Endlich zwei Wasserhähne römisch vier

_DSC3526_k

Einszweidrei! im Sauseschritt, läuft die Zeit; wir laufen mit. Soweit der W.Busch – nicht zu verwechseln mit dabbelju Bush. Ja, eben noch in Russland und jetzt… woanders.
Heute ist ein Freudentag: Wir haben endlich unsere Busse, genannt Nightliner, nach der Landung in Warschau bekommen. Busse eigentlich deswegen nicht, weil man einen Bentley zwar Auto nennt, aber ausdrücklich keinen VW Golf meint. Das Leben hat wieder einen Sinn – der Unsinn mit den Flugzeugreisen hat ein Ende, wir haben unsere rollenden Wohnzimmer wieder. Jeder, der das schon mal ein paar Monate gemacht hat, kann meine Erleichterung nachvollziehen.

Ein paar Tage sind das erst, eigentlich nur der Anfang der Tour, aber gefühlt fast Wochen. Die unregelmäßigen Schlafzeiten, Nachtschichten und zwischenzeitlichen Gelage lassen den Sinn für Zeitabläufe verschwimmen. Schwede war niedlich. Nach Russland so sauber und aufgeräumt, mit strengen Vorschriften und Nahrungsmitteln, die einem bekannt vorkommen. Überhaupt: Nahrung! Sex&Drugs&RocknRoll glaubt ja jeder zu kennen – viel wichtiger ist aber das Essen unterwegs. Eine ordentliche Tournee hat ihr eigenes Cateringpersonal dabei; Küche, Töpfe, Pfannen und full english breakfast. Das dauert dann ein paar Tage, bis sich alle an die Gewohnheiten des Kochs gewöhnt haben und dann kann der Magen das auch normal verdauen. Man glaubt gar nicht, wie sehr dieses Organ ein Gewohnheitstier ist. Die ersten Tage sind bei fast allen Beteiligten durch ..äh… Verdauungsstörungen gekennzeichnet.
Leider sind wir keine ordentliche Tournee, sondern klappern hauptsächlich Festivals ab. Hotel, Festivalcatering, Flughafen (lies: Sandwich&Burger) und den Imbiss zwischendurch. Im Moment bin ich hungrig wie ein Wolf, kann aber nichts essen. Abgesehen von einer schlimmen Magenverstimmung, die der Monitor-Engineer und ich haben, ist allein der Gedanke daran, wieder irgend einen unbekannten Mist essen zu müssen, übelkeitserregend. Auch bekannter Mist wird gelegentlich durch Preise versalzen, die eng mit den Hotels zusammenhängen, die eine in dieser Beziehung äußerst wohlwollende Produktion für uns gebucht hat. Bekannten Mist gibt es dort in homöopathischen Dosen: Das Viech schwimmt dort nicht in Gemüse – es liegt an einer Erbse, kandierte Himbeeren und gebatikter Salbei; das Filet ist unter einer Tomatenscheibe versteckt.
Verdauungsstörungen und Rock&Roll: Ein unbekanntes Terrain, das noch der Aufarbeitung bedarf.

_DSC3517_k

Stichwort Hotels. Man entwickelt über die Jahre seine Vorlieben und Abneigungen. Eine in Stein gemeißelte Abneigung habe ich im Laufe der Jahre gegen die Hilton-Kette entwickelt. Nach meinen Erfahrungen bekommt der Begriff Fassade hier eine zum Gesetz gesteigerte Bedeutung.
Natürlich verkaufen Hotels nicht per se einen Begriff von Gastlichkeit, sondern eher den von Distanz. Vielleicht ist das, was ein Hyatt oder Steigenberger darstellt, ja tatsächlich eine Art von Gastlichkeit, wie sie in Kreisen von Jahreseinkommen oberhalb von 500.000 Euro üblich ist – zu meinem Bedauern muß ich mit erheblich weniger Geld auskommen. Möglicherweise aber gehört es zum guten Ton in solchen Kreisen, von einem hochnäsigen und gelangweilten Rezeptionisten erklärt zu bekommen, das Öffnen eines Fensters wäre in ihrem Haus durchaus unüblich, daher vollkommen ausgeschlossen. Der normale Ton im Hilton? Absolut indiskutabel, steigerungsfähig nur noch in England, wo der Begriff »Hotelfachschule« bei dieser Firma scheinbar auf dem Index steht. (um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Steigenberger und Hilton in einem Atemzug zu nennen, verbietet sich ohnehin).

Ja, das war ein durch nichts gerechtfertigter Rundumschlag gegen die renomierte Hotelkette Hilton, der nicht im Ansatz der Realität entspricht. In Wirklichkeit haben die Angestellten dieser auf Gastlichkeit und Kundenzufriedenheit spezialisierten Firma selbstverständlich alle eine Hotelfachschule besucht!
Nur das Bestehen der Abschlußprüfung ist keine Bedingung… ich mag den Laden einfach nicht.

