Schrottpresse goes Amy & Pink / The day after

Das passt, das passt. Die Tür des Schapps schließt dann doch, Kaffee und Reis, Kartoffelpü in Tüten; all das Zeug, das unbedingt trocken bleiben muß, kommt nach oben. Tabak, 50 Päckchen müssen erst einmal reichten. Den Strom- Landanschluß kann ich jetzt auch mal kappen. Die Batterien sind voll, Wassertanks aufgefüllt, klar zum Auslaufen. Gegen Abend, wenn die Flut abläuft.
Das Leuchtfeuer Hohe Weg peilt nord-west und in zwei Stunden oder dreien sollte ich es aus der Nähe sehen, langsam: Segelboote erziehen zur Langsamkeit und ich habe viel Zeit. Nicht so viel Platz, der Weg zum Kartentischchen gestaltet sich als mühsam, die letzten 2 Kartons haben beim besten Willen keinen Platz mehr gefunden und werden in einer Ecke der Pantry verzurrt. Das muß so gehen. Das geht so.

Der Praktikant

»Wie heißen Sie? Pantoufle?« Was folgte, war eine Buchstabensuppe, mehrere Nachfragen und die Feststellung, daß man es unter »P« finden würde. Glückwunsch: es war ein Honk, das den Tresen von A&P bewachte. Es wäre sicherlich noch schneller gegangen, wären die überlangen Fingernägel nicht ein ernsthaftes Hindernis bei der Bedienung der Tastatur gewesen. Oder das Wissen, an welcher Stelle im Alphabet man den gesuchten Buchstaben ungefähr zu erwarten hätte. Es geht natürlich auch seriell. Wenn man Zeit hat.
»Sie wollen bei uns arbeiten? Das ist ja mal…« Sie beendete den Satz nicht und musterte mich gründlich. »Laufen Sie immer so rum?« Eine berechtigte Frage, die allerdings von der falschen Instanz gestellt wurde. »Zu Herrn W., bitte! Ich habe einen Termin.«
»Ach, Marcel! Wir duzen uns hier grundsätzlich, wissen Sie? Da lang. Dritte Tür rechts.« Sie wedelte mit ihren bunten, bekrallten Fingern in die einzige Möglichkeit, die sich außer dem Ausgang bot, den Weg fortzusetzen. Ob ihre Krallen in den fünf Farben des Regenbogens im Dunkeln leuchteten?
»Dritte Tür rechts!« Ein zögerndes Nachrufen und dann etwas lebhafter »Nein: Links! Links! Name steht an der Tür«

Marcel blätterte in Papieren, schob den schmalen Stapel gelangweilt an die Seite und griff zu einem Tablet. »Blogger. Du hast ein Blog. Schrottpresse….sehr witzig. Politik und so, was?« Das Büro (vierte Tür rechts) roch eindringlich nach Nagellackentferner oder etwas Ähnlichem, Aceton. Der Tisch gepflastert mit Monitoren, auf denen dem Ton nach japanische Zeichentrickserien liefen. Wenigstens eines der Programme mußte sich dem Geräusch nach zu urteilen mit der Fortpflanzung der animierten Wesen beschäftigen.
Ohne diese Hintergrundbeschallung auch nur marginal herunterzuregeln, griff Marcel zum Telephon. Ich hatte es nicht einmal klingeln gehört: »Wo ist der? Iran? Gib die Story Tobie. Der soll ihm ein paar Zigaretten in die dreckigen Finger photoshoppen. Passt doch: Verwahrlost, Raucher… hat er irgendwelche lustigen Hobbys? Liebt er Tiere… du weißt schon? Nicht? Bis später«
»Politik mache ich hier! Das ist mein Spezialgebiet. Kannst Du videoschneiden? Nichts dolles, nur so kurze Trailer, nicht länger als ein paar Minuten… Titten größer machen, Musik und so? Ja? Prima. Damit kannst Du erst mal anfangen, wir sehen dann mal weiter.« Ein Pause entstand. Für Marcel war damit alles gesagt, ich lauschte den beunruhigenden, flappenden Tönen japanischer Männerphantasien.
»Die Dani wird dich gleich mal abholen und dir den Laden zeigen, hab schon Bescheid gesagt« Marcel wühlte in einer offenen Schublade und zog eine Plastiktüte daraus hervor. »Sie kommt gleich – du kannst vor der Tür auf sie warten.«

