Unbewältigte Vergangenheit

Natürlich kann man der Ausgabe der Bild-Zeitung ohne Bilder »Die Welt« ein Interview geben. Kann man geben, muß man aber nicht. Der Grünenchef Cem Özdemir wollte. Das ist eine nicht ungefährliche Sache: Wir wollen hoffen, daß der Inhalt von Özdemir autorisiert ist – an seiner Stelle hätte ich bereits bei der Überschrift protestiert:
Özdemir will die FDP überflüssig machen.
Nun ja: Das vermutet die Redaktion der Schrottpresse nicht erst seit gestern. Aber das sollte man vielleicht nicht ganz so deutlich herausposaunen.

»Freiheit und Bürgerrechte liegen mir besonders am Herzen. Wir können unseren Beitrag dazu leisten, daß die FDP in vier Jahren den Einzug in den Bundestag wieder verfehlt. […] Liberalismus ist für mich auch kein Schimpfwort, die FDP hat den Begriff verhunzt. Liberalität und Selbstbestimmung sind immens wichtige Werte, die mit den Grünen in Verbindung gebracht werden sollten – gerade auch in der Abhöraffäre.«

Sowas nennt man fischen am gelben-blauen Rand. Das aber nur am Rande – als Boje des Fahrwassers, in der man die Grünen im Moment peilt. Interessant wird es, wenn die Rede auf eine denkbare rot-rot-grüne Koalition kommt:

»Die Grünen erwarten von einem Koalitionspartner, daß er ein unzweideutiges Verhältnis zur DDR-Vergangenheit hat. Ein Bündnis mit der Linkspartei kommt nur infrage, wenn sie das Unrechtsregime der DDR klar benennt. […] Hier darf es keine zwei Meinungen geben. Für historische Diskussionen, ob der Weg von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in die USPD der richtige war, stehe ich nicht zur Verfügung.«

Nur zur Erinnerung: Die USPD entstand aus dem Unwillen einiger SPD-Abgeordneter, ihre Grundsätze für eine Zustimmung zum Krieg des Kaiserreiches zu opfern. Der Abgeordnete Karl Liebknecht (SPD) wurde 1916 wegen seiner strikten Ablehnung der Burgfriedenspolitik aus der SPD ausgeschlossen und wegen »Kriegsverrat« zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Aus den selben Gründen wie Liebknecht verließ Rosa Luxemburg die SPD, um mit ihm und anderen später den Spartakusbund zu gründen. Die historische Diskussion, von der Özdemir spricht, geht also darum, ob man für die entschiedene Ablehnung des Krieges ins Zuchthaus geht. Es handelt sich in letzter Konsequenz um die Entscheidung, der Stimme seines Gewissens zu folgen oder dem Fraktionszwang wie der Rest der damaligen SPD. Die Verweigerung einer Auseinandersetzung darüber: Das ist wohl das, was man unter unbewältigter Vergangenheit verstehen darf.
Für diese Auseinandersetzung steht der Grünenchef nicht zu Verfügung? Das lässt für eine Aufarbeitung – geschweige denn Konsequenzen – in der Abhöraffäre wenig Hoffnung; ganz unabhängig davon, daß die Grünen in dieser Angelegenheit keine Silbe mitzureden haben.

Da versucht man sich lieber am rechten Rand und trötet ins Horn DDR = Unrechtsstaat. Was will der Grüne eigentlich? Er stört sich an der Formulierung der Linken, die DDR sei »ein legitimer Versuch, nach dem alliierten Sieg über Nazi-Deutschland ein Wiedererstarken sozialer Antriebskräfte des Nationalsozialismus zu verhindern« und einen »sozialistischen Staat auf deutschem Boden aufzubauen«. Was genau ist daran Unrecht? Und in welchem historischen Kontext darf man es betrachten? Als Konsequenz der gescheiterten Londoner Außenministerkonferenz 1947 und als folgerichtig zur Gründung der BRD? Oder – wie die Formulierung Özdemirs nahelegt – wenigstens als ethisches Erbe von Luxemburg und Liebknecht.

