Gedicht am Dienstag (25)

Ein Doppeldecker steigt aus jeder Flasche

Ein Doppeldecker steigt aus jeder Flasche
Und stößt sich heulend seinen Kopf kaputt.
Der Übermensch verzehrt die Paprikagoulasche,
Zerbröselnd Semmeln, rülpsend in den Kälberschutt.

Den Gästen hängt der Kiefer bis zur Treppe,
Dort hinterlist’ge Fallen tätlich legend.
Aus dem Aburte schlitzt Lolô die Tangoschneppe,
Verpestend mit dem Lockendampf die Absinthgegend.

Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage
Und meine schmettergelbe Lusttrompete packt euch an.
Der umgekippten Erektionen Frühlingsklage
Buhlt veilchenblau im Bidet mit dem Schwan(n).

Hugo Ball

Silbernes Gedicht am Dienstag. Glückwunsch zum 25. ! Zum Feiertag Hugo Ball und nur dieser. Dadaist, Anarchist und Journalist, der sich nach seinem steigenden Desinteresse an der Politik dem Katholizismus zuwandte.
Wie ich jetzt auf den gekommen bin? Kurios genug: Über den Begriff »Querfrontler«, den man nun überall hört. Nebenbei war Ball keiner, aber bei dem Getrolle, daß im Moment über das Thema stattfindet, wird sich schon irgend ein Pfosten finden, der auch das bei Hugo Ball feststellt.
Nein: Ball »konvertierte« vom Anarchismus zum Katholizismus, eine Wandlung, die ich zwar nachvollziehen kann, wenn mir selber auch ein solcher Schritt unmöglich wäre. Vordergründig hat der Begriff Querfront damit wenig zu tun, zumal ich ihn ohnehin für äußerst fragwürdig halte. Entstanden ist er in der Zeit der Weimarer Republik und sollte das Aufgreifen von linkem Gedankengut durch völkisch-nationalistische und faschistische Kreise beschreiben.

Oh du mein Hyazinth, die Wade knackte

Oh du mein Hyazinth, die Wade knackte
Und Rolf, der Mops. fraß jäh das Strumpfband auf.
Nach Grammophonen in dem Twosteptakte
Vollzog sich Notdurft Coitus und Lebenslauf.

Der Lampionen blutgeduns’nes Schwirren
Schuf große Monde aus den Wassergläsern.
Ein Schlachtgetöse gab es und ein Klirren
Der Kneifer von Beamten und Verwesern.

Da war auch Dame Wueh in einer Prunkkarosse,
Uns schrak nicht Kino mehr, nicht die Picassofratze.
Wir schluckten Sperma wie Armeegeschosse,
Und fetzten unsren Hausgott Grünekatze.

Wir waren sehr verekelt und verbiestert,
Dem Priapus verschrieben und dem Pan.
Wir rollten von den Dächern, sternverschwistert,
Und glaubten selbst an dieses nicht daran.

Hugo Ball

Querfront: Das ist des Missverständnis, daß sich eine Weltanschauung durch ihre Forderungen in eine gewünschte (gegenteilige) politische Ecke stellen lassen kann. Im Falle der Okkupation sozialistischer Forderungen von rechter Seite wird die Rechte nicht sozialistischer, gewinnt dabei keinerlei moralische Substanz. Die Ablehnung der USA von links und rechts mag gleich lauten, verbindet aber nicht. Der Philister hat manchmal recht, niemals aber in den Gründen.
Nur gesetzt den Fall, Hugo Ball lehnte als Katholik dieselben politisch verwerflichen Systeme ab wie als Anarchist? Ist das dann auch Querfront? Links=Rechts=Katholisch?

Ich liebte nicht

Ich liebte nicht die Totenkopfhusaren
Und nicht die Mörser mit den Mädchennamen
Und als am End die großen Tage kamen,
Da bin ich unauffällig weggefahren.

Gott sei’s geklagt und ihnen, meine Damen:
Gleich Absalom blieb ich an langen Haaren,
Dieweil sie schluchzten über Totenbahren
Im Wehbaum hängen aller ihrer Dramen.

Sie werden auch in diesen Versen finden
Manch Marterspiel und stürzend Abenteuer.
Man stirbt nicht nur durch Minen und durch Flinten.

Man wird nicht von Granaten nur zerrissen.
In meine Nächte drangen Ungeheuer,
Die mich die Hölle wohl empfinden ließen.
Hugo Ball

Die Begriffe »Radikalenerlass« und »Querfront« sind Zimmernachbarn. Dumme Gedankenspiele derjenigen, denen ihre Zeit zu Schade zum hinsehen ist oder die zu dumm dafür sind.

Die Erfindung

Als ich zum ersten Male diesen Narren
Mein neues Totenwäglein vorgeführt,
War alle Welt im Leichenhaus gerührt
Von ihren Selbstportraits und anderen Schmarren.

Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein Karren,
Jedoch die Räder seien nicht geschmiert,
Auch sei es innen nicht genug verziert
Und schließlich wollten sie mich selbst verscharren.

