Gedicht am Dienstag (17)

»Gedicht am Dienstag« oder wie mache ich mich mit aller Gewalt unbeliebt. Ha, jetzt besorge ich es ihnen aber!
Stefan George! Männerbündler, Idol idealistische Jugend, Sprachgenie, Künstler mit prophetisch – religiösem Anspruch … man kann sich über ihn trefflich streiten. Das tat man bereits zu seinen Lebzeiten und es endet nicht bis zum heutigen Tag.
George war sein Kreis, weniger die Person. Auch so ein Satz, den man am liebsten sofort wieder streichen möchte, aber er soll für den Moment so stehen bleiben. Sagt man aber Kreis, so impliziert das etwas statisches, was dieser Kreis nicht wahr. So wenig wie konsistent oder kausal in seiner Entwicklung.

[ so liest sich das, wenn ich meine Texte ins *unreine* schreibe.]

Ihr seht schon: Es hapert mit der Beschreibung. Es wäre einfacher, sich zu seinen Lebzeiten (1868 – 1933) zu einer der ausgewählten Buchhandlungen zu bewegen und sich eines seiner außergewöhnlich gestalteten Bücher zu kaufen – so man sie denn bekam.Das Lyzeum habe ich bereits hinter mir, sowie mein Einjähriges. Student, aber nicht korporiert. »George? Darf ich fragen, ob Sie bereits etwas von ihm gelesen haben? Sie verzeihen die Frage: Er wird nicht so häufig…«. Wir lassen für den Moment den Buchhändler eine »sie« sein, rote Haare, hochgeschlossenes, schlichtes Kleid, wie es die Mode um 1900 diktiert. Die Tür schließt sich hinter dem Kunden, der gerade das kleine Geschäft verließ. Ein Lufthauch in ihren Haaren, die sie mit einer Hand zu ordnen versucht, während die andere das dünne Bändchen umklammert. Die Türglocke bimmelt leise einen Abschied, Ruhe. Verlegen sieht sie sich um. Warum duften Bücher nach Staub? Sind aus Staub?

»Jeden wahren Künstler hat einmal die Sehnsucht befallen, in einer Sprache sich auszudrücken, deren die unheilige Menge sich nie bedienen würde, oder die Worte so zu stellen, daß nur der Eingeweihte ihre hehre Bestimmung erkenne. Das hat er geschrieben, wissen Sie?« Ja, ich weiß. »Meine Eltern hatten schon…« Ich stammelte etwas, während sie aufrecht vor mir steht, streicht sich das taubenblaue Kleid glatt. »Hoffmansthal und Mallarmé und natürlich Nietzsche. Mein Vater gab es mir zur Lektüre. Der Meister hat mir die vielen einsamen Stunden verschönt. Es war im Einjährigen, die…« »Sie haben nicht gerne gedient?« Was fällt ihr ein? Ich… habe es gehasst. Sie sieht mir gerade in die Augen. Reiß dich zusammen! Wenn sie jetzt lacht, laufe ich aus dem Laden. Sie lacht nicht, lächelt nicht einmal. Beseelt wie ein Schwert steht sie da – woher dieser Gedanken?
»Sie müssen sich nicht schämen! Sie haben ihn Meister genannt. Das reicht. Oder wollen Sie Georges Wacht sein vermittels des Schwertes?«

Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein ·
Nur viele untergänge ohne würde..
Des schöpfers hand entwischt rast eigenmächtig
Unform von blei und blech · gestäng und rohr.
Der selbst lacht grimm wenn falsche heldenreden
Von vormals klingen der als brei und klumpen
Den bruder sinken sah · der in der schandbar
Zerwühlten erde hauste wie geziefer..
Der alte Gott der schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte welten fiebern sich zu ende
In dem getob. Heilig sind nur die säfte
Noch makelfrei versprizt – ein ganzer strom.

Sähe sie mich nur nicht so an. Mit tönernder Stimme hatte sie die Verse vorgetragen; warum bewegt sie sich nicht und keine Miene?