Dieses Erbe hätte den Grünen gut angestanden, als es um die Beteiligung der Bundeswehr im Afghanistankrieg ging. Es waren nur wenige Abgeordnete dieser Partei, die sich der Zustimmung verweigerten. Der Rest stimmte (vermutlich mit den obligatorischen Bauchschmerzen) zu. Das selbe Krankheitsbild erschien in der perfiden Zweigleisigkeit, mit der das Thema Vorratsdatenspeicherung in dieser Partei behandelt wurde.
Wer eine unbewältigte Vergangenheit sucht, kann hier fündig werden. Petra Kelly, Jutta Ditfurth und Gerd Bastian: Das ist noch nicht so lange her. Da waren sie, diese Werte, auf die sich Özdemir beruft. Liberalität und Selbstbestimmung. Und die Formulierung »Schwerter zu Pflugscharen«.

»Für historische Diskussionen, ob der Weg von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in die USPD der richtige war, stehe ich nicht zur Verfügung.«

Es ist wohl als Abgesang zu verstehen. Man kann durchaus die Tür im Zorn einmal zuschlagen. Aber abzuschließen und den Schlüssel in den Gulli zu werfen… ?

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Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Unbewältigte Vergangenheit

  1. Der Emil schreibt:

    Das ist doch Futter für die, die jetzt erzählen können: „Türken haben eben keine Ahnung von Doitscher Geschichte! Sie sollten hier nicht Politiker werden dürfen!“

    Meine Güte, ich dachte, die Untergrenze war von der SchwesterschwelleRöslein-Partei markiert.

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  2. pantoufle schreibt:

    ???
    Sollte ich mir da was zu Herzen nehmen? Mir ist es völlig gleichgültig, von welcher Nationalität, Hautfarbe oder Gesinnung da jemand Blödsinn redet. Und Diejenigen, die meinen »Türken haben eben keine Ahnung von Doitscher Geschichte!« werden ihm jetzt erst recht zujubeln.

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  3. Thelonious schreibt:

    @Emil: Bullshit. Es geht um die Aussage und nicht die Person. Und wenn Du den Text tatsächlich hättest lesen wollen, wärst Du sicherlich auch von alleine darauf gekommen.

    Özdemir steht hier nur als Beispiel für die Attitüde, die sich die Grünen inzwischen geben. Sie wollen tatsächlich die FDP beerben und dafür wurden sie ursprünglich nicht gegründet. Darüber kann man diskutieren. Die Befürworter einen schwarz-grünen Koalition sind hier im Südwesten ziemlich stark. Palmer, Özdemir und wie heißt noch unser unsäglicher MP, ich habe seinen Namen schon erfolgreich verdrängt, sind die Protagonisten. Man kann diese Haltung vertreten. Aus einer rein machtpolitischen Warte. Man muss es jedoch nicht.

    Und wenn Herr Özdemir nicht zu einer Diskussion zur Verfügung steht, zeugt es lediglich von seiner geistigen Armut. Und die hätte er auch, wenn er einen Ariernachweis bis hin in die zehnte Generation hätte. „Er isch halt net der Hellschde“. Das hat mit Nationalität überhaupt nichts zu tun, sondern mit Denkfaulheit. Also lass deine vorgeschobene „Türkendiskussion“ außen vor und trage inhaltlich zu dem Text bei. Ansonsten fällt es schwer, dich nicht als billigen Provokateur zu sehen.

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    • Der Emil schreibt:

      Türkendiskussion? Meine??? Huch.

      „Futter für die, welche …“ – zu denen zähle ich mich nicht! Nur, der Herr spielt denen mit seiner Rede einen wunderbaren Ball zu, oder etwa nicht? Daß es nichts mit dem Namen und dessen wahrscheinlicher Herkunft usw. zu tun hat, ist mir klar. Doch ein solcher Fehltritt wird sicher ausgeschlachtet werden.

      Für den Provokateur dank ich recht herzlich (advocatus diaboli, der ich gern bin), und das billig hat eine ältere Bedeutung als „für enig Geld zu haben“, läßt mich also auch schmunzeln.

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  4. pantoufle schreibt:

    Ne, lass mal, Thelonious. Der Emil ist absolut kein Provokateur – ein alter Freund. Ich denke zu wissen, was er meint. Emil hat einfach nur eine natürliche Angst, jemanden zu verletzen. Eine Angstschwelle, die bei mir niedriger angesetzt ist.
    Im Übrigen ist er ein sehr lieber Kerl, den ich so bald wie möglich einmal persönlich kennenlernen möchte.