»Bist Du Pantoufle?« Das kleine dürre Mädchen war höchstens… mit sehr viel Glück gerade volljährig. »Magst du Delphine?«
Vor allem mag ich keine zappeligen Mädchen, die sich ihre Haare weißblond färben.
»Ich frag das jeden, den ich kennenlerne, weißt du? Das ist ganz wichtig für mich. Ganz viel früher, als ich noch klein war, bin ich in Stuttgart immer mit Papi bei den Zoo und da haben mir Delphine immer am liebsten gefallen. Bis heute.« Ich bestätigte ihr stammelnd, daß es sich bei dieser Spezies um wirklich unglaublich elegante und kluge Tiere handeln würde. In meiner Jugend hätte es sogar eine TV-Serie nur mit Delphin gegeben.
Das sei gut, konstatierte sie meine Unsicherheit gegenüber diesem verpönten Nahrungsmittel. Immerhin könnten diese Fische auch reden und auf der Flosse tanzen. Andere Fische könnten das nicht.

»Wir polarisieren!« Dani kaute sichtlich an diesem Wort. »Wir machen Trends und sind einzigartig!« Ihr Rücken strafte sich beim Gehen bei diesen Worten. »Schön, daß du bei uns anfangen willst. Es wird dir gefallen! Magst du schöne Mädchen? Auch nackte?« Ein irritierender Blick aus grauen verwirrten Kleinmädchenaugen.
»So, wir sind da: Mein kleines Reich.« Eine Kinderhölle. Kuscheltiere bataillonsweise um Monitore drapiert, die Wände wahllos mit Mangas verkleistert, nur stellenweise unterbrochen mit Bildern mehr oder weniger rasierten Mösen, Brüsten und nicht geschäftsfähigen Popstars. Das Gruselkabinett eines zu kurz gekommenen Teenagers. Ihre erwartungsvoller Blick haftete an mir, während ich diesen Albtraum versuchte zu verarbeiten. »Mensch! Hast du das toll hier!« Mir wurde leicht übel, während sie erleichtert kicherte. »Ich habe ein eigenes Klo, wenn du mal…Da ist sogar Netz!«
Es war andere Logik, nicht die meine, sondern die einer Insel der Glückseligen, fernab von so profanen Dingen wie Broterwerb, Schule oder Altersheim. All diese Dinge, die in diesem kleinen weißblonden Kopf keinen Platz mehr gefunden hatten. Was ist ein Abitur gegen ein WC mit »Empfang«?
»Marcel sagte, du machst Video. Ich zeig dir mal deinen Platz wo du arbeiten kannst. Wir machen ein paar Artikel zusammen, du machst die Bilder fertig und ich schreibe den Text dazu.«

Einen Vorteil hatte mein eigener Arbeitsplatz: Man wurde weder durch 712 total süße Plastikhäschen noch durch die Zurschaustellung irgendwelcher Geschlechtsmerkmale belästigt und seien sie noch so unverbraucht und rasiert. Ein Zustand, der auf Dauer sicherlich nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre, aber für den Moment war es gemessen an meiner Umwelt äußerst erholsam.
»Kennst du Emily? Emily Ratajkowski? Nein? Die ist total süß!« Alles hier war süß oder sexy, warum nicht auch Emily. Dani war jedenfalls vollkommen bezuckert von der Dame und hatte auch schon etwas Text vorbereitet:
»… und wenn ich eine Pause brauche, dann setze ich mich vor sie und lasse sie solange hüpfen, bis ich vom Umherschaukeln ihrer riesigen Brüste hypnotisiert eingeschlummert bin.« Der nötige Rest des Artikels würde ihr sicher nur so aus der Feder laufen, wenn das dazugehörige Video erst einmal vorliegen würde. Mein Job!
Busen, Bauch, Hintern und im Nebenher etwas Gesicht, damit man weiß, wer es ist. 20 Minuten Rohmaterial auf 0:59 geschrumpft plus sieben Sekunden Abspann. Nach Danis Vorstellung die Zeit eines handelsüblichen Geschlechtsverkehrs bis zur Ejakulation. Das ist wenigstens überschaubar und erleichtert die Erinnerung an den Namen des Fickenden.