Nun soll es aber Ausnahmen geben – eine davon habe ich gerade erlebt. Das Doubletree by Hilton in Lodz/Polen ist so eine. Abgesehen davon, daß man nicht allzuoft in einem neueröffneten Hotel der erste Gast ist; es war schon lustig anzusehen, wie eine ungewöhnlich große Horde Hotelangestellter breit grinsend lächelnd unsere etwas verwahrloste Truppe empfing, während die Handwerker noch das letzte Werkzeug wegräumten. Mann: Waren die freundlich, wenn auch noch nichts »saß«! Die Suche nach dem Kugelschreiber, wo sind die Gabeln? Der Riesling war nicht aus – nur noch nicht eingetroffen. Den Seitenschneider, der sich in meinem Bad fand, habe ich brav an der Rezeption abgeliefert. Nein Kinder: Das muß Euch nicht peinlich sein! Ihr habt das zu rechten Zeit ausgezeichnet hinbekommen. Ich bin auch gerne deswegen heruntergelaufen, durch diesen schönen Flure mit den Menschenbildern an den Seiten. Ganz langsam, um sie mir alle anzusehen. Lodz muß eine Filmstadt gewesen sein oder ist es noch? Die Schauspieler, Kameraleute, Regisseure, die ich alle nicht kenne und die dort an den Seiten ihr Denkmal bekommen haben. Man fühlt sich nicht alleine in diesen langen Fluren. Ich habe sie mir alle angesehen, bin in allen Stockwerken gewesen. »Darf ich photographieren?« »Aber ja: Alles, was sie wollen! Darf ich ihnen auch andere Zimmer zeigen? Wir haben so schöne Suiten!«
Man ist sehr stolz.
Ich habe mir die alten Photographien, die in den Zimmern hängen, erklären lassen. Vier Bilder nur in jedem Zimmer. Nur vier. Es hätten hunderte sein sollen. Das alte Lotz, das der zwanziger, dreißiger Jahre und auch aus der Zeit nach dem Krieg. Man hat sich viel Mühe mit der Auswahl gegeben. Ein wunderbarer Kontrapunkt zum modernen – leider typischen – Ambiente von Holzattrappe, Glasbad und Teppichboden. Was so ein paar alte Bilder doch zurechtrücken können! »Das waren wir früher, meine Großeltern haben dort auch… und nun seht, was wir erreicht haben!« Die Dame, die mich nach wenigen Minuten so vertrauensvoll an den Arm nahm, mich führte und zu plaudern anfing, betrachtete sich als Teil einer Geschichte, die es noch zu schreiben gilt. Einen besseren Start kann sich dieses Haus kaum wünschen. Ob das berliner Adlon auch so anfing?
Daß das Einundzwanzigste nicht mehr mein Jahrhundert ist und ich lieber auf dem Platz des einen Photos spaziert wäre, das von dem alten Bürgerhaus im Hintergrund beherrscht wird: Dafür könnt Ihr schließlich nichts.

Dann wäre man auch von diesen fürchterlichen Fassadeteilen des Hotels, auf die Ihr so große Stücke haltet, verschont. Sie wechselt die Farbe des Nachts von einem Lind-Ton zum nächsten. Von der Energieverschwendung zu schweigen, die Farben seien vergessen.
Aber dann trifft einen dieser große Empfangssaal, der von einer herrlichen Treppe beherrscht wird. Aus jedem Blickwinkel ein anderer Eindruck, der betont schlichte Raum vertraut vollkommen auf die Wirkung dieser einzigen Treppe, dieser Skulptur. Hätte Henry Moore Treppen geschaffen: So hätte ich es mir vorgestellt. Vielleicht dauert es ein wenig, aber dann kriegt einen dieser Raum. Wenn schon keine Gemütlichkeit, dann doch in einem Kunstwerk wandeln.

Für meinen Teil jedenfalls haben die Räume funktioniert – nicht unbedingt meine Ästhetik, kein Platz für Blumen oder Pflanzen, keine tiefen Teppiche. Trotzdem aber eine angenehme Akustik – diesem Risiko der kahlen Einrichtung ist man mit Mathematik wirkungsvoll zu Leibe gegangen. Alles in allem: Sehr beeindruckend. Lotz war eine Filmstadt? Ja, hier in diesem Hotel finden sich überall kleine Hinweise und Andeutungen darüber; fast mag man auf Spurensuche gehen, aber dafür ist es zu wenig: Man hat ein Hotel eingerichtet – kein Museum.

