Endlich mal ein Gastautor

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Folgende Geschichte wurde mir via E-Mail zugesand. Nach Rückfrage gestattete der Autor, sie anonym zu veröffentlichen.

Du erinnerst Dich vielleicht, ich bin der Mensch mit der alten SS900.

Mich zieht nichts in den Norden. Das liegt zum einen an meinem Wohnort,
das Mittelmeer ist näher als die Nordsee, aber es ist auch eine
persönliche Veranlagung. Und eine der Sozialisation. Mitte September
fuhr ich deshalb nach Locarno, um Freunde zu besuchen.

Es ist warm, die Sonne scheint und alles ist für eine angenehme Fahrt
gerichtet. Das Öl gewechselt, Ventilspiel eingestellt und auch die
anderen wichtigen Arbeiten sind erledigt.

Die alte Frau ist bestens in Schuss – und sie hat Lust. Ich höre das.
Schon wenn ich sie nur antrete. Sie dröhnt und röchelt und stampft –
aber sanfter als sonst. Nicht seidig, oder einschmeichelnd. Das ist
nicht ihr Ding. Sie ist in ihrem hohen Alter immer noch eine Rotzgöre.
Sie protestiert immer. Es gibt auch Maschinen, die nicht aus der
Pubertät herauskommen. Heute jedoch hat sie gute Laune. Die Halbschale
vibriert in meinem Takt. wir sind tatsächlich eins. Wir mögen uns. Das
ist wichtig. Dann wird es ein guter Tag.

Oh, es gibt auch andere Zeiten. Dann harmonieren wir nicht. Dann spuckt
sie. Zittert, wenn ich vom Gas gehe und die Flammen aus dem Vergaser
sind zerrissen und haben nicht die richtige Farbe. Dann fahre ich
schnell wieder heim, denn ich weiß, das wird nichts. Die Diva ist
erwacht und heute ist nicht mit ihr zu spaßen.

Aber jetzt ist alles anders. Sie ist zufrieden und ich bin es auch. Bis
kurz vor Stuttgart nehme ich die Schnellstraße, um das Öl auf
Betriebstemperatur zu bringen. Dann wird rechts abgebogen. Nur nicht
durch die Stadt. Das verhagelt ihr die Laune. Und mir auch. Wir fahren
durch die Orte und Dörfer und irgendwann sind wir im Schwarzwald. Enge
Straßen. Da ist sie zu Hause. Der kleine Floh mit seinen 180 kg
Lebendgewicht. Die Königswellen surren und aus den Conti-Rohren kommt
ein infernalischer Lärm. Ja, sie hat Lust und ich auch.

Es ist Wochenende und jede Menge dickbäuchige Motorradfahrer mit ihren
noch dickeren Kisten sind unterwegs. Sie hören uns noch minutenlang,
wenn wir sie überholen. Kauft euch doch gleich einen Omnibus. Ich
brauche keine Kopfhörer und keinen MP3-Player. Ich höre den schönsten
Sound der Welt.

Kurz vor Schaffhausen. Eine Tankstelle. Tanken. Aber nicht den Motor
abstellen. Es könnte sonst ziemlich lange dauern, bis er wieder läuft.
Eine Polizeistreife hält an. „Warum haben sie den Motor nicht
ausgemacht?“ Eine lange und umständliche Erklärung folgt. Der Polizist
fragt immer wieder nach: „Was haben sie gesagt?“. Oh Gott, ein Tauber.
Noch eine Erklärung. Okay, jetzt hat er alles verstanden.

„Fahrzeugpapiere.“ „Wie bitte?“ „FAHRZEUGPAPIERE“ Ach so, nuschel halt
nicht so, du Depp. Alles ist in Ordnung. Selbst die Auspuffanlage. Ich
kann weiter fahren.

In der Nähe von Zürich habe ich das Gefühl, wie wenn ich vom Zahnarzt
komme. Die Zunge und der Mund sind taub. Rhabarbergefühl. Das ist
überaus unangenehm. Aber mein Mädchen rennt. Keine Pause. Weiter. Das
pelzige Gefühl hat längst den Mund verlassen. Die rechte Seite des
Gesichts fühlt sich taub an. Irgendwann fangen die Kopfschmerzen an. Es
stimmt etwas nicht.

Achtung! Beinahe wärst du in den LKW geknallt. Das Gefühl für Raum ist
weg. Das linke Auge schließen. Nichts. Kein Schwarz oder etwas
ähnliches. Einfach nur nichts. Keine Empfindung, keine Farbe. Nichts.
Rechtes Auge schließen, schnell! Es geht nicht. Durch das Augenspiel
verpasse ich die Kurve. Geradeaus in die Wiese.

Kein Unfall, einfach nur ein sanftes Ausrollen. Aber was ist los?
Völlige Orientierungslosigkeit und rasende Kopfschmerzen vom Ohr aus.
Ein Autofahrer hat angehalten. Fragt, wie es geht. Warum muss der so
schreien? „Alles in Ordnung“, will ich sagen. „AaiOh“, sage ich und
nehme den Helm ab. Der Autofahrer schreckt kurz zurück. Gut, ich habe
mir erst vor zwei Tagen eine Glatze geschoren, weil mir meine grauen
Haare auf die Nerven gingen. Jetzt sehe ich aus wie ein Hooligan. Aber
normalerweise haben nur kleine Kinder Angst vor mir.