Mir ist als ob ein blick im dunkel glimme.
So bebend wähltest du mich zum begleite
Dass ich die schwere wandrung benedeite ·
So rührte mich dein schritt und deine stimme.

Du priesest mir die pracht der stillen erde
In ihrem silberlaub und kühlen strahle
Die frei der lauten freude und beschwerde.
Wir nannten sie die einsam keusche fahle

Und wir bekannten ihren rauhen mächten
Dass in den reinen lüften töne hallten
Dass sich die himmel füllten mit gestalten
So herrlich wie in keinen maien-nächten.

»Sie haben ihn also gelesen. Das ist gut. Was kennen Sie ebenso?«

Zu meinen träumen floh ich vor dem volke
Mit heissen händen tastend nach der weite
Und sprach allein und rein mit stern und wolke
Von meinem ersten jugendlichen streite.

Die blumen hergeholt aus reichem leben
Umflocht ich frei und stolz an goldnen kreisen
Dem fern im licht geheiligten efeben
Verklang sein schmerz in feierlichen weisen.

Zu göttertalen · blinkenden mäandern
Ich liess in stätten innig hoher sitten
Und in den süden meine seele wandern
Wo sie gekrönt den martertod erlitten.

Und heut geschieht es nur aus Einem grunde
Wenn ich zum sang das lange schweigen breche:
Dass wir uns freuen auf die zwielichtstunde
Und meine düstre Schwester also spreche:

Soll ich noch leben darf ich nicht vermissen
Den trank aus deinen klingenden pokalen
Und führer sind in meinen finsternissen
Die lichter die aus deinen wunden strahlen.

Nun schaut sie doch und freut sich, lächelt und ein kokette Verbeugung »Der Herr: Also nur zu!«

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade.
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau
Von birken und von buchs, der wind ist lau.
Die späten rosen welkten noch nicht ganz.
Erlese küsse sie und flicht den kranz.

Vergiss auch diese lezten astern nicht.
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Das Glöckchen! Warum aber auch ausgerechnet jetzt? Ein Herr tritt ein – die Vossische Zeitung soll es sein! »Ihr Glück, der Herr: Ein Exemplar haben wir noch!« Sie tänzelt hinter den Tresen, verfolgt von zwar liberalen, aber von durchaus missbilligenden Blicken verfolgt. »Es macht 60 Pfennige für die Abendausgabe, bitte!« Sie begleitet ihn , hält die Türe auf und schließt hinter ihm. Das Glöckchen klingt gar nicht wie die ihre Stimme nun:

Nach der Lese
Komm in den totgesagten park und schau :
Der Schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·

Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben ·
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Ihr rufe junger jahre die befahlen
Nach IHR zu suchen unter diesen zweigen :
Ich muss vor euch die stirn verneinend neigen ·
Denn meine liebe schläft im land der strahlen.

Doch schickt ihr SIE mir wieder die im brennen
Des sommers und im flattern der Eroten
Sich als geleit mir schüchtern dargeboten
Ich will sie diesmal freudig anerkennen.

Die reifen trauben gären in den bütten ·
Doch will ich alles was an edlen trieben
Und schöner saat vom sommer mir geblieben
Aus vollen händen vor ihr niederschütten.

Ja heil und dank dir die den segen brachte !
Du schläfertest das immer laute pochen
Mit der erwartung deiner – Teure – sachte
In diesen glanzerfüllten sterbewochen.

Du kamest und wir halten uns umschlungen ·
Ich werde sanfte worte für dich lernen
Und ganz als glichest du der Einen Fernen
Dich loben auf den sonnen-wanderungen.

Wir schreiten auf und ab im reichen flitter
Des buchenganges beinah bis zum tore
Und sehen aussen in dem feld vom gitter
Den mandelbaum zum zweitenmal im flore.

