Die Sozialdemokratie und der Krieg

Mal wieder was aus fremder Feder, mal wieder was von Gustav Landauer aus dem Jahr 1913. Wie ich jetzt auf diesen Text gekommen bin, weiß ich auch nicht so genau…
Es war eine andere Zeit. Der junge George F. Kennan beschrieb sie als 24-Jähriger in seinem Tagebuch mit den Worten:

»In diesen Zeiten ist das Leben zu voll, als daß man es begreifen könnte. […] als fremde Länder noch fremde Länder waren, als weite Teile der Welt noch in den Glanz des Großen Unbekannten getaucht blieben, als es noch Kriege gab, die es wert waren, geführt zu werden, und Götter, die es verdienten, angebetet zu werden«


Er schrieb das im Zusammenhang mit der Lektüre der »Buddenbrooks« und da klingt etwas, was ich gut verstehe. Mindestens beim Gedanken an weiße Flecken auf der Landkarte klopft das Herz. Wir hatten in der Schule – einer alten, heruntergekommenen Volksschule mit alten, heruntergekommenen Lehrern – Landkarten mit weißen Flecken darauf. Weiße Flecken, man stelle sich das vor! Huuuhh! … und ich beschloß, Pilot, Nordpolforscher oder Archäologe zu werden. Auf keinen Fall Lokomotivführer! Nun ja: Das Leben zieht einem so manchen Zahn, so auch diesen – zumal die weißen Flecken beim nächsten Schulwechsel schlagartig verschwanden.

Zurück zum Thema: Am Vorabend des großen Krieges und ohne Zusammenhang zur gegenwärtigen Situation. Oder doch? Gehen wir gerade wieder glorreichen Zeiten entgegen? Gustav Meyrink ließ in seinem Buch »des deutschen Spießers Wunderhorn« Affen mit der geheimnisvollen Substanz Schöpsoglobin impfen, die heftigen Patriotismus und spontane Anfälle von Parademarsch hervorruft. Im Moment scheinen hüben wie drüben wieder große Mengen dieser Impfsubstanz ausgeteilt worden zu sein. Mit Genuß und aus großen Pferdespritzen jagen sie sich das Serum gegenseitig in die Hintern und siehe da: es wirkt immer noch!

Während man sich auf Erden also gegenseitig gegen die Vernunft immunisiert, kreist ein Raumschiff mit russischen und amerikanischen Astronauten um die Erde. Sie wollen zur Raumstation ISS, können aber nicht andocken, weil das Navigationssystem ausgefallen ist. Das ist irgendwie symptomatisch! Da sitzen Ost und West nun eng an eng und wissen nicht wie anlegen. Das Navigationssystem. Klar.

Genug davon! Gustav Landauer 1913. Gegen den Krieg, gegen die Verbohrtheit und die Unvernunft. Bittesehr!

Die Sozialdemokratie und der Krieg
Gegen den Krieg hat in Basel ein internationaler Sozialisten-, das heißt Sozialdemokratenkongreß, der aber keine ernste Beratung, sondern nur eine theatralisch wirkungsvolle Demonstration und im besten Fall eine imposante Drohung war, stattgefunden. Ängstlich wurde von den diplomatischen Regisseuren darauf gesehen, daß der Kongreß nicht in eine wirkliche Vorbereitung auf den Ernstfall ausartete, wozu Debatten notwendig gewesen wären, die die sozialdemokratischen Nationen nicht vereint, sondern getrennt gezeigt hätten. So hörte man starke Worte, von Ausländern, zumal dem Engländer Keir Hardie, auch einen entschiedenen Hinweis auf den Generalstreik, aber im großen ganzen war alles politisch und auf den Effekt und die Scheinharmonie herausgearbeitet.

Wir haben gewiß auch Sinn für eine eindrucksvolle Theaterszene, die, wie jedes Drama, belebend, anfeuernd, erhebend, warnend wirken kann. Auch uns muß es freuen, daß vom altehrwürdigen Münster in Basel aus mit der Wucht internationalen Massenaufmarsches und dem Glanz internationaler Rhetorik auf Völker und Staatenlenker gewirkt wird. Was immer wir Ernstes und Schweres gegen die Sozialdemokratie auf dem Herzen haben, sie repräsentiert, gerade für die Massen der Zurückgebliebenen und Gegner, den Sozialismus, und so wird die Proklamation des Friedenswillens durch die Internationale des Sozialismus im christlichen Münster ein Anblick sein, den man hüben und drüben nicht so schnell vergessen wird.