Beeindruckend übrigens auch die praxisgerechten Öffnungszeiten des Restaurants: Von Morgens bis Abends und im Gegensatz zum vorangegangenen Airport-Hilton in Helsinki keine »Burger-Karte«, sondern ein wenigstens bemühter Speiseplan. Daran werden sie noch arbeiten müssen – die Entenbrust war wie das Hotel: Gerade eben noch nicht fertig. Aber die überaus freundliche und kompetente Bedienung (und die Küche) wird auch das in den Griff bekommen.
Was möchte ich in einem Hotel außer einer Übernachtung? Vielleicht einmal ein kleinen Eindruck von dem Traum bekommen, was das war: Das Adlon der Zwanziger. Wie schmeckt eigentlich diese kaltgepresste Ente? Eine kleine Zeitreise, eine Überraschung. Keine »Performance« oder ein »Event«, aber eine Spezialität.
Dieser Nachmittag, an dem wir eintrafen, war so eine: Die überaus freundlichen Menschen und ihre Treppe. So einfach kann das sein.

_DSC3523_k

Nichts zu lesen. Jedenfalls nichts auf Papier. Warum ich keine e-books mag? Die Frage, ob sie nun gut oder schlecht zu lesen sind und mit welchem Gerät stellt sich mir nicht. Ich bin Reisender und habe keinen Platz für zentnerweise Bücher. Von daher ist die elektronische Variante für mich mehr oder weniger ohne Wahl.
Shakespeares Hamlet wurde in der britischen Nationalbibliothek indiziert: Er enthält Gewalt oder wie auch immer die Formulierung der Zensoren lauten mag. Die nächste Bücherverbrennung findet auf Knopfdruck statt. Niemand braucht sich der Mühe unterziehen, einen Scheiterhaufen zu errichten, um wenigstens symbolisch die unerwünschten Werke dem Vergessen zu übergeben. Nein: Ein Knopfdruck und es wird nie existiert haben. So wenig wie die Werke Thomas Morus, Karl Marx oder Kropotkins. Glaubt jemand an die Zukunft des Kindle -Readers über die nächsten 300 Jahre?
Das kollektive Gedächtnis der Menschheit fällt der Bequemlichkeit zum Opfer, zur Freude der Zensoren und ihrer Auftraggeber. Irgendwo ein #Aufschrei? Ja, durchaus. Wenn in den Werken Astrid Lindgren das Wort Neger auftaucht oder in anderen Kinderbüchern. Dann übernehmen die moralisch unangreifbaren orthopädischen Stützstrümpfe der Gesellschaft sogar freiwillig die Arbeit der Zensoren. Mir gellt noch ein Leserbrief in den Ohren, in dem eine bemühte Dame zu Protokoll gab, daß es vielleicht eines fernen Tages so weit wäre, daß es keiner Zensur bei einer rundherum aufgeklärten Menschheit bedarf – was für für eine abgrundtiefe Verachtung des freien Gedankens! Besser: Der Angst davor. Vorauseilender Gehorsam. Doppelplusungutes Schlechtdenk.
Hamlet auf dem Index – einen neuen Shakespeare wird es nicht geben; das werden sie zu verhindern wissen. Sie machen es nicht einmal vorrangig aus böser Absicht. Es ist die pure Dummheit. Und per Knopfdruck.

Noch eben ein Konzert in Prag hinter mich bringen und dann einen freier Tag in Wien. Ich werde in eine Buchhandlung gehen. Werde mir eine reizende Verkäuferin mit eine klugen Nickelbrille auf der Nase suchen und sie nach einem Buch fragen. »Gnädige Frau: Was lesen Sie gerade? Sie sehen so wunderbar weitsichtig aus, das kommt sicher vom vielen Lesen.« Erst wird sie mich strafend ansehen. Dann, nachdem sie sich vorsichtig umgesehen hat, wird sie leise wispern »Kennen Sie Eugen Roth? Radezkymarsch?« Ja, liebe Dame: Kenne ich. Eine wie Sie hat mir das mal verkauft. Warum möchte ich eigentlich immer so gerne mit diesen Damen, bei denen ich meine Bücher kaufe, einen Wein trinken gehen? Bücher machen doch gar nicht einsam. Aber sie wollen wohl besprochen sein wie ein guter Wein. Man kann ihn alleine trinken, sollte es aber nicht.
Es ist zehn Uhr. Wir treffen gerade in Prag ein. Noch eine Show, noch einmal keine Zeit zum Sehen und dann werde ich ihn suchen, diesen Bücherladen.
»Karl Kraus müssen Sie lesen. So aktuell wie nie – Sie glauben es nicht!» Nach einem nochmaligen vorsichtigen Blick zieht sie ein kleines, schmales Bändchen unter dem Tisch hervor. Es ist etwas vergilbt und hat abgestoßene Ecken. » Es gibt nämlich keine Kultur mehr. Die letzten Tage der Menschheit, wissen Sie? Und wenn Sie mich noch lange so traurig ansehen, dann zeige ich ihnen ein reizendes kleine Weinlokal ganz hier in der Nähe. Sie könnten mich auf ein Glas einladen und ich werde Ihnen alles über Karl Kraus erzählen – hören Sie: Alles!«
Das will ich gewisslich hören.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter irgendwas abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s