring eine Parallelveranstaltung zu Rock im Park ist. Das hat nichts miteinander zu tun? Oh doch, liebe Spoilerproduzenten! Da spielen nämlich die selben Acts – nur zwei Tage früher. Na, fällt der Groschen? Immer noch nicht? »Na, dann spielen sie eben dreimal!« Nein, das werden sie mit Sicherheit nicht. Da gibt es nämlich Verträge und so wie ich MLK einschätze, werden die nicht mal eben am selben Tag ihre Kunden für die Konkurrenz spielen lassen.
»Dann nehmen wir eben andere Stars!« Ach… und das wären? Seit Papa Rau tot ist, gibt es nur noch einen Veranstalter mit so einem Renommee auf dem Kontinent; wenigstens in Deutschland. In Deutschland will sowieso kein Arsch mehr spielen… Steuern und so – bedankt euch bei der SPD. Da muß man schon Marek Lieberberg heißen und wissen, worum es geht. Dann kommen sie. Vielleicht.
Und sooo viele Stars gibt es auf diesem Planeten nicht mehr. Das werden täglich weniger.

Diejenigen, die es gibt, gehen gerne zu Lieberberg, weil sie wissen, daß es dort funktioniert. Und wenn der Marek dem Busfahrer sagt »Sieh mal: Und jetzt fährst du zum Lausitzring (um ein Beispiel zu nennen)«, dann fährt der dahin. Und nicht zum Nürburgring! »Ja, da mußt Du Dein Navi zum ersten Mal seit 30 Jahren eben anders einstellen! Und Ja: Da gibt es auch Strom an den Busparkplätzen, Toiletten und Duschräume für die Crew. Ja, das selbe Personal wie immer.« Dann wird der Busfahrer »Lausitzring« (um bei diesem Beispiel zu bleiben) eintippen und am Nürburgring wird so bleiben, wie es an 350 Tagen im Jahr ist: Grabesstill!

Die einzig profitable Veranstaltung, die es am Nürburgring noch gibt, geht gerade baden. Der Einzelhandel, die Hotels, Tankstellen und nicht zuletzt der Nürburgring werden auf 80.000 Kunden verzichten müssen. Allein das Hotelgewerbe spricht von Einbußen in 5stelliger Höhe pro Jahr.
Selbst dem dümmsten Bauern im hinterletzten Kuhkaff ist in den letzten Jahrzehnten klar geworden, daß Großfestivals in der eigenen Gemeinde ein willkommener Geldsegen für die leeren Kassen der Kegelclubs sind. Alles, was man dafür tun muß, ist, einmal im Jahr die Preisschilder in den Auslagen der Geschäfte und den Hotels auszuwechseln und dann fließt die Kohle. Wenn das wegfällt… aber vielleicht revanchiert sich Capricorn ja mit Alufelgen für alle Geschädigten. Das allerdings würde erheblich mehr kosten als die angepeilten 25%.

»Wir gehen aber davon aus, dass der neue Eigentümer des Nürburgrings, die Firma Capricorn, ein alternatives und tragfähiges Konzept entwickeln wird, mit dem die Kündigung von „Rock am Ring“ kompensiert werden kann«, so Regierungssprecherin Monika Fuhr.
Davon geht die Schrottpresse ebenfalls aus: Vergnügungspark! Wie wäre es mit einem Vergnügungspark? Oder einem Shoppingcenter mit 15.000 Parkplätzen? Um die Attraktivität ins Unendliche zu steigern vielleicht mit einer kostenfreien Bratwurst für jeden Besucher; wahlweise einer Dose Autopolitur! Und auf der Mega-Jumbo-Videowall läuft »Aerosmith: Live vom Lausitzring!«

Der Ortsbürgermeister von Nürburg, Reinhold Schüssler, hat es wohl verstanden: »Das ist ein Schaden ohne Ende […] Für die Gemeinde ist das ein großer Verlust, auch für die Region.«
Gerade hatte man Kurt Beck glücklich entsorgt, da kommt die nächste Knallcharge. Aus der Wikipedia:

»Im Juli 2009 entwich eine große Menge Druckluft explosionsartig aus dem Katapultsystem.
Am 3. September 2009 raste der Antrieb vermutlich ungebremst gegen den Endanschlag, wobei sogar weit entfernte Fensterscheiben durch den Knall platzten. Sechs Arbeiter erlitten dadurch ein Knalltrauma. Der von Kevin Rohwer (S&S Power) bekanntgegebene Grund für den Fehler war, dass der Softwarecode eine falsche logische Verknüpfung enthielt.«

