Lesestunde

Es ist eine schöne, wenngleich auch etwas ermüdende Sitte im Qualitäts-Blätterwald geworden, das Jahrhundertjahr zum Beginn des großen Krieges mit regelmäßigen Artikeln zu würdigen. Wer möchte da zurückstehen, wer sich dem Geist der Zeit verweigern?
Die Schrottpresse, feinfedriges Qualitätsorgan für Vermischtes, mag da nicht zurückstehen; kann es nicht, wälzt sich Pantouflen doch schlaflos im Pfühle gedenkend seines Bildungsauftrages.
Wohlan: Vor hundert Jahren! Wäre dieses Organ ein Qualitätsmedium, wäre das jetzt der Moment, wo ein erstes Bild mit unseren tapferen Feldgrauen auftauchen müßte, gefolgt von dem Hinweis, daß jene nicht nur tapfer, sondern ebenfalls vollkommen ahnungslos waren. Trauerumflort folgen dann Worte wie »Zäsur des 20. Jahrhunderts« oder eine in Fraktur gehauene »Urkatastrophe«. Ein Wettbewerb gewaltiger Adjektive und Zahlenspiele aus einer Zeit, als 10.000 britische Pfund Sterling noch ein Vermögen darstellten. Was sind schon absolute Zahlen: 17 Millionen Gefallene stehen mehr als 25 Millionen Opfer der spanischen Grippe von 1918-1920 gegenüber, was sich aus dem Gedächtnis der Menschheit etwas verdrängte, da Grippeopfer keine Orden bekommen oder mit Tschingderassabum aus dem Städtchen zogen. Der oft beschworene kometenhafte Fortschritt der Technik des Tötens hatte kein Äquivalent zu der des Heilens.

salem

Schöner Moment
Das war damals, als sie Reinhardt noch »Was ihr wollt« spielten. Aus diesem Stück ist mir ein Augenblick in der Erinnerung geblieben und wird wohl auch nicht mehr daraus verschwinden. Und weil sie es nun bald wieder geben werden und man dann sagen könnte, ich hätte nur aufgefrischt, was ich doch gar nicht vergessen habe, so möchte ich diese alte Minute schon jetzt noch einmal hervorholen. Kommt sie dann im Theater wieder, umso besser – ich werde noch einmal meine Freude daran haben.

Die Sache lag also so, daß der ganze Keller sternhagelvoll war. Die Wangel lebte damals noch, Diegelmann schnarchte irgendwo unter der Tischplatte, auch Wassermann stand nicht mehr fest auf seinen dünnen und jämmerlichen Junkerbeinen, und der Narr Moissi klimperte in dieser versoffenen Morgenstimmung auf der Guitarre. Es war in jeder Beziehung vier Uhr: das Fest vorm verlöschen, der Alkohol vorm Verdunsten. Draußen hingen grau und weinerlich trübe Morgenwolken – und ob sich das nun in meinem Gedächtnis verwischt hat, ob wirklich diese Worte jetzt oder nur ein wenig später gesprochen wurden -: jedenfalls rissen sich alle erwachend zusammen, torkelten unfroh durch einander und brachen auf. Vorher, irgendwann am Abend, hatten sie auch von der Liebe gesprochen, und Teddy Waßmann hielt noch immer bei dieser Station. »Seine Gedanken begreiflicherweise Dämmern so weiter im alten Geleise.« Und wie der dicke Diegelmann ihn fortziehen will: »Kommt, Junker! Kommt, wir wollen gehen!« – da ist es aus, die Rührung fällt ihn an, die blauen Augen füllen sich mit Wasser, sein Blick hängt verloren an der Rampe, und er sagt ganz leise, ganz gerührt, ganz in die Erinnerung versunken: »Mich… mich hat auch mal Eine geliebt…!«
Der Chor der Lärmer fiel darüber her, das Spiel ging weiter, aber er stand immer noch da, noch immer mit dem Kopfe wackelnd: Kaum glaublich, und doch wie wahr! Doch wie schön! Ihn – ihn hat auch einmal Eine…