Sie haben von der Sache nichts begriffen,
Als daß es wurmig zugeht im Geliege
Und wenn ich mich vor Lachen jetzt noch biege,

So ist es, weil sie drum herum gestanden,
Die Pfeife rauchten und den Mut nicht fanden,
Hineinzusteigen in die schwarze Wiege.
Hugo Ball

Vom Anarchisten zum Katholizismus. Welche Werte darf man eigentlich mitnehmen und welche bei der Concierge abgeben? Wenigstens von Hugo Ball werden wir es nicht mehr erfahren. Er starb viel zu früh am 14. September 1927 mit 41 Jahren in Italien.

Totentanz 1916

So sterben wir, so sterben wir,
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends schon zu unterst im Grabe drin.

Die Schlacht ist unser Freudenhaus.
Von Blut ist unsere Sonne.
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
Kind und Weib verlassen wir –
Was gehen sie uns an?
Wenn man sich auf uns nur
Verlassen kann.

So morden wir, so morden wir.
Wir morden alle Tage
Unsre Kameraden im Totentanz.
Bruder reck dich auf vor mir,
Bruder, deine Brust!
Bruder, der du fallen und sterben mußt.

Wir murren nicht, wir knurren nicht.
Wir schweigen alle Tage,
Bis sich vom Gelenke das Hüftbein dreht.
Hart ist unsere Lagerstatt
Trocken unser Brot.
Blutig und besudelt der liebe Gott.

Hugo Ball

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4 Antworten zu Gedicht am Dienstag (25)

  1. oblomow schreibt:

    Hallo pantoufle, zum katholizismus konvertierter, da möchte der atheist (ich) sich mit grausen wenden und weiß doch recht wenig über den „nur“ als dadaisten wahrgenommenen, dabei gibt seine schrift „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ aus dem jahr 1919 aufschluß und ermöglicht „verstehen“. Ich zitiere daraus einige wenige stellen aus der einleitung, quasi als „teaser“:

    „Jemand hat die Deutschen das protestierende Volk genannt, ohne daß doch ersichtlich sei, wofür sie protestierten; und obwohl Dostojewskij ein Russe war, glaubte er keineswegs an eine mystische deutsche Sendung, die sich irgendwann im Laufe der Jahrhunderte einmal offenbaren werde. Ein anderer aber, der sich sein Leben lang bemüht hatte, den Deutschen Tiefe, Tragik und Sinn zu substituieren, Friedrich Nietzsche, verlor zuletzt die Geduld und rief (in »Ecce homo«) aus: »Alle großen Kulturverbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!« Und er versuchte nachzuweisen, wie die Deutschen an allen entscheidenden Wendepunkten der europäischen Geschichte aus Feigheit vor der Realität, aus einer bei ihnen Instinkt gewordenen Unwahrhaftigkeit, aus »Idealismus« Europa um die Ernte und den Sinn gebracht hätten. … Was man die deutsche Mentalität nennt, hat sich berüchtigt gemacht und ist trauriges Zeugnis der Prinzipien- und Herzlosigkeit, des Mangels an Logik und Präzision, vor allem aber an instinktiver Moral. 1914: kaum eine offizielle Persönlichkeit, die sich nicht kompromittierte. … Dies Buch handelt von der deutschen Intelligenz, nicht von der deutschen Schildbürgerei. Es kann mir nicht daran gelegen sein, alle Entgleisungen, Überhebungen und Lächerlichkeiten meiner Landsleute aufzuzählen. Gewiß, deren Charakterologie wäre ein dankbares Thema. Auch die All- und Eintäglichkeit hat ihren geistigen Kontrapunkt. Karl Kraus, der apokalyptische Feind der »Journaille« hat ihn bewältigt. Man lese, ist man Österreicher oder Deutscher, seine Werke, lache, weine oder schäme sich. … Der deutsche Geist, die deutsche Intelligenz: unter Franzosen und selbst unter Deutschen wird man lächeln. Gibt es das? Ist es kein Widerspruch in adjecto?“

    Da es hier um gedicht(e) am dienstag geht, schließe ich mit einem gedicht von Hugo Ball, das mir das erste mal im deutschunterricht begegnet ist und das mir auch heute noch gefällt, dem lautgedicht Karawane:

    Karawane

    jolifanto bambla ô falli bambla
    grossiga m’pfa habla horem
    égiga goramen
    higo bloiko russula huju
    hollaka hollala
    anlogo bung
    blago bung
    blago bung
    bosso fataka
    ü üü ü
    schampa wulla wussa ólobo
    hej tatta gôrem
    eschige zunbada
    wulubu ssubudu uluw ssubudu
    tumba ba- umf
    kusagauma
    ba- umf

    Bei wikipedia findet sich ein bild, das das gedicht in seiner ganzen „schönheit“ zeigt.

    Ach ja, danke und auf die nächsten 25.

