Die Rache der Speckmade / UpDate

Das hätte die TAZ aber auch nicht machen sollen: Dem Spiegel empfehlen, den hochlöblichen Journalisten Jan Fleischhauer vor die Türe zu setzten. Im Artikel »Genug der Dickhodigkeit / der Bedeutungsverlust des Spiegels« war nämlich genau das passiert. Daß das nicht ohne Folgen bleiben konnte, lag auf der Hand.
Die Stunde der Rache ist gekommen: Es ist Donnerstag, Fleischhauer hat sich den Sabber von den Lippen gewischt und die blutige Feder zur Faust genommen. Die überaus beliebte Kolumne »der schwarze Kanal« schlägt unbarmherzig zu:

Ausgerechnet die „taz“ hat gerade erklärt, daß sie weder Mindestlohn für Volontäre noch Tarifgehalt für ihre Redakteure zahlen kann.

Die TAZ-Chefin Ines Pohl hatte schon vor einiger Zeit erklärt, daß man keine Tariflöhne zahlen könne. Man müßte dann entweder ein Drittel der Angestellten entlassen oder bräuchte 12.000 mehr Abonnements. Ganz abgesehen davon: Die Volontäre der TAZ haben den Staus von Lehrlingen, für die der Mindestlohn nicht gilt und die Redakteure werden zwar unter Tarif bezahlt, was aber immer noch über dem Mindestlohn liegt. Damit hätte sich Fleischhauers Artikel eigentlich schon erledigt.
Aber das ist natürlich ein Teil des Problems, das mit mit der Einführung eines Mindestlohns nicht nur die TAZ betrifft. Mal sehen, was daraus wird – immerhin hat man auch schon das Bruttosozialprodukt mehrerer kleiner Länder kriminellen Bankern in den Rachen gestopft und die Nation hat auch das überlebt. Es war wohl eher die Frage, wann einen die Sünden der Vergangenheit einholen: Die Schaffung eines aufgeblähten Niedriglohnsektors kollidiert natürlich mit dem Mindestlohn. Daß das eines Tages krachend zusammenfallen mußte, war jedem klar. Deswegen wird der Mindestlohn – wenn er überhaupt kommt – nur bis zur Unkenntlichkeit verwässert das Publikum erreichen.
Was Fleischhauer allerdings zu verdrängen scheint, ist die durchaus denkbare Vorstellung, daß auch er auf dieser Abschußliste stehen könnte.

»Mit Betroffenheit musste ich zur Kenntnis nehmen, daß ausgerechnet die „taz“ meinem Chefredakteur gerade empfohlen hat, mich mit sofortiger Wirkung auf die Straße zu setzen. Meine Texte seien regelmäßig „unter dem Niveau des SPIEGEL, wenn er wieder ernster genommen werden will“. Der sicherste Weg diesen „schleichenden Bedeutungsverlust“ abzuwenden, sei mein Abschied aus der Redaktion.«

Jan Fleischhauer und Betroffenheit. Und ausgerechnet die TAZ. Wer bei dieser Weinerlichkeit nicht lachend unter dem Teppich liegt, sollte mal wieder Fleischhauer lesen.

Den Spiegel nannte man einmal das »Sturmgeschütz der Demokratie« Das war eigentlich nicht einmal vor der Zeit Fleischhauers. Nur hätte der alte Augstein jemanden wie ihn nicht einmal die Toiletten reinigen lassen; gemessen daran ist die Wertung »schleichender Bedeutungsverlust« ein maßloser Euphemismus. Soweit ist es mit dem Spiegel gekommen, daß ein bis zur Unkenntlichkeit mit Eitelkeit aufgeblasener Reaktionär in die Niederungen der Stammtische abtauchen kann – und dafür nach Tarif bezahlt wird.
Ist man mit dem Spiegel großgeworden, dann schmerzt das. Wenn Oliver Gehrs in dem TAZ-Artikel die Kündigung empfiehlt, dann zur Gesundung eines kranken Körpers.
Dem Spiegel geht es finanziell so schlecht wie den allermeisten anderen Zeitungen auch. Vom Pausenclown Matthias Mattussek hat man sich getrennt – wer wissen möchte warum, darf nach Mattussek und Kurt Krömer googeln, eine Peinlichkeit, die selbst J.F. übertrifft. Der Wechsel in der Chefetage des Spiegels folgte der Einsicht, daß sich der Journalismus ändern muß, wenn er überleben will. Eines der Rezepte dazu liegt im Zurückgewinnen einer Glaubwürdigkeit, die der Spiegel fast verspielt hat.

