Presseschredder 8.12.2013

Feldzug 5,1%

Ein sanft vergifteten Lob, das Christian Lindner auf die SPD herabrieseln läßt. »Die SPD zeigt uns gegenwärtig, wie man Koalitionsverhandlungen führt.« Christian Lindner: Letzter Überlebender der Boygroup der FDP, 2011 als Bauernopfer geschasst zugunsten Philip Röslers. Als offizieller Begründung galten Pannen beim Mitgliederentscheid über den Euro-Rettungsschirm – für den Rücktritt als Parteivorsitzender gab es allerdings bessere Gründe. Die alte Partei-Riege unter der Führung Röslers setzte die Partei so erbarmungslos in den Sand, daß man gar nicht genügend Abstand zu den Einschlägen haben konnte, die man in der Zentrale der FDP nicht wahrnehmen wollte.

Das Warten hat sich gelohnt: Lindner ist neuer Parteivorsitzende, wenn auch in der außerparlamentarischen Opposition. Die Abstimmung darüber, die Abschiedsrede Philip Röslers auf fünf Minuten Redezeit zu beschränken, scheiterte. Aber allein der Antrag darüber sagt viel aus über diejenigen, die nun als Altlasten nicht mehr auf der Tribüne, sondern im Parkett saßen. Die alte Garde: Vergessen, ein Fall für den Papierkorb. Wolfgang Kubicki als stellvertretender Bundesvorsitzender – das war dann schon alles an bemerkenswerten Namen. Wenigstens darin ist man der SPD voraus. Scheinbar sind 4,7% die einzige Chance, den Sperrmüll aus dem Vorstand zu entsorgen.

Die mit Spannung erwartete programmatische Rede des neuen Parteivorsitzenden lässt sich mit wenigen Worten zusammenfassen: Westerwelle weg, Niebel weg, Rösler und Bahr weg, alle weg. Kubicki macht den neuen Brüderle, der jetzt auch weg ist. Die Merkel ist Schuld und ab Morgen wird alles anders.

Die Parteikasse ist leer: Dem Vernehmen nach wurde Döner gereicht. Auch hatte das gute Verhältnis zu den ehemaligen Hätschelkindern der Partei, dem Hotelgewerbe, offenbar keinen Bestand. Der Bundesparteitag fand unter eher schäbigen Bedingungen statt – selbst die Bilder auf der FDP-Internetpräsenz können das nicht beschönigen. Das kam einer Turnhalle schon recht nahe.

An dieser Stelle möchte man verweilen. Es ist still, der Geruch einer Döner-Bude schwebt im Raum und der verlassene Saal staubt wieder zu. Die Heizung ist abgeschaltet, der Sturm fegte die Reste von gelb-blauen Plakaten in eine Hausecke. Wie ist das, Herr Rösler? Jetzt wieder mit ehrlicher Arbeit sein Einkommen bestreiten zu müssen? Es kommt einem so vor, als hätte die Gerechtigkeit mit einem Fingerschnippen ganz sanft versucht, ein wenig Ordnung wieder herzustellen. Lächelnd.
Aber leider war es nur Unfähigkeit.

100 Jahre Willy Brand

Am 18. Dezember wäre Willy Brand 100 Jahre alt geworden. Die Sorge, daß es nun eine Laudatio auf den 1992 verstorbenen SPD-Politiker gibt, sei dem Leser genommen: Das werden andere mit einer Lautstärke tun, die sich Brandt verbeten hätte.
Bis es zu diesen Feierlichkeiten kommt, wird er verwurstet. Beispielsweise in der Musterreden-Vorlage, die das SPD-Präsidium allen Bedürftigen zukommen lies, denen es an Argumenten für die große Koalition gebricht.

»Liebe Genossinnen und Genossen,
in diesen Tagen hat wieder einmal ein Satz von Willy Brandt zeitenübergreifende Wahrheit bewiesen: „Das Wesen der Demokratie ist der Kompromiss. Wenn er zusammen mit der SPD ausgehandelt werden muss, ergibt es einen besseren Kompromiss.“«

»“Wo Hunger herrscht, ist auf die Dauer kein Friede.“ So hat es Willy Brandt vor genau 40 Jahren vor der Generalversammlung der UNO erklärt.«

Jetzt soll Willy richten, was Gabriel mit seiner Dauerwerbesendung für die großen Koalition nicht schafft. Auch von anderer Seite greift man zum Schwert Brandt. Peter Merseburger in einem Interview des Deutschlandfunks: »Das ist natürlich eine spekulative Antwort […], aber ich glaube, er war ein Mann, der das Wohl des Landes im Zweifel über das Wohl der Partei gestellt hätte.« Brandt also, wenn auch widerwillig, Freund der großen Koalition? Man kann die Aussage auch anders interpretieren. Immerhin gibt es eine linke Mehrheit nach der letzten Wahl – ob Willy Brandt sich so hirnverbrannt einem Bündnis mit den Linken verweigert hätte, wäre eine weitere, vielleicht interessantere Frage. Es war auch Willy Brandt, der gesagt haben soll, die Große Koalition hätte »den Geschmack widernatürlicher Unzucht«. Unter dem Strich eine unwürdige Geisterbeschwörung.

Es darf gelacht werden: Auch die Hedonistische Internationale beruft sich auf ihn bei ihren satirischen »Drohanrufen« an SPD-Mitglieder. »Denke an Willy Brandt. Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Das kannst du durch dein „Ja“ möglich machen. Komm, lass uns möglichst viele Genossen für dieses große Projekt mitnehmen.«
Wenigstens hier wäre klar gewesen, wie »Willy« reagiert hätte: Er hätte laut gelacht. Im Gegensatz zur neuen SPD – die nichts Besseres zu tun hatte als das BKA auf die Spaßguerilla-Truppe anzusetzen.

Nein, die Leichenschändung der SPD-Oberen ist wenig überzeugend. Wenn schon, würde man Brandt als Ehrenvorsitzenden der Jusos vermuten, die Sigmar Gabriel unter Gelächter vor die Tür setzten.

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