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  2. pantoufle schreibt:

    Moin Oblomow

    Die Gefahr, daß Rosenkränze Einzug in die Redaktion der Schrottpresse halten, ist als eine Geringe anzusehen, soviel sei gewiß 🙂
    Ich hatte vor langer Zeit an dieser Stelle einmal etwas über meine Tante Karina, ihres Zeichens Nonne, geschrieben, in deren Leben und Wirken ich durchaus glaube, anarchistische Elemente entdecken zu können. Nun ist sie schon lange tot und ich kann sie dazu nicht mehr befragen. Sie war jedenfalls der Grund, warum ich dem Katholizismus insgeheim immer mit einer sanften Sympathie begegnete.
    Vom Standpunkt der »reinen Lehre« natürlich eine unverzeihliche Schwäche; meine Achtung vor der reinen Lehre hatte immer schon enge Grenzen. Pantouflen ist wohl für die KPD/ML so verloren wie für`s Kloster.

    »Da es hier um Gedicht(e) am Dienstag geht,[…]«

    Darum geht es hier auch, aber wie sich in der Vergangenheit bereits zeigte, nicht ausschließlich. Da meine Kommentatoren aber einen geradezu sadistischen Hang zum OffTopic haben, darf man mittlerweile alles schreiben, was nicht zum Thema gehört. Man nennt das wohl Gewohnheitsrecht. Wo wir gerade dabei sind: Hier findet sich eine Dissertation über das Thema »Dada, Präexil und die Die Freie Zeitung (Ernst Bloch, Homo Ludens und Tänzer; Hugo Ball, Rastlos auf der Suche nach Heimat; und ihre Frauen, Weggefährten und Gegner in der Schweiz 1916-1919)

    Die »Karawane« habe ich vor ein paar Tagen an anderer Stelle versucht unterzubringen; mit leider mäßigem Erfolg. Es war offenbar nicht das richtige Umfeld für dadaistische Gedichte und Gedankengut. Dada wird aber sicher an anderer Stelle noch ein Thema sein; das Gedicht am Dienstag soll ja fortgesetzt werden.

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  3. Joachim schreibt:

    Oh, worum geht es hier?
    Querfrontler? Viel zu aufgeblasen, der Begriff. Populist wäre besser für die, die ihn benutzen. Oder vielleicht Opportunist.

    Was hat das mit den Gedichten zu tun? Was hat das mit Katholizismus zu tun? Nun klar, da ist der sadistischen Hang zum OffTopic. Von wem haben wir das also? Schön, ich denke, das ist ein Mehrwert.

    Zu den Gedichten selbst:
    Karawane gefällt mir am Besten. Und sie passt auch noch in die von pantoufle gewählte Reihenfolge (falls sie nicht an den Anfang gehört). Mir wurden die Dinge jedenfalls in umgekehrter Reihenfolge klar (falls sie mir klar wurden).

    (… zum Inhalt nichts, vorerst …)

    Mir persönlich ist das zu dunkel, zu negativ, ohne echte Alternative. Selbst wenn ein jolifanto bambla (sehr positiv, verspielt) dazu nicht ganz passt, Dada zerstört die „normale“ Konvention in der Sprache um das Wertesystem zu relativieren. Und der wendet sich dann dem Katholizismus zu, studiert die alten Mystiker? Das mutet an, wie ein ewiger Kampf um Werte. „Wir murren nicht, wir knurren nicht“ meint, es ist ein Fehler. Dennoch tun wir es (nicht).

    Ein interessanter Mann. Sehr interessant. Denn ich kann sein Denken nicht verstehen.

    War das nun hinreichend OffTopic?

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    • pantoufle schreibt:

      »…der sadistischen Hang zum OffTopic. Von wem haben wir das also?«

      Also das ist ja wohl das Allerletzte! Der Redaktion der Schrottpresse zu unterstellen… – Redaktionskampfund Oskar: Leih mir mal bitte Deinen Beißknochen, sonst vergesse ich mich noch! Also sowas!

      Wenn ich mich ordentlich ins Zeug legen und an den Haaren der Vergleiche wie ein Verrückter ziehen würde, wäre der Zusammenhang glasklar. Ich bin aber noch beim Morgenkaffee.

      Das ist der ewige Kampf um Werte. Deswegen geht der Begriff »Querfront« ja so krude am Thema vorbei. Als wäre ein Wertesystem ein Wunschzettel für den Weihnachtsmann, der bei Nichterfüllung dem Knecht Ruprecht der nächsten Partei untergejubelt werden könnte. Bekomme ich es nicht bei der katholischen Kirche, geh ich zu Ebay.
      Was das mit Gedichten zu tun hat? Gar nichts natürlich. Das dient nur als willenloses Vehikel, auf das ich meine unterschwelligen, subtilen Botschaften irgendwie unters Volk bringen kann. Listig, nicht wahr?

      Der Mann ist wirklich sehr interessant. Die Auswahl der Gedichte folgte dabei durchaus einer Idee: Eben nicht explizit seine dadaistischen, sondern den anderen. Wie ich zu Oblomow bereits anmerkte, kommt Dada bestimmt noch in einem anderen Zusammenhang. Da muß dann aber Tzara neben Ball und Kurt Schwitters stehen; mal sehen und vielleicht mal wieder mehr Arbeit investieren.

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