Dani hatte wider Erwarten schon einen vollständigen Text, meint: Die erwartete Menge Zeichen, die für einen Artikel bei A&P üblich waren. Im Durchschnitt entsprach das 10 Worten pro Bild, Videos zählen als 10 Bilder. Unsere Zusammenarbeit schien sich prächtig zu entwickeln.

Wenn ich zu irgend einem Zeitpunkt der Meinung gewesen war, meine Tätigkeit hätte mit Arbeit im klassischen Sinne nichts zu tun, so sah ich mich getäuscht. Von 11jährigen Tokio-Hotel-Fans ein zitierfähiges Wort aus einem Youtube-Video zu extrahieren: Das ist sogar harte Arbeit und nach 1:43 Minuten mit der Ausbeute, diese Fans würden auf dem Schulhof geschlagen, eher ernüchternd. Woher haben diese kleinen Schreihälse eigentlich so viel Geld, um Tickets und Transport zum Venue zu finanzieren? Den ganzen Rummel in die Antarktis schicken, zur Freude der Eltern und des guten Geschmacks… aber auf mich hört ja keiner.
Sind japanische Milfs die besten der Welt? Fragen, auf die die Erde sehnsüchtig wartet. Dieser vier japanischen Pornodarstellerinnen geben keine Auskunft über die Sarnierung Fukushimas, sind aber wie Tepco an schnellem Geld interessiert. Wenigstens darin gleichen sie sich. Aber das ist natürlich Politik; ein Thema, dem sich hier ausschließlich Marcel mit allem Einsatz widmet; für einen Praktikanten heiliger Boden. Dani erwies sich als unermüdliche Hilfe, mich auf den rechten Pfad zu bringen. Keine unbeantwortete Frage, keine unkommentierte Schamlippe oder Brust – die vollendete Hingabe an eine Scheibenwelt.

Die anstehende Mittagspause war bereits vollständig mit Noteinkäufen verplant. Ohne eine Flasche halbwegs erträglichen Rotwein sah ich meine Chancen schwinden, diesen Tag geistig unbeschädigt zu bestehen. Ein paar Sportschuhe, eine schlechte Adidaskopie, aber dem Dresscode von A&P näher als meine Stiefel. Eine überfüllte Shopping-Mall, die Zeit lief davon und ich versuchte durch die Tiefgarage abzukürzen. Zementsäcke, Steine vor einem kleinen Raum, über die ich fast stolperte. Die Maurer mussten ihre Arbeit schon vor Wochen im Stich gelassen haben. Oder waren es Jahre gewesen? Es stand jedenfalls im krassen Widerspruch zu dem Terror der Niedlichkeit bei A&P, was aber scheinbar niemanden störte. Eine verstaubte Baustelle neben den Parkplätzen und eine erste Idee.

