Gedicht am Dienstag (15)

Else Lasker-Schüler. Aus dem Band »Meine Wunder«. Das bleibt jetzt unkommentiert. Wem danach ist, mag gerne googeln.

Die Königin

Du bist das Wunder im Land,
Rosenöl fließt unter deine Haut.

Von Gegold deine Haare
Nippen Träume;
Ihre Deutungen verkünden Dichter.

Du bist dunkel von Gold –
Auf deinem Antlitz erwachen
Die Nächte der Liebenden.

Ein Lied bist du
Gestickt auf Blondgrund,
Du stehst im Mond…

Immer wiegen dich
Die Bambusweiden.

Mein Liebeslied

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut,
Immer von dir, immer von mir.

Unter dem taumelnden Mond
Tanzen meine nackten, süchtigen Träume,
Nachtwandelnde Kinder,
Leise über düstere Hecken.

O, deine Lippen sind sonnig …
Diese Rauschedüfte deiner Lippen …
Und aus blauen Dolden silberumringt
Lächelst du … du, du.

Immer das schlängelnde Geriesel
Auf meiner Haut
Über die Schulter hinweg –
Ich lausche …

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut.

Mein stilles Lied

Mein Herz ist eine traurige Zeit,
Die tonlos tickt.

Meine Mutter hat goldene Flügel,
Die keine Welt fanden.

Horcht, mich sucht meine Mutter,
Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandelnde Träume.

Und süße Wetter mit blauen Wehen
Wärmen meinen Schlummer,.

Immer in den Nächten,
Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.

Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein
Wenn die Nacht einsam kommt.

Meine Lieder trugen des Sommers Bläue
Und kehrten düster heim.

Verhöhnt habt ihr mir die Lippe
Und rede mit ihr.

Doch griff ich nach euren Händen,
Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.

Einen nahm ich von euch und den zweiten
Und küßte ihn,

Aber meine Blicke blieben rückwärts gerichtet
Meiner Seele zu.

Arm bin ich geworden
An eurer bettelnden Wohltat.

Und ich wußte nichts vom Kranksein,
Und bin krank von euch,

Und nichts ist diebischer als Kränke,
Sie bricht dem Leben die Füße,

Stiehlt dem Grabweg das Licht,
Und verleumdet den Tod.

Aber mein Auge
Ist der Gipfel der Zeit,

Sein Leuchten küßt
Gottes Saum.

Und ich will euch noch mehr sagen,
Bevor es finster wird zwischen uns.

Bist du der Jüngste von euch,
So sollst du mein Ältestes wissen.

Auf deiner Seele werden es fortan
Alle Welten spielen.

Liebesflug

Drei Stürme liebte ich ihn eh´r wie er mich,
Jäh schrien seine Lippen,
Wie der geöffnete Erdmund!
Und Gärten berauschten am Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,
Die verlöteten wie Ringe sich.
Und er sprang mit mir auf die Lüfte
Gotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender Sommertag,
Wie eine glückselige Mutter.
Und die Mädchen blickten schwärmerisch,
Nur meine Seele lag müd und zag.

Das Geheimnis

Die runde Ampel hängt wie eine Südfrucht in der Nische,
Des Fensters beide Glasgestalten regen sich,
Der Paradiesbaum hinter ihnen bläht sich,
Und meine Hände fallen bleich vom Marmortische.

Und aus dem Abend tritt ein schwerer Duft,
Und unsere Heiterkeiten klingen ferne
Hellhin ….. wir sind auf einem greisen Sterne –
Wir Vier – und schwanken in der Luft.

Dein Auge füllt sich … und ich ahne, wer ich bin –
Die zärtlich Glatte schlingt den Arm um deinen Leib und wittert,
Und der Lichtschein beugt den Kopf, das Schweigen über uns gewittert,
Es blickt sich unser Blut um, bis zum Anbeginn.

Und siegeslockend schwingt der runde Odem uns ums Leben
Am Rand vorbei, der stille Kreis umkrampft uns.
Und Nähe sucht in Nähe zu verkriechen …
Mein Arm hebt sich wie ein Schwert sich auf uns,
Versteinte Zeichen reißen sich aus Urgeweben.

Und draußen fällt ein bleicher, blinder Regen
Und tastet auf in hohle, tote Fragen.
Wir sind von der Schlange noch nicht ausgetragen
Und finden das Zeil nicht in ihrem dunklen Bewegen.

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10 Antworten zu Gedicht am Dienstag (15)

  1. Joachim schreibt:

    Noch kein Kommentar? Also dann muss ich wohl sagen, dass ich mich auf Deine Gedichts-Wundertüte Dienstags freue und dass die Wahl heute sehr gelungen ist.

    Schön, dass Du nichts verraten hast. Würde ich etwas sagen, wäre das vielleicht – wie soll ich sagen – unklug? Du weißt schon, vermutlich dämlich – weil ich unter Anderem an etwas wie tausend und eine Nacht denken muss – oh, schon ist es passiert…

    Ich denke, diese Gedichte werde ich nun noch öfter lesen – mission completed.

