Fundstücke

Da fällt einem der Abakus aus der Hand: Die normalerweise zurechnungsfähige Ines Pohl (taz) schreibt in einem Beitrag für den Deutschlandfunk:

»Im vergangenen Jahr haben 250.000 Deutsche rund 20 Milliarden Euro für Bilder und Filme mit nackten Kindern ausgegeben. Der Markt ist riesig. Und die Betreiber dieser Foren schrecken vor nichts zurück, um ihr Geschäft am Laufen zu halten.

Die Betreiber dieser Foren nötigen mir eine gewisse Hochachtung ab. 250.000 »Forenbesuchern« im Schnitt 80.000€ pro Jahr und Nase aus der Tasche zu ziehen – das nenne ich erfolgreiches Marketing. Wie der geschätzte Kollege Klaus Jarchow feststellt: Es scheint sich bei Kinderpornographie um ein Problem in der Spitze der Gesellschaft zu handeln.(¹)
Oder um ein Problem ungebremster Hysterie. Ausschnitt aus der schriftlichen Stellungnahme für eine Anhörung zum Zugangserschwerungsgesetz im Bundestag von Alvar Freude:

Nach einer Studie der European Financial Coalition gibt es keinen nennenswerten kommerziellen Markt für Darstellungen sexuellen Missbrauchs von Kindern nach § 184b StGB. Um überhaupt einige Fälle zu finden, wurden sowohl der Missbrauchsbegriff als auch die Kommerzialität sehr weit gefasst: Von 14.579 untersuchten einschlägigen Webseiten enthielten insgesamt nur vier (!) kommerzielle Seiten Bilder von nackten Kindern. Zwei Seiten (0,0137%) enthielten Comic-Zeichnungen mit nackten Kindern, zwei weitere waren Nudisten-Seiten (Seiten mit FKK-Bildern).
Das Kriminalwissenschaftliche Institut der Uni Hannover erstellt derzeit eine Studie zu dieser Frage. Erste Ergebnisse zeigen, dass es keinen umfangreichen kommerziellen Markt für derartige Inhalte gibt.

Das hindert aber niemanden, den Unsinn der 20 Milliarden (die im Übrigen im Original Dollar und keine Euro waren) ohne Beleg bis zum Erbrechen zu wiederholen. Man fragt sich mittlerweile, ob es um das Wohl der Kinder geht oder darum, diese märchenhaften Umsätze dem Finanzamt zugänglich zu machen.
Sexueller Missbrauch von Kindern? Der findet zu ca. 75% im familiären, sozialen Umfeld der Opfer statt. Wikipedia zählt allein 27 römisch-katholische Bistümer in Deutschland auf, in denen es erwiesenermaßen zu Kindesmisshandlungen kam. Da es keine Anzeigepflicht gibt, ist das mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs. Da greift kein noch so spektakuläre Sprengung eines »Porno-Rings«, Internetsperren oder Vorratsdatenspeicherung.

Frau Pohl geht aber noch weiter:

»Wenn der Gesetzgeber es ernst meint, und nicht nur strategisch auf der aktuellen Empörungswelle surft, muss er endlich klare Grenzen formulieren. Wer sich in einen Graubereich begibt, muss künftig dafür bestraft werden, wenn auch nur im Entferntesten die Möglichkeit besteht, dass die Persönlichkeitsrechte von Kindern durch die Foto- und Filmaufnahmen verletzt worden sind«

»…wenn auch nur im Entferntesten die Möglichkeit besteht…« surft Pohl zusammen mit einem Volker Ulrich, CSU und seiner »privaten Vorsorgespeicherung«. Die würde sich dann tatsächlich empfehlen; bei jedem Einschalten eines Internetfähigen Gerätes stände man mit einem Beim im Knast.
Keine Grauzone – das ist schwarz-weiß und trifft den Stand der Diskussion erstaunlich präzise. Nackte Putten an den Kirchenwänden, Badebilder der eigenen Brut, Freikörperkultur oder liebevoller Umgang mit Kindern, auch wenn es nicht die eigenen sind. Es erscheint immer unwahrscheinlicher, daß es auch nichtpädophile Menschen gibt. Ob genau das ein vernünftiger Umgang mit Kindern ist, sei dahingestellt. Es klingt eher wie »Helmpflicht statt Fahrradwege«.

