Guten Morgen, guten Morgen

Vor einiger Zeit schwirrte hier eine Auseinandersetzung darüber durch die Kommentarzeilen, was man zu schreiben hätte und was nicht. Schanzenviertel Hamburg war, glaube ich, der Aufhänger. Flatter und ich waren da durchaus einer Meinung, daß man was dazu sagen oder es genau so gut auch bleiben lassen kann. Andere vertraten den Standpunkt, es wäre ein unbedingt nötiger Akt der Solidarität, auf jeden Fall etwas dazu beizutragen. Wie gesagt: Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Manchmal allerdings fragt man sich selber, warum man eigentlich bestimmte Dinge unkommentiert läßt. Beispiel Ukraine. Ukraine? Krim? »Charge of the light brigade«, Lermontows herzzerreißende Beschreibung eines sterbenden russischen Soldaten, Katharina die Große, russische Schwarzmeerflotte, Besetzung durch die faschistische Wehrmacht, die das Ganze als »Gotengau« umbenennen und mit Tirolern besiedeln wollte… Texte beginnen ja immer mit solchen Stichworten. Wie aber in diesem Beispiel anschaulich zu sehen, ist das nicht in jedem Fall hilfreich. (mit Tirolern. Gamsbart und Fez)

Bleibt also nur die aktuelle Berichterstattung. »Merkel schickt Preisboxer, um bei den Demonstrationen die Ordnung aufrecht zu erhalten.« »Unserer unschlagbarer linker Uppercut in Kiew.« »Das Biest und die schöne Marina Weißband.«
Man fühlt sich von der Qualitätspresse irgendwie verraten, wobei das Niveau nur knapp die Aussiedelung der Tiroler verfehlt. Natürlich treibt man es nicht so dramatisch wie bei Jan Fleischhauer auf SpOn, wo man jeden Augenblick animierte Werbebanner unter seinen Beiträgen erwartet wie: »Dieser Artikel wurde ihnen präsentiert von Krauss-Maffai Wegmann!« Man agiert subtiler, aber nicht subtil genug, um sich erfolgreich des Eindrucks zu erwehren, die eigentliche Information unterschlagen zu haben. Oder haben sie auch keine und drucken aus lauter Verlegenheit nur leicht umformulierte Kommuniqués des Ministeriums für äußerliche Befindlichkeiten ab? Die auch nicht ohne eine humoristische Note: »Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland«, »Putin bricht Völkerrecht« und ähnlich gequälte Lacher.
Was fällt einem zur Ukraine ein? Das Leistungsschutzrecht für Verleger und ihre Q-Journalisten. Es bringt einen nicht wirklich weiter.
Also kein Kommentar. (Die Arbeit an diesem Text wurde gerade unterbrochen durch einen Werbeanruf einer Zeitung der WAZ-Gruppe. Wie wimmelt man die ab…? Einen schönen Tag noch!)

Ein Freund der Piratenpartei war ich eigentlich nie. Das hat verschiedene Gründe: Derjenige, daß ich sie von der Sache her für überflüssig halte, war es jedenfalls nicht. Das waren andere Dinge. Nun demontiert man sich nicht erst seit gestern in unfassbar blamabler Weise selbst und jeder Mensch, der auch nur 3 Jahre WG-Erfahrung hat, hätte das kommen sehen. Diese Partei war ja gegen alles Mögliche (und darunter – um das zu wiederholen – auch gegen tatsächliche Mißstände), aber in erster Linie doch gegen Manieren und konstruktiven Umgangston. Die Trolle haben gewonnen und damit haben alle verloren. Glückwunsch!
Die Hoffnung auf einen Lerneffekt habe ich dabei nicht. Das Missverständnis, daß Meinungsfreiheit grundsätzlich einhergeht mit einem Gewinn für die Allgemeinheit, scheint unausrottbar. (Dieser Satz darf gerne an falscher Stelle ohne Zusammenhang falsch zitiert werden: Er wurde dafür formuliert).
Einen vorläufigen Tiefstpunkt erreicht die Selbstzerfleischung mit einem Twitterkommentar zum Parteiaustritt des Rechtsanwalts Udo Vetter:

Pic via Kiezneurotiker

Pic via Kiezneurotiker

Aufmerksam wurde ich darauf beim Kollegen Kiezneurotiker, der das hinreichend kommentierte – dem ist nichts hinzuzufügen. »Im so einer demokratischen Partei…«. Ja, da hat Herr Vetter wohl tatsächlich nichts verloren.