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  2. pantoufle schreibt:

    Na, dann sag ich dazu einfach nix 🙂

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    • Joachim schreibt:

      Ich will ja nichts sagen… Na dann sach‘ auch nix (ein Zitat aus… Sorry, could not resist, nicht so gemeint)

      So im Nachhinein ist der Gedanke an die orientalischen Märchen – die gar nicht so einheitlich sind, auch Lyrik beinhalten – vielleicht immer noch nicht so … common? Vielleicht aber auch nicht so dämlich, wie ich zunächst dachte. Ich zitiere einmal (gerade gefunden), möglicherweise nicht ausreichend als Beleg, wohl passend, sicher aber sehr schön, Gottfried Benn von 1952 zu der immerhin in Jerusalem gestorbenen Else Lasker-Schüler:

      „… Sie schlief oft auf Bänken, und sie war immer arm in allen Lebenslagen und zu allen Zeiten. Das war der Prinz von Theben, Jussuf, Tino von Bagdad, der schwarze Schwan. Und dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte.“

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  3. tikerscherk schreibt:

    Ganz bewegt bin ich noch. Und es ist fast zuviel des Guten, das da wirkt.
    Allein „Mein stilles Lied“ ist so ergreifend und so niederschmetternd, dass ich keine Worte dafür finde.
    „Und nichts ist diebischer als die Kränke…“ .
    Es ist Herbst, Zeit um Gedichten mehr Zeit zu widmen.
    Mit diesen bin ich noch eine Weile beschäftigt. So verschieden, wie sie sind.

    Vielen Dank dafür!

    [Hab den Dreher korrigiert. Der Säzzer]

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    • Joachim schreibt:

      Ich alter blöder Besserwisse muss nun natürlich sagen, da ist ein seltsam „stimmiger“ Buchstabendreher (gerade ich „bemängel“ das… schäm) eines Schnelltippers: es heißt „Mein stilles Lied“. Sieh’s mir nach, wenn ich dies als Gelegenheit nutze, Deinem Kommentar zuzustimmen – ganz bis zu „… So verschieden, wie sie sind“. Schön gesagt, nur ein wenig „niederschmetternd“. Trauriger schöner Herbst.

      Vielleicht muntert das nun ein wenig auf. Mein Favorit ist „Mein Liebeslied“ – immerhin hatten meine Frau und ich am Dienstag Hochzeitstag – so statt am Herbst an „deine Lippen sind sonnig“ hängen blieb. Vielleicht haben wir uns diesen immer nassen so ewig dunklen Herbsttag als Kontrapunkt ausgesucht. Vielleicht meinten wir, wer braucht schon leuchtende Sommertage. Die sind einfach da, da wo diese Lippen sind, da wo sich dies schlängelnde Geriesel auf der Haut findet. Ich lausche …und diese Gedichte sind einfach schön und tief, ganz wie …

      Es ist wohl doch irgendwie Herbst.

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  4. tikerscherk schreibt:

    Oh, bemängel ihn ruhig, den Tippfehler. So nachlässig bin ich oft beim Schreiben, dabei nehme ich mir immer wieder vor das Geschriebene noch einmal gründlich zu lesen. Die Zeit, die Zeit…
    In diesem Falle passt es wenigstens.
    Glückwunsch zum Hochzeitstag. Ein schöner Kontrapunkt zum dunklen, feuchten Herbst. Wenn man sich liebt.
    Einen schönen Abend wünscht
    tikerscherk

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  5. pantoufle schreibt:

    So, und nun hört auf zu streiten, Kinder! Wenn hier einer Rechtschreibfehler macht, bin ich das.

    Und die Gedichte sind etwas ganz und gar Wunderbares.

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    • Joachim schreibt:

      Wo hier gerade noch etwas Platz ist:

      pantoufle, würde ich streiten wollen – und nicht einen Vorwand suchen, tikerscherk versteckt etwas „Nettes“ zu sagen – dann würde ich jetzt schreiben:

      tikerscherk, Deine Ausrede ist „unmöglich“. a) machen nur erfahrene Tipper oder Denker solche Buchstabendreher und b) liegt der Gegenbeweis zu Deiner behaupteten Nachlässigkeit nur einen Klick entfernt. Gib es zu – sofort! Was? Ahm, tja – das weiß ich nun auch nicht. Aber es geht um’s Prinzip.

      Schließlich geht es Idioten immer nur um irgend ein Prinzip.

      Ernsthaft: den Klick weiter „kreuzberg süd-ost“ lese ich inzwischen gerne und dieses „Snowden..“ und andere Themen „gefallen“ mir und meiner Frau – sofern man etwa bei Gentifizierung von „gefallen“ sprechen kann. pantoufle macht ihr dagegen schon mal „Kribbeln“ im Hirn; die Antwort, dies sei schonmal Sinn der Sache lässt sie nicht gelten – liest weiter und BLOCKIERT MEINEN RECHER.

      Was wolle ich eigentlich? Ach ja, mich bedanken für den netten Glückwunsch und die geduldige Antwort. pantoufle: die „Tippfehler“ darfst Du gerne behalten. Ist (mir) ja peinlich, das.

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    • tikerscherk schreibt:

      Das sind sie. Musste gerade noch einmal darin, darüber lesen.
      Wunderbar!

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