Nachher kam noch sehr viel Hübsches, das man gern sah und doch wieder vergaß. Dies aber ist geblieben. Das freundliche Angedenken an einen armen, vom Leben ausgestoßenen Mann, der immer mit den Anderen, den Glücklichen kontrastierte, der sich nicht zu halten wußte, und dem das Wasser in die Augen schoß, weil ihn auch einmal Eine geliebt hatte.
Peter Panter, Schaubühne, März 1914

Die Titanic der White-Star-Line liegt nun schon seit zwei Jahren auf dem Grund des Meeres und man hatte den Schiffen, die noch schwammen, ein Mehr an Rettungsbooten verordnet. Als wäre der Stolz der Technokraten wegen Mangel von Rettungsmöglichkeiten gesunken, so auch die hohe Politik: Mit den Füßen im viktorianischen Zeitalter steigen die Flugmaschinen über die Wolken. Den Piloten des Krieges wird die Mitnahme eines Fallschirmes bis kurz vor Kriegsende verboten. Sie könnten sich ja ohne Not retten. Man kommt erst von dieser Praxis ab, als die Lebenszeit eines Frontpiloten unter eine Woche sinkt.

moissi

Wiener Premieren

Deutsches Volkstheater: »Majolika« von Leo Walter Stein und Ludwig Heller. Ein ganz erträgliches Unterhaltungsstück. Mit allem Komfort eingerichtet, dessen es bedarf, um breitere und auch schmälere Massen des Theaterpublikums behaglich zu stimmen. (Soweit diese Menschengattung überhaupt noch in Massen vorkommt.) Eine liebenswürdige Fürstlichkeit gerät in Geldnot und wird von zwei ungemein tüchtigen Juden herausgehauen. Sie gründen dem Fürsten eine Majolikafabrik, die erst duch militärisch-schneidige Wirtschaft an den Rand des Konkurses, dann aber durch Moritz Veilchenhals überlegenen, alle Chancen weise nützenden Kaufmannsgeist glanzvoll in die Höhe gebracht wird. Die stolze Geste des Hofes und die betuliche Geste der Börse verschlingen sich ineinander zu einem wirksamen Zeichen; es taugt zur Bekämpfung der Langeweile und des Dalles. Der Thron als Komptoirsessel ist ein lustiges Requisit, der regierende Fürst als Kaufmann eine dankbare Figur, und das Kompagniegeschäft von Gottes und von Veilchenhals Gnaden recht lukrativ. Wahrscheinlich auch für das Deutsche Volkstheater. Denn, wie schon der Dichter sagt: es soll aber der König mit dem Bankier gehen, und der Theaterdirektor mit beiden. »Majolika« war ein redlicher Erfolg. Nichts stimmt Premierenbesucher so gemütvoll, fast zärtlich-heiter, wie die Mischung von Lächerlichkeit und Intelligenz in einem braven Juden, wie überlegene Gescheitheit in einem unterwürfigen Leib.
Un wo der Jargon weht, dort ist bekömmliches Theaterklima, dort ist es warm, feucht, heiter, und das Geschäft kann blühen.
Derlei Stücke werden am Deutschen Volkstheater sehr nett gespielt; viel besser als zum Beispiel »Wallenstein«. Reizend Herr Edthofer. Würde und Uniform geben der natürlichen Freundlichkeit seines Wesens einen guten Rahmen. Er ist ein wirklich fideler Fürst und doch gar nicht Operette; deshalb, weil seine gute Laune auch gute Manieren hat.

Alfred Polgar, Schaubühne März 1914

1914? Der letzte Versuch, das 20. Jahrhundert zu erreichen, bevor man in die Steinzeit zurückfällt. »Die Waffen nieder! – . – sag’s vielen – vielen.« Die Friedensnobelpreisträgerin von 1905 und Pazifistin Bertha von Suttner wird den Sommer nicht überleben. Krebs. Wahrscheinlich ist das auch besser so. Sage niemand, er hätte von nichts gewußt, nichts geahnt… der Krimkrieg ist keine 60 Jahre her, so wenig wie der amerikanische Bürgerkrieg. Trotz alledem: Was für eine großartige Zeit! Was für eine Kultur trotz dem Säbelrasseln und verstaubter Adelsromantik.