Frau Honk mit ihren grotesken Fingernägeln bewachte immer noch den Tresen am Eingang. Sie würde übrigens Miriam heißen. Aber auch das sollte ihr nicht helfen. »Du brauchst dich gar nicht so beeilen. Jeder kann hier solange Pause machen, wie es ihm paßt!«
Sie lächelte und suchte sich sorgfältig eine von drei Brillen aus, die vor ihr lagen. Durch die unpassendste fixierte sie mich »Und? Schon etwas eingelebt?« Und wie! Immer dem Verdünnergeruch nach durch den Flur in mein eigenes, kleines Paradies. Marcels Tür stand sperrangelweit offen und verströmte das Air von Malerarbeiten. Stille. Nur das Geräusch fickender Mangas schwebte wie ein Rauschen in den Ohren im Hintergrund.
Auch der Arbeitsplatz Danis war leer. Auf dem Tisch Strickzeug, ein Detail, das so gar nicht zu ihr passen wollte. War ihr Auftritt 100% Polyester, so trug sie jedenfalls Socken aus Naturfasern, unbeholfene Säcke, soweit das unfertige Werkstück es verriet. Oder gab es jemanden in ihrem kurzen Leben, den sie zwang, damit herumzulaufen? Schlimmer noch: Beabsichtigte zu heiraten?

Dani steckte Stunden später ihr Gorgonenhaupt durch meine Tür. »Wieder daha – wer nohoch? Hast Du schon gehört? Die Türkei löscht gerade das Internet! Nochmal schnell nach Facebook! Ich bin dann weheg. Die anderen kommen wohl auch nicht mehr.«
Ob das nun die Aufforderung war, ebenfalls zu gehen oder nur der Versuch, etwas gegen die Stille des Büros zu unternehmen – wer weiß?
Es war jedenfalls vollkommen unbeabsichtigt das Todesurteil Miriams, der kralligen Dame am Einlaß, auch wenn Dani das niemals erfahren sollte.

Der Plan

Miriam fügte den Farben ihrer Fingernägel eine weitere hinzu. »Ach, du bist noch da? Geh mal besser bald, bevor ich abschließe. Ist noch Party heute Abend. Soll ich dich irgendwo absetzen? Mein Wagen steht unten in der Garage.« Das traf sich gut. Genau dort wollte ich sie haben. Das wäre sehr, sehr nett. Wirklich! Meine Freude war kaum gespielt.
Während sie alles abschloß, ihre umfangreichen Schminkutensilien zusammenklaubte, wurde sie beinahe zutraulich, sie gewann als Mensch – wenn auch zu spät. Ihr Freund als Prospect bei den Yellow Jackets hätte mich beinahe in meinem Entschluß schwankend gemacht, aber nach allem, was ich über das Unternehmen A&P in Erfahrung gebracht hatte, durfte das keine Rolle mehr spielen.

Als Gentleman alter Schule ließ ich ihr wie selbstverständlich den Vortritt auf der Treppe ins Untergeschoß. Ob sie etwas von Schlag der Blumenvase bemerkte auf ihrem Hinterkopf außer der plötzlichen Dunkelheit? Wohl kaum. So schnell schwanden ihr die Sinne, der Sturz die Treppe herunter und die Stiefelabsätze, die ihre Handgelenke brachen – die gnädige Ohnmacht, die sie den vorübergehenden Schmerz nicht spüren ließen.
Alles, was man im Leben lernt, zahlt sich irgendwann einmal aus. Vor allem sind es die handwerklichen Tätigkeiten, mit denen man als Pfund im Leben wuchern kann. Verachte mir niemand diese kleinen, aber umso nützlicheren Fähigkeiten. Jeder, der einmal Stein auf Stein setzte, vom Mörtel kunstgerecht gehalten und nach erstaunlich kurzer Zeit schon ein stabiles Gebilde, nur durch schweres Werkzeug zu zertrümmern.
Die Arbeit ging mir gut von der Hand. Ein letzter Blick vor dem Schlußstein auf die ruhig Schlafende, ein beinahe berührendes Bild der Ruhe, wäre der eigentümliche Winkel ihrer Hände zum Körper nicht gewesen.
Der letzte Stein der doppelten Mauer, die Miriam ihr vollkommen eigenes, kleines Reich schufen, eines, das nur ihr allein gehörte, unumschränkte Herrscherin wenigstens hier.