Um dem naheliegenden Einwand zu begegnen, im Moment gehe es ja »nur« um den Handel mit Bildern misshandelter Kinder: Es wäre allzu naiv zu glauben, es würde dabei bleiben. Allein die Idee der »entferntesten Möglichkeit« spricht gegen diese Beschränkung.
Nicht nur Ines Pohl bedient aktuell den Beißreflex des Publikums, Pädophilie und Kindesmissbrauch gleich zu setzen. Eine Gleichung, die nicht nur an der Realität vorbeigeht, sondern ablenkt. Ablenkt vom Mangel an Anlaufstellen für Opfer und (potentielle) Täter, einer problemorientierten Justiz und einer sachlichen Diskussion, die länger andauert als die Schlagzeilen bei spektakulären Fällen.

Schade, Frau Pohl: Da hätte ich mehr erwartet.

(¹) Fälle wie der eines Berlusconi, von Versicherungsvertretern beim Betriebsausflug in polnische Bordelle, einschlägige Thailandtouristen oder eben Bundestagsabgeordnete legen allerdings diesen Schluß nahe.

Wir brauchen dringend ein Gesetz, das es längst gibt, stellt Udo Vetter fest. Seit 1907.
Ich möchte ich noch auf den Kommentar von Joachim etwas weiter unten verweisen, den ich unkommentiert lasse. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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7 Antworten zu Fundstücke

  1. gnaddrig schreibt:

    Es wäre allzu naiv zu glauben, es würde dabei bleiben. Allein die Idee der »entferntesten Möglichkeit« spricht gegen diese Beschränkung.

    Das ist es. Hier wird (ganz ähnlich wie sonst bei Maßnahmen zur Überwachung des öffentlichen Raums) die von einem konkreten Fall ausgelöste Hysterie ausgenutzt, um eine pauschale Verschärfung der einschlägigen Gesetze zu betreiben. Dass der konkrete Fall (wenn denn überhaupt ein strafrechtlich relevanter Tatbestand vorliegt, nicht einmal das ist ja bisher gesichert) wenig Grund für Hysterie bietet, stört natürlich nicht. Dass es kaum möglich sein wird, eine Verschärfung so zu formulieren, dass nicht schon beliebige Familienfotos vom Strand strafbar sind, muss auch nicht stören.

    Die Unschuldsvermutung ist anscheinend Ballast aus naiveren Zeiten. Mit der Idee der „entferntesten Möglichkeit“ kann man endlich zehn Unschuldige einsperren, um einen (vielleicht) Schuldigen nicht laufen lassen zu müssen. Trennschärfe wird wohl als Luxus gesehen und ist in Gesetzestexten nicht mehr nötig. Man arbeitet lieber in Grauzonen, wo das mit der entferntesten Möglichkeit erst richtig zum Tragen kommt. Großartige Marschrichtung für einen Rechtsstaat…

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  2. pantoufle schreibt:

    Moin Gnaddrig

    Was mich hauptsächlich genervt hat, war dieses stumpfe »malen nach Zahlen«, eine unreflektierte Abschreiberei beim Vorgänger. Da wird irgend eine in Umlauf befindliche Zahl kolportiert, als würde es sich um ein Argument handeln. Solchen Blödsinn kann meinetwegen die FAZ machen – da erwartet man das zum Frühstücksei, aber nicht die taz. Soweit war das alles ein Lacher beim Frühstück.

    Aber im selben Atemzug auch noch den Generalverdacht mit kaum wahrnehmbaren Einschränkungen zu fordern: Das ist schon ein starken Stück.
    Überhaupt diese Debatte. Das auf einmal jeder noch so abgehalfterte Troll ein Herz für Kinder entdeckt und lautstark mittrötet – das ist leider der Normalfall; die üblichen Zaungäste, wenn es mal wieder gekracht hat und das Blut fließt. Bei der Wichtigkeit des Themas erschreckt es allerdings schon, daß zwischen dem Bemühen Berlins zu beweisen, daß die Kanzlerin von nichts wußte und am anderen Ende Volkes Stimme in seiner schrillsten Tonart nichts stattfindet. Außer einem unisonen »Oh Gott oh Gott« nichts, das auch nur im Ansatz mit dem Problem zu tun hat.
    Daß das den Hardlinern in die Hand spielt, ist offensichtlich… aber wohl auch beabsichtigt.

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  3. gnaddrig schreibt:

    Ob beabsichtigt, weiß ich nicht mal. Zuallermindest wird es aber in Kauf genommen, und das finde ich schlimm. Steter Tropfen höhlt den Stein…

    Und das mit der taz stimmt wohl, da hätte man besseres erwarten können.