Wir suchen nach den schattenfreien bänken
Dort wo uns niemals fremde stimmen scheuchten ·
In träumen unsre arme sich verschränken ·
Wir laben uns am langen milden leuchten

Wir fühlen dankbar wie zu leisem brausen
Von wipfeln strahlenspuren auf uns tropfen
Und blicken nur und horchen wenn in pausen
Die reifen früchte an den boden klopfen.

Umkreisen wir den stillen teich
In den die Wasserwege münden !
Du suchst mich heiter zu ergründen ·
Ein wind umweht uns frühlings-weich.

Die blätter die den boden gilben
Verbreiten neuen wolgeruch ·
Du sprichst mir nach in klugen Silben
Was mich erfreut im bunten buch.

Doch weisst du auch vom tiefen glücke
Und schätzest du die stumme träne ?
Das auge schaltend auf der brücke
Verfolgest du den zug der schwäne.

Wir stehen an der hecken gradem wall
In reihen kommen kinder mit der nonne.
Sie singen lieder von der himmelswonne
In dieser erde sichrem klarem hall.

Die wir uns in der abendneige sonnten
Uns schreckten deine worte und du meinst
Wir waren glücklich bloss solang wir einst
Nicht diese hecken überschauen konnten.

Du willst am mauerbrunnen wasser schöpfen
Und spielend in die kühlen strahlen langen ·
Doch scheint es mir du wendest mit befangen
Die hände von den beiden löwenköpfen.

Den ring mit dem erblindeten juwele
Ich suchte dir vom finger ihn zu drehen ·
Dein feuchtes auge küsste meine seele
Als antwort auf mein unverhülltes flehen.

Nun säume nicht die gaben zu erhaschen
Des scheidenden gepränges vor der wende ·
Die grauen wölken sammeln sich behende ·
Die nebel können bald uns überraschen.

Ein schwaches flöten von zerpflücktem aste
Verkündet dir dass lezte gute weise
Das land (eh es im nahen sturm vereise)
Noch hülle mit beglänzendem damaste.

Die wespen mit den goldengrünen schuppen
Sind von verschlossnen kelchen fortgeflogen ·
Wir fahren mit dem kahn in weitem bogen
Um bronzebraunen laubes inselgruppen.

Wir werden heute nicht zum garten gehen ·
Denn wie uns manchmal rasch und unerklärt
Dies leichte duften oder leise wehen
Mit lang vergessner freude wieder nährt:

So bringt uns jenes mahnende gespenster
Und leiden das uns bang und müde macht.
Sieh unterm baume draussen vor dem fenster
Die vielen leichen nach der winde Schlacht!

Vom tore dessen eisen-lilien rosten
Entfliegen vögel zum verdeckten rasen
Und andre trinken frierend auf den pfosten
Vom regen aus den hohlen blumen-vasen.

Ich schrieb es auf: nicht länger sei verhehlt
Was als gedanken ich nicht mehr verbanne ·
Was ich nicht sage · du nicht fühlst: uns fehlt
Bis an das glück noch eine weite spanne.

An einer hohen blume welkem stiel
Entfaltest du’s · ich stehe fern und ahne . .
Es war das weisse blatt das dir entfiel
Die grellste farbe auf dem fahlen plane.

Im freien Viereck mit den gelben steinen
In dessen mitte sich die brunnen regen
Willst du noch flüchtig späte rede pflegen
Da heut dir hell wie nie die Sterne scheinen.

Doch tritt von dem basaltenen behälter!
Er winkt die toten zweige zu bestatten ·
Im vollen mondenlichte weht es kälter
Als drüben unter jener föhren schatten . .

Ich lasse meine grosse traurigkeit
Dich falsch erraten um dich zu verschonen ·
Ich fühle hat die zeit uns kaum entzweit
So wirst du meinen traum nicht mehr bewohnen.

Doch wenn erst unterm schnee der park entschlief
So glaub ich dass noch leiser trost entquille
Aus manchen schönen resten – strauss und brief –
In tiefer kalter winterlicher stille.