winzer

An die Meinige

Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren?
Erinnre, Claire, Dich an Deine Pflicht!
Das geht nicht so wie in den letzten Jahren:
Du bist steril, und Du vermehrst Dich nicht!
Wohlauf! Wohlan! Zu Deutschlands Ruhm und Ehren!
Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai –
da hilft nun nichts: du mußt etwas gebären,
einmal, vielleicht auch zweimal oder drei!
Wir Deutschen sind die Allerersten,
voran der Kronprinz als Eins=A=Papa.
Der Gallier faucht – wir haben doch die mehrsten,
und hungern sie, mein Gott, sie sind doch da!
Denn sieh: die Babys brauchen Medizinen
und manchmal auch ein weiß Getöpf aus Ton,
Gebäck, das Milchgetränk – man kauft es ihnen,
und dann vor allem, Kind, die Konfektion!
Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen,
umbrüllt vom Leutnant und vom General!
Stell Du das her: es muß nur maskulinen
Geschlechtes sein – der Schädel ist egal.
Ins Bett! Hier hast Du Deine Wickelbinden!
Schenk mir den Leo nebst der Annmarei!
Und zählt man nach, wird man voller Freude finden
sechzig Millionen, und von uns
die zwei!

Theobald Tiger Schaubühne, März 1914

Ob Tucholsky sich noch dieser Verse erinnerte als Armierungssoldat im Osten?
»Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte. […] ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte: keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätt‘ ich verschmäht. Viele taten ebenso.«

Ignaz Wrobel: Wo waren Sie im Kriege, Herr –? Die Weltbühne, 30.3. 1926

Vier und ein halbes Jahr Krieg in 3 Minuten. Das ist eine zauberhafte Idee der ARD – das Video zum Krieg. Zum Glück überlebt Alfred Polgar den Krieg wie auch Tucholsky; Polgar sogar den darauf Folgenden. Die Durchführbarkeit des Planes, den großen Krieg auf weniger als 4 Minuten zu schrumpfen, hängt entscheidend von der Abwesenheit etwaiger Überlebender ab. Braucht es mehr Beweise, daß die Toten ihre Kultur und Ideen mit ins Grab nahmen?

Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.
„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?
Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?
Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?
Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?
Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen!
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?
Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?
Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit.
Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“

Friedrich Nietzsche

Macke Abschied

Quelle : Wikipedia, Werk ist gemeinfrei.

August Macke: Abschied. Macke wird im Herbst 1914 an der Westfront getötet.

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6 Antworten zu Lesestunde

  1. Mehr Material für diese Lesestunde in der Facebook Gruppe „1914 – Der Krieg frisst seine Kinder„:

    „Vor hundert Jahren zogen viele voller patriotischen Hochgefühls – darunter auch Schriftsteller, Maler, Musiker und Intellektuelle – in den Krieg. Die Ernüchterung folgte meist schnell. Viele liessen ihr Leben. Andere waren von Beginn an auf der Seite des Pazifismus: Legt die Waffen nieder! Die Gruppe soll dazu einladen, sich mit der geistigen-kulturellen Situation vor und während des 1. Weltkrieges auseinanderzusetzen.“

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  2. pantoufle schreibt:

    Moin N.B.

    Interessantes Projekt, wenn auch auf Facebook 🙂

    Die geistige Befindlichkeit in der Zeit vor dem ersten Weltkriege ist ein Thema, das tatsächlich noch der Aufarbeitung bedarf. Ich habe allerdings keine allzugroße Hoffnung, daß es dabei zu bemerkenswerten Erkenntnissen kommt. Nicht, daß es die nicht geben würde – meine Bedenken gründen sich eher auf die moralische Arroganz, die den Ton der allermeisten Debatten prägt, wenn es um fremde Wertesysteme geht. Man muß nicht 100 Jahre zurückgehen: Beispiele wie die Menschenrechtssituation in China oder Konfliktherde in Afrika werden in der Regel mit der europäischen Überheblichkeit der Überlebenden geführt, die wenig zielführend ist; von einem wirklichen Verständnis ganz zu schweigen.