Vollendung

Der Stolz des Handwerkers ließ mich am nächsten Morgen ein paar Minuten an den sauberen Fugen meines Werkes des vergangenen Abends verweilen. Schlug man mit einem der übrig gebliebenen Backsteine kräftig an die Wand, so antwortete ein fast unhörbares Winseln aus dem Inneren. Nur wenn man, das Ohr fest an den Stein gepresst, lauschte, konnte man es wie eine Ahnung davon vernehmen.
Ein neuer Arbeitstag wartete auf mich und auch ohne die Hilfe Miriams fand ich den Weg zu meinem Arbeitsplatz. Jemand war vor mir gekommen, hatte die Türen geöffnet, die Beleuchtung eingeschaltet.
Die Acetonschwaden hatten sich über Nacht etwas verflüchtigt und wurden von einem schweren Duft überlagert. Nuttenparfüm. Die Chihuahua-Hündin Dani schmückte sich mit dem Geruch eines Ochsen oder anderen sehr großen, brünstigen Tieres.

»Marcel kommt heute nicht. Wir müssen die ganze Arbeit alleine machen… puh: das wird ein langer Tag!« Sie hatte schon eine Liste begonnen, was bis zum nächsten Morgen veröffentlicht werden mußte. »Britische Geheimdienste beobachten dich beim Mastubieren« Ob ich den Dildo auf dem Bild vielleicht in blau-metalic umfärben könnte? Den Text hätte sie fast fertig. Irgend etwas mit Terrorabwehr. Und Metalic-Dildos. Bei ihr könnte der Geheimdienst ruhig auch mal zusehen. Sailor Moon-Unterwäsche. Unglaublich sexy! »Du gehst heute Abend auf ein Date mit dem tollsten Typen der ganzen Hauptschule und hast einfach keine Ahnung, was du anziehen sollst?« Dani war im Arbeitsrausch. Aber ich mußte es jetzt zu einem guten Ende bringen, auch wenn es mir die »Kids draußen« kaum verzeihen werden.

Auf ihrem Arbeitstisch stand ein kleiner Bilderrahmen. »Sommer 2011« und ein pickeliger Jüngling, der dumm in die Kamera grinst. »Dein Freund?« »Ja, wir lieben uns einmal in der Woche.« Vor dem Bild ein paar Kinderhandschellen, plastikverchromt und billig. Aber sie sahen haltbar genug für meine Zwecke aus. Ich beugte mich von hinten über ihren Rücken. Ihr Parfüm raubte mir den Atem; ein ekelerregender süßlicher Geruch nach Verwesung und Stall. Mit geschlossenen Augen durchforstete ihr kleines Gehirn alle ihr bekannten Spielarten, die mit rückwärts am Stuhl gefesselten Händen zu tun hatten. Und Fußgelenken. Und einer Stricknadel, die ihr T-Shirt langsam bis über ihre Brüste hochhob. Es wollte ihr nichts einfallen und so blieb es bis auf ihren schweren Atem ruhig. Die Nadel kitzelte an ihren Nippeln, bis sie so groß waren wie die auf dem Bild hinter ihr an der Wand. Nur nicht die Größe des Busens, nichts, was sich über ihre Rippen legte, diese dünnen Knochen, über die sich die Haut spannte. Sie schob ihren Unterleib vor, als enthielte er irgend etwas Bemerkenswertes. Unterernährt, dachte ich, als ich mit sanften Druck die Stricknadel zwischen die vierte und fünfte Rippe in das nachgiebige Fleisch bohrte.

Ich hatte erwartet, das sie schrie oder wenigstens stöhnte. Aber sie schien nicht einmal Schmerz zu verspüren. Sah nur mit irrem Blick abwechselnd auf die Nadel in ihrem Körper und auf einen der Bildschirme »jeder liebt Bacon! Warum holt ihr euch dann nicht auch das Bacon-Bodywash für rund 4€ von Archie McPhee? Genau, ihr habt richtig gehört: Statt frischen Früchten oder illustren Blumen riecht McPhees Bacon Body Lotion wie euer Lieblingsfrühstück!« Die Nadel schien sie kaum zu interessieren so wenig wie der dünne Faden Blut, der aus dem winzigen Loch über ihren Körper lief.
Ich setzte mich wieder ihr gegenüber an den Tisch und hörte zu, wie ihre Atemzüge immer kürzer wurden. Es blieb so still wie von dem Moment an, an dem ich begann sie zu fesseln. Ob sie wußte, daß sie sterben würde? Wahrscheinlich nicht. Das war etwas, was so weitab ihres Vorstellungsvermögens lag, daß es ihr wohl kaum in den Sinn gekommen ist. Ein sanftes Zittern und sie hörte auf zu atmen. Was für ein trauriges Leben endete hier: Sie beherrschte das Sterben so wenig wie die Grammatik.