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    • Der Emil schreibt:

      Vielen herzlichen Dank. Wenn Du (ich bin ja leider nicht so mobil) hier in der Gegend bist: es gibt eine wunderbare Kaffeerösterei in der Stadt und eine ganz erträgliche Whiskey-Spelunke (the connoisseur) 😉

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  5. Thelonious schreibt:

    okay, dann nehme ich alles zurück. Zweimal missverstanden macht schließlich nichts richtig.

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  6. pantoufle schreibt:

    Hey: Thelonious & Emil! Habe gerade einen Film über Rennfahrer aus der ehemaligen DDR gesehen. Eine Stunde Lächeln. Echte Racer! Bis zum heutigen Tage. Die Jungs haben echten Motorsport betrieben.

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    • Der Emil schreibt:

      Den besten Motorenbauer (Rennbootfahrer, Crossfahrer, Meister des Sports) der DDR (Beckhusen fur seine Maschinchen), Zimpel, kannte ich persönlich. Heut würde man ihn coolen Typen nennen!

      Und auch Heinz Rosner (http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Rosner) kenn ich noch. Hach ja, das waren noch Zeiten. Da knatterten die Motoren noch so richtig ums Schleizer Dreieck oder den Sachsenring (und sogar ums Zschorlauer Dreieck *seufz*).

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  7. der Doctor schreibt:

    Um Özdemir und sein gefasel einschätzen zu können ,muß man wissen das er Mitglied der reaktionären Atlantik-Brücke ist.Er gehört dort zu den young Leaders
    https://lobbypedia.de/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke
    http://de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke

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  8. Pingback: Grüne: Unbewältigte Vergangenheit | Carta

  9. sunflower22a schreibt:

    Mit einer Blockpartei wie der DDR-CDU, deren Vergangenheit mit denselben Maßstäben gemessen werden muss wie die der Linkspartei, hat Özdemir offenbar weniger Probleme. Ehrlich gesagt, der ganze Stasi-Müll aus dem letzten Jahrhundert interessiert mich weniger als der NSA-Kram aus diesem Jahrhundert. Und da haben SPD und Grüne in der Tat eine Menge Vergangenheit aufzuarbeiten, und tun sogar noch so als hätten sie das gar nicht nötig. Prädikat: Nicht wählbar.

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  10. Kuro San schreibt:

    ich bin mir ziemlich sicher, das solche leute vor lauter selbstverliebtheit und egozentrik keinerlei bezug zu irgendwas haben, als ob özdemir auch nur im geringsten anteil an der gegenwärtigen oder vergangenen geschichte hätte…
    in bezug auf die deutsche geschichte könnte wohl keine dieser nullen auch nur einen fakt ins richtige verhältnis setzen – meiner meinung nach alles opfer ihrer eigenen gehirnwäsche..
    es ist schön, das es zwischen den ganzen abschreibern und unmutspredigern auch blogs wie diesen gibt – danke für diese vielschichtigkeit, die durch unterschiede zu einen weiß..

    p.s.: jeder, der eine gute maschine versteht, ist der mechanik des universums ein stück näher als der rest.

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  11. pantoufle schreibt:

    Zwei neue Namen 🙂
    @Sunflower
    Schön, Dich hier zu sehen! Dein Zeug lese ich seit einiger Zeit mit großem Vergnügen – hoffentlich gefällt es Dir hier auch. Nicht so erotisch, nicht so lebendig wie bei Dir. Ein alter Mann eben mit Rock&Roll, Motorrädern und Büchern.
    Was Deine Anmerkung mit dem alten Krempel aus dem letzten Jahrhundert betrifft, so bin ich allerdings nicht ganz Deiner Meinung. Geschichte hat bei mir (und folgerichtig auf diesem Blog) einen hohen Stellenwert. Nicht die Stasi, nicht Honecker und ähnliche Fußnoten, wohl aber die Gründe, warum es so kam, wie es sich uns darstellt. Deswegen die Empörung über Özdemirs Geschichtsvergessenheit. Es ist ja keine Vergessenheit: Es ist die böse Absicht, die Geschichte zu den eigenen Gunsten umzudichten. Eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt. Und eine der weitverbreitesten.

    @Kuro San
    » jeder, der eine gute maschine versteht, ist der mechanik des universums ein stück näher gekommen«
    Das ist ein sehr kluger Satz.
    Aber auch Dir ein herzliches Willkommen und Dank für die netten Worte.

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