Man will geführt werden

Der Sadduzäer¹ hat gelegentlich Recht – wenn auch nicht in den Gründen. Daß die Schrottpresse dem Springer-Vorzeigeblatt »die Welt« recht geben muß, kommt nicht allzu häufig vor; in diesem Falle allerdings…

Springers Chefkommentator der »Welt« Torsten Kraul jubelt. Der totale Sieg auf der einen und die vernichtende Niederlage der anderen Seite: Das muß doch Gründe haben. Zeigt die Bayernwahl vom Sonntag die Überlegenheit von integren und einem vorbildhaften Reigen von Politikern? Vor diesem Urteil schreckt selbst Kraul zurück und verbrämt jeden Skandal von CSU-Politikern der letzten Zeit als »egozentrische Transparenz der CSU«. Wirres Herumstolpern auf einem »Gegenkurs zu sich selbst«? Das ist dem Wähler gleichgültig, solange er nur das Gefühl hat, innerparteiliche Schiedsrichter und Lotsen halten elementare Zweifel vom ihm fern.

Torsten Kraul weiß, was Wähler wollen: »Die CSU gibt den Wählern das Sicherheitsgefühl, geführt zu werden – jenseits aller Tagespolitik, ganz jenseits aller Politik überhaupt.«

Das ist fein beobachtet, wenn auch die Frage offen im Raum steht, warum man für die Wahl seines Psychiaters Wahlen abhalten muß. Wahlen jenseits aller Politik – das aber trifft den Kern der Dinge tiefer, als es das Kampfblatt des Springer-Konzerns vermuten lassen würde. Alle Gewalt geht vom Volke aus? Der Schritt vom souveränen Träger der Staatsgewalt zum Hündchen an der Leine als Wille und Vorstellung. Während man zum Halten eines Hundes neuerdings aber einen einen »Führerschein« braucht, benötigt die bayrische CSU… ja, was eigentlich? Den Willen zur Macht, den »Machtrealismus«, wie Kraul es formuliert?

Die »Bild« wird deutlicher: »Deutschland feiert König Horst«. Das ist die schlichtere Schreibweise dessen, was Kraul formuliert. Frau Merkels Wiederwahl (die nicht nur für den Chefkommentator der Welt bereits feststeht) ist unter diesen Umständen so beschlossen wie unvermeidlich. Nein, es waren nicht die Wahlverweigerer, die einen auch nur marginalen Ausschlag gaben – nicht diejenigen, die einer Klein- oder Kleinstpartei ihre Stimme gaben. Volkes Stimme rief nach Führung und König Seehofer lächelt huldvoll. Mit dieser Vorstellung befindet man sich vermutlich dichter an deutschen Befindlichkeiten als alle hochintellektuellen Diskussionen zum Thema. Es handelt sich um ein Krönungsritual mit Ergebenheitsadresse.

Mangels wahrnehmbarer Opposition wird auch keine gewählt. Ist es vielleicht wirklich nur die Sehnsucht nach Führung, sei es von einem Einzelnen oder einer Partei? Diese Lesart von Volkssouveränität hätte als Gegenentwurf zum monarchischen Prinzip ausgedient. Eine plebiszitär abgesicherte Herrschaft der Elite, die letzte Vorstufe zum Ständestaat – Sparta näher als Weimar.
Diese Eliten brauchen die Wahlen nicht zu fürchten. Der Staat sind sie.

¹ Wer ruft da: Es muß Pharisäer heißen? Der schlechte Ruf der Pharisäer ist ein Ergebnis des neuen Testaments – eine recht unbekannte Tatsachen-Verdrehung. Während die Anhänger dieser Schule des antiken Judentums ihre Basis im Volk hatten und vergleichsweise »moderne« Standpunkte , waren es die Sadduzäer, die für die konservative-priesterlich Oberschicht der Aristokratie standen. Mit der zunehmenden Vergöttlichung Jesus kam es zum Bruch mit dem Judentum – die Wandlung einer volksnahen Schule des Judentums zum Schimpfwort ein Akt der Propaganda.
»Eine stehende Bezeichnung im Munde der Nazaräer für die Bewahrer der mündlichen Lehre war: „Heuchlerische Schriftgelehrte“ und die Benennung Pharisäer war in diesem Kreise gleichbedeutend mit Heuchlern überhaupt, eine ebenso folgenreich-traurige, wie unwahre Bezeichnung.« (Heinrich Graetz)

Klaus Jarchow hat auch was dazu beizutragen

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2 Antworten zu Man will geführt werden

  1. neumondschein schreibt:

    …aber in der Bibel steht nicht Sadduzäer sondern „Pharisäer“. Sonst müßte man ja auch anmerken, daß Männer nicht barfuß über das Wasser laufen können, oder, daß die Geschichte mit der Empfängnis Marias durch den Heiligen Geist doch ein wenig unglaubwürdig ist. Das Neue Testament muß man doch wie ein rohes Ei behandeln. Allzu viel durch Logik und Erfahrung gespendetes Sonnenlicht verträgt es nicht, ohne daß der Glauben Schaden nimmt, denn wer einmal anfängt, das Neue Testament nach den Maßstäben der Logik und der Erfahrung auseinanderzunehmen, kann ja solange nicht mehr damit aufhören, bis das Neue Testament sich unter der Hand vollständig aufgelöst hat.

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  2. pantoufle schreibt:

    »Der Pharisäer hat gelegentlich Recht – wenn auch nicht in den Gründen.«
    Das steht nun auch nicht in der Bibel, sondern irgendwo bei Kurt Tucholsky.

    Wer glaubt, tut es nicht mit Logik und Erfahrung – er schwebt über der Erkenntnis wie sein Heiland auf dem Wasser. Ein wenigstens schöner Gedanke, sich so dem Naturgesetz der Schwerkraft widersetzen zu können. Nimmt der Glaube bei feuchten Zehen Schaden? Ich denke nicht.

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