    Die Situation vor 1914 ist mit unseren Wertmaßstäben des 21. Jahrhunderts nicht zu erfassen. Man muß sich schon in ein Gefühl des wilhelminischen Reiches zurückdenken können, Art déco nicht im Schaufenster, sondern im Herzen. Die Wertbegriffe, auf die man treffen wird, haben im Laufe der Zeit ihre Funktion und Wertigkeit verloren. Allein ihr Gebrauch außerhalb des Kontext jener Zeit öffnet dem Mißverständnis Tür und Tor. Patriotismus, Stolz, Pazifismus, Sozialdemokratie, Sozialismus: Wir kennen all diese Worte immer noch, aber ihr Geruch hat sich geändert. Das klingt im ersten Moment tatsächlich profan, ist aber entscheidend.

    »[…]darunter auch Schriftsteller, Maler, Musiker und Intellektuelle.«

    Da beginnt schon das Mißverständnis! »Intellektuelle«! Wie konnten sie nur? Das hätte man doch sehen/fühlen/erahnen können – gerade sie! Nein: Eben nicht. Sie so wenig wie der Arbeiter oder ein Bettler. Natürlich haben sie etwas geahnt, aber das war in seiner Begrifflichkeit etwas vollkommen anderes als was das 21. Jahrhundert mit diesen Ahnungen verbinden würde. Es besteht ja mehr als ein technologischer Unterschied zwischen dem Angriff einer Kavalleriebrigade und einem Kampfhubschrauber. Um diesen Unterschied zu erahnen, sollte man zu allererst versuchen, ein Pferd zu verstehen – es in einen Kontext zu setzen – , bevor man die Wirkung vergleicht – was man automatisch tun würde, hört man das Wort »Pferd« und denkt instinktiv an die Tagesschau. Nicht Ponyhof, sondern Alltag (Von so schwierigen Begriffen wie Patriotismus lassen wir in diesem Zusammenhang erst einmal die Finger.)

    Das Thema ist bei mir noch lange nicht durch… mal sehen, ob ich eine Form finde, mit der ich mich dem Thema nähern kann. Aber danke erst mal für den Link.

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    • Joachim schreibt:

      Ob man das so stehen lassen kann? Klar ist, dass man sich in die damalige Situation hineindenken muss. Klar ist auch, dass man mit Urteilen vorsichtig sein muss. Ich stimme also zunächst zu und bestätige, das Deine Sicht sehr wichtig zum Verständnis ist.

      Allerdings dürfte schon damals, etwa am 7. und 8. August 1914, so Manchem schlecht geworden sein im Heer der Fahnenschwenker. Der Kontext mit „Pferd“ ist im Vergleich zur Schlacht um Verdun ein schlechter Witz. Das war nicht die Steinzeit damals (, das war die Hölle und der erste Technik-Krieg). Man hätte es wissen können. Die deutsche Heeresleitung wusste vor Verdun, dass sie es verkackt hatte. Und sie ahnte, was das bedeutet.

      Was ich sagen will: die Leute waren damals nicht blöder oder schlechter, als heute. Sie waren nicht einmal so sehr anders. Doch die Masseneffekte, die auch Hitler zur Macht verhalfen, dieses Krebsgeschwür, das sich durch alle Bevölkerungsschichten zog, das ist noch lange nicht verbannt. Wir sollten vorsichtig sein mit unserer Überheblichkeit. Genau deshalb macht Deine Sicht (aus meiner Sicht) erst Sinn.

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  3. Stony schreibt:

    Kein Weltkrieg, keine 100 Jahre her, nicht Europa … und doch gar nicht mal so OT:

    The Act of Killing

    Vor knapp einem halben Jahrhundert in Indonesien, Täter und Opfer leben zum Teil noch und können über die Zeit reden (und mehr). Etwas das, bezogen auf die Zeit vor dem ersten ‚großen Krieg‘, nicht mehr in der Art möglich ist.
    Warum ich das hier verlinke? Weil es mich schlicht verstört hat, als ich es die Tage erstmals sah. Was da geschah ist selbstredend nicht mit Krieg wie wir ihn aus Geschichtsbüchern und Knopp-Bullshit, oder gar einem 3-Minuten-Video der ARD ‚kennen‘, gleichzusetzen, allein vergleichen läßt sich einiges. Die alltäglichkeit des Grauens, welches ja nicht nur ‚im Felde‘ sich zeigt. Menschen die Unvorstellbares erlebten und taten. Womit man auch zu der Frage gelangt, wie es dazu kommen konnte. Sowohl zu dem was passierte, was nun Teil der Geschichte ist, als auch den Nachbetrachtungen und Einschätzungen, die einst Geschichte sein werden.
    Europa vor (und in den letzten) 100 Jahren – Indonesien vor 50 Jahren und bis heute; viele Parallelen und mehr Fragen als Antworten.

