Das war Ihr Jahr – noch Fragen?

Auch wenn es einige nicht wahrhaben wollen: Die Bundestagswahl war erst im Oktober, nicht im Januar. Die Zeit dazwischen: Das war der Wahlkampf. Und natürlich ist es so gekommen, wie alle vorausgesagt haben. Keiner hat sich geirrt und das haben wir nun davon. Schwarz-rote Suppe.

Was noch so war.

Die FDP, die FDP, sie ist nicht mehr. Sie verlässt den Bundestag wie die Bundeswehr Afghanistan: Geschlagen und rauchende Trümmer hinter sich lassend. Das Gesicht des Jahres gehört dieses Jahr Philip Rösler bei der Pressekonferenz zum vorläufigen Wahlergebnis. Häme? Aber immer doch. Es kam Jahre zu spät.
Redaktionskampfhund Oskar muß nicht mehr sein Kunststück machen, beim Namen »Rainer Brüderle« die Pfoten über die Schnauze zu legen und die Augen zu schließen. Nicht #Aufjaulen sondern Fremdschämen.

Hand aufs Herz: Wer hat vor dem Juli diesen Jahres gewusst, wer oder was die NSA ist? Siehste! Wie sich gegen Ende des Jahres herausstellt, hatte man bei dieser nationalen Sicherheitsagentur eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse gerade in den Koalitionsvertrag zwischen der Union und der SPD eingeflossen sind.
Nachdem die US-Regierung auf die Scherzfrage der Bundesregierung zu einem No-Spy-Abkommen ebenso humorvoll reagierte und zusicherte, daß lediglich das Handy der Kanzlerin nicht weiter abgehört würde, bleibt nur, eine Vertrauensperson einzusetzen, die den Hintergrund der Studie endgültig unter den Teppich fegt. Einen Namen für diese ehrenvolle Aufgabe gibt es auch schon: Klaus-Dieter Fritsche. Man sperre die hungrige Ziege zusammen mit den Geranien in die Abstellkammer und warte ab, was passiert.

Sicher gäbe es noch das eine oder andere zum ehemaligen Skandal anzumerken, aber man kann es sich genau so gut schenken. Man erschlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Nun gibt es belastbare Aussagen darüber, was das Volk widerspruchslos schluckt und das Berufsbild des Whistleblowers taugt nur noch für Suizid-Gefährdete.

Das Jesus-Kindlein in der Krippen – mein Jüngster latscht mit gelben Gummistiefeln und Friesennerz um das herum, wo eine Puppe (gebraucht) mit einer Serviette (neuwertig) notdürftig zugedeckt ist. Hat der schröckliche Presse-Orkan Xaver tiefere Schneisen ins Bewußtsein als in die Wälder gerissen? Krippenspielprobe in der Dorfkirche. Pappi döst vor sich hin: Krippenspiel auf friesisch – die andere Variante. Mit einem herzlich-lauten »Moin« betreten die drei Könige den Stall. Maria hat gerade Tee gemacht während Josef an der Pfeife zieht. Kein Wort – wer zuerst einen Ton sagt, hat verloren. Nur das Geräusch des scheißenden Esels. Gebanntes Schweigen der kleinen Schauspieler und im Publikum der Kirche. Nach zehn Minuten dann von der Galerie, ganz leise: »Un se hett ehr Auto rüggels ut de Garaasch rutföhrt, wieter quer över de Straat, un de Fohrt weer denn vör en Ahornboom erstmol to Enn!«
Nein, Traumgebilde. Jedes Jahr das Selbe. »Sind sie nicht niedlich?« Vor allem die eigene Brut und dann nichts wie nach Hause unter den Weihnachtsbaum. Frieden, Frieden und die Türen abschließen.