»Öffentliche Kündigungsempfehlungen sind selbst im harten Zeitungsgewerbe die Ausnahme. Aber so ist es, wenn es um die gerechte Sache geht: Im Zweifel muß dann auch der Arbeitnehmerschutz einmal zurücktreten.«

Klingt da eine leise Angst mit? Mit keiner Silbe wehrt sich Fleischhauer gegen die Rauswurf-Empfehlung Gehrs durch den Hinweis auf seine Arbeit, sein Können. Er spricht von Arbeitnehmerschutz, durch die er sein Tun gedeckt sieht. Das könnte in naher Zukunft ein dünnes Brett sein, dem er sich anvertraut. Fleischhauer ist einer der Posten, die den Spiegel diskreditieren. Er wird im Fall der Entlassung schon nicht verhungern: Einer wie er findet immer Arbeit und dann kann er sich wenigstens auf einen Mindestlohn verlassen. Bei Lidl an der Kasse.

Arbeitnehmerschutz? Das gibt Hoffnung: Er gilt nicht lebenslänglich.

UpDate

Ach: Jetzt wird einiges klarer: Der Spiegel baut ab. Wollen wir hoffen, daß man nicht vorhat, unter 8,50€ zu geraten. Es ist wirklich bemerkenswert, daß Fleischhauer in der der Regel spätestens nach einer Woche durch die Realität eingeholt wird.

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4 Antworten zu Die Rache der Speckmade / UpDate

  1. Der Duderich schreibt:

    Die, die sich ‚oben‘ wähnen, treten gerne mal nach unten.
    Fleischhauer wird selbst getreten. Von anderen oder von sich selbst.

    Letzteres wäre dann noch schlimmer.

    Schon schlimm genug, wenn man an eine übergeordnete Macht namens Gott glaubt. Schlimmer aber, wenn man immer noch an die ‚Weisheit der Märkte‘ glaubt.

    Viel mehr als Mitleid kann man da nicht mehr empfinden.
    Für Wut ist diese Haltung schlicht zu arm.

    Grüße, Dude
    Schöner Text, übrigens

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    • pantoufle schreibt:

      Moin Duderich
      Man sollte das alles nicht überbewerten. Die »großen« Worte Glauben, Märkte ect kann man sich im Zusammenhang mit Fleischhauer durchaus für bessere Gelegenheietn sparen.

      Es gibt in einem seiner selbstgemachen Filmchen (unter Linken) eine Szene, bei der Fleischhauer auf Dieter Hildebrandt trifft. Ein bemerkenswerter Moment, wo hündische Unterwerfung mit vollkommener Gelassenheit kollidiert. Zum Tod von Hildebrandt beruft er sich in einem seiner Artikel auf diesen Moment und läßt dabei erkennen, bis heute nicht begriffen zu haben, wie sehr er damals vorgeführt wurde. Und das hat doch auch etwas tröstliches.

      Gruß
      Das Pantoufle
      Danke auch.

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  2. altautonomer schreibt:

    Franz-Josef Wagner müßte als Gesichtsältester bei BILD eientlich auch schon das Rentenalter erreicht haben. Da wäre doch eine massgeschneiderte Stelle frei für Fleischhauer.

    (Hab die Kolumne auch gelesen. Und auch die ekelhaften Leserbriefe der JF-Sympathisanten.)

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    • pantoufle schreibt:

      Ich bin ja ein Freund von Pool-Bildung. Soll er doch Mattussek zur Welt hinterherlaufen. Dann sind die langsam alle auf einem Haufen.

      Seine Leserbrief-Fans? Wie ich schon sagte: Stammtisch.

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