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  4. pantoufle schreibt:

    @Joachim
    Soviel zu beantworten – dabei ist mir gar nicht so nach Schreiben. Aber das wollen wir ja nicht unkommentiert stehen lassen…

    Das »Pferd« ist wohl etwas missverständlich angekommen: Es ging mit bei diesem Begriff nicht um die Gegenüberstellung Kampfhubschrauber vs Pferd, sondern um das, was jemandem aus dem Jahr 1912 zu diesem Begriff einfällt. Das kann Milchwagen, Güternahverkehr, Taxidroschke oder meinetwegen auch Reiterbrigade sein. Jedenfalls ein Teil des Alltags – aber nicht Ponyhof.

    Wie sehr »Pferd« noch mit moderner Kriegsführung zu tun hatte, zeigte sich dann ja auch recht schnell. Bemerkenswert finde ich übrigens die vielen sehr anrührenden überlieferten Beschreibungen, bei denen die Soldaten ihrem Mitleid gerade mit den Pferden zum Ausdruck brachten. Aber das nur nebenbei.

    »Das war nicht die Steinzeit damals (, das war die Hölle und der erste Technik-Krieg). Man hätte es wissen können. Die deutsche Heeresleitung wusste vor Verdun, dass sie es verkackt hatte. Und sie ahnte, was das bedeutet.«

    Es war definitiv nicht der erste hochtechnisierte Krieg. Das war nach meiner Lesart der amerikanische Bürgerkrieg 1861- 1865. Nicht allein, daß er sich ebenfalls über einen lagen Zeitraum hinzog: Die Photographie war bereits erfunden und man konnte sich (und tat das auch) im wahrsten Sinne »ein Bild« davon machen. Das die europäische Generalität weit davon entfernt war, sich mit den Berufsgenossen auf der anderen Seite des Ozeans auf eine Stufe stellen zu wollen, ist eine andere Sache.

    Der Krimkrieg 1853 – 1856 gilt allgemein als erster Krieg der Moderne und war der erste ausgesprochene (und verlustreiche) Stellungskrieg. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 finden sich reichlich Merkmale dessen, was sich wenigstens in den ersten Wochen und Monaten des großen Krieges wiederfand – mindestens aber die Begeisterung und die Siegeszuversicht, in der sich 1914 die Erinnerung an Sedan und das Resultat in der Einheit des Deutschen Reiches wiederspiegelte.

    Steinzeit ist mit Bedacht gewählt: Es war nicht allein die oberste Heeresleitung, die nach wenigen Monaten ratlos vor den Trümmern des Schliefenplans stand. Immerhin wurde dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg bereits im Dezember 1914 von Erich v. Falkenhayn eröffnet, der Krieg sei verloren und es bedürfe diplomatischer Friedensverhandlungen. Das war nicht irgend ein kleiner Divisionsgeneral: Das war der Chef des großen Generalstabes. Ausgerechnet dieser General erkennt offenbar, vor welcher Ausweglosigkeit die militärische Führung angesichts der Vorbildlosigkeit dieser Situation steckt.
    Und an diesem Punkt beginnt für mich die Steinzeit. Bei Verdun sind wir noch lange nicht. Das ist jetzt erst einmal die erste Ypernschlacht und Langemarck, wo Jugendliche zu Zehntausenden sinnlos verheizt werden, ohne daß es militärisch auch nur den geringsten Sinn ergibt. Ein Blutbad, das so ungeheuerlich daherkommt, daß das Oberkommando erstmals etwas von »moralischen Siegen« faselt. Das ist der Moment von Falkenhayns Auftritt und der, wo das Prinzip des Bewegungskrieges in den Urlaub geschickt wird.