Der Mann zückt sein Handy und ruft das Krankenhaus an. Er bräuchte das
Telefon nicht. Er schreit so laut, dass man es ganz sicher bis
Bellinzona hören kann. Ich soll mich setzen. Warum? Alles in Ordnung.
Nur das Gesicht. Er gestikuliert und führt mich an den Rückspiegel. Ich
schaue hinein und Quasimodo schaut zurück.

Das ist kein Gesicht mehr, sondern auf der rechten Seite eine Fratze.
Das Auge.quillt aus seiner Höhle und der Mundwinkel hängt. Links ist
alles in Ordnung. Alle Falten sind da wo sie hingehören. Rechts gibt es
keine Falten. Puppig. In der Mitte ist alles wie abgeschnitten. Das
rechte Auge starrt. Es schließt und bewegt sich nicht. Ich versuche zu
schielen. Vergeblich. „Infarto cardiaco“, schreit er.

Es ist kein Herzinfarkt. Im Krankenhaus stellt man fest, dass es nur
eine Gesichtslähmung ist. Unangenehm. Zwei Monate ist es her. Zwei
Monate, in denen ich in einem dunklen und schallgeschützten Raum im
Keller meines Hauses sitze. Keiner, der sich in meine Nähe trauen darf.
Keine Töne. Denn ich hörte alles gleich. Ein leises Rascheln ist so laut
wie meine Duc. Kein Licht. Ich starre immer noch. Aber ich kann mein
Auge verschließen. Vielleicht auch irgendwann wieder bewegen.

Ich sabbere nicht mehr. Aber ich fühle mich immer wieder an Moby Dick
erinnert. „seht ihr sein Maul, sein grinsendes schiefes Maul?“

Was daran schuld war? irgendein scheiß Virus. Eine blöde Erkältung.

Domm gloffa.

Irgendwann komme ich hier aus meinem Verlies auch wieder heraus. Das
weiß ich. Immerhin kann ich schon wieder computern. Das ging lange auch
nicht. Drei Leute und ein Hund warten auf mich. Kein
Redaktionskampfhund. Er braucht keine Redaktion. Er ist auch so
ungezogen.

Eine herrliche Geschichte. Auf Wunsch des Autors bleibt sie anonym – als müßte er sich für sie schämen…
Des Menschen Wille sei sein Himmelreich – sie ist mehr als ein Lückenbüßer und so sei ihm an dieser Stelle gesagt: Nur weiter so – mach einen eigen Blog oder komm gerne wieder mit Deinen Geschichten vorbei. Warum Du allerdings den wunderbaren Norden nicht magst? Na ja: Mit irgend einem Defizit muß wohl jeder leben.

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5 Antworten zu Endlich mal ein Gastautor

  1. juergengerdom schreibt:

    Sehr schön geschrieben. Gute Besserung, mögest du bald wieder mit deiner Ducati on the road sein!

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  2. pantoufle schreibt:

    Und weil Du so schön geschrieben hast, unbekannter Gastautor, bekommst Du auch drei ganz besonders schöne Video-Links, aus denen hervorgeht, worum es geht. Vor allem das Dritte 🙂
    http://www.wrenchmonkees.com/wmac

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  3. Stony schreibt:

    Ach du Sch****, was ’ne krasse Story.^^
    Aber vielen Dank dafür, daß du sie mit uns geteilt hast.
    Ich bin im Moment nicht mal annähernd in der Lage nachzuempfinden wie es dir grad geht, einfach nur gute Besserung!

    Und ich schließe mich dem Hausherrn an, von der Schreibe würde auch ich gern mehr lesen! 🙂

    @pantoufle: nice vids!

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  4. Joachim schreibt:

    Oh sch****, das braucht man wirklich nicht. „nur eine Gesichtslähmung“ ist wirklich eine unerwartete Wende der Geschichte. Gott sei Dank ist das mit der Wiese noch gut gegangen. Gut geschrieben – mein Mund ist immer noch offen.

    Gute Besserung und möglichst bald möglichst viel Spaß mit der Ducati. Offensichtlich kennst Du Dich ja damit aus – so wie das bei dem Teil ja auch notwendig ist, damit es eine dream-machine oder Alp? Traumzicke? ist und bleibt. Italienerinnen eben; man muss schon etwas haben um, sie zu lieben und noch weit mehr, um von ihnen geliebt zu werden.

    Möge Dir nie die Straße ausgehen.

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  5. altautonomer schreibt:

    Verdachts- Verlegenheits- und Ferndiagnose: Entzündung des Trigeminus (Fahrtwind?)? Alternativ:
    Idiopathische Fazialislähmung
    „Sehr häufig treten Gesichtsnervenlähmungen ohne erkennbaren Anlass auf. Auch die Fachärzte können keine unmittelbare Ursache diagnostizieren. Diese Muskellähmungen gehen meist nach einiger Zeit wieder vollständig zurück.“

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