Der deutsche Ermittler liebt sachdienliche Hinweise. Einen Moment war ich am Überlegen, was ich als kleines Beweismittel offerieren soll. Ein geheimnisvolles ZM wie Zorro und eine mystische Ergänzung? Ein Zettel mit dem geheimnisvollen Hinweis »Kiezneurotiker« und einem runenähnlichem Fragezeichen, aufgespießt auf den Rest der Nadel, die aus ihr stak, sollte für genügend Stoff zum Nachdenken reichen.
Dani saß ruhig an ihrem Tisch und bewegte sich nicht mehr. Es gab nur noch eines zu tun.

Tetraethylblei ist in Patex-Verdünner kaum zu spüren; vielleicht ist der Duft ein wenig süßlicher, die Wirkung etwas intensiver. Unter einem unordentlichen Stapel Plastiktüten war die Dose mit dem Lösungsmittel schnell gefunden. Marcel zeichnete sich nicht durch übertriebene Ordnungsliebe aus. Ob er es am Gewicht merken würde, wenn ich die bereits verbrauchte Menge durch die artfremde Substanz ersetzen würde? Wohl kaum. Wie die meisten übertrieben genußsüchtigen Menschen fragen jene eher nach dem Vorrat und weniger nach dem Verbleib.

Die Reise

Das Signal am Rechner ist schwächer geworden. Bald wird die Internetverbindung abreißen. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung bedeutet das übrigens keineswegs einen Weltuntergang oder auch nur die Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Lebensqualität: Das sind windgefüllte Segel und das Geräusch einer Bugwelle, das silbrig ablaufende Kielwasser in der untergehenden Sonne.
Marcel scheint es den letzten Meldungen zufolge noch gut zu gehen, jedenfalls nach seinen Maßstäben. »Über den Autor: Marcel lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei A&P. Seine Persönlichkeit setzt sich aus TV-Shows und Fantasien mit japanischen Karatekämpferinnen zusammen, dessen Summe er als echten Menschen ausgibt.«

Immerhin: Der Chemie-Cocktail beginnt zu wirken. Und irgend jemand muß ja auch die Polizei benachrichtigen, bevor es anfängt, anrüchig zu werden. Um Miriam brauch man sich nicht zu sorgen, eher um Dani. Ob er wohl jemals weiter als bis zur vierten Tür rechts vorgedrungen ist?
Mit zwei, drei Schlägen sollte ich die 12-Meilenzone hinter mir haben. Wohin die Reise geht? Aber wer wird denn so neugierig sein! Vielleicht in die Schären oder nach den Hebriden? Wer weiß – vielleicht weiß ich es nicht einmal selber. Der Bildschirm des Furuno zeigt nicht das kleinste Krümelchen. Zeit genug, um eine der unverpackten Kisten zu öffnen. Ein letztes Andenken an Dani. Nutella pur mit den Fingern, während der Wind etwas schralt. Die Kartons standen unter ihrem Tisch. War es Sentimentalität, daß ich gerne ein Andeken an sie behalten wollte? Leicht abfallen und das Boot schiebt sogar etwas Lage, es frischt auf. Nutella schmeckt nicht nur pur widerlich. Mit einem Deckel versehen kann man es im Kielwasser schwimmen lassen. Schnell wird das Glas kleiner und kleiner, verschwindet…

Zeit zum Segeln.