    Von diesem Prinzip verabschiedet man sich auf fast allen Seiten – mindestens aber an der Westfront. Dahinter steckte keineswegs eine militärische Notwendigkeit, war keineswegs alternativlos. Alternativlos vielleicht für eine Generalität, die mit den Füßen im 19. Jahrhundert stak und deren Vorstellung von Bewegungskrieg noch viel mit bunten Reiter-Attacken zu tun hatte (da sind sie wieder, die Gäule).
    Das ist der Moment, wo »die Industrie« aus den Löchern kommt und sagt: »Alles ganz nett mit Euren Pferden (ich bleib da jetzt eisenhart drauf), aber lass es uns doch mal mit Masse versuchen!« Wenn Finesse versagt, gibt es immer noch den Holzhammer. Eine Masse Granaten, die wochenlang auf die eingegrabenen Soldaten eindrischt. Hunderttausende von Tonnen Stahl und Sprengstoff, die im Ergebnis vollkommen neue Erkenntnisse darüber zutage fördern, was der Mensch alles aushalten kann. Die Antwort darauf (nachdem das offensichtlich nicht den geringsten Effekt hatte) bestand aus noch mehr Masse. Und dann noch einmal mehr. Keinerlei konventionellen militärische Grundsätze, keine Alternative zur Masse. Es ist eine Hilflosigkeit der militärischen Führung einerseits, die sich als vollkommen unflexibel erweist und den Versprechen der Industrie, durch noch größere Geschosse, schnellere Flugzeuge und mächtigere Schiffe den Widerstand zu brechen.
    Das ist die Steinzeit. Die Steinzeit in den Gräben, in den Lazaretten und den zerstörten Gräben. Die der hungernden Zivilbevölkerung und den Babys, die Ende des Krieges in Zeitungspapier gewickelt werden.
    Verabschieden wir uns doch einmal von der Vorstellung – und der Propagandalüge – dieser Krieg hätte etwas hochtechnisiertes, im weitesten Sinne zivilisatorisch Produktives gehabt. Ich habe meine Schwierigkeiten damit, mich der offiziellen Wortwahl wie »Urkatastrophe«, »Hölle« oder »Katastrophe« anzuschließen. Nicht, daß ich Alternativen dazu hätte – ich arbeite noch daran.

    »Wie soll man es beschreiben? Mit welchen Worten? Gerade sind wir durch Meaux gezogen, die Stadt ist ausgestorben und still. – Meaux mit seinen auf der Marne versenkten Schiffen und seiner zerstörten Brücke. Danach haben wir die Landstraße nach Soisson genommen und die Stelle erklommen, die uns auf die nördliche Hochebene führt. Und auf einmal, als würde man einen Theatervorhang vor uns lüften, erschien vor uns das Schlachtfeld mit all seinem Grauen. Leichname von Deutschen am Rand der Landstraße. In den Senken und Feldern schwärzliche, grünliche zerfallene Leichname, um die herum unter der Septembersonne Mückenschwärme schwirren: Menschliche Leichname in merkwürdiger Haltung , die Knie in die Luft gestreckt oder einen Arm an die Böschung des Laufgrabens gelehnt; Pferdekadaver, was noch schmerzlicher als menschliche Leichname ist, mit auf dem Boden verstreuten Gedärmen; Leichname, die man mit Kalk oder Stroh, Erde oder Sand bedeckt, die man verbrennt oder begräbt. Ein schrecklicher Geruch, ein Beinhausgeruch steigt aus dieser Verwesung hervor. Er packt uns an der Kehle und für viele Stunden wird er nicht ablassen. Gerade, als ich diese Zeilen schreibe, fühle ich ihn noch um mich, was mir das Herz zuschnürt. Vergeblich bemüht sich der in Böen über die Ebene wehende Wind all dies wegzufegen; es gelang ihm, die Rauchwirbel zu vertreiben, die von diesen brennenden Stapeln aufstiegen; aber er vermochte nicht den Geruch des Todes zu vertreiben. „Schlachtfeld“ habe ich vorher gesagt. Nein, nicht Schlachtfeld, sondern Gemetzelfeld. Denn die Leichname, das hat nichts zu bedeuten. Bis jetzt habe ich hunderte ihrer verzerrten Gesichter und ihre verrenkten Haltungen gesehen und vergessen. Aber, was ich niemals vergessen werde, ist die Verschandelung der Dinge, die grässliche Verwüstung der Hütten, das Plündern der Häuser.«

    René Jacob, Familienvater und Bäckermeister aus Burgund, 1915

    Steinzeit.

