Erkenntnisse der empirischen Trollforschung

So das Motto eines Vortrags von Linus Neumann und Michael Kreil auf der re:publica und der Grund, warum ich heute Morgen Tränen gelacht habe. Der Titel »die Trolldrossel« verheißt Spannendes; die halbe Stunde, sich die neuesten Erkenntnisse der empirischen Trollforschung zu Gemüte zu führen, sind gut angelegte Zeit. Das Ganze ist schon mehr als einen Monat alt, aber auf der Schrottpresse kommen Neuigkeiten gelegentlich etwas später.

Der Hintergrund und die Bedeutung des Trollwesens werden verschieden beurteilt. Die einen verweisen schulterzuckend auf die natürliche Sterblichkeit dieser Gattung – läßt man sie unbeachtet gewähren, sterben sie über kurz oder lang von selber aus – , bei anderen führt es zum Schließen von Blogs. Wenn die Eskalationsstufe dann Morddrohungen erreicht, wird auch schon mal die Staatsmacht eingeschaltet; ob mit Erfolg läßt sich schlecht nachvollziehen, weil über die Ergebnisse wenig bekannt wird.

Die Meinung der Schrottpresse zum Thema ist vermutlich bekannt und wurde schon in mehreren Artikeln dargelegt; überflüssig, das zu wiederholen: Reizschwelle mit einer Null vor dem Komma. Es gibt andere Meinungen wie z.B. die vom Kiezneurotiker, der sich bei Aufzeichnungen eines Gutmenschen darüber geäußert hat.

[Nur als kleine Anmerkung zu dem, was Kiezneurotiker dazu schreibt: Es gibt eine unterschiedliche Belastungsgrenzen der Menschen. Der eine nimmt Todesdrohungen(Wünsche) oder Vergewaltigungsphantasien, stalking und Ähnliches ernst, dem anderen geht es rückstandslos am Arsch vorbei. Man kann zum Thema seine persönliche Belastungsgrenze definieren, sollte diese aber auf keinen Fall als allgemeingültige Verfahrensweise für den Umgang mit Trollen in den Raum stellen. Der Säzzer]

Das aber nur nebenbei.

Die Anwendung von Erkenntnissen der Tierpsychologie auf das Fernhalten von Trollen, wie im Vortrag »Trolldrossel« beschrieben, scheint jedenfalls ein erfolgversprechender Weg zu sein. Wie es ein Kommentar anmerkte: Ein Quantensprung in der Trollforschung!

Die Lösung: Die Textanalyse des geposteten Textes auf Trollwahrscheinlichkeit überprüfen und dieses Ergebnis mit der Lösbarkeit eines Captchas verbinden. Gleich, ob das Captcha richtig oder falsch aufgelöst wird, scheitert die Freischaltung. Die sich aufbauende Frustration sollte auf Dauer auch den hartnäckigsten Troll abschrecken!

 

(I) Sätzen und Wörtern wird eine Trollwahrscheinlichkeit zugeordnet.

(II) Entsprechende Kommentare scheitern mit dieser Wahrscheinlichkeit am Captcha.

Die Vorteile sind unübersehbar: Keinen Moderationsaufwand, keine Zensurvorwürfe und eine maximale Zeitbindung der Trolle!

Leider war es der Kürze des Vortrags geschuldet, daß für Beispiele einer Textanalyse keine Zeit blieb. Das wird sich in der Praxis als schwere Hürde darstellen. Als Beispiel sei folgender Text angeführt:

»Bruharhar, ich würde den Link einfach mal zur Gänze lesen. Wenn das nicht geht, weil Sie sekundärer Analphabet sind (was ja zu vermuten ist), lassen Sie ihn sich bitte vorlesen. Langsam, in kleinen Dosen bitte.Ihre doch recht beschränkte Fähigkeit, subtilere Kontexte aufzunehmen, darf nicht überlastet werden. Ich nehme immer gerne jeden mit. Niemand möchte Sie diskriminieren, nur weil Sie strunzdumm sind.«

Um dem Vorwurf die Spitze zu nehmen, ich hätte mir einen beliebigen Troll hierfür ausgesucht, sei angemerkt, daß es sich bei diesem Beispiel um den Text eines Moderators handelt. Als – natürlich rein fiktive – Vorführung eines echten Trolls dieses:

