Allzuviel darf man nicht erwarten

Darf es noch etwas weniger sein? Betrachtet man das Abhören des Telephons der Bundeskanzlerin schon als Beleidigung, so ist das durchaus steigerbar. Zu Beispiel, in dem man versucht, einen Wochenendtrip einiger Hinterbänkler der dritten Garnitur des amerikanischen Kongresses als Staatsbesuch zu verkaufen. Mit dem smarten Auftritt von Vorwerk-Staubsaugerverkäufern klingelten die an der Tür des Kanzleramtes.

Erstaunlicherweise vergeblich: Dort, wo normalerweise jedem noch so unbedeutenden Potentaten ein Bakschis in die Hand gedrückt wird, war überraschenderweise niemand daheim. Frau Merkel hatte anderes zu tun. In einem seltenen Anfall von Humor überwies sie die Vertreter dem noch amtierenden Außenminister Guido Westerwelle – nach dem Gärtner die niedrigste verfügbare Charge. Sollte doch der sich mit dem sowohl überflüssigen wie auch unerbetenen Besuch herumschlagen. Selbst Bundespräsident Gauck, sonst jedem amerikagläubigem Kotau willens, war aushäusig.
Gelänge es noch, Innenminister H.P. »Schredder« Friedrich von diesem Treffen fernzuhalten, so würde das Salz der Peinlichkeit ausschließlich auf Seiten der US-Parlamentarier verbleiben. Aller Voraussicht nach wird aber genau das nicht gelingen.

Die amerikanische Delegation hat nichts anzubieten. Weder eine Entschuldigung, die ohnehin an den falschen Empfänger adressiert wäre (wen interessiert das Telephon Merkels, wenn die ganze Erde betroffen ist), noch irgend etwas, das Edward Snowden nicht schon zutage gefördert hätte. Senator Murphys wenig überraschende Botschaft lautet also: »Die Europäischen Staatschefs müssen ehrlich mit ihren Menschen sein und ihnen sagen, wie sie ihre Spionageprogramme nutzen.« Den Abschluß eines »Anti-Spy-Abkommens« hält er für unrealistisch. Zu groß ist die Gefahr, die vom Protokoll der Weisen Zions von dem internationalen Terrorismus ausgeht; Deutschland solle auch zukünftig an Bord des sinkenden Kutters der westlichen Verbündeten verbleiben.
Der gemeinsame Kampf sollte nicht dieser unbedeutenden Magenverstimmung zum Opfer fallen – der Datenkrake NSA das kleinere Übel angesichts der Gefahr, die dem american way of live droht.

Der Zeitpunkt und die Besetzung des Besuchs erscheint unpassend, ist es aber nicht. Eine handlungsunfähige Regierung, eine SPD, die bezüglich der NSA-Affäre unter Amnesie leidet und ein Bundesinnenminister, dessen Überwachungs-Allmachtsphantasien ein deutliches Signal nicht nur an die USA senden. Betonbohrer trifft Weichkäse. Und im Handgepäck lauert eine Lösung, die die ganze Affäre rückstandsfrei in Nebel auflösen könnte.
Das Mitglied im Heimatschutz-Ausschuß und zuständig für die NSA Charles Dent wartet im Hintergrund mit einer wenig überraschenden Idee auf: Warum nicht Deutschland in den Klub der fünf Augen aufnehmen? »Ich finde, Deutschland verdient diese exklusive Behandlung.«
Bei allem, was bisher über die NSA, Tempora und andere Dienste ans Tageslicht geschwemmt wurde, wäre das der goldene Schuß. Die tiefe Weisheit eines solchen Angebots ist überhaupt nicht zu überschätzen: Eine devotere, willfähigere Bundesregierung als die amtierende ist schlecht vorstellbar, sämtliche Diskussionen über ein Asyl Snowdens wären schlagartig vom Tisch sowie sämtliche Auseinandersetzungen über Sinn und Unsinn über die Aufhebung des Datenschutzes. Ein Ikea-Kinderparadies für H.P. Friedrich – die entsprechende Grundgesetzänderung nur eine Frage der Zeit (»die außenpolitischen Verpflichtungen – Sie verstehen hoffentlich!«)

Ändern würde sich aus Sicht der US-Regierung wenig: BND und Bundesregierung würden weiterhin im Rahmen der Möglichkeiten kooperieren, man selber wäre elegant aus der Kritik und das alles für ein wenig außenpolitisches Prestige, das man Frau Merkel verschaffen würde. Billiger ist schlecht denkbar und im Bundestag existiert eine Dreiviertelmehrheit dafür, die Affäre schnellstens im Orkus der Geschichte verschwinden zu lassen. Das nennt man Timing zum Start in das goldene Zeitalter der Überwachung.