»Der Herr: Wir schließen jetzt. Es ist an der Zeit. Wollen Sie das Buch nun kaufen? Der Stern des Bundes? Ich lasse es ihnen für 1 Mark 20. Nun schauen Sie nicht so ernst!«
Nicht ernst, glücklich. »Fräulein, würden Sie…?«

Das farbenlaub umschlang die sage
Von manchem weh des sommerbrands
Als eine reife süsse klage ..
Und unsre wünsche pochten minder
Bei glück und träne schöner kinder –
So waren alle diese tage
Von blum und frucht ein duftiger Kranz.

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12 Antworten zu Gedicht am Dienstag (17)

  1. Joachim schreibt:

    Okay, ich gehöre wohl zu der unheiligen Menge. Fragezeichen über Fragezeichen und die Ahnung, das es einiges an Arbeit bedeuten würde, wenn ich mich da wirklich durchfinden will – wenn es mir überhaupt gelingen könnte. Warum ich das dennoch versuche(n werde)? Weil Du das so schön in einen Rahmen eingebettet hast.

    Tut mir Leid, mehr als „das ist eine Herausforderung für mich“ und die „Verwendung der Groß/Kleinschrift erscheint mir verwirrend“ kann ich momentan noch nicht sagen. Vielleicht ist der Kreis ein (Teil-)Schlüssel…

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  2. pantoufle schreibt:

    Ach Joachim… das kommt davon, wenn man solche Beschreibungen zusammen mit einer Flasche Wein als Co-Autor verfasst.
    Also. Der Kreis George: Da bin ich davon ausgegangen, daß den sowieso jeder kennt.

    Aber vielleicht sollte man das näher erläutern. An Stefan George war nicht nur die Rechtschreibung etwas elitär; Kommata wurden beispielsweise durch hochstehende Punkte verkörpert. Auch Groß – und Kleinschreibung gehorchten von ihm aufgestellten Regeln, was ich wenigstens im Bereich der Lyrik statthaft finde. Ab 1904 erschienen seine Schriften ausschließlich in einer eigenen Schreibweise, der sogenannten St.-G.-Schrift.
    Etwas gewöhnungsbedürftig, aber konsequent.

    Der Kreis seiner Jünger, wie man ihn wohl nennen muß, entstand aus einem ausgesuchten Kreis von Zuhörern, denen George sich geistig verbunden fühlte und denen er aus seinen Werken vortrug. Zu diesen Menschen gehörten z.B. Hugo v. Hoffmansthal, Karl Gustav Vollmöller und Ludwig Klages wie auch Klaus Mann. Ein typisches Kind der Jahrhundertwende. Mystizismus – ein religiös-philosophischer Anspruch trafen sich mit Jugendstil, Jugendbewegung und Positivismus. Nietzsche spielte für George eine entscheidende Rolle wie auch die Expressionisten.
    Der Kreis seiner Anhänger wechselte, war immer in Bewegung. Als Gegenentwurf zum Nihilismus seiner Zeit war er vor allem für junge Menschen äußerst attraktiv, Georges Einfluss auf Teile der Jugendbewegung seiner Zeit ist nicht zu überschätzen. Zu seinen Verehrern zählten unter anderem die Stauffenbergbrüder. Eine Interessante Bemerkung kommt von Sebastian Haffner, der einmal die Aufgabe in den Raum stellte, den Zusammenhang zwischen George und dem Hitlerattentat des Claus Stauffenberg herauszuarbeiten. Ein Problem, dem sich meiner Erkenntnis nach noch niemand gestellt hat, obwohl der Zusammenhang evident erscheint.

    Den Zugang zu George muß jeder selber suchen – es ist nicht leicht, übersieht man die Zusammenhänge, die sich aus seinem Werk und der Zeit, in der sie entstanden, bilden. Wie auch Nietzsche versuchten die Nationalsozialisten, ihn für ihre Weltanschauung einzuspannen, wessen er sich konsequent widersetzte – wie schon dem Hurra-Patriotismus des ersten Weltkrieges.