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  4. Stony schreibt:

    Ich lese nicht allzu häufig in der online-taz, was vor allem daran liegt, daß ich da, neben wohlbemerkt echt guten Artikeln, auch schon haufenweise übelst dummen Quatsch vor Augen hatte. Insofern finde ich es doch bedenklicher, daß ausgerechnet der Deutschlandfunk die Pohlschen Hirnwichsereien unhinterfragt einfach so bringt; kein Nachhaken, keinerlei Verweis auf „Quellen“ und Kontext. Das hat mich am meisten getroffen.

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  5. Vogel schreibt:

    Alles halb so schlimm: Der DLF hat auf Wunsch der Authorin aus 250.000 750.00 gemacht (folge dem o.g. Link); ’s sind also nich mehr 80.000 Euronen/Dollar pro Nase, jezz nur noch ~26.666.
    Noch Fragen?

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    • pantoufle schreibt:

      Öhhh… ja, aber ich habe das unbedingte Gefühl, daß es sinnlos ist. Experten statt Dollar und jede Sekunde meint ja wohl »sie sind immer und überall«. Kuh-Journalismus ohne Quellenangaben eben. Dieser Teil ist auch gar nicht ausschlaggebend; das ist nur das Präludium für ihren Schrei nach mehr Gesetzen, ein spannungssteigerndes Element sozusagen.
      Joachim hat in seinen Kommentaren bei den letzten Artikeln zum Thema viele gute Sachen gesagt, bezüglich der rechtlichen Lage verweise ich auf den Kommentar von Udo Vetter.

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  6. Joachim schreibt:

    Zwei Sätze erregten meine besondere Aufmerksamkeit:

    … unwahrscheinlicher, daß es auch nichtpädophile Menschen gibt
    … Pädophilie und Kindesmissbrauch gleich zu setzen.

    Du spricht da etwas an, das den Meisten nicht bewusst ist. Pädophilie und Gewalttaten müssen nichts miteinander zu tun haben. Gewalttaten, besonders an Kindern, haben einen anderen Hintergrund als die Vorliebe für nackte Kinder. Gewalttaten haben nicht einmal zwingend mit Sexualität zu tun.

    Der Gewalttäter übt Macht aus. Sein Opfer ist ihm hoffnungslos unterlegen. Indem er Schwache kontrolliert, manipuliert und missbraucht baut er sein Ego auf. Täter kommen mit Rechtfertigungen, das Opfer hätte es doch gewollt. Täter belügen sich selbst. Täter sind „nett“, oftmals den Kindern gut bekannt, schenken Schokolade, einen Teddy, bei älteren auch mal Pornos (ja, das geht nicht mehr so „gut“), erschleichen Vertrauen und schlagen dann unbarmherzig zu. In seinem Umfeld wird der Täter respektiert. Niemand hätte das Monster für möglich gehalten. Bei Gleichgesinnten aber gibt er mit seinen Taten an. Er ist tatsächlich stolz darauf, wie mächtig er sei.

    Jemand sagte: „es sind arme Würstchen“. In der Tat, es sind miese, erbärmliche Würstchen.

    „Man“ kann aus verschiedenen Gründen pädophil sein. Doch nur weil jemand sexuell von etwas angezogen wird muss er nicht zum Täter werden. Es gehört massives Gewaltpotential, ein defektes Ego und eine psychische Störung bis hin zum Profil eines Psychopathen dazu. Sexuelle Orientierung ist nicht „heilbar“. Ein Defekt im Kopf aber lässt sich reparieren oder wenigstens kontrollieren. Das tun wir aber nicht. Nur wenige Prozent der Fälle wird entdeckt. In noch weniger Fällen kommt es zu einer Anzeige. Eine Strafverfolgung ist in der Relation 1:10000 (geschätzt, Fachleute gehen von einem Promillebereich bei irgendwie erfassbaren Fällen aus) praktisch nicht mehr vorhanden.

    In dieser Situation reden über Bilder. Wir tun das bewusst, denn wir sind ja nicht gestört. Dann aber sind wir so dumm das Offensichtliche zu ignorieren. Oder wir tun das politisch, spielen die Stimmung nutzend den Hardliner.

    So oder so tragen wir die direkte Verantwortung. Die Diskussion über Bilder lenkt ab, schützt Täter und Mancher nutzt sogar das Leid der Kinder für seine Reputation aus. Und er ist noch stolz darauf, wie mächtig er ist.

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