Nachtrag am Abend:

Beim Treffen mit den beiden Kongress-Abgeorneten betonte Guido the Westerwelle, man brauche »klare Regeln für die Zukunft«. Das war mutig, entschlossen und mit der Härte, die man von einem 4,8% fdp-Mitglied erwarten konnte.

Auch der Tanzbär des Inneren, H.P. Friedrich, gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß man sich bei so etwas nicht wieder erwischen lassen sollte. Ertappt zu werden sei »völlig inakzeptabel«.

Nur der Chef der Linken, Gregor Gysi, fiel wie üblich mit Sachlichkeit und Realitätssinn aus der Rolle, wenn er anmerkte, daß man sich von Meek und Murphy auf dieser »Showveranstaltung« nicht mit Nettigkeiten abspeisen lassen dürfe.

Die Tagesschau mit einem ausnahmsweise lesenswerten Kommentar

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4 Antworten zu Allzuviel darf man nicht erwarten

  1. lazarus09 schreibt:

    Allzuviel darf man nicht erwarten Peace … aber meiner Meinung nach darf man nichts erwarten… Und hier die Erklärung aus der Konserve –>
    Nirgendwo hat bisher jemand anderes “geherrscht” als der/die dessen/deren Macht auf Besitz fußt..in welcher Verkleidung oder/und durch welche Puppen deren Wille verkündet wurde/wird , das durfte in der Demokratie „gewählt“ werden, vor dem Verständnis das Volkes Meinung in jede beliebige Richtung manipulierbar ist .., und das war’s dann auch !
    ..über die Jahrtausende hat keine wie auch immer geartete Regierung irgend etwas für die Habenichte getan, oder ihnen zugestanden, außer es verfolgte einen für die Besitzenden rentablen Plan…… Es ist längstens Zeit das Brett zusammen zu klappen … aber auch all das habe ich in den letzten 10 Jahren schon zigfach geschrieben. Es ödet an .. aber selbst die Verlierer wollen lieber weiter spielen weil ja JEDER gewinnen kann .. Widerstand hat eben immer Zeit bis es zu spät ist *ab-wink*

    just my p20 cheers

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  2. lazarus09 schreibt:

    Silly me … die Essenz von meinem Geschreibsel vergessen,sorry ..So bleibt also eigentlich der Mehrheit der Habenichtse deren Lage sich von Tag zu Tag verschlechtert, nichts anderes übrig, als sich die ausbeutende Minderheit vom Halse zu schaffen….. Illegal ..klar .. so far ..cheers

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  3. pantoufle schreibt:

    Allzuviel darf man nicht erwarten: Das war die Überschrift eines Artikel auf Tagesschau.de – den hatte ich ja gleich nach unten erweitert – gar nichts.

    Wäre ich allerdings der Meinung, daß die Mehrheit der Habenichtse auch nur eine ungefähre Ahnung davon hätten, warum sie da sind, wo sie sind – das wäre ein guter Startpunkt. Leider haben die gerade ihre Zuhälter wiedergewählt.
    Solange sich das nicht ändert, werde ich wohl weiterschreiben müssen. Bis ich sterbe.

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    • lazarus09 schreibt:

      Ja keine Frage es hapert eben nicht an Aufklärung und Information , es hapert ganz klar an Verständnis und der Fähigkeit eine Sauerei als solche zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen . Und solange du gegen eine Wand von Ignoranz, Dummheit, vorauseilendem Gehorsam und Duckmäuseertum anschreiben darfst, wirst du das in der Tat machen dürfen bis sie den Deckel drauf nageln…
      übrigens, rate ich meinen Mitmichels im Moment “ wer schon immer wissen wollte, wie es im Dritten Reich soweit kommen konnte, wo die Wiederständler® alle waren, was die wirklich gemacht haben und was Legal™ eigentlich vor welchem Hintergrund meint, der soll sich jetzt Popcorn, Erdnüsse and Bier besorgen und genau aufpassen “ …… besser als jeder YouTube content … Geschichte live aus der ersten Reihe ..
      cheers …

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