Einen Friedensnobelpreis hat es dieses Jahr natürlich auch wieder gegeben. Nach diversen Pleiten entschied man sich diesmal für etwas Unauffälliges: Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen. Political correctness in alle Richtungen. Einmal für das Verbot von Massenvernichtungsmitteln und gleichzeitig für die Standardbegründung jeden neuen Krieges der Weltgemeinschaft.
Die friedensnobelpreisgekrönte Organisation mit Sitz in Den Haag verfügt über ein jährliches Budget von 60 Millionen Euro, der Umsatz der zehn größten Waffenhersteller liegt bei ca. 218,2 Milliarden Euro. Wer stellt eigentlich die ganzen Chemiewaffen her?

Stichwort Obama – da war doch noch was? Ach ja: Die Drohne! Ob die Idee Amazons mit der Auslieferung von Waren vermittels Drohnen aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium kam? Als Strategie der Verniedlichung? Wenn diese lustigen, kleinen Fliegedinger unser iPhone bringen, killt es sich gleich viel entspannter in Pakistan.

Auf dem Broadway der Verwahrlosung auch ein Sternchen: Das Leistungsschutzrecht für alles Mögliche. Das Ende von Google und anderen terroristischen Nachrichten-Aggregatoren. Selten hat man für einen Schlag ins Wasser weiter ausgeholt. Google zahlt bis heute nicht und wird es in Zukunft auch nicht tun. Wer konnte damit rechnen? Der erwartete Schlag gegen die Blogssphäre blieb aus naheliegenden Gründen aus: Wenn Google schon nichts zahlt… und bei den anderen ist schlicht nichts zu holen. Tja, liebe Verleger: Wolltet Ihr nicht gelegentlich mal ein paar Zahlen präsentieren?
Man fragt sich, warum die Verleger eigentlich nicht schafften, was jeder mittelklassige Pharmalobbyist, Waffenhersteller oder Autobauer mit der Muttermilch aufsaugt: Anfragen als fertige Gesetzestexte an den dazugehörigen Abgeordneten zu übermitteln. Sollten die eigentlichen Intellektuellen ganz woanders sitzen?

Äußerst unprofessionell begann am 6.Mai der Prozess gegen die Beate Zschäpe und einige ihrer Helfer. Die Reise nach Jerusalem um die Platzvergabe der Stühle im Sitzungssaal sorgte weltweit für Lacher oder Empörung – je nachdem, ob man sitzen durfte oder nicht. Der dabei in die Kritik gekommene Richter Götzl (mit Sitzplatz) erweist sich mittlerweile als gute Wahl. Der Mamutprozeß schreit nach einem Mann mit besonders dickem Fell, was Götzl noch bis Ende 2014 unter Beweis stellen darf. Nebenbei angemerkt: Hätte der Prozeß in Stammheim 1975 mit solchen Arbeitsbedingungen für Journalisten und Publikum begonnen – er wäre nach spätestens 48 Stunden abgebrochen worden. Da die Opfer dieses Mal aber aus den unteren Schichten der Bevölkerung und die Täter von rechts kamen, konnte man schon mal Kompromisse eingehen.

Der Münchener Gerichtshof kann sich beruhigt zurücklehnen – die anderen machen es auch nicht besser. Bradley Manning wird im Juni zu 35 Jahren Haft verurteilt. US-amerikanische Politiker hatten die Todesstrafe gefordert. Die Verurteilung erfolgte wegen der Aufdeckung von Kriegsverbrechen und fortgesetzter Verstöße gegen Menschenrechte und der Genfer Konvention. Man nannte es Spionage. 2011,2012 und 2013 wurde der inhaftierte Manning für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Friedens-Nobelpreisträger Barack Obama bestätigte das Urteil des Militärgerichts in Fort George G. Meade.