»Post von Wagner

Ich glaube nicht, dass attac die Situation richtig erfasst und unter Kontrolle hat. Ihre Stellungsnahme bezüglich Ken Jebsen und Elsässer wirkte etwas unbholfen.Eben ist beim Spiegelfechter folgender Kommentar gelöscht worden: Der doctor und pk setzen hier Stichwörter, die von der rechten Szene völlig eindeutig verstanden werden – seine Analyse auch über Ken Jebsen und einen Teil der Linken ist schlicht genial! Da gibt es kein Missverstehen. Das wissen die beiden auch. Und pantoufle als nützlicher Idiot fällt natürlich darauf rein.Ich traute meinen Augen nicht! Als hätte es Ken Jebsen diktiert…Bei “Kritik und Kunst”…
Ich will nicht mehr diskutieren, denn die Meinungen sind überall gemacht.
Weitere Informationen: nehmt Euch in dieser Sache ein Beispiel an Jutta Ditfurth, sie positioniert sich eindeutig und äussert sich unmissverständlich! Frau Evelyn Hecht-Galinski verdiene vielleicht auch eine differenziertere Betrachtung als mein hirnloses links-rechts-Gebashe. Rufmord und Zersetzung als Lebenswerk. Ausserdem will Jürgen Elsässer Jutta Ditfurth anzeigen…

Wie man sieht, stellt sich die Auswahl von als »Trollerei« infrage kommenden Begriffen als nicht unerhebliches Problem dar! Beim zweiten Beispiel ist zwar schnell erkennbar, daß das zur Verfügung stehende Vokabular nur für eine immerhin endliche Variationsmöglichkeit der selben Reizworte sorgt; der Lernprozess aber bleibt schmerzhaft.
Trotzdem stellt die Trolldrossel einen wirklichen Lichtblick am trüben Himmel der Kommentarkultur an verschiedensten Stellen. Nein, keine Namen und keine Beispiele!

Bei aller humorvollen Betrachtung des Problems aber noch folgender Nachsatz: Vor ein paar Tagen hat die Bloggerin Tikerscherk ihr Blog auf »privat« geschaltet. Nicht nur Duderich hat seine Kommentarfunktion mindestens vorläufig auf Moderation umschalten müssen. Das ist dann kein Witz mehr, das ist ein Sieg der Bösartigkeit. Die Verursacher dafür haben nicht nur Kritik, sondern teilweise auch Zuspruch bekommen – oder wenn keinen expliziten Zuspruch, so wurde doch gelegentlich eine Überreaktion auf diese Trolle unterstellt.
Ich halte diesen Mangel an Empathie, um es einmal sehr diplomatisch auszudrücken, für bedenklich. »Internet« ist eben keine virtuelle Realität, sondern ein Spiegelbild des Alltags. Der Unterschied liegt in der Hemmschwelle für diese Seelenschau, bei der einem Angst werden kann: Diese Psychopathen gibt es wirklich und sie sind unter uns.

Kleiner, aber wichtiger Nachtrag:

Der von mir zitierte Ausbruch eines Moderators auf einen – zugegebenermaßen nicht übermäßig produktiven – Kommentar könnte zu der Schlußfolgerung führen, das ich ihn für einen »dieser Psychopathen« halte.

Das ist ausdrücklich nicht der Fall. Seinen Blog lese ich seit langem und auch wenn ich mit vielen Dingen nicht immer einverstanden bin, denke ich doch, daß wir auf der selben Seite stehen. Das Zitat habe ich mir herausgefischt, weil es so herrlich laut, blöd und unsinnig war; ungefähr so wie meine eigenen gelegentlichen Wutausbrüche. Deshalb war da auch kein Name oder Link.

Nun hat da aber jemand anders, arm an Geist, den Finger gehoben und laut gebrüllt »Ich wars, Herr Lehrer! Und das andere hat der XXX geschrieben.«, anstatt sich in die Ecke zu stellen und sich zu schämen.

Jetzt liegen sie im selben Topf, wohin der eine nicht gehört.

Dafür möchte ich mich in aller Form entschuldigen. Das wollte ich nicht, das war blöd, aber es hätte wenig Sinn gehabt, es nachträglich zu ändern – es haben entsetzlich viele Leute bereits gelesen. Der Name wird immer noch nicht genannt, aber er soll wissen, daß ich mich bei ihm hiermit aufrichtig entschuldigen möchte.