    Für mich zählt George zum Expressionismus – was in dieser strengen Form vielleicht nicht zutrifft. Wenn ich in seinen Werken lese, scheint es mir das geschriebene Gegenstück zu Franz Marcs Bildern, zu denen Gustav Klimts (der nun definitiv keiner war).
    Es ist so mit diesen Vergleichen wie mit allen anderen: Sie hinken.

    Wenn Du Dich einmal etwas hineinfühlen möchtest, so kannst Du hier eine Ausgabe der Zeitschrift »Blätter für die Kunst« herunterladen. Eine Literaturzeitschrift von Stefan George, erschienen von 1892 bis 1919.

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  3. tikerscherk schreibt:

    Es geht mir wie Joachim: ich kann nur schwer etwas zu St.G. schreiben.
    Ein Gefühl vielleicht, aber auch das nicht einfach zu benennen.
    Ich weiß auch nicht, ob ich es schaffe mich da einzuarbeiten. Nicht, weil er es nicht wert wäre, sondern weil ich befürchte, dass es viel Zeit und einige Konzentration erfordern würde.
    Und das, ohne mich als total ignorant outen zu wollen, möchte ich bei Lyrik nicht gerne.
    Lyrik ist für mich niemals Arbeit, sondern immer Trost und Muße.
    Oder Ausdruck tiefsten Empfindens. Fast ohne Kopf. Nur mit Herz und fast ohne Verstand.
    Lyrik muss sich mir, so wie ein Bild, erschließen ohne jedes Wissen, ohne Vorkenntnis.

    Einzele Sequenzen schaffen das:

    Den ring mit dem erblindeten juwele
    Ich suchte dir vom finger ihn zu drehen ·
    Dein feuchtes auge küsste meine seele
    Als antwort auf mein unverhülltes flehen.

    Andere wieder nicht so sehr.

    Ach Pantoufle, ich glaube ich passe für dieses Mal!
    Danke für die Energie und Liebe, die du in die Auswahl und den begleitenden Text zu den Dienstags-Gedichten steckst!

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  4. pantoufle schreibt:

    *grummel* … und ich gebe trotzdem nicht auf! Gerade Stefan George! Das nächste Mal haue ich ihnen Kurt Schwitters um die Ohren.

    An Anna Blume

    Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
    Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, – – – – wir?
    Das gehört beiläufig nicht hierher!

    Wer bist Du , ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
    Die Leute sagen, Du wärest.
    Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.

    Du trägst den Hut auf Deinen Füßen und wanderst auf die
    Hände,
    auf den Händen wanderst Du.

    Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägst,
    Rot liebe ich, Anna Blume, rot liebe ich Dir.
    Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, – – – – – wir?
    Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
    Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

                Preisfrage:
                1.) Anna Blume hat ein Vogel,
                2.) Anna Blume ist rot.
                3.) Welche Farbe hat der Vogel.

    Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
    Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
    Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
    Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!
    Du Deiner Dich Dir, ich Dir, Du mir, – – – – wir!
    Das gehört beiläufig in die – – – Glutenkiste.

    Anna Blume, Anna, A – – – – N – – – -N- – – – -A!
    Ich träufle Deinen Namen.
    Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.

    Weißt Du es Anna, weißt Du es schon,
    Man kann Dich auch von hinten lesen.
    Und Du, Du Herrlichste von allen,
    Du bist von hinten und von vorne:
    A – – – – – – N – – – – – N – – – – – -A.
    Rindertalg träufelt STREICHELN über meinen Rücken.
    Anna Blume,
    Du tropfes Tier,
    Ich – – – – – – – liebe – – – – – – – Dir!


    So, da hab Ihr´s! Aber das nur nebenbei.

    George also auch nicht… hmmm… Damit kann ich nun wiederum leben – den mag ich nämlich ganz besonders.
    Nota bene: Steter Tropfen höhlt den Stein, wie der Volksmund, der liebliche, zu sagen weiß. Und vielleicht kommt ja irgendwann einer an Stefan George im richtigen Moment vorbeigeschliddert… da war doch was damals? War das nicht auf der legendären Schrottpresse in der ungemein erfolgreichen Kolumne »Gedicht am Dienstag«?

