Presseschredder 23.5.2014

So, was gibt es denn Neues? Ein Rentner feiert Geburtstag. Nein, falsch: Die Rente (jetzt absolut sicher) gibt es ab 63 und das Grundgesetz feiert seinen 65. Geburtstag. So rum war das. Genau! Das kommt davon, wenn man vor dem zweiten Kaffee die Zeitung liest.
Es ist nicht so, daß das Grundgesetz jetzt in Rente geschickt wird.
Das ginge gar nicht, weil es ja nicht 47 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat. Grundgesetze zahlen nicht ein. Weil es aber schon so alt ist, muß es nur noch Teilzeit arbeiten. Mehr Zeit für Hobbys, der Beginn der Freistellungsphase. Das vermindere den »Ruhestandsschock« sagt man.
Aber das nur nebenbei.
Es wurde wieder ein Paket geschnürt. Sie schnüren immer Pakete – wer hat sich nur diese idiotische Formulierung ausgedacht? »Rentenpaket kurz vor dem Ziel«. Das heißt: Es wird verabschiedet. Früher meinte man damit, es wäre kurz davor, den Empfänger zu erreichen, heute nennt es das Abschicken. Vollkommen gleichgültig, ob es jemals den Empfänger erreicht – das Versenden ist nun das Ziel.

»Der Sozialdemokratie muß man nicht sagen, warum wir für Frieden kämpfen! Nicht der deutschen Sozialdemokratie!«
Damit meinte Außenminister Steinmeier natürlich nicht die Schmiergeldzahlungen bei einem Panzerdeal mit Griechenland, sondern die Ukraine. Steinmeier rastet gepflegt aus und beschert Youtube einen weiteren Hit. Der Minister, »der im Ukraine-Konflikt seit Wochen wie Sisyphos um eine diplomatische Lösung ringt, mit dem Hohn und den Schmährufen der lautstarken Protestler vermittelt einen gänzlich ungeplanten Eindruck vom Ernst der weltpolitischen Lage.« (Fr-Online)
Das ist erst einmal ein Beleg für die Begriffsstutzigkeit der Redaktion der Frankfurter Rundschau, wenn für sie dieser Eindruck ungeplant war. Da waren die Demonstranten, die den Minister auspfiffen, erheblich weiter. »Die Welt ist leider komplizierter!« Man muß sich schon mal mit Faschisten an einen Tisch setzen, um die Osterweiterung der NATO in trockene Tücher zu bekommen. Wer dafür kein Verständnis aufbringt, ist der wahre Kriegstreiber.
»Seit vier Jahren haben wir gekämpft gegen eine ökonomische Krise, die größte Krise, die wir in Europa je hatten.« Das Abweichen vom geplanten Redekonzept bringt nicht unerwartete Zusammenhänge an den Tag. Es geht wohl doch nicht ausschließlich um Frieden. Die marktkonforme Demokratie folgt ihrer eigenen Logik.

»Eines gleich vorweg: Dieses ist ein gutes Deutschland! Das Beste, was wir jemals hatten!« »Deutschland ist eigentlich zu groß, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren.« Der Cocktail aus gauksch-steinmeierschem Gedankengut macht neugierig auf das Paket, was da geschnürt wird.

»Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!« Noch sind es einige Tage bis zum Kriegsausbruch. Bis zum 25. Juli ruft der SPD-Vorstand zu Massendemonstrationen gegen den drohenden Krieg auf, was von mehr als einer halben Million Menschen befolgt wird. Der kommende Krieg aber ist zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossene Sache; es geht nur noch darum, ihn populär zu machen.
Der größte Stolperstein dabei: Die SPD. Militär und Politik haben schon seit einiger Zeit Pläne in der Schublade, die Parteiführung präventiv zu verhaften. Das aber hätte unabsehbare Konsequenzen für die Kriegswilligkeit der breiten Masse. Ein argloses Opfer eines Angriffs russischer Barbaren: Das wäre der einigende Grund, um den geplanten Angriff zu einem Volkskrieg zu erheben. Ein anderes Moment ist der Ruch der »Vaterlandslosigkeit«, unter dem die SPD trotz oder wegen aller Klassenkampfrhetorik insgeheim leidet.

Kanzler Bethmann Hollweg weiß um die Fragwürdigkeit der Pläne von Kaiser und Militär und setzt auf Diplomatie: Niemand wünsche den Frieden mehr als der Kaiser, niemand wolle die Demonstrationen gegen einen drohenden Krieg verbieten. Aber die Führung der SPD solle doch bitte darauf drängen, daß die Kritik an der eigenen Regierung dabei nicht dem Feind in die Hände spiele, bei dem zunehmend anti-deutsche Stimmen laut würden.
Die allgemeine »Russenangst«, besser: Der Hass auf das reaktionäre System des Zaren ist dann die wirklich einigende Vorstellung, die Zensur tut ihr Übriges. Bereits am 31.Juli verkündet das Kriegsministerium, die SPD habe »nach sicherer Mitteilung die feste Absicht, sich so zu verhalten, wie es sich für jeden Deutschen unter den gegenwärtigen Verhältnissen geziemt«.

Die sozialdemokratische Presse wird Opfer der offiziellen Propaganda und ihrer eigenen Parteiführung, deren rechter Flügel bereits im Vorfeld gemeinsame Sache mit Kaiser und Militär machte. Die Stimmung unter den Arbeitern kippt sprichwörtlich über Nacht, als suggeriert wird, die Russen befinden sich bereits auf dem Vormarsch und der von langer Hand geplante Krieg diene der Verteidigung der Heimat. Die Gewerkschaften verkünden das Ende aller Lohnkämpfe, der Kaiser »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche«. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion Hugo Haase: »Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich«.

Wie komme ich jetzt bloß darauf?

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5 Antworten zu Presseschredder 23.5.2014

  1. Pingback: Feynsinn » Es tut mir leid

  2. altautonomer schreibt:

    Krieg hieß bei den Grünen „friedensstiftende Maßnahmen“. Bei der SPD in der GroKo „einmarschbasierte Raumordnungspolitik“. (scherz)

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  3. rainer schreibt:

    ….das Grundgesetz ist schon längst „auf Grund gesetzt“…….es wird Zeit diese Verbrecher an der Regierung zu beseitigen….

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