Kennt jemand Uli Hoeneß? Ehemaliger Fussballer und seit seiner Unbrauchbarkeit semi – professioneller Zocker. Auch eines dieser Dinge, die ich auf Teufel komm raus nicht verstehe. Also nicht, daß er mehrere Vermögen verspekuliert hat, sondern den technischen Ablauf.
Erst einmal sind die momentan im Raum herumschwirrenden Beträge ja kein Guthaben im eigentlichen Sinne, sonder Beträge, die er dem Fiskus schuldet. Ich weiß, daß es mich so wenig wie irgend jemand anderen außer der Steuerfahndung etwas angeht – aber man würde schon gerne einmal wissen, welches der Hebesatz für diese Steuerschuld ist (nennt man das Hebesatz?) Womit wir gerade bei einer weiteren Begriffsstutzigkeit meinerseits wären. Als Selbständiger habe ich nach diversen ruinösen Ergebnissen den persönlichen Umgang mit dem Finanzamt an Profis weitergereicht. Man nennt sie Steuerberater und nach meinen Erfahrungen sind sie jeden Cent wert. Ein guter Steuerberater ist eine Einnahmequelle und kein Kostenfaktor. Ich selber habe keinen blassen Schimmer, wie das vernünftig gemacht wird.
Herr Hoeneß hat nun mit unbekannt immens hohem Kapital spekuliert. Hat er das eigentlich alleine gemacht? Klein-Pantoufle ist nicht so naiv zu glauben, daß Bayern-Uli zu Hause an seinem Laptop saß und mal eben… sagen wir mal 10 Millionen Euro irgendwohin verschiebt, dafür Yen oder Platin oder was auch immer einkauft und dann im Garten auf der Terrasse auf Gewinn wartet. Da waren doch noch andere daran beteiligt. Devisenhändler, Bankangestellte und einen Steuerberater wird er auch haben. Nichts dagegen, daß er im Moment allein vor den Schranken des Gerichts steht – aber er kann doch unmöglich vollkommen allein im luftleeren Raum agiert haben?
Welcher Teil des Systems versagt dort eigentlich zu 100%? Und dient der Prozess gegen Hoeneß nicht hauptsächlich dazu, diesen Teil zu schützen?
Was soll man darüber schreiben? Jens Berger: Übernehmen Sie!

Die Kosten sind nicht explodiert. Hier wurde nichts vermasselt oder verschleudert. Es wird das preiswerteste Objekt seiner Art weltweit. Das Projekt ist kerngesund. Man sehe glänzenden wirtschaftlichen Aussichten ins Auge. Man komme Schritt für Schritt voran und das, obwohl man von Vorne beginnen muß.

Diese Aussagen bringt man wohl kaum mit dem Flughafen BER in Verbindung, es sei denn, man verdient sein Geld als Humorist. Oder als Flughafenchef Mehdorn.
Daß der 71jährige Mehdorn den Zenit seines Schaffens überschritten hat, wird wohl niemand bestreiten, auch wenn man darüber diskutieren kann, wann er jemals einen solchen hatte. Ihn als hochbetagten Verantwortlichen auf eine aussichtslose Baustelle als Spezialisten für Klimaanlagen zu verdonnern, zählt zu den Glanzleistungen des Oberbürgermeisters Wowereit.
Ohne daß er ihm in Größe und Bedeutung nur nahekommen würde, erinnert Mehdorn mich ein wenig an Admiral John Arbuthnot Fisher. »Jacky« Fisher krempelte die britische Flotte technisch komplett um, kam in allerhöchste Ämter und missbrauchte seinen Einfluß und Macht so gründlich, daß man ihn 1910 vorzeitig aufs Altenteil schickte. Dazu gehörte in der Ägide Edward VII schon einiges. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges holte ihn Winston Churchill als Wunderwaffe aus der Versenkung (Fisher war zu dem Zeitpunkt 73), was allerdings mit der Erkenntnis endete, daß der alte Herr vollkommen senil war. Es dauerte zwar etwas, bis diese Erkenntnis auch den letzten Hinterbänkler des House of Lords erreichte, aber dann sprach man ihm das Vertrauen aus und schickte ihn (und W.S. Churchill) nach Hause.

Wann spricht eigentlich mal jemand Mehdorn das Vertrauen aus?

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5 Antworten zu Guten Morgen, guten Morgen

  1. kiezneurotiker schreibt:

    Die Piratenpartei hätte mich mal fast dazu gebracht, wieder wählen zu gehen. Fast.

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    • pantoufle schreibt:

      Ich habe schon schwer Mecker bekommen, weil ich sie nicht gewählt habe. Genauer gesagt: Die auch nicht. Von gefühlten 18% auf das Niveau der bibeltreuen Christen in nur 6 Monaten – das soll ihnen erst mal einer nachmachen. Wobei mit Niveau nicht nur das reine Zahlenverhältnis gemeint ist.

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  2. Black_Unicorn schreibt:

    Wie sagte doch der Kabarettist Christoph Sieber so schön: … Hartmut Mehrdorn ist der erste Fall, wo die Ratte zum sinkenden Schiff zurückgerufen wurde…

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  3. pantoufle schreibt:

    Lass den Mehrdorn ruhig so stehen. Passt schon.

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