    Wenn ihr auf langen fahrten nach der schöne
    Beladen seid mit reichen lebens bunter beute:
    So freut euch dass Ein tag das frühere leben kröne
    Und in das kommende mit heiligem finger deute!

    George? Eigentlich doch ganz schön 🙂

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    • Joachim schreibt:

      An Anna Blume und „langen fahrten reiche beute“ mag ich. Unterschiedlicher geht es kaum. Willst Du es uns leicher machen? 😉

      Ist Dir aufgefallen, dass Du nicht sagtest, was es wirklich ist, das George so interessant für Dich macht? Die Sprache? Die Form? Der Anspruch und sein Selbstverständnis? Was übersehe ich?

      Zwei Gedanken:
      a) mir scheint bei George gibt es einen fundamentalen Unterschied, ob man die Gedichte vorgelesen bekommt oder selbst liest. Kann es sogar sein, das Vorlesen hier aus Georges Sicht überaus kritisch, also selbst eine Kunst ist? Wenn ja, wieviele Ebenen sind da noch? Wie liest Du das selbst?

      b) ist mir noch nicht so ganz klar, was mich dabei an Nietzsche erinnert. Dein Hinweis scheint mir ein Schlüssel – und ich ahne, warum ich da ein Problem haben könnte. Mal sehen, ob die Blätter der Kunst helfen.

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  5. Joachim schreibt:

    Euch Beiden besten Dank für die Kommentare. tikerscherk für den kleinen Auszug, der jetzt (erst, schäm, doch immerhin ein Anfang) natürlich klar ist und für den relativierenden Gedanken.

    Besonderen und wirklich persönlichen Dank aber an pantoufle für all diese Informationen, die besonders schöne Hilfestellung und dafür, mich schon wieder auf für mich neue Pfade zu führen. Du hast mich kalt erwischt. Damit, mit diesem unschätzbarem Geschenk, dürfte ich wohl noch einige Zeit beschäftigt sein. Bis das ausgepackt ist bleibt mir, so schwer es mir auch fällt, nichts als jede inhaltliche Aussage verweigern. Mein Schweigen (ups) ist hier in diesem Blog keinesfalls Ablehnung. Ganz im Gegenteil…

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  6. pantoufle schreibt:

    @ Joachim 26, 2013 um 21:28

    »…leichter machen«? Gewiss nicht. Na ja: Anna Blume war ein wenig für Tikerscherk – ich dachte, das mag sie sicher. Aber im Übrigen sehe ich mich nicht als Rutschbahn ins familienfreundlichvortemperierte Wohlfühlbad. Nein, auch diese Bemerkung war nur dem Ausdruck geschuldet – das Adjektiv war zu verführerisch.
    Was ich an George interessant finde? Das kann ich Dir leider nicht beschreiben. Wüßte ich es – ich wäre ein gutes Stück weiter. Ein paar Male habe ich es angedeutet: Es ist diese Zeit, dieser Geruch, ein Gefühl zwischen Jules Verne, Landauer, Titanic und dem großen Krieg. Der Anspruch in jeder Hinsicht ein Absoluter, das Selbstverständnis das endgültige Erwachen aus dem Mittelalter. Was ist denn die Neuzeit, wenn nicht diese Epoche? Doch wohl nicht das 21. Jahrhundert! Eine Formensprache, die seit 1870 vollkommen eigenständig ist in Malerei, Lyrik, Prosa und Technik. Die Bruchstücke, die es lohnt herauszufiltern (so man sie noch findet – Geschichtsschreibung ist so normenkonform, das es einen anöden kann): Sie interessieren mich, alles andere kommt zu nahe, um begreifbar, fühlbar zu sein.
    Ist die Frage eventuell falsch gestellt? Lautet sie vielleicht: Warum ist diese Zeit so sehr an mir interessiert? Warum finde ich Antworten – besser: Zugang – zu den Fragen ausgerechnet dieser Zeit, während mich die aktuellen Geschehnisse vor eine Mauer stellen, die ich nicht überwinden kann? Da ist nur scheinbar die simple Antwort, man habe aus der Überlegenheit des Überlebenden, Späteren einen Vorteil, der einen die Zusammenhänge übersehen ließe. Aber genau das stelle ich für mich in Frage: Nicht die Antworten, sondern die Fragestellungen liegen mir nahe, ohne daß ich auf »zeitgenössische« Erklärungen zurückgreifen könnte. Es ist dieses unbedingte Gefühl, daß die Fragen bereits beantwortet sind – wir es nur in den Jahrzehnten nicht vollbrachten, sie zu entschlüsseln und zu verstehen.
    Gerade habe ich das sichere Gefühl, das führe jetzt zu weit…