Eine falsche logische Verknüpfung

Pantoufle kramt in seinen Bildern. »System of a down« 2011. Da waren wir zum letzten Mal am Ring. Die vielen Male davor. Die elende Friererei, wenn man bis spät in die Nacht… bis zur letzten Band auf der Hauptbühne. Mit den Toten Hosen war ich auch mal. Die Ärzte und die Textvergesslichkeit. All die anderen. Bei »System» habe ich ein paar Bilder rückwärts aus dem FOH-Tower gemacht. Bis zum Horizont haben sie gestanden, getanzt. Einer dieser magischen Moment im Rock&Roll, den du vielleicht einmal im Jahr hast, wenn du mindestens 250 Tage unterwegs bist. Vielleicht. Mein Freund Nobby, FOH-Ing. von System, fragte: »Sind noch viele da?« Es war spät in der Nacht, wir spielten als letzter Act. Ich muß ihn wohl ziemlich fassungslos angesehen haben. »Nobby, das sind so viele, so viele…«. Kein Speedlimit, keine Lautstärkebegrenzung. Immer vom Körper wegmischen. »Mach es laut, Nobby! So laut, daß die Erde… Wir haben noch mindestens 8dB Reserve, bevor die Limiter ansprechen.« Es ist Rock am Ring.

a kind of bizarre.
Hey hey, my my. Rock and roll can never die

P.S. Der magische Moment? 1:17:00. Nicht Youtube-laut, sondern mit ein paar tausend PS.

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12 Antworten zu Hey hey, my my. Rock and roll can never die

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Sehr schön. Ich setz mich Freitag in die Bahn und fahr nach Nürnberg. Eigentlich mache ich das nur für Metallica, der Rest ist okay, haut mich aber nicht vom Hocker.. Hab Spaß! 🙂

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    • pantoufle schreibt:

      Freitag setze ich mich auf den Bock und fahre nach Berlin/Wuhlheide :-(. Zwei Tage später in die O2. Rock am Ring wäre mir lieber, aber was soll man machen?
      Am Samstag spielt Linkin Park. Wenn die einen guten Tag haben, auch einen Blick wert.
      Selber viel Spaß!

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  2. suburban schreibt:

    war nie am ring, aber auf vielen anderen großen festivals europas, vor und hinter der bühne. viele wahre worte hast du gefunden, schade einfach sowas…. der ring ist tot, es lebe der ring!!! freu mich trotzdem dieses jahr wieder diverse festivals zu erleben und hoffe grade für die jugend das es noch viele weitere geben wird!!! dann sind wir mal alle gespannt wo der ring auflebt… und wie der wahre ring mitsamt des investors vor die hunde geht! tut mir nur leid für die geschäftsleute im umkreis, aber ich hoffe die organisieren ne sammelklage gegen capricorn…

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  3. pantoufle schreibt:

    Moin Kynik
    Danke erst mal für den Link. Das mit der Deag lag irgendwie in der Luft. Die Deag ist bisher eher durch Klassik und Schlager ect. aufgefallen, haben aber vor kurzem die Mehrheit bei der britischen Kilimanjaro Live erworben. Das wäre die geeignete Kompetenz, so etwas aufzuziehen. Daher meine Spekulation »kommt aus England«.

    Mal sehen, wie das neue Festival heißen wird. Die Namensrechte für »Rock am Ring« hält ja Lieberberg und der wird sich wohl kaum für gute Worte davon trennen.

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  4. pantoufle schreibt:

    hihi… Ossy Hoppe als Galionsfigur! Listig, listig!
    So richtig wohl scheint Schwenkow allerdings nicht zu sein: Außer dem Hinweis auf »die schönere, bewährte Location« findet sich wenig handfestes. Vielleicht einmal abgesehen von:

    »Schwenkow: Manchmal hat man auch Glück! Wir haben uns schon mit der Beteiligung an Kilimanjaro beschäftigt, als das Angebot für den Nürburgring noch nicht auf dem Tisch war. Aber als das Angebot auf den Tisch kam, waren wir froh, (dass?) Kilimanjaro an Bord zu haben.«

    Der Wahrheitsgehalt genau dieser Aussage würde mich sehr interessieren.
    … man wird ja noch mal fragen dürfen 😉

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