In einer Geschichte der marxistischen Sozialdemokratie wird das Kapitel, das von ihrer Stellung zu Krieg und Frieden handelt, besonders interessante Wandlungen zeigen. Der Kampf gegen den Krieg als solchen ist in den Marxismus durchaus von außen und gegen den Sinn seiner Theorie eingedrungen. Der Marxist ist von Haus aus geneigt, gegen jede Ideologie, gegen alles Seelenvolle, gegen alle ethischen Gesichtspunkte zu höhnen. Für den Marxisten gibt es keinen Grund, prinzipiell gegen den Krieg als solchen zu sein; sowenig wie für den Revisionisten; beide sind Realpolitiker, die auf dem Boden der bestehenden Staaten stehen und den Internationalismus, wenn es sich um in der Zivilisation „zurückgebliebene“ Völker und um wirtschaftliche Lebensfragen der Einzelstaaten gehandelt hat, nie anerkannt haben. So bedeutet die immer mächtiger gewordene prinzipielle Haltung gegen jeglichen Krieg einen Einbruch des von den Massen gefühlsmäßig erfaßten wahrhaften, das heißt staatsfeindlichen, die Gesellschaft auf neue Grundlagen aufbauenden Sozialismus in das Gehege des politischen Marxismus. Ungezählte Beispiele für die Kriegsbereitschaft und geradezu Kriegslüsternheit der marxistischen Sozialdemokratie könnte man aus den Schriften von Marx, Engels, Liebknecht, Bebel zusammenstellen. Hier ein paar Proben von Marx-Engels aus der „Neuen Rheinischen Zeitung“, denen man andere Stellen anfügen könnte, die zeigen, wie die beiden mit fanatischer Verbissenheit für die Unterdrückung der südslawischen Völker durch einen großen österreichischen Zentralstaat eingetreten sind:

19. August 1848: „Was war der Krieg mit Rußland? [Das heißt im Zusammenhang: was wäre er, den ich gewünscht hätte, gewesen?] Der Krieg mit Rußland war der vollständige, offene und wirkliche Bruch mit unserer ganzen schmachvollen Vergangenheit, war die wirkliche Befreiung und Vereinigung Deutschlands, war die Herstellung der Demokratie auf den Trümmern der Feudalität und des kurzen Herrschaftstraums der Bourgeoisie. Der Krieg mit Rußland war der einzig mögliche Weg, unsere Ehre und unsere Interessen gegenüber unseren slawischen Nachbarn und namentlich den Polen zu retten.“

7. September 1848. „Werden die Repräsentanten der Bourgeoisie in Frankfurt nicht lieber jeden Schimpf einstecken, werden sie nicht lieber unter Preußens Knechtschaft sich begeben, als daß sie einen europäisch-revolutionären Krieg wagen, als daß sie sich neuen Stürmen aussetzen, die ihre eigene Klassenherrschaft in Deutschland gefährden? Wir glauben es. Die feige Bourgeoisienatur ist zu mächtig. Wir haben zu der Frankfurter Versammlung nicht das Vertrauen, daß sie die schon in Polen preisgegebene Ehre Deutschlands in Schleswig-Holstein auslösen werde.“

9. September. „Der dänische Krieg ist der erste Revolutionskrieg, den Deutschland führt. Und darum haben wir uns, ohne dem meerumschlungenen bürgerlichen Schoppenenthusiasmus die geringste Stammverwandtschaft zu bezeigen, von Anfang an für energische Führung des dänischen Kriegs erklärt …“

„… Mit demselben Recht, mit dem die Franzosen Flandern, Lothringen und Elsaß genommen haben und Belgien früher oder später nehmen werden, mit demselben Recht nimmt Deutschland Schleswig: mit dem Recht der Zivilisation gegen die Barbarei, des Fortschritts gegen die Stabilität. Und selbst wenn die Verträge für Dänemark wären, was noch sehr zweifelhaft ist, dies Recht gilt mehr als alle Verträge, weil es das Recht der geschichtlichen Entwicklung ist. …“

„… Der Krieg, der möglicherweise jetzt aus den Beschlüssen in Frankfurt entstehen kann, würde ein Krieg Deutschlands gegen Preußen, England und Rußland sein. Und gerade solch ein Krieg tut der einschlummernden deutschen Bewegung not; ein Krieg gegen die drei Großmächte der Konterrevolution …, ein Krieg, der ‚das Vaterland in Gefahr’ bringt und gerade dadurch rettet, indem er den Sieg Deutschlands vom Sieg der Demokratie abhängig macht.“

Und in der Neujahrsbetrachtung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zum Jahr 1849 schildert und wünscht der Verfasser (wahrscheinlich Marx, vielleicht Engels), daß um des Sieges der Demokratie willen nicht bloß ein europäischer, sondern ein Weltkrieg kommen müsse. „Er wird geführt in Kanada wie in Italien, in Ostindien wie in Preußen, in Afrika wie an der Donau.“