Hochachtungsvoll

das Pantoufle

 

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18 Antworten zu Erkenntnisse der empirischen Trollforschung

  1. da/Yax schreibt:

    yep, der Vortrag ist lustig. So ne Trolldrossel sollte es als WP-Plugin geben…

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    • pantoufle schreibt:

      Dafür würde ich sogar was springen lassen 🙂 Der ganze Vortrag – mann, ich hab so gelacht. Ist wohl auch die Jahreszeit.
      Besonders freut micht, daß es erste Rückmeldungen vom Fachmann gibt:

      »100% der Troll-Beispiele, die Pantoufle auftischt, stammen von den eigenen Blogs der Kommentarverfasser! Es sind also nur Trollbeispiele von XXX aus seinem eigenen Blog und vom mir aus meinem eigenen Blog.
      Ob Pantoufle mit dem Trollen etwas falsch verstanden hat…? Nein – denn es geht ihm nur um Rache für die Blamage und die Zurechtweisungen. Diese Rache sei ihm gegönnt, aber dann soll er seinen Artikel nicht als Trollforschung tarnen!«

      Er ist so aufgeregt, daß er es selber korrekterweise »Trollbeispiele« nennt 😀

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  2. Der Winkeltrinker:

    Ich möchte diesen köstlichen Forschungsbeitrag dazu nutzen, unter Vermeidung weiterer „Threadings“ am Ursprungsort meinen Senf dazu zu geben:

    Winkelschriften sollte man schon lesen, solange es Winkel gibt. AlIein nun, in einem entfernten Winkel der philosophischen Welt, betäubt von den gelehrten Strömen, auf denen die denkerische Fracht des Jahrhunderts in riesigen Kähnen abwärts dem Meer der allgemeinen Verwertbarkeit zugeführt wird, ruht dieser „Blog- und Radiotrinker“, der in den Anfangszeiten meines WP Daseins in den 90er Jahren keine Gelegenheit ausließ, auch die Gelassenheit kennenzulernen, zu kommentieren und sich in sie einzulassen. Ein „dekapitiertes Corpus“, wenn man so will, denn seine Hauptsache war und ist der Zeitgeist selbst, und der mit ihm vorläufig auf und davon ging, wusste wohl, welche Folgen seine Tat zeitigen würde. Mit ein paar Blumen, jahreszeitlich erneuert, schmücke ich das Grab des „Entsorgten“.

    (Ich zitiere: „Kreativ fickt besser“)

    [Der Moderator hat von seinem Moderationsrecht Gebrauch gemacht und einen der beiden Links entfernt. Ich habe mit Absicht in meinem Text nicht darauf verlinkt, weil die betreffende Person genug damit zu tun hat, wieder Normalität einziehen zu lassen. Bewußt wurden weder in meinem Text noch den Kommentaren Namen oder das Blog erwähnt. Das geschah mit voller Absicht!
    Ich bitte dafür um Verständnis.
    Der Säzzer]

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  3. pantoufle schreibt:

    Ach, und eine Tikerscherk ist auch noch unterwegs 🙂

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  4. tikerscherk schreibt:

    @Pantoufle- ich sehe das so wie du. Trolle sollte man nicht gewähren lassen, und nicht jeder erträgt es sich in Kommentarspalten oder im eigenen Blog beleidigen zu lassen. ich jedenfalls nicht. Ich schalte grundsätzlich keine pöbelnden und beleidigenden Kommentare frei.
    Inzwischen bin ich wieder ganz regulär online. Ich möchte nicht, dass solche Leute auch noch die Macht über das Bestehen oder Nicht-Bestehen meines Blogs haben.

    Zu dem Kommentar der Neuköllner Botschaft:
    Bersarin ist kein Troll, und auch kein Stalker.
    Er hat sich mir gegenüber schlimm verhalten, sich dazu bekannt und entschuldigt, und ich habe nicht das Bedürfnis da weiter nach zu treten. Wem nützt das?