Kommen wir nun zu den positiven Ereignissen des Jahre 2013: Der Braungrüne Zärtling (Entoloma incanum) ist Pilz des Jahres.
Ach, und dann sind wir natürlich auch nicht mehr Papst. Herr Ratzinger verzichtet aus welchen Gründen auch immer auf eine Spielverlängerung. Der Neue, Franziskus, ist überraschend anders. Es scheint ein kluger Mann zu sein, jedenfalls hat er sich bei vielen, die sich explizit auf ihn berufen schon unbeliebt gemacht. Sogar Sahra Wagenknecht zitierte ihn an die Adresse sogenannter christlicher Parteien während einer Bundestagsrede. Das ist seit Ferdinand Lassalle nicht vorgekommen.

Die Rhetorik-Fachjury der Universität Tübingen verleiht dem Wortbeitrag Gysis im Bundestag das Prädikat »Rede des Jahres«. Überflüssig zu erwähnen, daß die gesamte Opposition während seines Vortrags in Papieren wühlte oder herumalberte. Auffallend auch, daß rhetorische Schwergewichte wie H.P.Friedrich, H.P. Uhl, A. Merkel u.Ä. auch dieses Jahr wieder nicht nominiert waren. Man bleibt unter sich, nicht nur rhetorisch: Den einzigen Applaus der neuen großen Koalition beim Vortrag Sahra Wagenknecht zur wirtschaftlichen Situation Europas erhielt sie bei der Floskel »Bevor ich zum Schluß komme…«. Ein Vorgeschmack auf die Rolle der Opposition in den nächsten vier Jahren.

Opposition? Gibt es die auch noch? Es sollen ja noch ein paar grüne Politiker herumoxidieren: Die neue Datenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff wird auch mit den Stimmen der Grünen im Amt bestätigt. Zwar ist selbst den Grünen nicht entgangen, daß die Ernennung dieser Person gleichbedeutend mit der Abschaffung des Amtes einhergeht, aber man votiere für sie, weil »diese Stelle in Zeiten der NSA-Aufklärung nicht vakant bleiben dürfe«. Die Begründung hinterläßt Rätsel. Man stimmt in Zeiten von Atemnot für die Abschaffung von Sauerstoff?

Das alte Jahr brachte nicht nur Freude. Man könnte sogar soweit gehen… aber soweit will ich gar nicht gehen. Wer sich am 25.2. an den 100. Todestag August Bebels oder am 18.12. dem 100. Geburtstag Willy Brandts erinnert hat, hätte sicherlich gerne gesehen, wie die Beiden mit der heutigen SPD Schlitten gefahren wären. Zum Glück für Gabriel & Co sind sie tot, tot, tot.

Wir, die wir noch leben… aber das ist eine andere Geschichte.

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5 Antworten zu Das war Ihr Jahr – noch Fragen?

  1. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

    Bertolt Brecht

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  2. Ich war dieses Jahr sogar „Wahlhelfer“ – „Schriftführer“ in einem „Problembezirk“. Da war nix mit Abstumpfung, die trat bei mir erst NACH der Wahl ein. Rückblicke sind immer fast fataler als die berühmten Guten Vorsätze. Happy and yellow xmas anyway !

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  3. pantoufle schreibt:

    Habe ich schon gesehen – bin etwas bei Dir rumgeschlendert; gfällt mer.
    Das Witzige an den Rückblicken sind auch weniger die Tränen der Rührung, gegen die man vergeblich ankämpft, sondern die eigenartige Erscheinungsform dieser eingedampften Nachrichten. Etwas Kindlich-Einfaches hat es, das die zynische Seite der Medaillen nach oben legt.
    Dir aber auch ein paar ruhige Tage und leicht erfüllbar Vorsätze.

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  4. Eike schreibt:

    Wenn es wenigstens schwarz-rot wäre. Bei den Neocons und Neolibs kann ich aber keine Form von Idealismus oder Vision außerhalb des eigenen Portemonnaies und der Interessen der höher in der Hierarchie stehenden Konzerne ausmachen. Der Rest sind Floskeln, wie sie Deutsche halt gern haben.

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