    Du hast jemanden, der Dir die Gedichte vorlesen kann? Glücklicher: Dafür sind sie gemacht, so war das gedacht. Deswegen ein Kreis, in dem der »Meister« sie vorträgt. Der Unterschied, Geige (oder Kornett) zu spielen oder das Werk zu hören.

    Warum Nietzsche? Der Positivismus.
    2.024 »Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.«
    Nicht Nietzsche, könnte aber von ihm sein.

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  7. tikerscherk schreibt:

    Pantoufle, natürlich mag ich Schwitters und die Anna. Von vorne und von hinten!
    Umso mehr, als du das Gedicht zu meiner Freude gepostet hast.
    Da gehen beim Lesen gleich die Mundwinkel hoch, und irgendwie muss ich an den jungen Tukur denken, derr da zur zauberhaften Anna spricht.

    Das wollte ich nur noch mal nachtragen. War so mit meinem Leben und meinem Blog beschäftigt…

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    • pantoufle schreibt:

      …kannst Du auch nicht schlafen?
      Da danke ich aber für die Aufmerksamkeit und den Dank und überhaupt. Ja, ich hab gesehen: Ihr werft Euch da Stöcker zu und jeder muß was sagen. Unsichtbar bin ich zwischen Euch herumgeschwirrt und habe dabei die Seite der Lichtwerkerin gefunden und dann die und die auch – jetzt geh ich aber ins Bett.

      Wie schön, daß Dir die A.N.N.A. gefallen hat 🙂

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      • tikerscherk schreibt:

        Ich gehe jetzt auch ins Bett.
        Schlafe fast nie vor 1 oder 2 Uhr.
        Die Stöckchen… da hängt man sich immer weiter aus dem Fenster, als geplant. Naja.
        Hoffe die Orte, auf die die Links verweisen gefallen dir!
        (Wieso schreibst du das du und dein usw. immer groß? Dachte immer Internet ist wie sprechen, und deswegen zieh ich mir hier die Pantoffeln an)
        ….

        Nacht!

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        • pantoufle schreibt:

          Ja, die Stöcker. Ein sanft betrunkenes Gesellschaftsspiel. Hat aber auch sein Gute, wenn man etwas a.) gelegentlich reflektiert, was man da macht und b.) die Leser etwas über den Schreiber erfahren. Das ist schon nicht so verkehrt.
          Und man stöckelt sich von einem Blog auf den nächsten (unbekannten).

          Anredepronomen und Possessivpronomen werden in Briefen groß geschrieben – jedenfalls nach meinem Duden (1961). Aber meist verwende ich dieses Buch als Fußstütze. Aber wenn Du das nicht machst, geht das in Ordnung. Ich setze die Texte ja auch nicht in Fraktur.

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          • tikerscherk schreibt:

            Hab ich auch mal so gelernt. Du, Dein und Dich wird inzwischen aber gar nicht mehr groß geschrieben, und in gesprochener Sprache (direkte Rede) auch nicht. (sagt die Deutschlehrerin in meinem Freundeskreis).
            In handgeschriebnenen Briefen und in Mails schreibe ich das auch noch groß.
            Wusstest du, dass das Wort „klaftertief“ aus dem Duden gestrichen wurde?

            Die Zeit vergeht.

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