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  5. Joachim schreibt:

    Es hat etwas gedauert. Aber da habe ich nun etwas gelernt.

    Zunächst ist da eine Geschichtsstunde, die sich so nicht unbedingt in den Büchern findet. Dann die Erkenntnis, dass sich unsere Wortwahl (oder Bedeutung der Worte?) wohl erheblich unterscheidet. Ich denke, inhaltlich und in der Konsequenz sind wir dennoch beieinander.

    Bei der Wortwahl bist Du glücklicherweise im Vorteil. Um mich dennoch etwas zu erklären (und nicht um Recht zu behalten!):

    Zur Steinzeit:
    zu 1912 fällt mir die Titanic ein. Und ein altes technisches Tabellenbuch von meinem Urgroßvater. Dieses Büchlein kann durchaus heute noch genutzt werden (Beispiel Metallverarbeitung oder die Formelsammlung). Es fällt mir Einstein ein, der 1909 Dozent für theoretische Physik in Zürich wurde. Die Mathematik stand in nicht nur in ihren Grundzügen (belegt etwa durch die Riemannsche Vermutung) und die Schornsteine dampften. 1912 wurde der erste elektische Anlasser in ein Auto eingebaut (Cadillac). 1909 erfolgte der erste Flug über den Ärmelkanal (Louis Blériot) und 1912 schlug Lancelot de Mole dem französischen Kriegsministerium das erste gepanzerte Kettenfahrzeug (erfolglos) vor.

    Steinzeit war das nicht. Es war eine Zeit (oder die Fortsetzung) des technischen Aufbruchs. Du selbst hast das sehr schön bei einer Diskussion über Nietzsche am Beispiel der Titanic erklärt. Seltsamerweise stammen die größten Denker vielleicht gerade aus jeder Zeit. Ich meine, das hat eine Ursache auch in der technischen Entwicklung. Technik fordert eine gewisse Objektivität oder sie funktioniert einfach nicht.

    Nur wie geht das mit Deinen Aussagen zusammen? Du sagst es ja, die Steinzeit ist das, für das auch Verdun heute steht. Steinzeit war der Massenmord durch die Generalität und den gab es zugegeben vorher auch schon und den gibt es noch. Technisch hoch gerüstet befand man sich geistig vielleicht nicht der Steinzeit, jedoch in einer Art „Niemandsland“ – ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne Menschlichkeit. Eine Welt, die man sich nach Gutdünken schafft weil man die Macht dazu hat.

    Dieses Niemandsland, diese Art nicht zu verstehen ist das was ich mit Steinzeit meine. Ein geistiger Level der mit der technischen Entwicklung nicht nur nicht mithalten konnte sondern durch Technik nur noch gefährlicher wird. Man versteht die Technik nicht so wie man meint, der Strom käme aus der Steckdose, das Auto würde durch das Gaspedal fahren und Computer, gar Datenbanken könnten nicht fehlen. Das Wissen ist technisch so kompliziert, dass es nicht wie das „Konzept Pferd“ zu den Menschen dringt und ohne (allgemein akzeptieren) geistigen Überbau.

    Technik ohne Verstand macht und machte es schlimmer, wie heute etwa die Idee (z.B) von autonomen Drohnen belegt. Angenommen, die USA produziert die wirklich, macht sie immer kleiner, autonomer und tausendfach verfügbarer, ab wann muss da von einer Massenvernichtungswaffe gesprochen werden?

    Es ist doch klar, dass es so kommen wird. Massen von Kriegswaffen können nur Massen vernichten. Warum ist diese Frage also noch nicht gestellt worden? Welch logischer Grund existiert, sie nicht zu bannen? Der Gedanke, es sei die Drohne, die autonom oder gar „gerecht“ tötet, Krieg „humaner“ macht ist vollkommen absurd.

    Steinzeit eben, es ist ein Aberglaube (hier an Technik) so wie in der Frühzeit des Menschen, als jedes Ding beseelt war. Wie damals bedeutet das eine gewisse Ohnmacht, ein ausgeliefert sein und damit den kompletten Gegensatz zur Eigenverantwortlichkeit.

    Nun, ich schätze genau das hätten einige Steinzeitler wohl gerne.

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