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  5. pantoufle schreibt:

    Gut, daß Du es wieder entspannter siehst. Das Thema über die Macht, die man dem Gesindel dadurch einräumt, hatten wir ja schon.
    Der kleine Text war eigentlich auch hauptsächlich dem besagten Video geschuldet… Du sitzt beim Morgenkaffee, hörst den Schlonz und lachst Dich schlapp. Da fing ich halt an zu schreiben, was nun bei einigen als Kriegserklärung ankommt. Drauf geschissen.

    Bersarin… Ich mag seinen Stil nicht. Er hat in meinen Augen keinen, aber das ist meine ganz persönliche Meinung; vollkommen unabhängig von Deinem Blog.
    Ne: Es nützt eben keinem mehr was.

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  6. D’accord. Gute Nacht.

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  7. gnaddrig schreibt:

    Trolldrossel – genial! Und die Idee mit dem Hellbanning auch – sollen die Trolle sich gegenseitig beharken und dabei die anderen in Ruhe lassen. Klasse Idee, vielen Dank für den Link 🙂

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    • pantoufle schreibt:

      Wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, fallen einem bestimmt noch mehr Dinge ein. Sieht man sich die von mir zitierte Äußerung eines Fach-Trolls an, so springt der komplette Mangel an Humor sofort ins Auge. Auch die Empörung »[…] soll er seinen Artikel nicht als Trollforschung tarnen!« verrät Defizite, abstrakte Sachverhalte wahrzunehmen.

      Ein technisches Problem allerdings, das die Frage aufwirft: Können Algorithmen Ironie als solche erkennen?

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      • gnaddrig schreibt:

        Gute Frage. Ironie technisch zu erkennen dürfte schwierig bis fast unmöglich sein. Aber wer weiß, vielleicht entwickelt jemand eine Methode, wie es doch geht. Als App für Google Glass (mit Übersetzungsfunktion für Ironie-Nichtversteher) könnte das die Sozialkompetenz und Dialogfähigkeit so manchen Betonkopfs erheblich verbessern…

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        • pantoufle schreibt:

          Die Frage war natürlich eine rhetorische. Das wäre ja eine intelligente Maschine,von der wir noch weit entfernt sind, ein wirklicher Turing-Automat.
          Die Bemühungen, einen solchen zu erschaffen, halten sich in Grenzen. Verständlich, wenn man bedenkt, daß mehr als 99,9% aller Probleme, die man Automaten stellt, durch sehr simple Algorithmen ohne jede Intelligenz erledigt werden können. Und das gilt nicht nur für Automaten 🙂

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          • gnaddrig schreibt:

            Och, ich weiß nicht. Gewisse formale Kriterien wie besondere Intonation, bestimmte Formulierungen und bestimmte Beziehungen zwischen einer Äußerung und dem, worauf sie sich bezieht, könnten gewisse Hinweise auf das Vorliegen von Ironie liefern, und solche Dinge könnten dann durchaus per Algorithmus erfassbar sein.

            Die Spracherkennung ist weit gekommen, und manche Sprachwissenschaftler halten eine benutzbare Echtzeitübersetzung für machbar und u.U. nicht mehr weit entfernt (Kommentare hier). Ob das gleich eine Turing-Maschine erfordert, weiß ich nicht.

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  8. pantoufle schreibt:

    @Gnaddrig
    Das ist natürlich richtig und da sind sie auch schon recht weit mit. Gewisse Hinweise. Mehr aber auch nicht.
    Ich würde in diesem Zusammenhang auf eine beliebige Diskussion, einen Thread – vorzugsweise mit vielen Trollen(wir wollen ja beim Thema bleiben) – verweisen. Wieviel Missverständinisse entstehen allein zwischen menschlichen Gesprächspartnern. Wir sprechen hier ja über »Schriftverkehr« und nicht explizit über Kommunikation allgemein. Da kämen dann noch Mimik, Körpersprache und Ähnliches dazu… Grad der Trunkenheit oder IQ in Höhe der Außentemperatur. Genug Problem zwischen humanoiden Gesprächspartnern; der Automat hat da so was von schlechte Karten!

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  9. „Trunkenheit oder IQ in Höhe der Außentemperatur“ : Großartig ! Die Karten werden gemischt…

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  10. Bersarin schreibt:

    Beiträge unerwünscht/fiel dem redaktionellen Schredder zum Opfer.
    [Kleiner: Werd mal erwachsen. Der Säzzer]
    PLONK

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