Eine Erklärung für diese Splatternummer wäre an dieser Stelle sicherlich angebracht. Folgt man dem Link im Text zum Kiezneurotiker, klärt sich das Zustandekommen auf. Ob es eine vernünftige Erklärung ist, kann ich allerdings nicht garantieren.

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13 Antworten zu Schrottpresse goes Amy & Pink / The day after

  1. kiezneurotiker schreibt:

    So sehr es für dich eine Qual gewesen sein muss, die Antworten zusammen zu suchen desto mehr war es ein Genuß für mich, sie aus diesem Text zu fummeln. Ich muss ihn nur gleich noch einmal lesen, denn ich habe noch nicht alle gefunden. Aber ich bin mir sicher, sie sind da. Danke 🙂

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    • pantoufle schreibt:

      Moin, Kiezneurotiker
      Ne: Eine fehlt: Es waren wohl 11 Dienste von Cloudanbietern und Social Networks. Ich lese gerade etwas Korrektur und da ist mir das aufgefallen.
      Ey Mann: Das war echt harte Arbeit!!!

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  2. Stony schreibt:

    Eine in mehrerer Hinsicht elegante Lösung … und ein vergnügliches Ergebnis zugleich. Möge der frische Fahrtwind das Hirn kühlen und so von der Schmelze abhalten.
    Godspeed!

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  3. DasKleineTeilchen schreibt:

    meine.fucking.fresse.

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  4. tikerscherk schreibt:

    Ich bin beeindruckt.

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  5. Joachim schreibt:

    Ein B-Movie? pink’n’wat? Ach ami. Wollen wir „Wo ist Walter“ spielen? Nix da. Nutella schmeckt nicht nur pur widerlich.

    Nö, ich begebe mich nicht auf die Suche. Da sind genügend Bilder da. Etwa: „Das Signal am Rechner ist schwächer geworden“ … „Zeit zum Segeln“. Und der Splatter? Wen will man „töten“ wenn Existenz ist etwas Anderes ist.

    !ch sach mal so: Vielschichtig. Es ist immer anders als es scheint.

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Joachim
      Das ist aber schön, daß es jemand gelesen hat.
      Nein, nein – es haben auch andere gelesen. Erschreckend viele sogar, auch wenn die Resonanz eher betretenes Schweigen war. Ja, so ein paar Morde wollte ich immer schon mal in epischer Breite… und Sex sales.
      Die Suche ist ja auch nur für den Kiezneurotiker gewesen. Wie langweilig wäre es gewesen, die Fragen zu beantworten. Ob er sie allerdings versucht hat herauszufinden? Ich glaube es ja ehrlich gesagt weniger.
      Du hast es schon richtig erkannt: Ein 1a B-Movie 🙂 ik bin stolz auf es!

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      • Joachim schreibt:

        Absolut. Stolz solltest Du auch sein – in dem Sinn, dass man stolz ist, wenn man eine Arbeit beendet hat und sieht, dass es geklappt hat.

        … Beleg etwa durch Hinweis auf die Assoziation von Segeln, Surfen mit dem schließlich verblassendem Internet gestrichen …

        Darf ich anmerken, dass ich den Entscheidern der Politik und Wirtschaft diesen Text an’s Herz lege? Ich meine ja nur… bevor noch böse Dinge geschehen…

        Aber lonesome rider, wem muss ich hier irgend etwas erzählen?

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  6. Pingback: Im Rausch der Heiterkeit | kreuzberg süd-ost

  7. Monday schreibt:

    Fehlt am Ende nur noch der Blick in das rot der untergehenden Sonne. Die Romantik kommt doch ein wenig zu kurz. 😉

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  8. Pingback: Nichts Neues | Zurück in Berlin

  9. Pingback: Liebster Award | kreuzberg süd-ost

  10. rocknroulette schreibt:

    es sollte bald mal eine anthologie mit a&p-stories herauskommen! so langsam kriege ich den eindruck, dass das lohnender wäre als alle „ich bin die cracksüchtige großmutter einer transsexuellen hure“-beiträge.

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