Immer sieht Marx die Revolution in der Gestalt eines Krieges von Staaten gegen Staaten zum Zweck der Konsolidation einiger sozial-demokratischen Zentralstaaten. Daß das meistens nur komische Kannegießereien im wissenschaftlich unfehlbaren Leitartikeljargon sind, sei nur nebenbei erwähnt; die Entwicklungsgeschichte des Marxischen Entwicklungsstils kann ein andermal betrachtet werden. Absichtlich sind die Zitate aus der Zeit von 1848 gewählt, weil es sich hier um Karl Marx’ Politik zu einem Zeitpunkt handelt, wo er an die nahe Erfüllung seiner Ziele glaubte. Sowie die Sozialdemokratie sich der Herrschaft wieder nahe glaubte, wäre ihre Staatspolitik wieder genau die nämliche. Wer einwenden wollte, nur der junge Marx sei ein Kriegspolitiker, der reife aber ein prinzipieller Gegner des Krieges als solchen gewesen, den würden wir durch reichliche Zitate eines besseren belehren.

Gustav Landauer

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6 Antworten zu Die Sozialdemokratie und der Krieg

  1. Stony schreibt:

    Dankesehr!

    Beim lesen Landauers beschleicht mich langsam das Gefühl, daß die Sozialdemokratie (zumindest die deutsche) mehr mit Religion gemein hat, als die Parteien, welche sich mit dem ‚christlichen‘ Anstrich brüsten. Ein Gedanke, den ich allerdings noch nicht so recht auszuformulieren vermag.

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    • pantoufle schreibt:

      Da ja man nich füher!

      Das allerdings ist eine hochinteressante Frage, die noch auf ihre Beantwortung wartet. Oder auch nicht, weil ich es einfach noch nicht gelesen habe (vielleicht weiß Joachim ja was darüber oder Klaus Jarchow… den frag ich mal).
      Der Protestantismus und die Sozialdemokratie. Daß da in Benehmen, diesem stieseligen Puritanismus und einer gewissen Lebens… unfreundlicheit ein Zusammenhang besteht – das habe ich eigentlich immer schon geglaubt, ohne es beweisen zu können; so man so etwas beweisen, aber wenigstens kausal ableiten kann.
      Ausformulieren kann ich es leider auch nicht, aber es scheint evident. Das letzte Mal, daß ich das ganz stark gespürt habe, war bei der Edathy-Affäre und der Reaktion der SPD im Parteiausschlußverfahren: »So etwas gibt es in der SPD nicht!« Das nicht und vieles andere ebenfalls nicht. Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, so fest wie Hosenstall und halblange Röcke.
      Sollte man mal ausarbeiten 🙂

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      • Stony schreibt:

        Sollte man mal ausarbeiten 🙂

        Ich bitte darum!

        Als faule Sau brauch ich Fertiges, leicht verdaulich und bekömmlich, Hauptsache: schmeckt, liegt gut im Magen und kann bei Gelegenheit… ach nee, streichen wir das! Ein bißchen Nach-Denken bekomme ich wohl noch auf die Reihe, allein zum selbst Austüffteln fehlen mir sowohl Zeit als auch Motivation, obwohl das Ganze ein interessanter Punkt ist. Interessant ist aber so vieles, z.B. der Merlot den ich gerade trinke (holly shit, 14,5 %, ist das echt noch Wein, wo liegt die Grenze ab der sich das Likör nennt?), oder der bange Blick auf’s Bücherregal: wo anfangen mit den ganzen Neuerwerbungen!? Arrrrgh, wehr Wein, mehr Wein, wer soll das aushalten… 😉

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        • pantoufle schreibt:

          23%, wenn ich mich nicht irre. Du meinst also, wir sollten uns besser morgen abend weiterunterhalten, wenn die Anti-Dröhntabletten eingeschlagen haben?

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          • Stony schreibt:

            Nun ja, was Tabletten gegen Katzenjammer angeht, da kenne ich keine hilfreichen, ich setze ja eher auf Verdünnung des Blutpegels in der Alkoholkreisbahn. 😀

            Wirklich Sinnvolles kann ich heute allerdings wirklich nicht mehr beitragen, ganz abgesehen von der Tatsache, daß ich mir zum obigen Thema mal noch ’ne ganze Menge draufschaffen muß, was mir da durchs Hirn geistert ist reichlich unausgegoren.

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  2. Publicviewer schreibt:

    Ich wäre eher dafür die Kirchensteuer abzuschaffen und die Kirchen zu enteignen.
    Die SPD schafft sich eh gerade selbst ab… 😉

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